FABRIK & ARBEITERKOLONIE MARIENTHAL

DIE MARIENTHAL-STUDIE

QUELLEN

CHRONIK

BILDER

HÄUSERBUCH

PLÄNE

DIE STUDIE

DAS PROJEKTTEAM

BIBLIOTHEK

ARCHIV

KÜNSTLER-SICHTEN

     

EINFÜHRUNG
 
HOME
IMPRESSUM
FEEDBACK

 
ENGLISH

Erster Beschluss der Freien Gemeinde Gramatneusiedl betreffs des Baus einer Hauptschule in Gramatneusiedl. 4. Dezember 1927

in: Archiv der Marktgemeinde Gramatneusiedl, Gemeinde-Kurrenden 1919–1938, Sitzungs-Protokoll zur Gemeinde-Ausschußsitzung der Ortsgemeinde Gramatneusiedl am 4. Dezember 1927, S. [3–4].

Transliteration: Reinhard Müller.

[3]

II. Voranschlag pro 1928.

Vizebürgermeister, Herr Josef Dolecek, übernimmt für die Dauer der Ausführungen des Herrn Bürgermeisters den Vorsitz.

Herr Bürgermeister Josef Bilkovsky verweisst [!] auf seine Programmrede, gehalten bei der Konstituierung des neugewählten Gemeinderates im Jahre 1924 und betont, dass sich der neue Gemeinderat damals ein reiches Arbeitsfeld geschaffen hat. In erster Linie sollte die Einführung der elektrischen Ortsbeleuchtung erfolgen, die Ortsstrassen sollten zur Gänze gepflastert werden und als Hauptpunkt wurde die Erbauung einer Bürgerschule gefordert. Ein Grossteil dieser Arbeiten liegt nun hinter uns. Wir haben den heissesten Wunsch unserer Ortsinsassen, Schaffung der elektrischen Ortsbeleuchtung, erfüllt. Es ist uns auch gelungen den zur Bahn führenden Teil der Ortsstrasse und das Wienergasserl zu pflastern. Im kommenden Jahre soll nun auch die obere Ortsstrasse gepflastert werden und ausserdem sind wir es unserer Bevölkerung schuldig, endlich im Orte Gramatneusiedl eine Bürgerschule, welche jetzt den Titel Hauptschule führt, zu schaffen. Wir haben uns lange im Finanzausschuss und im Geschäftsführenden Ausschuss mit dieser Frage befasst und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Erbauung einer Hauptschule durchführbar ist, wenn auch nicht von heut auf morgen, so doch im Laufe von 3 bis 4 Jahren. Es ist dazu ein für unsere Verhältnisse ein [!] enorm hohes Baukapital erforderlich und werden wir in der ersten Zeit schwer zu kämpfen haben um den finanziellen Erfordernissen entsprechen zu können. Aber soll dieses Werk einmal zustande kommen, so müssen wir endlich einmal beginnen, auch auf die Gefahr hin, dass alle Kreise der Bevölkerung zum Gelingen dieses Werkes materielle Opfer tragen müssen. Wir haben bei den massgebenden Behörden wegen Errichtung einer Hauptschule bereits vorgesprochen, und hat uns der Herr Schulinspektor [d.i. Ernst Tomek; Anm. R.M.] versprochen, wenigstens in der ersten Zeit entgegenzukommen. Er betonte, dass die erste Klasse Hauptschule in kommenden Jahr ganz gut noch im alten Schulgebäude untergebracht werden könnte, im Notfall auch noch die 2. Klasse, so dass wir zwei Jahre zur Schaffung eines grösseren Baufondes [!] vor uns hätten. Ich betone nochmals, wir schulden es der Bevölkerung, es ist notwendig, für unsere Kinder etwas Fortschrittliches zu schaffen, und in diesem Sinne bitte ich sie nun, den Ausführungen unseres Finanzreferenten genau zu folgen und geschlossen, ohne Ausnahme, für die Errichtung der geplanten Hauptschule zu stimmen.

Herr Bürgermeister übernimmt hierauf wieder den Vorsitz und erteilt dem Finanzreferenten, Herrn Rudolf Theuer, das Wort. Herr Theuer führte Nachstehendes aus:

Das zur Beratung u[nd] Beschlussfassung stehende Budget ist bereits durch den eventuell zu schaffenden neuen Schulbau, ich sage eventuell, weil sie verehrte Herren des Gemeinderates und Frau [Karoline] Taschke heute darüber zu beschliessen haben werden, ob sie dem Schulbau zustimmen, oder ob wir uns dagegen aussprechen werden, nicht etwa, weil mir die Unmöglichkeit der Durchführung des Schulbaues vor Augen schwebt, Im [!] Gegenteil. Ich bin fest davon Ueberzeugt [!], dass wir bei allem guten Willen und wenn alle ihr Scherflein dazu beitragen werden, dieses Projekt werden realisieren können, freilich nicht von heut auf morgen, aber sukzessive nach und nach. Ich will ihnen nun in ausführlicher Weise vor Augen führen, wie ich mir die Durchführung dieses Schulbaues denken [!] und wie ich mir die Finanzierung dieser hohen Aufgabe im Rahmen der bestehenden wirtschaftlichen Verhältnisse vorstelle und bitte, meinen Ausführungen genau zu folgen. Für diesen Neubau ist ein Baukapital von zirka 400.000 S[chilling] erforderlich. Bekanntlich ist der Lehrplan der Hauptschule auf dem System der Doppelzügigkeit aufgebaut, das heisst, es muss jede von den vier Klassen doppelt geführt werden. In die eine Klasse kommen die talentierten Kinder, in die andere die schwächer begabten, so dass diese die talentierten Kinder im Lernen nicht aufhalten, andererseits aber die schwächeren Kinder durch intensivere Beschäftigung mit ihnen, ebenfalls nach Möglichkeit gefördert werden können. Dazu wären also 8 Klassen erforderlich, wozu die 4 Klassen für die Volksschule hinzuzurechnen wären. Ausserdem müsste die neue Schule einen grossen Turnsaal, einen Zeichensaal, einen Physiksaal, und einige Räume für die Unterbringung der Lehrmittel haben. In diesem Schulbau müsste sich eine Wohnung für den Direktor und eine solche für einen fixangestellten Schuldiener befinden. Das erfordert ein hohes Baukapital. Es ist nun ganz unmöglich, diese Bausumme auf einmal aufzubringen. Wir sind nicht imstande, den Bau zur Gänze auf einmal auszuführen. Die Durchführung wäre nur etappenweise denkbar. Der Gesamtplan des Schulgebäudes müsste so angelegt werden, dass ein Zubau jederzeit möglich ist, und andererseits diese Zubauten sich ohne zu stören in den Charakter des Gesamtbildes einfügen. Sie haben gehört, dass im kommenden Schuljahr die erste Klasse Hauptschule im alten Schulgebäude untergebracht werden kann, weil die erforderlichen Räume für diese eine Klasse vorhanden sind. Dadurch gewinnen wir Zeit zur Schaffung eines Baukapitals. Wenn wir 100.000 S an Baukapital beisammen haben wird es nicht schwer fallen, unter günstigen Zinsbedingungen bei einem Geldinstitut

[4]

weitere 100.000 S aufzunehmen und es könnte mit dem Baue bereits begonnen werden. Darüber müssen wir uns von vornherein im klaren sein: Die Mittel für diesen Schulbau müssen wir ganz allein aufbringen. Wir bekommen weder vom Land, noch vom Bund einen Zuschuss. Im Gegenteil. Das Land überwälzt uns noch Lasten dazu, indem wir durch volle 3 Jahre den an der Hauptschule wirkenden Lehrpersonen die Differenz vom Volksschullehrergehalt auf den Hauptschullehrergehalt daraufzahlen müssten aus Gemeindemitteln. Es liesse sich vielleicht durch Verpfändung von Gemeindeeigentum das ganze Baukapital auf einmal aufbringen. Diesen Weg will ich aber nicht beschreiten, dene [!] es geht nicht an, dass man auf diese Weise der Gemeinde eine Zinsen- und Schuldenlast aufhalst, woran sie dann 30 bis 40 Jahre schwer zu tragen hätte. Und nun komme ich zum eigentlichen Voranschlag. Derselbe unterscheidet sich von den vorjährigen Voranschlägen dadurch, dass im Jahre 1928 die Kosten für das Schulerfordernis laut Präliminar [d.i. Finanzvorschau; Anm. R.M.] des Ortsschulrates, zuzüglich des Beitrages zum persönlichen Schulaufwand, also der Betrag von 16.650 S, nicht mehr aus den Mitteln der Fürsorgeabgabe, soweit sie für Gemeindezwecke verwendbar sind, bestritten werden, sondern von nun an sich auf die Umlage auswirken, da sie aus Gemeindegeldern bestritten werden. Dies ist der Grund, warum ich für das kommende Verwaltungsjahr eine Umlage von 180 % präliminieren musste. Auf diese Weise ist es möglich, den Betrag aus der Fürsorgeabgabe, welcher bisher zur Bestreitung der Schulauslagen verwendet wurde, als Baupapital [!] auf die Seite zu legen und werden wir dann am Ende des kommenden Jahres, wenn wir die gemachten Ersparnisse des Vorjahres dazu geben, denn ich kann ihnen schon im voraus sagen, dass wir heuer günstiger abgeschnitten haben, als wir im vorigen Jahr präliminiert haben, über ein erspartes Baukapital von 50.000 S verfügen. Ich beantrage in meiner Eigenschaft als Finanzreferent den Bau einer neuen Hauptschule in der Gemeinde Gramatneusiedl unter den von mir soeben erörterten Modalitäten zu beschliessen und ersuche um einmütige Annahme meines Antrages.

Der Vorsitzende unterbricht zwecks Beratung dieses Antrages die Sitzung auf 5 Minuten. Nach Ablauf dieser Frist bringt der Vorsitzende den Antrag Theuer zur Abstimmung.

Der Antrag Theuer wird mit 11 Stimmen, bei vier Stimmen Enthaltung, zum Beschluss erhoben.

Herr Gemeinderat Josef Moldaschl gibt nach erfolgter Abstimmung folgende Erklärung ab:

Ich gebe hiemit im Namen der Minorität die Erklärung ab, dass die Minorität gegen die Erbauung einer Hauptschule nichts einzuwenden hat, dass die Minorität im Prinzipe der Schaffung einer Hauptschule nicht abgeneigt gegenüber steht, dass aber die Minorität nicht in der Lage, ihren Wählern angesichts der derzeitigen schlechten Wirtschaftslage eine derartige Last (180 % Umlage auf die Landes-Gebäude- und Grundsteuer infolge Schulbau) zuzumuten, Wir [!] sind nicht in der Lage die Verantwortung für eine solche hohe Umlage zu tragen, weshalb wir uns korporativ von der Abstimmung enthalten haben.

Register
Kalender
Kleine Chronik
 
Plan Fabrik Marienthal
Plan Neu-Reisenberg
Ortsplan Gramatneusiedl