FABRIK & ARBEITERKOLONIE MARIENTHAL

DIE MARIENTHAL-STUDIE

QUELLEN

CHRONIK

BILDER

HÄUSERBUCH

PLÄNE

DIE STUDIE

DAS PROJEKTTEAM

BIBLIOTHEK

ARCHIV

KÜNSTLER-SICHTEN

     

EINFÜHRUNG
 
HOME
IMPRESSUM
FEEDBACK

 
ENGLISH

Gemeinderat Gramatneusiedl

Schreiben des Bürgermeisteramts der Freien Gemeinde Gramatneusiedl an die Niederösterreichische Landesregierung. Gramatneusiedl, am 7. Mai 1929

in: Archiv der Marktgemeinde Gramatneusiedl, Gemeinde-Kurrenden 1919–1938, Sitzungs-Protokoll zur Gemeinde-Ausschußsitzung der Ortsgemeinde Gramatneusiedl am 7. Mai 1929, Beilagen, S. [1–4]. Am Beginn von Seite 2 gibt es einen teilweisen Textverlust durch Ausriss; der fehlende Text wird in [] wiedergegeben.

Transliteration: Reinhard Müller.

[1]

Bürgermeisteramt Gramatneusiedl.

Betreff:

Protest gegen die Erbauung der neuen Hauptschule in der Gemeinde Gramatneusiedl.

An

die hohe n[ieder] ö[sterreichische] Landesregierung

in Wien. I. Bez[irk].

Der Gemeinderat von Gramatneusiedl hat in seiner Sitzung vom 15. [recte 18.; Anm. R.M.] April 1928 den einstimmigen Beschluss gefasst, auf dem Marktplatze in Gramatneusiedl ein neues Hauptschulgebäude zu errichten.

Die Kosten für die Erbauung desselben sollen aus Gemeindemitteln aufgebracht werden und das notwendige Baukapital durch die Aufnahme eines langfristigen Conto-Correntdarlehens bei der Zentralsparkasse der Gemeinde Wien beschafft werden, dessen Tilgung durch jährliche Annuitäten im Gesamtbetrage von 45.000 S[chilling] pro Jahr zu erfolgen hätte.

Diese Beschlüsse wurden, wie im Protokolle der Gemeinderatssitzung ersichtlich, einstimmig gefasst und ein vorbereitendes Comitee [!] mit der Durchführung derselben betraut.

In der am 17. Dezember 1928 stattgehabten Präliminarsitzung [d.i. Finanzvorschau-Sitzung; Anm. R.M.] wurden bei der Beratung des Voranschlages pro 1929 und bei der Festlegung der Gemeindeumlage diese Beschlüsse neuerdings eingehend überprüft und beraten, und neuerdings durch ebenfalls einstimmigem Gemeinderatsbeschluss in allen Belangen bestätigt.

Die ersten 2 Klassen Hauptschule wurden bereits im alten Schulgebäude eröffnet, bez[iehungs]w[eise] mit dem Unterrichte begonnen, der leitende Direktor der neuen Hauptschule [d.i. Alfred Marschik; Anm. R.M.] vom Landesschulrate ernannt, die Pläne des Baues beim Amte der n.ö. Landesregierung

[2]

[eingereicht, eben]so das Ansuchen um Bewilligung zur Aufnahme des [Darlehens bei] der Zentralsparkasse der Gemeinde Wien. Auch wurde [in der Rec]hnungslegung pro 1928 ein Baukapital von S[chilling] 65.000– ebenfalls einstimmigem Gemeinderatsbeschluss dem Schulbaufonds überwiesen.

Nach dem Stande der Gemeindefinanzen wäre bei einer gleichbleibenden Gemeindeumlage von 180 % die Durchführung des geplanten Schulbaues, sowie die Finanzierung desselben möglich gewesen und wurde ein aus allen Parteien ziffernmässig gleich zusammengestelltes, vom Gemeinderate gewähltes Baukomitee mit der Durchführung, bezw. Ueberwachung und Vergebung der Arbeiten (Pläne, Bau, Einrichtung, etc[etera]) beauftragt, im Einvernehmen mit den Aufsichtsbehörden die notwendigen Arbeiten durchführen zu lassen.

Alle diese Beschlüsse wurden nach eingehender Beratung mit Zustimmung aller Parteien des Gemeinderates einstimmig gefasst, und vom Baukomitee die Projektierung der neuen Schule bereits dem Wiener Architekten Leo Kammel übertragen, der die fertigen Pläne bereits der n.ö. Landesregierung eingereicht hat. Die dadurch verursachten Auslagen bedingen ungefähr S. 10.000–. Dies der wahre Sachverhalt!

In letzter Zeit wurde nun gegen die Erbauung und Errichtung eines neuen Hauptschulgebäudes von einigen Landwirten und Hausbesitzern ein unverständliches Kesseltreiben eingeleitet; es wurde den Leuten gesagt, dass jeder Hausbesitzer oder Geschäftsmann Millionen zum Schulbau werde beitragen müssen – was ihren Ruin bedeuten würde – alles in allem – manche haben sogar zweimal unterschrieben – 71 Unterschriften zustande gebracht, ungefähr 1/10  (1 Zehntel) der steuerzahlenden Bevölkerung von Gramatneusiedl, welche nun in Form eines Protestes mit der Bitte um Rücknahme der Baubewilligung der hohen n.ö. Landesregierung vorgelegt worden sind.

Die sogenannte Begründung dieses Protestes ist durch die vorerwähnten Tatsachen unverständlich und bleiben nur

[3]

noch zwei Punkte, die zu erwägen wären.

Der 1. Punkt ist die sonderbare Feststellung, dass dieselben Mitglieder des Gemeinderates, die in allen Gemeinderats- und Baukomitesitzungen [!] und in allen sonstigen Besprechungen in dieser Sache mitgeredet, mitgewirkt, mitgestimmt und ihr freies, unbeeinflusstes Einverständnis bekundet haben, nun in gänzlicher Ausserachtlassung aller parlamentarischer Grundsätze als Mitunterzeichner dieses Protestes gegen sich selbst erscheinen.

Der 2. Punkt betrifft die Behauptung, dass der im Gemeindegebiet befindliche Grossbetrieb der Trumau-Marienthaler A[ktien] G[sellschaft] als Steuerträger nicht in Betracht kommt, da er kurz arbeitet und ganz still gelegt werden soll.

Ganz abgesehen davon, dass die Behauptung, der Betrieb zahle keine Steuern, für jeden Kenner der Gemeindeverhältnisse geradezu lächerlich erscheinen muss, da 80 % des Gesamterträgnisses aller Gemeindezuschläge und Fürsorgeabgabenanteile von dem Betriebe, bezw. dessen Angestellten und Arbeitern bezahlt werden, so dass, beispielsweise bei einer Gemeindeumlage von 180 %, die ein Gesamterträgnis von ungefähr S. 40.000 pro Jahr ergeben soll, (einschliesslich Fürsorgeabgabenanteile) S. 36.000– auf den Betrieb und die dort Beschäftigten entfallen.

In Kenntnis dieser Sachlage, der Betrieb hat gegenwärtig Schwierigkeiten finanzieller Natur, hat unser Finanzreferent G[e]m[ein]d[e]r[at] Rudolf Theuer schon in der letzten Baukomitesitzung [!] über Anfrage eines Mitgliedes der Minorität erklärt, dass mit dem Bau der Hauptschule erst begonnen werden kann, wenn die Verhältnisse in diesem Betriebe, von dessem [!] Schicksal auch das Schicksal von 80 % aller Gemeindeinsassen abhängt, sich so geklärt, bezw. gebessert haben, dass eine Erschütterung der Gemeindefinanzen, und eine Erhöhung der Gemeindeumlagen, die wieder eine unmögliche Belastung aller Steuerträger darstellen würde, nicht mehr zu befürchten sein werden, dass jedoch die notwendigen Vorarbeiten unbeirrt gemacht werden müssen, da kein plausibler Grund vorhanden ist, die gefassten Beschlüsse umzustossen.

Eine Adaptierung der alten Volksschule in ein neues, modernes Hauptschulgebäude ist nach dem Urteile aller Schul- und Bau-

[4]

fachmänner ausgeschlossen, und würde, da man auch ein Lehrerwohnhaus bauen müsste, ebenfalls horrende Auslagen, ohne Erfüllung des eigentlichen Zweckes (Ein modernes Schulgebäude für 400 Kinder zu schaffen) verursachen.

Aus allen diesen Erwägungen erscheint also dieser Protest vollständig unverständlich und überflüssig, da sich die derzeitige Gemeindeverwaltung des Ernstes der Lage und ihrer Verantwortung voll und ganz bewusst ist.

Der Gemeinderat gibt der Erwartung Ausdruck, dass auch die hohe n.ö. Landesregierung in diesem Sinne Ihre Entscheidung fällen wird.

Gramatneusiedl, am [7.] Mai 1929

Register
Kalender
Kleine Chronik
 
Plan Fabrik Marienthal
Plan Neu-Reisenberg
Ortsplan Gramatneusiedl