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Leopold Schippani

Schreiben an das Bürgermeisteramt Gramatneusiedl. Gramatneusiedl, am 29. Mai 1929

in: Archiv der Marktgemeinde Gramatneusiedl, Gemeinde-Kurrenden 1919–1938, Sitzungs-Protokoll zur Gemeinde-Ausschußsitzung der Ortsgemeinde Gramatneusiedl am 18. Juni 1929, Beilagen, S. [1–3].

Transliteration: Reinhard Müller.

[1]

Gramatneusiedl, am 29. Mai 1929.

An das löbliche

Bürgermeisteramt,

Gramatneusiedl.

Endesgefertigter urgiert im Namen der Handels- und Gewerbetreibenden von Gramatneusiedl das am 18. Jänner 1929 dem löbl[ichen] Bürgermeisteramt mit 33 Unterschriften überreichte Schriftstück, betreffend das Hausierverbot im Gemeindegebiet Gramatneusiedl und begründet die Urgenz damit, dass bis dato noch keine Verständigung über die Erledigung der berechtigten Wünsche der Handels- und Gewerbetreibenden eingelangt ist.

In dem am 18.I.1929 überreichten Schriftstück wurde die Notwendigkeit des Hausierverbotes nicht nur zum Schutz der Handels- und Gewerbetreibenden, sondern auch zum Schutze der Bevölkerung klar und deutlich begründet. Welches Recht die Bevölkerung und mit ihr die Kaufleute auf die Anstrebung auf Erlassung des Hausierverbotes haben, geht seither neuerlich daraus hervor, dass sogar schon Essig hausiert wird u[nd] zw[ar] verlangt der betreffende hausierende Erzeuger oder Händler für eine Literflascheinhalt 30 g[roschen] und erklärt, es sei Weinessig. Ich scheue mich nicht zu behaupten, dass die Bevölkerung mit diesem ganz gewöhnlichen Artikel schon betrogen wird, denn um 30 g gibt es keinen Weinessig, gerade so wenig, als man um 50 g keinen Liter Altwein bekommen kann. Hier kann es sich offenbar bloss um einen Tafelessig handeln, der aber um dieses Geld zu teuer ist und den Leuten deswegen als Weinessig eingeredet wird, um der Ware loszuwerden und diesen einen billigen Verkauf vorzutäuschen. Wir Kaufleute wissen durch durch [!] den Verkehr mit der Kunde, wie solche Käufe und Lieferungen zustande kommen; die Leute beklagen sich ja bei uns und in den Geschäften, dass dieses Hausierwesen auch für sie eine Plage ist, denn die Hausierer gehen nicht fort und reden solange auf die Kunden ein, bis diese sich ergeben und wider ihren Willen kaufen. Wir Kaufleute verstehen die Bevölkerung wenn sie bei uns offen klagt: das und jenes habe ich kaufen müssen, ich habe ihn nicht losgebracht. Wir Kaufleute unterliegen einer Anzahl grosser renomierter [!] Firmen, deren Vertreter sich infolge der Wirtschaftskrise derart ansetzen, dass es uns nicht wundernehmen braucht, wenn eine Hausfrau den vielen Reden und vorgetäuschten Anpreisungen

[2]

eines gewöhnlichen Hausierers nicht Standhalten kann und kauft. Mit was hausiert ein Hausierer? Niemals mit einer Ware »das Beste vom Besten«, sondern von mittlerer und minderer Qualität, von sogenannten Bazarfabrikanten. Der Preis ist erwiesenermassen der Qualität entsprechend enorm. Da kommt eine Frau zu mir ins Geschäft und frägt um Rat, was sie tun soll, denn es war ein Agent bei ihr, habe ihr solange zugesetzt, bis sie, um Ruhe zuhaben, 6 Handtücher, weil sie angeblich so billig sind, bestellte und in ihrer Unerfahrenheit die Unterschrift gab. Die Folge war, dass mit den 6 Handtüchern, die höher berechnet waren, auch noch ein Stück Bettzeuggradl mitkahm [!], was offenbar der Vertreter nachträglich dazugeschrieben hat. Ich gab der Frau den Rat, das Bettzeug gleich zurückzugeben und der Firma die Nichtbestellung und speziell die Unmöglichkeit der Zahlung zu erklären. Was sagte aber die Firma? Aber Frau, jammern sie nicht so, sie haben ja ein Haus. Zu erwähnen überflüssig, dass die Frau das Häuschen noch schuldig ist, aber die Tatsache steht fest, dass sich die Agenten gleichfalls um den Besitz erkundigen. Aufklärung in der Bevölkerung tut daher not. Zu diesem Zweck soll auch die löbl. Gemeindevertretung ihr Scherflein beitragen, um den Gesetzbrechern besser an den Leib zu rücken und das Hausierverbot endlich einmal anstreben. Wenn wir mit unserem Rufe bei der Gemeinde noch kein Gehör finden, steuern wir samt der Arbeiterschaft in eine Sackgasse. Die katastrophale Lage der wirtschaftlichen Verhältnisse der Arbeiterschaft, Gewerbe und Handelstreibenden ist der löbl. Gemeinde bestimmt nicht unbekannt und deswegen darf das bischen Bargeld den Handelstreibenden, was die Hausierer fortschleppen, nicht entzogen werden, denn auch wir müssen unseren Verpflichtungen nachkommen, um die schwere Krise mit der Arbeiterschaft zu überstehen.

Die löbl. Gemeindevertretung muss endlich einmal erkennen, dass wir und die Arbeiterschaft gleiche Interessen haben, zusammen leben und zusammen gehören, weshalb die Forderung, den Trennungsstrich zu beseitigen und uns beide vor den meistens ungesetzlich dahergelaufenen Hausierern zu schützen, nicht unbillig ist.

[3]

Es ist ja auch im Interesse der hiesigen Gemeindeverwaltung gelegen, ein steuerkräftiges Gewerbe zu sichern, denn nur dadurch kann gewiss das traurige Los der Arbeitslosen gemildert werden, wenn wenigstens wir arbeiten und auch die Steuern leisten können. Die meisten Hausierer sind, wie wir erwähnt, dunkle unbefugte Gestalten, die überhauptkeine Steuer zahlen und die etlichen befugten, die noch existieren und in unsere Gegend bereits gar nicht kommen, bezahlen so wenig, dass es gar nicht in die Wagschale fällt. Jedermann, der zum Hausieren nicht befugt ist, bricht das Gesetz, dies lässt sich aber nur durch das allgemeine Verbot halbwegs bekämpfen und feststellen.

§ 5 des Bundesgesetzes vom 30.III.1922, B[undes]-G[esetz]-Bl[att] 204 gibt den Gemeinden die Möglichkeit, das Hausierverbot ganz oder auf bestimmte Artikel für bestimmte oder unbestimmte Zeit anzustreben. Da es im Bereiche der Gemeindevertretung liegt, das Hausierverbot unter Umständen wieder aufzulassen, ist es nicht unbillig, wenn sie endlich den Wünschen der Handels- und Gewerbetreibenden nachkommt.

Ich erlaube mir, diese Eingabe zur weiteren Befürwortung der Handelsgenossenschaft Ebreichsdorf vorzulegen und zeichne in der Erwartung, dass diese zu unseren Gunsten erledigt wird.

Schippani Leopold.

[Stempel:] Leopold Schippani Kaufmann Gramatneusiedl 78 a[n] / d[er] Ostb[ahn].

N[ach] B[emerkung] Aus sanitären Gründen wäre unbedingt das Hausieren mit Lebens u[nd] Genussmitteln zu verbieten.

Schippani

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