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Josef Moldaschl & Josef Baron & Johann Gröss & Michael Hums & Josef Biberhofer & Johann Pribyl

Schreiben an die Niederösterreichische Landesregierung. Gramatneusiedl, am 15. Dezember 1930

in: Archiv der Marktgemeinde Gramatneusiedl, Gemeinde-Kurrenden 1919–1938, Sitzungs-Protokoll zur Gemeinde-Ausschußsitzung der Ortsgemeinde Gramatneusiedl am 26. Februar 1931, Beilagen, S. [1–3].

Transliteration: Reinhard Müller.

[1]

Gramat-Neusiedl, am 15. Dezember 1930

Betreff:

Rekurs gegen den Ankauf des Fabriksspital-Gebäudes in Marienthal durch die Gemeinde Gramat-Neusiedl.

Hohe

n[ieder] ö[sterreichische] Landesregierung

in Wien, I.

Die Vertreter der Wirtschaftspartei in der Gemeinde Gramat-Neusiedl erheben hiemit Einspruch gegen den von der sozialdemokratischen Mehrheit in der am Samstag, den 6. Dezember l[aufenden] J[ahres] stattgefundenen Gemeinderats-Sitzung beschlossenen Ankauf des Fabriksspitals und begründen diesen wie folgt:

Das in Rede stehende Objekt ist ein einstöckiger Massivbau und hat eine verbaute Fläche von 450 m2 [!]. Im ersten Stock befinden sich ausser 5 Zimmern, von welchen 2 nicht heizbar sind, eine Küche und ein Zimmer, sowie ein Ordinationszimmer und eine Apotheke ohne Heizgelegenheit.

Im Parterre des Objektes befindet sich ausser der Arztwohnung eine Badeanlage mit 10 Wannen, 10 Brausebädern, sowie eine Dampfbadeanlage mit zwei Kabinen, ein Warteraum und ein Kesselhaus, in welchem ein Dampfkessel von 2 Atü Betriebsspannung und ein Warmwasserkessel für Holzfeuerung untergebracht ist [!]. Die Kesselspeisung erfolgt durch ein am Dachboden stehendes Reservoir, welche wieder durch eine Gleichstromvogelpumpe (110 Volt Gleichstrom) gespeist wird. Zu diesem Objekte gehören noch zwei angrenzende Bauparzellen im Ausmasse von c[irk]a 3000 m2 [!].

Nun wollen wir in groben Umrissen die vorhandenen Mängel des Objektes und deren Einrichtungen ventilieren, die uns eigentlich und im Zusammenhange mit den am Schlusse folgenden Bedenken zu dem vorliegenden Rekurs zwingen.

Im Erdgeschoss befindet ich [!] ein ca 20m2 [!] grosser Keller, in welchem bei Regenwetter 10 bis 15 cm Grundwasser aufsteigt und daher vor Behebung dieses Zustandes der zweckentsprechenden Benützung nicht zugeführt werden kann.

Das Parterremauerwerk weist stark aufsteigende Grundfeuchte auf, wodurch Sockelmauerwerk, sowie die Zimmerwände in der Arztwohnung schadhaft sind, daher eine zweckentsprechende Trockenlegung und Instandsetzung des Sockel- und Zimmer-Mauerwerkes dringend geboten erscheint [!]. Der Tramboden über dem Baderaum sowie die Deckenkonstruktion im ersten Stock sind nach fachmännischer Untersuchung derart schadhaft, dass diese sehr bald erneuert werden müssen. Eine vollständige Renovierung der Fassade erscheint ebenfalls notwendig. Für die nicht heizbaren Räume sind laut Bauordnung Kamine aufzuführen.

[2]

Die Einfriedung des Objektes ist auch teilweise schadhaft und muss, um noch grössere Reparaturen zu vermeiden, ehestens instand gesetzt werden.

Badeanlage:

Der Dampfkessel ist ein Siederohrkessel ältester Bauart, welcher zur Dampferzeugung für das Dampfbad und zur Beheizung der Baderäume dient. Dieser wird, falls nicht eine kostspielige Generalreparatur, wenn sich eine solche überhaupt lohnt, ehestens vorgenommen wird, überhaupt in der nächsten Zeit betriebsunfähig und dadurch eine Bademöglichkeit in den Wintermonaten ausgeschlossen. Der Warmwasserkessel wurde vor ca 4 Jahren in der mechan[ischen] Werkstätte der Fabrik Marienthal von einem alten Kondensatkessel adaptiert und können mit diesem erfahrungsgemäss höchstens Wassermengen für 120 – 140 Bäder in 12 Stunden entsprechend erwärmt werden. Die Badeanlage als solche wurde im Jahre 1921 von der Firma Kurz Rietschel & Henneberg Wien unter Beibehaltung der sicherlich schon 35 – 40 Jahre alten Badewannen adaptiert. (Neu wurden damals Rohrleitungen und Mischbatterien geliefert.) Die Badekabinen und Abflusskanäle hat in dieser Zeit die Fabrik aus Beton in eigener Regie hergestellt. Die letzteren geben seit in Betriebsetzung dadurch Anlass, dass diese zu klein dimensioniert wurden und daher das abfliessenden [!] Wannenwasser nicht aufnehmen können, welches dann neben dem Wannenauslauf herausquillt und die Kabinen überschwemmt. Die Brausebadeanlage ist trotz wiederholter Rekonstruktion nach Fertigstellung als unbrauchbar bis heute ausser Betrieb. Sollte diese Anlage nur halbwegs den sozialen und sanitären, sowie betriebssicheren Vorschriften entsprechen, so bedeutet dies für die Gemeinde eine unerschwingliche Investition.

Das Gebäude ist elektrisch an das Ortsnetz der Fabrik Marienthal, so auch mit Wasser und der Kanalisation angeschlossen.

Hiezu ist zu bemerken, dass der Kaufvertrag, den wir eigentlich nicht kennen, wahrscheinlich keine bindende Verpflichtung des Verkäufers, umso weniger eines eventuellen Nachfolgers, hinsichtlich der genannten drei notwendigen Elemente, zu gunsten des Käufers enthalten wird. Durch die elektrische Abtrennung würden die elektrischen medizinischen Apparate in ihrem heutigen Zustande unbrauchbar, da das Ortsnetz von Gramat-Neusiedl 220 Volt Drehstrom führt, welcher Anschluss nach unserem Erachten von der Mehrheit ins Auge gefasst wurde.

Die eventuelle Abtrennung der Wasserleitung, welche übrigens unzureichend ist, da sie speziell vom Frühjahr bis Herbst wegen des grossen Wasserverbrauches der Schrebergärtner im ersten Stock kein Wasser gibt, bedeutet ebenfalls in den heutigen Zeiten eine ganz bedeutende Ausgabenpost der Gemeinde, wenn die Errichtung einer eigenen Hauswasserversorgung notwendig wird, oder zur Miterhaltung des mindestens 35 Jahre alten und schadhaften Rohrstranges verpflichtet wird.

Hinsichtlich der Kanalisation gelten ebenfalls sinngemäss die vorangeführten Bedenken.

Was mit den zwei Bauparzellen zu geschen [!] hat ist uns offiziell nicht bekannt – – –.

In der Gemeinderatssitzung wurde uns auf unsere Anfrage hinsichtlich Beschaffung, Amortisation und Verzinsung des erforderlichen Kapitals erwidert, dass dies Ersparnisse der sparsamen Gemeindewirtschaft seien, im übrigen aber von wenig sozialem Empfinden unsererseits zeigt, wenn man in einer derartigen Angelegenheit von Amortisation etc[etera] spricht.

[3]

Sonderbar ist jedoch, dass die Gemeindemehrheit dieser Ersparnisse zu dem sicherlich nicht weniger sozialem [!] Zweck des Hauptschulzubaues nicht zur Verfügung gestellt, dieses Projekt mangels notwendigen Kapitales der Gemeinderatssitzung vom 8! [!] September 1930 zurückgestellt und auf das nächste Jahr verschoben hat. Dieses soziale Empfinden der Gemeinderatsmehrheit im ersten Falle hat kurze Beine, da es sich nur dadurch auswirkt, dass wöchentlich nur einmal Bademöglichkeit besteht und unter den derzeitigen Verhältnissen 120 bis 140 Personen zu dem vorgesehenen Betrag von 50 Groschen im besten Falle baden können, ausserdem die Möglichkeit haben, sich in den kalten Betonräumen eine Verkühlung zuzuziehen. Also 10 % der Einwohner von Marienthal geniessen diese soziale Einrichtung. Nichtsoziale hingegen handelt die Mehrheit mit dem Gemeindearzte [d.i. Andreas Hauswirth; Anm. R.M.] wenn sie von ihm S[chilling] 150.- monatlichen Mietzins verlangt umsomehr als die Gemeindearztwohnung ein Beweggrund zum Ankauf des Objektes sein soll.

Um zum Schluss zu kommen erklären wir, dem Ankauf eines Objektes in einer Zeit, wo die sicherlich arbeitswillige Arbeiter- und Angestelltenschaft von Marienthal Gramat-Neusiedl durch die andauernde und lange Arbeitslosigkeit in grösster Not ist und mit ihr in logischer Folge der Gewerbe- und Bauernstand vollständig darnieder liegt [!], worüber die seit längerer Zeit aufliegenden 25 und mehr Steuerexekutionen am besten Aufschluss über die wirklich trostlose Lage aufschluss [!] geben, trotz des scheinbar billigen Preises von S. 30.000.– plus aller der durch den Kauf entstehenden Auslagen, welche sich auf Grund der angeführten, sicherlich notwendigen Instandsetzungs- und Adaptierungsarbeiten nach grober Schätzung mindestens verdreifachen wird, nicht zustimmen können, da wir der Ueberzeugung sind, dass dieses Objekt eine ständige Ausgabenpost der Gemeindeverwaltung bleiben wird.

Die gefertigten Gemeinderäte der Wirtschaftspartei von Gramat-Neusiedl ersuchen hiemit eine hohe n.ö. Landesregierung, diesem sicherlich begründeten Einspruch stattzugeben und zeichnen

hochachtungsvll [!]

Moldaschl Josef m[anu] p[ropria]

Baron Josef m.p.

Gröss Johann m.p.

Hums Michael m.p.

Biberhofer Josef m.p.

Pribyl Johann m.p.

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