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[Heinrich] Schneidmadl

Bescheid der Niederösterreichischen Landesregierung. Wien, am 10. Februar 1931

in: Archiv der Marktgemeinde Gramatneusiedl, Gemeinde-Kurrenden 1919–1938, Sitzungs-Protokoll zur Gemeinde-Ausschußsitzung der Ortsgemeinde Gramatneusiedl am 26. Februar 1931, Beilagen, S. 1–7.

Transliteration: Reinhard Müller.

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L[andes] A[bteilung] VI/1-2453/1–XXII–1931.

Betreff:

Gramatneusiedl, Ankauf des ehemaligen Fabriksspitales, Berufung der Geimeinderäte der Wirtschaftspartei.

An den

Gemeindevorstand

in Gramatneusiedl.

Die Berufung der Gemeinderäte der Wirtschaftspartei von Gramatneusiedl gegen den Beschluß des Gemeinderates von Gramatneusiedl vom 6. Dezember 1930, betreffend den Ankauf des ehemaligen Fabriksspitales, wird als im Gesetze nicht begründet abgewiesen.

Begründung.

Der Gemeinderat von Gramatneusiedl hat in seiner Sitzung am 6. Dezember 1930 mit 13 gegen 6 Stimmen ordnunsgemäß [!] beschlossen, von der Actien-Gesellschaft der Baumwoll-Spinnereien, Webereien, Bleiche-Appretur, Färberei- und Druckerei zu Trumau und Marienthal die Parzelle 631/3 im Ausmasse von rund 3000 m2 [!]

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samt dem darauf befindlichen ehemaligen Fabriksspitale sowie die Grundparzelle 631/9 (neu 134) im Ausmasse von rund 3.600 m2 [!] um 30.000 S[chilling] anzukaufen und den Kaufpreis den vorhandenen Kassabeständen der Gemeinde zu entnehmen.

Dagegen haben die Gemeinderäte der Wirtschaftspartei rechtzeitig die Berufung eingebracht, in der geltend gemacht wird: Die Wirtschaftspartei könne dem Ankauf des gegenständlichen Objektes trotz des scheinbar billigen Preises, der sich jedoch durch die notwendigen Instandsetzungs- und Adaptierungsarbeiten mindestens verdreifachen wird, nicht zustimmen, da das Objekt eine ständige Ausgabenpost der Gemeindeverwaltung bleiben wird.

Der Gemeindevorstand Gramatneusiedl führt dem gegenüber an: Im gegenständlichen Objekte befinden sich die Ordinations- und Untersuchungsräume, die Apotheke sowie die Wohnräume des Gemeindearztes [d.i. Andreas Hauswirth; Anm. R.M.]. Wenn das Objekt in andere Hände gelange, bestehe die Gefahr, daß die angeführten Räume gekündigt werden. Die Gemeinde hätte dann keine Möglichkeit, andere für die angeführten Zwecke verwendbare Räume zur Verfügung zu stellen. Die Gemeinde habe deshalb schon vor Monaten das Objekt samt allen Räumen gepachtet,

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um sich das Vorkaufsrecht zu sichern. Im gegenständlichen Objekte befinde sich weiters das einzige im Orte bestehende Dampf- und Wannenbad. Dieses Bad bilde für die Bevölkerung in der kalten Jahreszeit mit Rücksicht auf die kleinen Wohnungen und ihre Überfüllung die einzige Reinigungsmöglichkeit. Schon aus hygienischen und sanitären Gründen sei es daher Pflicht der Gemeinde, das Bad zu erhalten. Das gegenständliche Objekt werde der Gemeinde samt allen Einrichtungen und Nebenräumen sowie den anschliessenden zwei Grundparzellen um einen Preis überlassen, der nach Ansicht aller unparteiischen Fachmänner und Laien weit hinter dem tatsachlichen Werte zurückbleibe. Die Kaufsumme sei vorhanden. Es sei daher weder eine Erhöhung der Gemeindeumlagen noch die Aufnahme eines Darlehens notwendig.

Hiezu wird bemerkt:

Laut des vom Gemeindevorstand Gramatneusiedl vorgelegten Schätzungsgutachtens des Architekten und Baumeisters Friedrich Rauch aus Laxenburg vom 20, [!] Dezember 1930 beträgt der Wert der Parzelle 631/3 samt allen darauf befindlichen Objekten auf Grund des derzeitigen Bauzustandes, jedoch ohne Berücksichtigung des Wertes der Wasserversorgung und der Bäder 41.500 S.

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Dieses Schätzungsgutachten besagt weiters: Der Bauzustand der Objekte, die einer gründlichen Besichtigung unterzogen wurden, ist als gut zu bezeichnen. Mit Ausnahme sichtbarer kleiner Mängel und Schäden sind die Objekte gut erhalten. Die schadhaften Stellen an dem Deckenverputz sind teilweise auf eine seinerzeitige Schadhaftigkeit des Wasserreservoirs zurückzuführen. Diese Schäden sind ohne besondere Kosten zu beheben. Inwieweit das Holz der Deckenkonstruktion durch die seinerzeitige Schadhaftigkeit des Wasserreservoirs in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist durch eine Besichtigung nicht zu konstatieren. Zur vollständig einwandfreien Feststellung des Bauzustandes dieser Deckenkonstruktion wäre es erforderlich, diesen ganzen Teil durch Abhebung des Dachbodenziegelpflasters und der Beschüttung freizulegen. Sollte eine derartige Untersuchung die vollständige Schadhaftigkeit der Deckenkonstruktion – dies ist höchst unwahrscheinlich – ergeben, so würde unter ungünstiger Annahme für die Auswechslung dieser Deckenkonstruktion und die Einbringung einer neuen Deckenkonstruktion ein Betrag von 2.200 S erforderlich sein. Das gleiche gilt für die Decke über dem Dampfbad. Die Kosten dieser Auswechslungs-

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arbeiten würden rund 1.200 S betragen. An dem Hauptgebäude werden in den nächsten Jahren Reparaturen an den Aussenfenstern und Verputzarbeiten am Gebäudesockel notwendig sein. Die Kosten der erforderlichen Instandsetzungsarbeiten mit Ausnahme der Kosten der Auswechslungen der Deckenkonstruktionen würden zusammen 3.000 S betragen.

Laut des weiter vom Gemeindevorstand Gramatneusiedl vorgelegten Schätzungsgutachtens des Regierungsoberbaurates Ing[enieur] Ferdinand Strobl vom 30. Dezember 1930 beträgt der Verkehrswert der Kesselanlage des Bades samt der Speisepumpe und allen Armaturen und Rohrleitungen im Kesselhause unter Berücksichtigung aller in Betracht kommenden Umstände 1.000 S.

Das angeführte Schätzungsgutachten besagt weiters: Die Anlage besteht aus einem Hochdruckdampfkessel und einem Warmwasserkessel. Beide Kessel sind eingemauert, das Mauerwerk des Hochdruckkessels ist schadhaft. Der Warmwasserkessel ist ein liegender Zylinderkessel aus Eisenblech und befindet sich, soweit äusserlich festgestellt werden konnte, in gutem Zustande. Der Dampfkessel ist ein Heizröhrenkessel, z[irk]a 20 Jahre alt und ist, soweit äusserlich feststellbar ist, in gutem Zustande. Die vorgenommene Erprobung hat eine

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ausreichende Festigkeit und die völlige Dichtheit des Kessels ergeben.

Das Schätzungsgutachten des Architekten und Baumeisters Friedrich Rauch wurde von der Hochbaufachabteilung des n[ieder] ö[sterreichischen] Landesbauamtes an Ort und Stelle überprüft.

Diese Überprüfung hat ergeben: Die Lage der Parzellen 631/3 und 631/9 ist als günstig zu bezeichnen. Die Erhaltung der Baulichkeiten ließ anscheinend in den letzten Jahren zu wünschen übrig, die ansonst solide Bauweise lässt jedoch eine nicht allzu kostspielige Wiederinstandsetzung gewärtigen. Die vom Architekten und Baumeister Friedrich Rauch vorgenommene Schätzung der Parzelle 631/3 samt Baulichkeiten mit 41.500 S kann als durchaus vorsichtig bezeichnet werden. Die Parzelle 631/9 ist mit 7.200 S zu bewerten. Der Kaufpreis von 30.000 S kann daher als vorteilhaft bezeichnet werden. Eine leichte Verwertungsmöglichkeit der Realitäten ist gegeben. Das Hauptobjekt kann infolge seiner Bauart für Wohnzwecke, aber auch für sonstige Zwecke (sogar für Schulzwecke) mit verhältnismässig geringen Kosten adaptiert werden. Die Parzelle 631/9 ist für eine Bauparzellierung sehr geeignet. Die vorhandenen Mängel sind nicht so

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schwerwiegend und die voraussichtlichen Renovierungskosten nicht so hoch, daß sie tatsächlich geeignet wären, eine Schädigung der Gemeinde befürchten zu müssen.

Mit Rücksicht auf diesen Sachverhalt muß daher angenommen werden, daß durch die Erwerbung der gegenständlichen Realitäten eine finanzielle Schädigung der Gemeinde nicht eintritt und daß eine solche Schädigung auch in Hinkunft nicht zu gewärtigen ist.

Die Berufung war sohin abzuweisen.

Hievon werden der Gemeindevorstand Gramatneusiedl und die Berufungswerber zu Handen des Herrn Gemeinderates Josef Baron gleichlautend verständigt.

Wien, am 10. Feb[ruar] 1931

Niederösterreichische Landesregierung.

[Heinrich] Schneidmadl,

Landesrat.

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