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Josef Bilkovsky

Ansuchen an das Bundesministerium für soziale Verwaltung in Wien. Gramatneusiedl, am 1. Juni 1933

in: Archiv der Marktgemeinde Gramatneusiedl, Gemeinde-Kurrenden 1919–1938, Sitzungs-Protokoll zur Gemeinde-Ausschußsitzung der Ortsgemeinde Gramatneusiedl am 1. Juni 1933, Beilagen, S. [1].

Transliteration: Reinhard Müller.

[1]

Abschrift.

Z[ah]l: 592/33

Antrag:

Der Gemeinderat beschliesst zu Punkt 3 der Tagesordnung nachstehendes Ansuchen an das Bundesministerium für soz[iale] Verwaltung zu richten:

An das

Hohe Bundesministerium für soz. Verwaltung

in

Wien I.

Hanuschgasse 3

Laut Erlass des B[undes] M[inisteriums] für soz. Verwaltung, betreffend die Neuregelung der Arbeitslosen und Notstandsunterstützung, soll auch die Gemeinde Gramatneusiedl ab 1. Juli 1933 aus der A Klasse ausgeschieden und in die B Klasse überführt werden.

Diese Massregel würde aber gerade in der Gemeinde Gramatneusiedl, in der 2/3 der Bewohner seit drei Jahren arbeitslos sind, – katastrophale Auswirkungen nach sich ziehen.

Von den 2.360 Einwohnern die der Ort zählt, sind schon im Jahre 1929 durch die gänzliche Stilllegung des Grossbetriebes der Trumau-Marientaler [!] A[ktien] G[esellschaft] welche 90 Angestellte und 1100 Arbeiter beschäftigte, die heute noch immer in der Gemeinde und in der Fabrikskolonie wohnen, – arbeitslos geworden und sind es zum grössten Teile noch jetzt.

Ein kleiner Teil hat Arbeit auswärts gefunden, ein weiterer kleiner Teil steht noch im Bezuge der A[rbeits] L[osen] U[nterstützung] der grösste Teil aber nur mehr im Bezuge der Notstandsaushilfen, welche in der letzten Zeit wesentlich gekürzt wurden, – 40 % davon sind bereits ausgesteuert, oder im Bezuge der Altersrente, so dass Alles in Allen genommen – mit Einschluss der Familienmitglieder gerechnet, beinahe 1600 Menschen seit mehr als drei Jahren von diesen Unterstützungen zu leben gezwungen waren.

Das wirkte sich natürlich im ganzen wirtschaftlichen Leben der Gemeindeinsassen, bei den Geschäftsleuten und Gewerbetreibenden, bei der Landwirtschaft, besonders aber bei den Finanzen der Gemeinde ungünstig aus. Die Einahmen [!] der Gemeinde aus der Lohnabgabe, der Arealsteuer und der Gemeindezuschläge sind um 80 % gesunken, da der grösste Steuerfaktor nicht mehr da ist, – während wieder andererseits infolge der immer grösser werdenden Notlage der Arbeitslosen die Anforderungen an die öffentliche Fürsorge in allen Belangen anschwellen, so dass die Gemeindeverwaltung nicht mehr imstande ist, so zu helfen, als es nur die dringendste Notwendigkeit erfordert.

Durch die beabsichtigte Einreihung der Gemeinde in die B Klasse würde nun diese Not noch gesteigert, die Gewerbetreibenden und Geschäftsleute infolge des weiteren Sinkens der Kaufkraft der Bewohner noch weiter geschädigt werden, als bisher, da schon jetzt viele Arbeitslose nicht einmal soviel bekommen, um nur das nakte [!] Leben fristen zu können.

Der Gemeinderat hat deshalb in seiner am 1. Juni 1933 stattgefundenen Sitzung den einstimmigen Beschluss gefasst, dem hohen Ministerium für soz. Verwaltung das Ansuchen zu unterbreiten, in Würdigung und Berücksichtigung der vorstehend geschilderten wirtschaftlichen Verhältnisse der Bevölkerung und der Notlage der Arbeitslosen von der geplanten Einteilung der Gemeinde Gramatneusiedl in die B. Klasse Abstand nehmen zu wollen und gibt der bestimmten Erwartung Ausdruck, dass das Hohe Ministerium denselben auch Folge geben wird.

Gramatneusiedl, am 1. Juni 1933.

Im Auftrage des Gemeinderates:

Der Bürgermeister:

[Josef Bilkovsky]

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