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Arbeiterheim Marienthal, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung

Vereinssitz: Gramatneusiedl

gegründet 1925, aufgelöst 1934

seit 1945: Verein Arbeiterheim Gramatneusiedl-Mariental

Die Gründung dieser für Marienthal bedeutsamen Genossenschaft hat eine längere Vorgeschichte. Im Februar 1923 lehnte die Niederösterreichische Landesregierung das Ansuchen der Freien Gemeinde Gramatneusiedl um Verkauf eines gemeindeeigenen Grundstückes in der Größe von 5.615 Quadratmetern an die Lokalorganisation der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« (SDAP) aus formalen Gründen ab. Auf dem Areal sollten ein Erholungsheim für Arbeiter und Arbeiterinnen sowie ein Kindergarten errichtet werden. Über Antrag des christlichsozialen Gemeinderates Matthias Spiegelgraber (1865–1939) beschloss der Gemeinderat in seiner Sitzung vom 2. März 1923 einstimmig, den Grund nicht mehr der Partei, sondern an vier Sozialdemokraten zu verkaufen, und zwar um 280.750 Kronen: Josef Bilkovsky (1871–1940), Bürgermeister, Rudolf Böhm (um 1893–1941), Elektriker, Robert Willibald Malik (um 1878–1956), Maschinist, und Karl Swoboda (1885–?), Fabrikangestellter. Es sollte jedoch noch zwei Jahre dauern, bis dieser Verkauf vonstatten ging, und zwar an die auf Initiative von Josef Bilkovsky am 15. Juli 1925 gegründete Genossenschaft »Arbeiterheim Marienthal, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung«. Zweck der Genossenschaft war: »1. Die Erbauung eines Hauses und die Erwerbung des dazu gehörigen Grundes. 2. Dieses Haus, das den Namen ›Arbeiterheim in Marienthal‹ erhält, soll ein Vereinigungspunkt für alle Genossenschafter und Angehörigen, bez[iehungs]w[eise] Mitglieder jener Organisationen sein, welche der Genossenschaft als Mitglied angehören. 3. Es soll Raum bieten für Versammlungen, Veranstaltungen, Abhaltungen von Vorträgen, Unterhaltungen und Zusammenkünften, ferner für Theateraufführungen und Konzerte und gleichzeitig ein Heim sein für die Kinder von Marienthal.« Die Mittel zur Erbauung dieses Hauses sollten aufgebracht werden: »a) Durch Zeichnungen von Anteilen. b) Durch Legate seitens der Mitglieder. c) Durch freiwillige Beiträge (Bausteine). d) Durch Ertrag von Vermietungen und Verpachtungen der Räumlichkeiten des Hauses.« Mitglieder der Genossenschaft konnten Arbeiter und Arbeiterinnen, Angestellte und Kleingewerbetreibende sowie Vereine und Berufsorganisationen der Angestellten und Arbeiterschaft werden. Jedes Genossenschaftsmitglied hatte eine Mindestkapitaleinlage von fünf Schilling zu erbringen, wobei es frei stand, auch mehrere Anteile zu erwerben. Der sozialdemokratische Charakter dieser Genossenschaft wurde nicht zuletzt dadurch unterstrichen, dass jede Generalversammlung im führenden niederösterreichischen Parteiorgan, »Gleichheit. Sozialdemokratisches Organ für die Interessen des arbeitenden Volkes« (Wiener Neustadt), angekündigt werden musste.

Das in Eigenregie von Mitgliedern der Genossenschaft errichtete Arbeiterheim Marienthal (baupolizeilich geschlossen 1977, abgerissen 1989) stand etwa auf dem Platz des heutigen Gemeindezentrums Gramatneusiedl, Marie-Jahoda-Platz 1, und verfügte über einen großen Saal sowie ein Sitzungszimmer. Es diente seither als Vereinslokal der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« und der ihr angeschlossenen und nahe stehenden Vereine. Bis dahin erfüllte das Gasthaus Sam in Neu-Reisenberg diese Funktion. Man konnte im Arbeiterheim Marienthal ohne den in Gasthäusern üblichen Konsumzwang verkehren, kostenlos Karten und Schach spielen oder Zeitungen lesen. Außerdem war hier die zuletzt etwa 1.300 Bände umfassende Bibliothek der sozialdemokratischen Organisationen untergebracht. Das Arbeiterheim Marienthal, das nach der Textilfabrik in der Marienthal-Studie am häufigsten genannte Gebäude, war während der Recherchen ein wichtiger Kommunikations- und auch Beobachtungspunkt des Projektteams.

Die Genossenschaft wurde 1934 behördlich aufgelöst, gründete sich aber nach 1945 als Verein neu unter dem Namen »Verein Arbeiterheim Gramatneusiedl-Marienthal«.

Weitere Informationen auf dieser Website:

Große Chronik von Gramatneusiedl, Marienthal und Neu-Reisenberg:

Bilder: Das Arbeiterheim Marienthal.

Häuserbuch Marienthal 1930: Arbeiterheim Marienthal.

Archiv:

● [Anonym]: Statuten des »Arbeiterheimes Marienthal, Gemeinde Gramatneusiedl, reg[istrierte] Genossenschaft m[it] b[eschränkter] H[aftung]«. [Gramatneusiedl 1925], unpaginiert (8 S.); Maschinenschrift:

● Swoboda, Karl (1885–?) & Jilek, Ludwig (1880–1962): Protokoll-Auszug über die gründende Versammlung des Proponentenausschusses der Firma »Arbeiterheim Marienthal, G[e]m[ein]de Gramatneusiedl, Genossenschaft m[it] b[eschränkter] H[aftung]«. Gramatneusiedl, am 15. Juli 1925, unpaginiert (1 S.); Maschinenschrift:

● Swoboda, Karl (1885–?) & Jilek, Ludwig (1880–1962): Ansuchen um handelsgerichtliche Protokollierung der Firma »Arbeiterheim Marienthal, reg[istrierte] Gen[ossenschaft] m[it] b[eschränkter] H[aftung]«. [Gramatneusiedl 1925], unpaginiert (1 S.); Maschinenschrift:

© Reinhard Müller
Stand: Oktober 2010

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