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Erinnerungen an Marienthal

Gertrude Wagner im Gespräch mit Christian Fleck

Wien, am 24. Februar 1984

Auszugsweise und von Reinhard Müller redigierte Wiedergabe eines Interviews von Christian Fleck mit Gertrude Wagner.

Quelle: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich (Graz), Tondokumente, Signatur T–1.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Christian Fleck, Graz, und dem Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich (Graz).

Mit Soziologie begonnen hat der Paul Lazarsfeld, also mit moderner, empirischer Soziologie. Ich möchte jetzt über diese sprechen. Paul Lazarsfeld hat, um auch das zu verstehen, Physik studiert gehabt, war ein ziemlich engagierter, junger Sozialdemokrat und besonders an Kindererziehung interessiert. Das hing zusammen. Er hat Physik fertig studiert, wollte Mittelschullehrer werden und war es auch kurze Zeit. Er hat sich als Sozialist sehr für moderne Kindererziehung interessiert, was damit zusammengehängt haben mag, dass er [Otto] Glöckel[1] ganz gut persönlich gekannt oder kennen gelernt hat. Nur nebenbei: Seine Mutter hat zu dem sozialistischen, sozialdemokratischen Salon gehört. Er ist also auch durch die Mutter, die eine Individualpsychologin war, zur Individualpsychologie stark in Beziehung getreten. Daher das Thema Kindererziehung. Paul Lazarsfeld wollte aber nicht Mittelschullehrer bleiben und ist dann zum Bühler-Institut[2] gegangen. Und zwar nicht zu ihm, der ja sicher einer der ersten Sprachforscher, aber doch nicht empirisch war, während sie ja empirisch gearbeitet hat. Lazarsfeld ist dadurch – oder schon vorher – durch verschiedene französische Psychologen mit der ganzen Frage des IQ in Berührung gekommen. Als Physiker und Mathematiker hat er unter anderem [Charles Edward] Spearman[3] für Österreich entdeckt. So komisch es klingen mag, man wusste zu dieser Zeit in Österreich nicht, wer Spearman war. Nun hatte Lazarsfeld Spearman übersetzt: Ich weiß nicht, ob das ganze Buch, aber doch alles Wesentliche. Und Lazarsfeld hat die Bühler in der Richtung beraten, man müsse empirische Forschung über die Kinderentwicklung machen. Das hat Charlotte Bühler sehr angenommen. Er hat dann einen Kurs »Einführung in die Statistik« am Psychologischen Institut gehalten, wahrscheinlich für uns heute recht primitiv, aber immerhin. Und auf diese Weise kam er zur empirischen Soziologie. Dadurch hat er auch etwas von den amerikanischen – ich glaube, die gab es schon – Public-Opinion-Leuten gewusst; ich weiß nicht, ob’s die schon zu dieser Zeit gab, oder ob die erst ein bisschen später kamen. Wie auch immer, Lazarsfeld hat sich gedacht, dass man von so einer Stelle am Psychologischen Institut sehr gut leben könnte, insbesondere, wo es sehr zweifelhaft war, dass er je Dozent werden könnte. Für ihn als Juden und Sozialdemokraten war das doch recht hoffnungslos. Auch wenn ihn die [Charlotte] Bühler sehr gefördert hat; sie hat ihn ja gebraucht, meiner Meinung nach. Nun, da hat Lazarsfeld etwas gegründet, was sich die »Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle« genannt hat. Und zwar wollte er – er musste schon von Public Opinion Polls in Amerika und von Market Research etwas gehört haben – Market Research machen. Er wollte also so ein Institut für Market Research in Wien aufziehen. Damit sollte man also Geld verdienen. All diese Studenten am Bühler-Institut hatten ja gar kein Geld, und es gab fast keine Möglichkeit, irgendwelches zu verdienen… war ja eine schauerliche Zeit. Es war also mit ein Gedanke, wenn er da so ein Market Research Institut aufzieht, dass diese Studenten dann ein bisschen Geld verdienen würden. Man musste damals ja alles mit der Hand machen: So wurden die Bogen mit der Hand ausgezählt. Und der Rechenschieber war schon eine große Erfindung, dass man damit Prozente berechnen hat können. Also man musste sogar, ich kann mich erinnern, einen Kurs in Rechenschieberverwendung machen. Und so hat Lazarsfeld diese »Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle« gegründet und Market Research gemacht. Ich glaube, man ist dann nicht sehr reich geworden, aber die Studenten haben ein bisserl verdient. »Stricheln« hat er das nämlich genannt, wissen Sie. Man hat die Fragebögen mit der Hand ausgezeichnet, dann hat man sie so aufgeschrieben und hat danach Prozente berechnet… kommt einem heute alles ein bisserl komisch vor.

Die Verankerung Paul Lazarsfelds bei den Psychologen: War die sozusagen zufällig, weil Bühler dort war?

Ja, weil sie, die Charlotte Bühler, ihn gefördert hat. Er hätte sich sonst nicht halten können. Denn sie hat ihn sehr gebraucht und hat ihm also die Möglichkeit gegeben, dort zum Beispiel Kurse über Statistik, über Spearman und so weiter zu halten. Ah, und er hat ihr ja sehr geholfen bei ihren empirischen Untersuchungen.

Ja. Aber er selbst hat an Psychologie doch eigentlich kein Interesse gehabt?

Das kann man nicht sagen. Natürlich waren all die Leute dieser Zeit, die sozialistischen Individualpsychologen, an Psychologie sehr interessiert, gar keine Frage.

Hing das mehr mit der Erziehungsbewegung oder mit der Kulturströmung der Arbeiterbewegung oder mit politischen Aspekten zusammen?

Wahrscheinlich beides, beides ineinander greifend, würde ich glauben. Die Individualpsychologie hat eine große Rolle gespielt. Sie war für einen jungen Sozialisten brauchbar, der sich für Kindererziehung und Kinderforschung interessiert hat. Außerdem war Lazarsfeld sicher kein Psychoanalytiker, ich meine, von seiner ganzen Persönlichkeit her. Ich glaube, das hat ihm weniger zugesagt. Aber er war ein großer [Alfred] Adler-Anhänger, ist auch in Seminare von Adler gegangen und so weiter. Ah, ja, und natürlich war er gleichzeitig auch politisch bewegt gewesen, und jugendbeweglerisch beeinflusst. Sehr stark. Und damit hing dann wahrscheinlich wohl auch das Interesse für Kindererziehung zusammen. Dieses Jugendbeweglerische und Siegfried Bernfeld,[4] würde ich sagen, hatten eine ganz große Rolle gespielt.

Aber war Bernfeld nicht stärker psychoanalytisch orientiert?

Das war er. Aber gleichzeitig war er wirklich an Erziehungsfragen interessiert, zumindest in der Zeit als Führer der Jugend, einer gewissen Jugendbewegung. Also das war auch ein Faktor. Das alles spielte beim Paul Lazarsfeld zusammen, würde ich glauben. Und dann war Lazarsfeld natürlich auch politisch sehr interessiert. Er war sozusagen der Führer der linken Studenten und linken Mittelschüler innerhalb der sozialdemokratischen, der sozialistischen Partei. Da gab es ja Streit, das wissen Sie vielleicht, so große Fraktionen: die Rechten und die Linken. Und Lazarsfeld war der Führer der Linken.

Richtig der Führer?

Ja, er war zusammen mit dem Ludwig Wagner der Führer. Es gab also diese politische Seite, dann die jugendbeweglerische Seite, die statistische Seite und eine ganze Reihe anderer Faktoren.

Und spielte Lazarsfeld politisch noch eine Rolle, als er bei Bühlers Assistent war?

Nein, er hat dann, glaube ich, aufgehört, politisch eine Rolle zu spielen, war nicht mehr in Politik involviert, war eigentlich weggegangen von der Politik. Und Marienthal, Sie erinnern sich sicher?

Ja, ja.

Die Idee dazu kam, meine ich, von seiner Soziologie. Er hat natürlich diese Market Research verwendet. Er hat gemeint, um soziologische Erkenntnisse zu finden, müsse man sich stark mit der Motivation beschäftigen, mit der Frage: Warum und wie reagieren Menschen? Und Lazarsfeld hat auch die eine oder andere soziologische Untersuchung gemacht. Ich habe auch einmal eine in diesem Rahmen über Lese- und Hörgewohnheiten beim Radio gemacht.[5] Ich war also da ziemlich eng in der »Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle« involviert, die habe ich sozusagen administrativ für ihn, mit ihm gemacht.

Ab wann waren Sie an der »Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle«?

Ganz von Anfang an, vom ersten Tag an. Ich war vom ersten Tag, von der ersten Idee an dabei. Aber intellektuell war in der Forschungsstelle Lazarsfeld dominierend, gar keine Frage. Natürlich auch, weil er sich eben auch für soziologische oder soziale Fragen sehr interessiert hat. Und so meinte er, machen wir einmal eine andere Untersuchung. Und die Idee dazu gab der Otto Bauer, und zwar gegenüber Hans Zeisel. Ich glaube, in der Marienthal-Studie ist ja der Anhang von Hans Zeisel. Das hat auch dazugehört, dass man diese englischen sozialgeschichtlichen Untersuchungen gekannt und sich damit beschäftigt hat. Und der Zeisel war ein guter Freund vom Paul Lazarsfeld. Aber intellektuell, würde ich glauben, hat er kaum etwas beigetragen. Er war ein guter Freund und hat immer zugehört, aber ich glaube nicht, dass er schrecklich viel beigetragen hat, ist mein Eindruck. Er hat dann später, wie Sie wissen, in der Marienthal-Studie diesen Anhang geschrieben.

Ja, aber Zeisel war wieder sehr gut mit dem Otto Bauer. Zeisel war also jemand, der einfach hingegangen ist, auch zum Oscar Pollak,[6] auch zur »Arbeiterzeitung«. Und so hat er irgendwie auch mit dem Otto Bauer geredet, und der hat g’sagt: »Ja, macht’s doch eine Untersuchung über die Arbeitslosen.« Wie ich glaube, war das damals auch in der Partei ein Diskussionsthema, nämlich das Thema »Werden die Long Term Unemployed verwendbar sein im letzten Kampf?«, wenn Sie so wollen. Man hat damals in dieser Terminologie geredet, in diesen Vorstellungen gedacht. Und ich glaube, es gab eine ziemliche Diskussion darüber: Wie werden sich die Arbeitslosen verhalten? Da die Sozialisten natürlich unter ihren Mitgliedern einen ganz großen Teil Arbeitsloser hatten, war das sicher ein interessantes Thema.

Aber diese Verbindung zu Bauer ist eigentlich über Zeisel gelaufen?

Also diese Idee kam über Zeisel. Bitte, die waren alle auch untereinander bekannt, und da gab es einen Club, wo auch die Intellektuellen der Partei – ich glaube, alle drei, vier Wochen – zusammengekommen sind und diskutiert haben. Und ich habe Ihnen schon gesagt: Es geht da manches durcheinander. Die Mutter vom Paul Lazarsfeld hatte einen Salon, und in Wirklichkeit sind es ja die Salons gewesen, wo all diese Leute hingekommen sind: vom Max Adler über Fritz Adler bis hin zum Alfred Adler.[7]

Also, der Paul Lazarsfeld war sozusagen mitten in der Hautevolee. Sein Vater[8] war ein Rechtsanwalt und hat, glaube ich, auch eine ganze Menge Prozesse für Sozialisten geführt, obwohl er politisch sonst nicht sehr hervorgetreten ist. Sofie Lazarsfeld ist als Individualpsychologin ganz bekannt geworden. Und Paul war ohne Zweifel stark von seiner Mutter beeinflusst. Nun, sie hat ein Buch herausgebracht, für die damalige Zeit auch etwas ganz Neues, das hat geheißen: »Wie die Frau den Mann erlebt«.[9]

Und Marie Jahoda, welche Rolle hat sie in dem Kreis gespielt?

Keine! Moment: In der Jugendbewegung eine ganz große, nämlich insofern eine ganz große, das muss ich sagen, als es natürlich in jeder Jugendbewegung Gruppen und Grüppchen gab. Sie ist mit ihrem Bruder Edi Jahoda, der eigentlich ein Pfadfinder war – das war ein großer Pfadfinder damals –, in irgendeiner Form zur sozialistischen Mittel- und Hochschülerbewegung gestoßen, und zwar zur Linken. Und sie war eine blendende Rednerin. Sie war ja auch beispielsweise in Ferienkolonien tätig,[10] war immer eine wirklich begabte Rednerin. Also Referate und Diskussionen, das konnte sie alles sehr gut. Und da hat sie eigentlich eine ziemliche Rolle gespielt. Auch in ihrer Schule, nur weiß ich darüber ein bisserl zu wenig. In der Albertgasse,[11] da gab es eine Mädchenschule, und aus dieser Mädchenschule kamen viele sozialistische linke Mittelschüler. Nun, sie ist dann später sehr schwierig gewesen, in der »Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle«. Das möchte ich eigentlich fast nicht erzählen, das ist fast zu persönlich. [Das Tonbandgerät wird für einige Zeit abgeschaltet.]

Nach 1934 hat Jahoda – Paul Lazarsfeld ist ja nach Amerika gegangen – dann diese Forschungsstelle noch etwas weitergeführt. Bevor Lazarsfeld nach Amerika gegangen ist, hat er irgendeinen reichen Herrn Gold[12] für die ganze Sache so interessiert, dass der uns alle Schulden gezahlt hat… und wir hatten eine Menge Schulden, weil natürlich diese Market Research nicht genug abgeworfen hat. Wir hatten gar kein Geld und wussten nicht, wie wir unsere »Strichler« zahlen sollten. Und wir wollten ja unsere »Strichler« zahlen, weil es lauter arme Studenten waren. So mussten wir uns dann Geld ausleihen. Und dann hat Lazarsfeld diesen Herrn Gold entdeckt, der wahrscheinlich noch nie im Leben etwas anderes war als ein Kaufmann. Er hat in der Schweiz gelebt; woher ihn Lazarsfeld hatte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war der so stolz etwas mit Intellektuellen zu tun zu haben, dass er die Schulden der Forschungsstelle gezahlt hat und dafür nur, ich weiß nicht, einen Titel erhielt? Oder er wollte, dass man ihn fragt und berät. Und wie dann Lazarsfeld weg war, und die Forschungsstelle halt noch weiter ihre Existenz geführt hat, so gut sie konnte, da gab’s so einen kaufmännischen Leiter, der uns noch Aufträge verschafft hat.[13] Und da ist dann auch die Mitzi Jahoda gekommen, die dann sehr viel politisch gearbeitet hat, ich meine, im illegalen Apparat wirklich sehr aktiv war. In die hat sich dann auch der Gold ganz … verliebt … das ist ein falsches Wort. Aber der Gold hat das großartig gefunden, was für eine gescheite Frau sich mit ihm beschäftigt und viele Stunden mit ihm verbringt und ihm nämlich Dinge erzählt, nicht in einem missverständlichen Dings… Also kurz: Er war ganz begeistert von ihr, und sie hat dann auch in der Forschungsstelle gearbeitet, aber hat die Forschungsstelle auch als Deckmantel für ihre illegale Arbeit benützt. Und eines Tages ist das natürlich aufgeflogen.

Die anderen wussten davon, dass das sozusagen…?

Nein, nein, das hat sie verheimlicht. Ich bin damals in dieser letzten Phase der Forschungsstelle schon in England gewesen.[14] Und Jahoda hat also dem Gold gesagt, sie sei seine Vertreterin und sie sorge für Ordnung in der Forschungsstelle. Sie hat das sicher sehr geschickt gemacht, vom Standpunkt der politischen, illegalen Arbeit aus. Und sie hat es unter anderem so eingerichtet, dass sie den Schlüssel zum Briefkasten der Forschungsstelle hatte. Und auf diese Art hat nur sie den Briefkasten mit aller Korrespondenz öffnen können und hat alles, was also die Forschungsstelle betroffen hat, dort hingegeben, wo es hingehört hat. Und dann ist alles aufgeflogen, und damit war die Forschungsstelle aufgelöst. Damals waren natürlich nicht alle ganz begeistert, weil es sind doch ein paar Leute hineingezogen worden. Der Theo Neumann[15] zum Beispiel, der sehr aktiv war, ein Gescheiter, leider ein bisschen Kranker. Gut, es sind also ein paar Leute von der Polizei zumindest interniert worden. Und dann hat es natürlich den Studenten sehr leid getan, weil es waren halt doch immer Sozialistinnen oder Sozialisten, die aber nicht so sehr, besonders nicht illegal, engagiert waren. Und wie es aufgeflogen ist, war es natürlich aus. Da waren dann, das habe ich nachher gehört, denn ich war ja damals in England, da waren dann halt die Stimmen verschieden: Einerseits war illegale Arbeit sicher sehr wichtig, gleichzeitig war es sozusagen, hat es den … na gut, sie haben alle überlebt, keiner ist verhungert [lacht].

Haben Sie in der Forschungsstelle, in den Jahren bis 1934, eigentlich immer für den Markt Forschungen gemacht oder auch andere?

Doch, sehr viele für den Markt.

Und in welcher Intensität?

Na, ununterbrochen. Es gab viele Untersuchungen, für alle möglichen Dinge: für Meinl, eine Schuhuntersuchung und eine Kleideruntersuchung und, ach, viele. Ununterbrochen. Es war eigentlich ein ständiger Betrieb. Wir hatten ein Büro. Das erste Büro war in der Wallnerstraße, wo jetzt das englische Konsulat ist. Wir hatten ein großes und ein kleines Zimmer, und da war immer Betrieb, immer.

Aber es ging also vorrangig um Auftragssachen?

Vor allem Auftragssachen. Aber Lazarsfeld hat eine Menge anderer Sachen gemacht: zum Beispiel Marienthal. Da gibt es nämlich eben auch so eine Sache: Die geistige Führung, die Ideen, würde ich sagen, also einen großen Teil der Ideen hatte Lazarsfeld. Aber da gab es noch die Lotte Schenk-Danzinger. Und da ist jetzt was Merkwürdiges geschehen. In Wirklichkeit war es die Lotte Danzinger, die die ganze Zeit in Marienthal war, und die nicht nur Interviews und so weiter ausgeführt hat, sondern die selber auch eine ganze Menge Ideen hatte. Sie war ja auch später eine enge Mitarbeiterin von der Charlotte Bühler und war immer eine sehr ideenreiche Person. Nun, wie ich Ihnen früher geschildert habe [während das Tonbandgerät abgeschaltet war; Anm. R.M.], aus diesen ganz persönlichen Gründen habe ich schon damals dem Paul Lazarsfeld gesagt: »Ich finde das schrecklich unfair, dass die Danzinger nicht viel mehr in der Marienthal-Studie herausgekommen ist, weil sie dort wirklich…« Man dankt ihr zwar, aber sie hatte einen viel größeren Anteil an der Arbeit. Und jetzt sagen mir junge Leute, es gibt ja jetzt eine zweite Marienthal-Untersuchung.[16]

Ja.

Ich habe ein bisserl was gehört, ich war nicht schrecklich beeindruckt. Ich kenne aber die Details nicht. Na ja, die wollten die Danzinger, also die heißt jetzt Schenk, die wollten sie also interviewen, und sie sagte, sie kann sich an nichts erinnern.

Ja, ja.

Ich weiß es natürlich nicht genau, aber es kann zwei Gründe haben: Sie hat dann einen konservativen Mann geheiratet.[17] Allerdings hat sie dann trotzdem weiter für die Gemeinde Wien gearbeitet und ist auch, glaube ich, in ihren ganzen psychologischen Ideen in Kinderdingen durchaus ein progressiver Mensch geblieben. Oder vielleicht war sie doch sehr beleidigt, dass man sie nicht mehr in der Marienthal-Studie berücksichtigt hat. Aber das ist so meine Theorie.

Und Sie haben dann auch in England als Sozialwissenschaftlerin gearbeitet?

Ja, ich habe in England eine eigene Geschichte gemacht. Ich habe zunächst einmal bei »London Press Exchanges«, das war ein Market Research Institute, eine Stelle gekriegt. Wie ich hingekommen bin, waren die Methoden des Interviewen bei diesem englischen Market Research Institute vollkommen neu. Die waren also nur gewohnt, mit Zahlen zu arbeiten, nicht mit Interviews, also nicht mit Case Work. Und dafür haben sie mich angestellt, weil das hatte ich ja in Wien gelernt. Und danach, das hat aber eine Weile gedauert, habe ich dann einige Zeit, ich glaube eineinhalb Jahre, wenn nicht länger, bei einer Arbeitslosenstudie mitgemacht, die in England gemacht wurde; die ist auch publiziert worden.[18] Und zwar war diese Studie eine Studie, finanziert vom »Pilgram Trust«[19] – das war so ein religiöser, größerer Fonds – über Long-Term-Unemployed. Es gab damals eine Reihe von Versuchen, etwas mit oder für die Long-Term-Unemployed zu tun, wobei mehr oder weniger Geld hineingesteckt wurde. Das hat den »Pilgram Trust« interessiert, und der hat mich also zur Mitarbeit eingeladen, weil ich aus Österreich kam und wegen der Marienthal-Studie. Wir haben eine Untersuchung an sechs verschiedenen Orten in England mit Long-Term-Unemployed gemacht: zuerst eine statistische Analyse und dann Interviews. Es ging vor allem darum, die, ich würde sagen, Haltung der Arbeitslosen, dieser Long-Term-Unemployed, festzustellen. Die Haltung zu ihrer Arbeitslosigkeit, wie weit Apathie, wie weit Aktivität und so weiter. Und wir haben das dann publiziert.

[1] Otto Glöckel (1874–1935): österreichischer Pädagoge und sozialdemokratischer Politiker; seit 1892 Volksschullehrer, 1897 als Sozialdemokrat aus dem Schuldienst entlassen; 1907 bis 1918 Mitglied des Reichsrates, 1918 bis 1934 Abgeordneter zum Österreichischen Nationalrat, 1918 bis 1919 Unterstaatssekretär im Staatsamt des Innern und 1919 bis 1920 Unterstaatssekretär für Unterricht; leitete nach dem Ersten Weltkrieg die sozialdemokratische Schulreform des »Roten Wien« ein, deren wichtigster Repräsentant er wurde; 1922 bis 1934 Präsident des Wiener Stadtschulrates; im Februar 1934 verhaftet, des Amts enthoben und erst im Oktober 1934 wieder freigelassen. Anmerkung R.M.

[2] Psychologisches Institut der Universität Wien, wo 1922 bis 1938 Karl Bühler (1879–1963) und 1923 bis 1938 seine Ehefrau Charlotte Bühler (1893–1974) wirkten. Anmerkung R.M.

[3] Charles Edward Spearman (1863–1945): britischer Psychologe; Ph. D.; zunächst in der Armee in Indien; 1907 bis 1911 Lecturer und Vorstand des Psychological Laboratory und 1911 bis 1931 Professor of Philosophy of Mind and Logic am University College in London, 1931 emeritiert; entwickelte 1904 die Faktorenanalyse und schuf eine Zweifaktorentheorie der Intelligenz mit einem allgemeinen und einem einer Gruppe untergeordneten, spezifischen Intelligenzfaktor. Anmerkung R.M.

[4] Siegfried Bernfeld (d.i. Selig Bernfeld; 1892–1953): US-amerikanischer Psychoanalytiker und Sozialpädagoge österreichisch-ukrainischer Herkunft; Dr. phil.; seit etwa 1917 führender Kopf der radikalen Wiener Jugendkulturbewegung und der jüdischen Jugendbewegung; 1920 bis 1926 Privatpraxis als Psychoanalytiker in Wien und 1926 bis 1932 in Berlin, 1926 bis 1930 Dozent am Sozialpolitischen Seminar der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin; 1932 Rückkehr nach Wien, 1934 Emigration nach Frankreich, 1937 nach Großbritannien und in die USA, später Annahme der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft; 1937 bis 1952 Privatpraxis als Psychoanalytiker in San Francisco (California). Anmerkung R.M.

[5] Vgl. Gertrud Wagner: Die Programmwünsche der österreichischen Radiohörer, in: Archiv für die gesamte Psychologie. Organ der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (Frankfurt am Main–Leipzig), 90. Bd. (1934), S. 157–164. Anmerkung R.M.

[6] Oscar Pollak (d.i. Oskar Pollak; 1893–1963): österreichischer Journalist und Schriftsteller; Dr. jur.; seit 1920 Journalist bei sozialdemokratischen Zeitungen in Wien, 1923 bis 1926 im Sekretariat der »Sozialistischen Arbeiter-Internationale« in London tätig, seit 1926 Redakteur und seit 1931 Chefredakteur der »Arbeiterzeitung« (Wien); seit 1934 im Untergrund in Wien aktiv, Mitbegründer der »Revolutionären Sozialisten Österreichs« (RSÖ); seit 1936 im Sekretariat der »Sozialistischen Arbeiter-Internationale« in Brüssel, seit 1938 in Paris tätig; 1940 Flucht nach London, Mitbegründer der »Auslandvertretung der österreichischen Sozialisten« (AVÖS); 1945 Rückkehr nach Österreich, 1945 bis 1961 wieder Chefredakteur der »Arbeiterzeitung«. Anmerkung R.M.

[7] Diese drei Adlers waren nicht miteinander verwandt. Anmerkung R.M.

[8] D.i. der Wiener Rechtsanwalt Robert Lazarsfeld (1871–1940). Anmerkung R.M.

[9] Vgl. Sofie Lazarsfeld: Wie die Frau den Mann erlebt. Fremde Bekenntnisse und eigene Betrachtungen. Leipzig–Wien: Schneider 1931, 331 S. Anmerkung R.M.

[10] Marie Jahoda leitete im Sommer 1926 eine Sommerkolonie, also ein Ferienlager für Jugendliche, der »Vereinigung sozialistischer Mittelschüler« im oberösterreichischen Ebensee. Anmerkung R.M.

[11] Gemeint ist das Mädchen-Realgymnasium des Vereins für realgymnasialen Mädchenunterricht in Wien 8., Albertgasse, welches Marie Jahoda 1918/19 bis 1925/26 besuchte und wo sie im Juli 1926 maturierte. Anmerkung R.M.

[12] Leo Gold, schweizerischer Kaufmann, von der Gründung im Oktober 1931 bis Dezember 1934 Leiter der kommerziellen Abteilung der »Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle«. Anmerkung R.M.

[13] Gemeint ist Heinrich Faludi (1883–?). Anmerkung R.M.

[14] Gertrude Wagner emigrierte im Februar 1936 nach London und kehrte erst im Mai 1948 nach Wien zurück. Anmerkung R.M.

[15] Theodor Neumann (1908–1970): österreichischer Wirtschaftspsychologe und später Jurist; Dr. jur.; seit 1935 Mitglied der »Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeiter der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle«, wurde im November 1936 im Zuge der Hausdurchsuchung in der Forschungsstelle verhaftet, monatelang in Untersuchungshaft behalten, aber dann wieder auf freien Fuß gesetzt. Anmerkung R.M.

[16] Gemeint ist das Forschungsprojekt des Jubliäumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank Nr. 1521 »Marienthal 1930–1980. Rückblick und sozialpsychologische Bestandaufnahme in einer ländlichen Industriegemeinde« von Michael Freund (geb. 1949), János Marton (geb. 1949) und Birgit Flos (geb. 1944); Projektleiter: Alexander Giese (geb. 1921); Unterlagen zu diesem Projekt befinden sich im Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich, Graz, Signatur 38. Anmerkung R.M.

[17] Gemeint ist der Ingenieur Johann Schenk (1902–1995), den Lotte Danzinger 1937 heiratete. Anmerkung R.M.

[18] Vgl. Men without work. A report made to the Pilgrim Trust. With an introduction by the Archbishop of York [d.i. William Temple] and a preface by [Hugh Pattison] Lord Macmillan. Cambridge: Cambridge University Press 1938, xii, 447 S. Die Untersuchung wurde an sechs Orten durchgeführt: Deptford, Leicester, im Rhondda Urban District in South Wales, Crook in County Durham, Liverpool und Blackburn. Anmerkung R.M.

[19] Pilgrim Trust: 1930 von dem US-amerikanischen Philanthropen und Sozialreformer Edward Stephen Harkness (1874–1940) gestifteter Fonds in Großbritannien, der Studien über soziale Probleme förderte; der heute noch existierende Fonds hat seinen Sitz in London. Anmerkung R.M.

© Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich

Stand: Juni 2010

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