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k.k. Barackenlager Mitterndorf

in den Gemeinden Gramatneusiedl, Mitterndorf an der Fischa und Moosbrunn

errichtet 1915, aufgelassen 1919

Lageplan

Im Februar 1915 erschien ein Militärbevollmächtigter in den Gemeinden Gramatneusiedl, Mitterndorf (seit Juli 1917: Mitterndorf an der Fischa, Niederösterreich) sowie Moosbrunn (Niederösterreich) und beschlagnahmte von dortigen Bauern einige Wiesen, um sie dem Areal des zu errichtenden Flüchtlingslagers Mitterndorf zuzuschlagen. Am 31. Mai 1915 wurde das »k(aiserlich) k(önigliche) Barackenlager Mitterndorf« eröffnet und diente italienischsprachigen Flüchtlingen, Deportierten und Evakuierten aus dem italienischen Trentino sowie aus Istrien als Notquartier. Diese Menschen, vorwiegend aus Borgo Vasugana, Brentonico, Caldonazzo, Mori, Roncegno Terme, Telve, Terragnolo, Vallarsa und Vermiglio, stießen bei der ortsansässigen Bevölkerung auf wenig Gegenliebe, nicht zuletzt deswegen, weil sie sich in den Geschäften vor Ort verpflegten und damit die ohnedies schlechte Versorgungslage verschärften. Da half es wenig, dass viele der Barackenbewohner im Lager selbst sowie in den umliegenden Fabriken arbeiteten, einige auch beim Bahnbau.

Das Barackenlager, das zu einem beträchtlichen Teil auf heutigem Gramatneusiedler Gemeindegebiet stand, verfügte über 441 meist aus Holz errichtete Gebäude auf rund 675.000 Quadratmetern. Eigentlich bestand es aus zwei Lagern, welche überwiegend 1915 und 1916 errichtet wurden: Im Lager I standen 96 Baracken mit je zehn Zimmern (belegbar mit je zehn Personen), im Lager II insgesamt 196 Baracken mit je sechs Zimmern (belegbar mit je sechs Personen). Dazu kamen verschiedene Infrastrukturbauten: drei Schulbaracken mit 42 Klassenzimmern, wo über 40 fast nur weibliche Lehrkräfte bis zu 2.169 Schüler unterrichteten, zwei Waisenhäuser mit bis zu 250 Kindern, ein Kindergarten, vier von Franziskanerinnen betreute Spitäler (je ein chirurgisches Spital und Kinderspital, zwei allgemeinmedizinische Spitäler), eine Säuglings- und Zahnärzteambulanz, eine Allgemeinambulanz, vier Notspitäler, ein Siechenhaus, eine Apotheke, eine Kirche, wo acht Priester wirkten, ein Friedhof, ein Freibad am Fischa-Werkskanal mit Liegehalle, eine Volkshalle mit Kino und Theater, eine Feuerwehr, ein Post- sowie ein Telegrafen- und Telefonamt, dazu zahlreiche Verwaltungs- und Wohnbaracken für die Angestellten des Lagers. Es gab auch eine eigene 60 cm-Schmalspurbahn vom Bahnhof Mitterndorf an der Fischa zum Lager. Die Bedingungen in den von Regierungskommissär Viktor Imhof (bis 1919: Ritter von Geißlinghof) geleiteten Lagern – er wurde im März 1918 vom Statthalterei-Ingenieur Friedrich Schmidtkunz abgelöst – waren katastrophal. Zwischen Juni 1915 und November 1918 starben hier 1.913 Personen, und 449 wurden im selben Zeitraum in den Lagern geboren. Allein aus dem Dorf Vermiglio verstarben im Mitterndorfer Lager zwischen 1915 und 1917 insgesamt 204 Menschen, welche auf dem Friedhof in Mitterndorf begraben wurden. Im April 1917 lebten in den beiden Lagern über 8.200 Personen, die höchste Belegzahl betrug rund 11.600 (zur Jahreswende 1916/17). Bereits im November 1917 verließen die Ersten das Barackenlager, und nach Kriegsende, insbesondere seit Januar 1919, versuchte man, das Lager aufzulösen und die Menschen in ihre Heimat zurückzuschicken, doch verblieben viele der Zwangsausgesiedelten im Ort. Die Einwohner, welche in den etwa 30 Baracken auf ehemaligem Gramatneusiedler Boden verblieben, waren bis 1937 Zankapfel zwischen den Gemeinden Mitterndorf an der Fischa, Moosbrunn und Gramatneusiedl.

Ein zur Kontrolle der hygienischen Bedingungen im Lager Mitterndorf eingesetzter Betreuer war 1915 bis nach seiner Promotion im Februar 1917 der später bekannte Psychiater und Psychologe Jakob Moreno Levy (später Jacob Levy Moreno; d.i. Iakov Moreno Levy; 1889–1974), Begründer der Soziometrie und Gruppenpsychotherapie. Er war allerdings vorrangig damit beschäftigt, eine Neuordnung dieser Gemeinschaft mit Hilfe soziometrischer Methoden zu versuchen und grundlegende Erfahrungen für seine Methode des Psychodramas zu sammeln. Moreno betrachtete später das Barackenlager Mitterndorf als die Geburtsstätte seiner Soziometrie. An ihn erinnert in Mitterndorf an der Fischa heute noch die Dr. Moreno-Straße.

In der Lagerstraße sind heute nur mehr wenige Relikte des ehemaligen Barackenlagers erhalten, allerdings mittlerweile umfunktioniert: die Evidenzkanzlei (Nr. 18), das Postamt (Nr. 20), die Feuerwehr (Nr. 22), die Apotheke (Nr. 30) und am Wasserweg 4 die Spitalswäscherei. Außerdem erinnern zwei Gedenkstätten in Mitterndorf an der Fischa an das Barackenlager: die 1988 am Dorffriedhof und die 1998 an der Trentinostraße errichtete Gedenkstätte. Auf heutigem Gramatneusiedler Boden befinden sich das Schlachthaus des Lagers (Brunngasse 21; 1931 Neubau) und das ehemalige Verwaltungsmagazin (Heinrich Löri-Gasse 1; heute darin das private »Automobil- und Motorradmuseum Austria«).

Weitere Informationen auf dieser Website:

Große Chronik von Gramatneusiedl, Marienthal und Neu-Reisenberg:

Siehe auch die Website des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich: Jacob Levy Moreno und das Barackenlager Mitterndorf

Literatur:

● Vancsa, Max (1866–1947): Besuch des Flüchtlingslagers in Mitterndorf, in: Monatsblatt des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich (Wien), 9. Jg. (1918), S. 178–180:

● [Wagner, Ludwig] (1900–1963): 15 Kilometer von Wien. In den Quartieren des Gramatneusiedler Industriegebietes, in: Der Kuckuck (Wien), 2. Jg., Nr. 10 (9. März 1930), S. 5. Umschlagtitel: Arbeitslos. Die Krise in der niederösterreichischen Textilindustrie (Siehe Seite 5):

● Wolf, O[tto] (1890–1972) & Wiltschke, Leo (1876–1945) & Höller, [Georg]: Aufnahmeschrift bei der Bezirkshauptmannschaft Mödling. Mödling, am 12. März 1937:

● Leo Wiltschke (1876–1945): Schreiben an die Bezirkshauptmannschaft Mödling. Gramatneusiedl, am 18. August 1937:

● Wolf, Otto (1890–1972): Zur Geschichte des Lagers, in: Beiträge zur Heimatkunde von Mitterndorf a.d. Fischa (Mitterndorf a.d. Fischa), Nr. vom 31. Mai 1950, S. 49–53:

© Reinhard Müller
Stand: Januar 2013

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