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Das Projektteam der Marienthal-Studie
Die Forschungsstelle
Erste
Überlegungen zum
Projekt
Marienthal machte
Paul Felix Lazarsfeld
(1901–1976) bereits 1930, doch begann es erst mit Aufnahme der Feldforschung in der
ersten November-Woche 1931 und endete mit der Fertigstellung des
Manuskripts im Spätsommer 1932. Projektträger war die kurz zuvor,
nämlich am 27. Oktober 1931 gegründete »Österreichische
Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle«, meist
nur kurz »Forschungsstelle« genannt. Wissenschaftlicher Leiter dieser
als Verein gegründeten Forschungseinrichtung war
Paul Felix Lazarsfeld
(1901–1976),
damals von der »Rockefeller
Foundation«
bezahlter Assistent bei
Karl Bühler
(1879–1963) und dessen Ehefrau
Charlotte Bühler (1893–1974) am Psychologischen Institut der Universität
Wien, wo er außerdem einen Lehrauftrag für Psychologie innehatte.
Lazarsfeld wirkte als Initiator, Organisator, prägender Ideengeber und
Statistiker des Marienthal-Projekts, welchem er auch offiziell als
Leiter vorstand. Zwei Beschäftigte der Forschungsstelle spielten bei
Durchführung, Auswertung und Niederschrift der Studie eine besondere
Rolle: die eben promovierte Juristin und nunmehr ganztägige
Forschungsstelle-Angestellte
Gertrude Wagner (1907–1992) sowie die für das Marienthal-Projekt seit
1932 halbtags beschäftigte Psychologiestudentin und sozialdemokratische
Aktivistin
Marie Jahoda
(1907–2001); dazu kam der leitende Sekretär der Forschungsstelle, der
promovierte Jurist und Staatwissenschaftler
Hans Zeisel (1905–1992). Alle anderen namentlich
bekannten Mitglieder des Projektteams wurden von der Forschungsstelle
eigens für dieses Projekt engagiert.
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Das Autorenteam
Mit dem Buch
»Die Arbeitslosen von Marienthal« werden meist nur die Namen der Autoren
verknüpft:
Paul F. Lazarsfeld,
der die »Einleitung« verfasste, seine damalige Ehefrau
Marie Jahoda (1907–2001),
anonyme Autorin des Haupttextes, und
Hans
Zeisel (1905–1992), von dem der soziographische Anhang
stammt. Schon im Vorwort der Studie, aber auch in späteren Interviews,
wird der Teamcharakter bei Durchführung, Auswertung und Präsentation der
Forschungsergebnisse ausdrücklich hervorgehoben. Von daher ist es
verwunderlich, dass man den anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
des Projekts bislang wenig Beachtung schenkte.
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Das Projektteam
Insgesamt
waren neun Forscherinnen und sechs
Forscher am Projekt beteiligt. Dazu kamen noch zwei nicht
wissenschaftlich tätige Personen, die den Kontakt zu den politischen
Gruppen in Marienthal aufrecht erhielten:
Erich Felix
und
Franz Zdrahal.
Dies dürften
alle Beteiligten sein, denn ein
Polizeibericht vom Juni 1932 bestätigt, dass nach einer
Auskunft des Psychologischen Instituts der Universität Wien eine »Gruppe
von 15 Studierenden« in Marienthal tätig war.
Die Marienthal-Studie
beruht im Wesentlichen auf intensiver Feldforschung, welche in Form der
teilnehmenden Beobachtung durchgeführt wurde. Vor Ort befand sich die
Assistentin von
Charlotte Bühler
(1893–1974) am Psychologischen Institut der Universität Wien
Lotte Schenk-Danzinger
(1905–1992), die laut Einleitung der Marienthal-Studie
»wesentlich
zum Gelingen der ganzen Arbeit beigetragen hat. Sie hat in den sechs
Wochen, die sie in Marienthal gelebt hat, mit großer menschlicher
Geschicklichkeit Kontakt gefunden und mit Fleiß und geschultem
Verständnis alles grundlegende Material erhoben. Im Laufe der
Verarbeitung haben wir dann immer wieder bei ihren feinen Beobachtungen
und ihrem Überblick über den großen Stoff, Hilfe gefunden.«
(Seite V–VI.)
Mit ihr arbeitete
gemäß Vorwort der Marienthal-Studie ein medizinisches Team, welches im
Rahmen des Projekts auch ärztliche Sprechstunden abhielt und dem
Clara Jahoda (1901–1986),
Paul Stein,
Josefine Stroß (1901–1995) und
Kurt Zinram angehörten.
Besonders hervorzuheben ist Paul Stein, der damals gerade an einem von
den Wiener »Sozialdemokratischen Ärzten« finanzierten und in
Zusammenarbeit mit der sozialdemokratischen Jugendorganisation
»Kinderfreunde« durchgeführten Projekt über
die
gesundheitlichen Wirkungen von Arbeitslosigkeit
in Marienthal und Umgebung sowie in Eisenerz (Steiermark) arbeitete. Er
war es auch, der zwecks Kontaktnahme zur Bevölkerung eine
Winterhilfe-Aktion für Marienthal anregte und später organisierte. Paul
Stein gehörte wie der Spitalsarzt Kurt Zinram den 1924 für Wien
gegründeten »Sozialdemokratischen Ärzten« an, die Kinderärztin Clara
Jahoda war eine Cousine von Marie Jahoda, und die Kinderärztin Josefine
Stroß wurde später vor allem als Psychoanalytikerin und Mitarbeiterin
von Anna Freud (1895–1982), Dorothy Burlingham (1891–1979) und Edith
Banfield Jackson (1895–1977) sowie als ärztliche Betreuerin von
Sigmund Freud (1856–1939)
bekannt.
Als Rechercheure
werden im Vorwort der Marienthal-Studie neben
Lotte Schenk-Danzinger
noch vier weitere Personen genannt: die Psychologiestudentin
Hedwig Deutsch,
später verheiratete Jahoda (1911–1961), deren Mutter, die
Hauptschuldirektorin und sozialdemokratische Wiener Gemeinderätin
Maria Deutsch (1884–1973),
Elfriede Guttenberg,
später verheiratete Czeija
(1910–2000), sowie der
Welthandel- und Philosophiestudent und sozialdemokratische Aktivist
Karl Hartl (1909–1979). Aus
anderen Quellen kennen wir noch die Namen weiterer Mitarbeiter: die
schon erwähnten Angestellten der
»Österreichischen
Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle«,
nämlich
Marie
Jahoda,
Gertrude Wagner sowie der als
leitender Sekretär der Forschungsstelle fungierende Jurist und
Staatswissenschaftler
Hans Zeisel,
der regelmäßig an Projekten der Forschungsstelle mitarbeitete, bei der
Marienthal-Studie aber vor allem als
Fotograf vor Ort tätig war, weiters der Student der
Rechtswissenschaft
Walter Wodak
(1908–1974) sowie die Schwester von Hans Zeisel, die Studentin und
Sportlerin
Ilse Zeisel
(1909–1999).
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Eigentümlichkeiten des Projektteams der
Marienthal-Studie
Das Projektteam der
Marienthal-Studie ist durch drei Auffälligkeiten
gekennzeichnet.
I.
Erstens stehen, sieht
man von den zwei nicht-wissenschaftlichen Mitarbeitern ab, neun
Forscherinnen sechs Forschern gegenüber. Die Überlegenheit der Frauen
beim Projektteam wird auch dadurch unterstrichen, dass eine Frau die Hauptarbeit bei der Feldforschung
leistete, nämlich Lotte
Schenk-Danzinger, und dass eine Frau den Haupttext des Buches schrieb: Marie Jahoda.
II.
Zweitens
handelte es sich um ein sehr junges Projektteam. Bei Projektbeginn war
Hedwig Jahoda
(Deutsch) 20 Jahre alt,
Elfriede Czeija
(Guttenberg)
21,
Karl Hartl und
Ilse Zeisel waren 22,
Walter Wodak 23,
Marie Jahoda
und
Gertrude Wagner 24,
Lotte Schenk-Danzinger (Danziger) und
Hans Zeisel 26,
Clara Jahoda,
Paul F. Lazarsfeld und
Josefine Stross 30,
Maria Deutsch 47. Nicht eruiert
werden konnte das Alter von
Paul Stein und
Kurt Zinram. Das
Durchschnittsalter der dreizehn Personen, bei denen die Lebensdaten
ermittelt wurden, betrug genau 26,5 Jahre, das der Frauen 27,1 (ohne die
mit Abstand älteste Beteiligte, Maria Deutsch, sogar nur 24,6) und das der Männer 25,2 Jahre. Mit seinen
30 Jahren gehörte der Initiator und Leiter
des Projekts Paul F. Lazarsfeld also zur Gruppe der Ältesten, der
ansonsten vor allem Personen des Ärzteteams (Clara Jahoda und Josefine Stroß) sowie die wohl als Beziehungsberaterin tätige Maria Deutsch
angehörten. Das Durchschnittsalter des Autorenteams (Paul F. Lazarsfeld,
Marie Jahoda und Hans Zeisel) betrug bei der Niederschrift, also knapp
ein Jahr später, 27,7 Jahre.
III.
Drittens
gehören fast alle Beteiligten des Projektteams der österreichischen
Sozialdemokratie an:
Maria Deutsch, Karl Hartl, Clara Jahoda, Hedwig Jahoda
(Deutsch), Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, Lotte Schenk-Danzinger
(Danziger), Paul Stein, Gertrude Wagner, Walter Wodak, Hans Zeisel, Ilse
Zeisel und Kurt Zinram. Fast alle waren irgendwann Mitglieder der auf
Initiative von Paul F. Lazarsfeld und
Ludwig
Wagner (1900–1963) im Dezember 1918 konstituierten
»Freien Vereinigung sozialistischer Mittelschüler«, welche zur
Jahreswende 1923/24 als »Vereinigung sozialistischer Mittelschüler«
wiederbegründet wurde; bei dieser wiederum war Marie Jahoda 1925/26 als
Obfrau tätig. Der überwiegende Teil des Projektteams stammte also aus
dem sozialdemokratischen Bekannten- und Freundeskreis des damals noch
verheirateten, aber bereits getrennt lebenden Ehepaares Jahoda–Lazarsfeld.
Während Paul F. Lazarsfeld nach seinem Weggang aus Österreich 1933 sein
parteipolitisches Engagement weitgehend einstellte, blieb Marie Jahoda
mit einzelnen Mitgliedern des Projektteams der Marienthal-Studie auch
späterhin im politischen Kampf verbunden: etwa mit Karl Hartl in der
Zeit des Ständestaat-Regimes und mit Walter Wodak im englischen Exil.
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Förderer des
Marienthal-Projekts vor Ort
Die Forschungen des
Projektteams wären in diesem Ausmaß ohne Unterstützung durch
Einheimische wohl kaum, jedenfalls nicht so erfolgreich möglich gewesen.
Der wichtigste Förderer des Projektteams vor Ort war zweifellos der
gelernte Weber und sozialdemokratische Parteifunktionär
Josef
Bilkovsky (1871–1940)
– in der Studie fälschlich
»Bielkowski«
geschrieben –, von 1919 bis 1934 Bürgermeister von
Gramatneusiedl. Dieser
hatte vom sozialdemokratischen Politiker Oskar Helmer (1887–1963),
damals Stellvertretender Landeshauptmann von Niederösterreich, eine
Empfehlung für die Forschenden erhalten. Über die Rolle Bilkovskys bei
der Marienthal-Studie ist zwar wenig bekannt, doch dürfte der überaus
rührige und engagierte Parteifunktionär, der obendrein die
außerordentliche Wertschätzung großer Teile der Marienthaler Bevölkerung
genoss, wohl wesentlich zum Gelingen des Projekts beigetragen haben,
indem er den jungen und aus Wien
»zugereisten«
Forscherinnen und Forschern die Kontaktnahme zur Bewohnerschaft
Marienthals erleichterte und das Projekt auch logistisch – etwa durch
Bereitstellung einer Unterkunft in der
Arbeitersiedlung Marienthal – unterstützte. Dabei
wurde er von seinen Mitarbeitern im Gemeindeamt unterstützt: Anton
Haudek (1892–1977)
– in der Studie
irrtümlich
Karl Haudek
–,
Rudolf Kappel (1898–?)
und Franz Solar (sprich: ∫ola).
Auch andere
Institutionen der freien Gemeinde
Gramatneusiedl
waren in das Marienthal-Projekt eingebunden. Hervorzuheben sind die
Volksschule unter Leitung
von Matthäus Mayer (von 1923 bis 1933) und die
Hauptschule unter Direktor Alfred Marschik
(von 1929 bis 1933); beide hatten über
Intervention von
Karl Bühler vom
zuständigen Bezirksschulrat Mödling (Niederösterreich) die Weisung
erhalten, die Forschenden zu unterstützen. Andere Institutionen waren
weniger kooperativ. So verweigerte der Kommandant des
Gendarmerieposten-Kommandos Gramatneusiedl, damals in der
Siedlung Neu-Reisenberg (Gemeinde
Reisenberg) gelegen, dem Projektteam Daten über die Kriminalität in
Marienthal. Stattdessen bespitzelte die Gendarmerie aus eigener
Initiative und teils ohne rechtliche Grundlage (etwa beim Belauschen
eines Telefonats von
Lotte Schenk-Danzinger) die Forschenden und verfasste für die übergeordnete
Behörde einen
Bericht über Studierende des Psychologischen Institutes in Marienthal.
©
Reinhard Müller
Graz,
im Juni 2008
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