Walter Heinrich portrait

d. i. Walter Adolf Franz Heinrich; Pseudonyme: Reinald Dassel, Konrad Fest

geb. Haida (heute Nový Bor), Kronland Böhmen, Österreich-Ungarn (heute Liberecký kraj, Tschechien), am 11. Juli 1902

gest. Graz, Bundesland Steiermark, Österreich, am 25. Januar 1984

Hochschulprofessor, Nationalökonom und Soziologe

Angehöriger des inneren sogenannten Spannkreises, wissenschaftlicher Leiter und Dozent des Instituts für Ständewesen, Initiator, Gründungs- und Vorstandsmitglied sowie Ehrenvorsitzender der »Gesellschaft für Ganzheitsforschung«

Vater: Franz Heinrich (1871–?), Bürgerschuldirektor

Mutter: Berta Heinrich, geborene Fluch (1877–?), Glasraffineurstochter

Geschwister: 1) eine Schwester

Ehe: 1935 mit Johanna Epp (1901–1992), Hausfrau

Kinder: 1) Johannes Heinrich (?–1961); 2) Georg Heinrich (geb. 1937), Universitätsprofessor der Anatomie und Physiologie der Pflanzen

Religion: römisch-katholisch

Walter Heinrich, der zunächst in Haida (Böhmen; heute Nový Bor, Tschechien) aufwuchs, übersiedelte 1912 mit seinen Eltern nach Böhmisch-Leipa (Böhmen; heute Česká Lípa, Tschechien); 1918 nahm er wie alle anderen Mitglieder der Familie Heinrich auch die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft an. Seit 1913 besuchte Walter Heinrich das humanistische Gymnasium in Böhmisch-Leipa, wo er 1921 die Reifeprüfung mit Auszeichnung ablegte.

1921 bis 1925 studierte Walter Heinrich Staatswissenschaften an der Deutschen Universität in Prag ‹Praha›, wo er 1925 das Absolutorium erhielt. Gleichzeitig studierte er Staatswissenschaften an der Universität Wien, wo er aufgrund der Arbeit »Führung und Führer in der Gesellschaft. Zur psychologischen und soziologischen Theorie der Führung« 1925 bei Othmar Spann zum Dr. rer. pol. promoviert wurde. Von 1926 bis 1933 war Heinrich Wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Politische Ökonomie und Gesellschaftslehre der Universität Wien bei Othmar Spann; sein Nachfolger in dieser Funktion war Walter Becher (1912–2005).

Seit etwa 1921 hatte Walter Heinrich Kontakt zur »Sudetendeutschen Jungenschaft« des Innenarchitekten Heinz Rutha (1897–1937), mit dem Heinrich bald eine enge Freundschaft verband, und in der er rasch eine führende Stellung einnahm. 1921 traf er auch erstmals Othmar Spann (1878–1950). Rasch wurde er – gemeinsam mit Karl Faigl (1880–1944) und Hans Riehl (1891–1965) – engster Vertrauter Spanns und Angehöriger des engsten sogenannten Spannkreises. Er war Mitarbeiter der Zeitschrift »Ständisches Leben« (Berlin–Wien) und der Schriftenreihe »Deutsche Beiträge zur Wirtschafts- und Gesellschaftslehre« 1928. Außerdem organisierte Heinrich seit 1927 die jährlichen Treffen des sogenannten Spannkreises im Kartäuserkloster Gaming (Oberösterreich), welche bereits als von Arbeitgeberverbänden finanzierte Studententreffen, »Gaminger Woche« genannt, 1924 begonnen hatten.

Walter Heinrich, der seit 1925 beständig in Wien lebte und noch im selben Jahr die österreichische Staatsbürgerschaft annahm, war Mitglied der 1924 aus dem Kreis um Heinz Rutha gegründeten Freischar »Pädagogische Gemeinschaft« (Prag ‹Praha›); diese verschmolz er im Juni 1928 mit der sudetendeutschen Hochschulgilde »Thule« (Wien) und übernahm deren Führung. Folgenreicher war der gemeinsam mit Heinz Rutha, der dann an der Universität Wien studierte und 1931 bei Othmar Spann promovierte, 1926 gegründete »Kameradschaftsbund«, zunächst ein loser Diskussionszirkel und Arbeitskreis für Gesellschaftswissenschaften, der seit 1928 als Gruppe mit politischen Zielen aktiv war und sich im November 1930 vereinsrechtlich als »Kameradschaftsbund. Bund für volks- und sozialpolitische Bildung« konstituierte. Ziel dieser von Walter Heinrich stark beeinflussten Organisation, in der er auch unter dem Decknamen »Konrad Fest« agierte, war, das sudetendeutsche Volksleben zu erneuern und gemäß den Ideen Othmar Spanns einen ständisch gegliederten, autoritär geführten »sudetendeutschen Stammeskörper« zu schaffen. Zumindest bis 1937 lehnte der »Kameradschaftsbund« einen Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich ab und zielte auf eine mitteleuropäische Staatenföderation ab, bei der das Sudetenland einen autonomen Status innerhalb des tschechoslowakischen Staates besitzen sollte.

1928 wurde Walter Heinrich an der Universität Wien bei Othmar Spann aufgrund der Arbeit »Grundlagen einer universalistischen Krisenlehre« für Volkswirtschaftslehre habilitiert. Seit 1929 war er als Privatdozent (Priv.-Doz.) der Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien tätig; 1938 erfolgte durch die Nationalsozialisten der Widerruf der Venia Legendi und 1940 Heinrichs offizielle Entlassung.

1928 bis 1930 war Walter Heinrich bei der österreichischen Heimwehr aktiv und unterhielt enge Kontakte insbesondere zum Führer der »Tiroler Heimwehr« Richard Steidle (1881–1940) und zum Führer des »Selbstschutzverbandes Steiermark« Walter Pfrimer (1881–1968). Vom Sommer 1929 bis Oktober 1930 war Heinrich beratender Generalsekretär der »Bundesführung der Heimwehr« und publiziert auch unter dem Decknamen »Reinald Dassel«. Außerdem war er Leitungsmitglied des im März 1930 gegründeten »Akademischen Rings der Heimatwehren« zusammen mit Hans Riehl (1891–1965), Raphael Spann (1909–1983) und Armin Dadieu (1901–1978). Vor allem aber war er Autor des »Korneuburger Eides« vom 18. Mai 1930, der als wichtige programmatische Erklärung des christlichsozialen Ständestaats gilt und in dem zum Sturz des Parteienstaats aufgerufen wird. Im Oktober 1930 zog sich Heinrich aus der Heimwehrbewegung zurück, womit auch der Einfluss von Othmar Spann auf die Heimwehrbewegung endete.

Seit 1930 konzentrierte sich Walter Heinrich vor allem auf seine Aktivitäten im Sudetenland, insbesondere im »Kameradschaftsbund«. Er unterhielt engen Kontakt zu Konrad Henlein (1898–1945) und arbeitete etwa 1933 bis 1936 eng mit seinem privaten Assistenten Franz Krautzberger (1913–2013) zusammen. Heinrich war auch bei der Gründungsversammlung der »Sudetendeutschen Heimatfront« (SHF) im Oktober 1933 dabei, die im April 1935 in »Sudetendeutsche Partei« (SdP) umbenannt werden musste. Am 19. Mai 1933 war Walter Heinrich gemeinsam mit Othmar Spann Audienz bei Adolf Hitler (1889–1945) in Berlin, um ihm die Ständeidee vorzutragen. Heinrich war auch die treibende Kraft bei der im Mai 1933 erfolgten Gründung des vom deutschen Industriellen Fritz Thyssen (1873–1951) finanzierten Instituts für Ständewesen in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen). 1933 bis 1934 war er dessen wissenschaftlicher Leiter und 1933 bis zur behördlichen Auflösung 1936 Dozent des Instituts.

1933 wurde Walter Heinrich außerordentlicher Professor (a.o. Prof.) der Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Welthandel (heute Wirtschaftsuniversität) Wien; auch hier wurde er 1938 von den Nationalsozialisten entlassen. Zu seinen zahlreichen Dissertanten gehörte 1935 Erich Hruschka (1911–1992), der später sein enger Mitarbeiter wurde.

Im Jahr seiner Eheschließung übersiedelte Walter Heinrich in das Schloss Hadersfeld in Sankt Andrä-Wördern (Niederösterreich), welches nun sein Hauptwohnsitz wurde. Allerdings behielt er zunächst seine Wohnung in Wien 7., Lindengasse 10, seit 1941 Wien 4., Rechte Wienzeile 29, bei.

Kurz nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, am 16. März 1938, wurde Walter Heinrich festgenommen, nach Dresden (Sachsen) eingeliefert und dann am 2. April 1938 in das Konzentrationslager Dachau (Bayern), wo er bis 31. August 1938 als sogenannter Schutzhäftling in Einzelhaft blieb. Ende März 1938 aus dem Dienst an der Hochschule für Welthandel (heute Wirtschaftsuniversität) Wien entlassen, wurde gleichzeitig seine Venia Legendi an der Universität Wien widerrufen, von der er allerdings offiziell erst 1940 entlassen wurde. Vom 8. April 1939 bis 8. Januar 1940 war Heinrich erneut im Konzentrationslager Dachau (Bayern). Nach seiner Entlassung war er 1941 bis 1945 Leitender Vorstandssekretär und Prokurist des Wiener Industriekonzerns »Stölzle Glasindustrie A.G.«, wo Othmar Spanns Schwager Ferdinand Wintersberger (1881–1965) als Generaldirektor fungierte, und der »Glashüttenwerke vorm. J. Schreibers Hessen A.G.« in Wien.

Im August 1945 wurde Walter Heinrich wieder als Privatdozent der Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien zugelassen. Im März 1946 wurde er rückwirkend mit April 1945 wieder in den Personalstand der Hochschule für Welthandel (heute Wirtschaftsuniversität) Wien aufgenommen, wo er seit 1948 außerordentlicher Professor (a.o. Prof.) und seit 1949 ordentlicher Professor (o. Prof.) der Volkswirtschaftslehre war; seit 1948 war er auch Vorstand des Instituts für Kleingewerbeforschung, 1951 Gründer und seither Vorstand des Instituts für Gewerbeforschung und Vorstand des Instituts für Integrationsfragen und Wirtschaftspolitik, seit 1958 auch Vorstand des Instituts für Politische Ökonomie. Walter Heinrich, 1953 bis 1955 und 1964/65 Rektor der Hochschule für Welthandel, emeritierte 1972.

Gemeinsam mit dem Betriebswirtschaftler Willy Bouffier (1903–1969), dem Nationalökonomen Alfred Gutersohn (1904–2003) und dem Betriebswirtschaftler Karl Friedrich Rößle (1893–1957) gründete Walter Heinrich 1948 das zunächst jährlich, dann alle zwei Jahre stattfindende Expertentreffen Rencontres de Saint-Gall an der Universität Sankt Gallen, Institut für Klein- und Mittelunternehmen.

Vor allem aber bemühte sich Walter Heinrich seit 1950 um die Bewahrung des Erbes von Othmar Spann. 1954 bis 1961 war er Mitarbeiter der Schriftenreihe »Stifterbibliothek«, 1956 Initiator und Gründungsmitglied sowie seit 1977 Ehrenvorsitzender der »Gesellschaft für Ganzheitsforschung« zur Wahrung des Erbes Othmar Spanns und zu dessen Weiterentwicklung, 1957 Initiator und bis 1973 Herausgeber der Zeitschrift »Mitteilungsblatt der Gesellschaft für Ganzheitsforschung« (Wien), welche seit 1959 als »Zeitschrift für Ganzheitsforschung. Neue Folge« (Wien) erschien, 1963 Initiator und Mitherausgeber der erst 1979 abgeschlossenen sogenannten Gesamtausgabe der Werke von Othmar Spann, bei der allerdings zahlreiche Publikationen fehlen, insbesondere einige frühe empirische Arbeiten, 1966 bis 1970 Herausgeber der Schriftenreihe »Beiträge zur ganzheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftslehre« (Berlin) und 1971 bis 1973 Herausgeber der Zeitschrift »Schrifttumsspiegel« (Wien).

Walter Heinrich, 1957 Mitbegründer und später Ehrenmitglied der »Österreichischen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft«, wurde 1962 Korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und erhielt 1977 das Ehrendoktorat (Dr. rer. oec. h. c.) der Wirtschaftsuniversität Wien.

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