Institut für Ständewesen
Düsseldorf 1933 bis 1936

Eine zentrale Institution des sogenannten Spannkreises war im nationalsozialistischen Deutschen Reich das Institut für Ständewesen. Schon in den 1920er-Jahren baute Othmar Spann (1878–1950) systematisch enge Beziehungen zu seinen Anhängern in Deutschland auf. Einige seiner Dissertanten hatten dort mittlerweile einflussreiche Posten in der Wirtschaft inne, und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten besetzten diese auch wichtige Positionen in der »Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands« (NSDAP). Die eigentliche Geburtsstunde des Instituts für Ständewesen schlug im Mai 1933. Am 5. und 6. Mai 1933 versammelten sich unter Führung des Gauwirtschaftsberaters der Gauleitung des Gaues Düsseldorf der NSDAP Josef Klein (1890–1952) im Stahlhof, Bastionstraße 39, maßgebende Vertreter der Wirtschaft und des Gauwirtschaftsamts Düsseldorf. Nach Referaten von Spanns ehemaligem Assistenten und nunmehrigen Hochschulprofessor Walter Heinrich (1902–1984), des Wirtschaftsberaters und Beirats vom Gauwirtschaftsrat Düsseldorf Paul Karrenbrock (1892–1966), der vom 3. bis 12. April 1933 Othmar Spann in Wien besucht hatte, sowie von Josef Klein wurde einstimmig beschlossen, zwecks Aufbau einer ständischen Wirtschaftsordnung ein Institut für Ständewesen zu gründen. Eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen Othmar Spann persönlich politisch tätig wurde, fand am 19. Mai 1933 statt: Gemeinsam mit Walter Heinrich hatte er eine Audienz bei Adolf Hitler (1889–1945) in Berlin, um ihm seine Ständeidee vorzutragen. Diese Vorsprache endete mehr oder weniger mit einem Hinauswurf der beiden Wiener Gelehrten. Erfolgreicher war ein anderer Initiator des Instituts für Ständewesen: der Großindustrielle Fritz Thyssen (1873–1951), Mitglied des Preußischen Staatsrats. Es gelang ihm, ebenfalls am 19. Mai 1933, die Zustimmung Adolf Hitlers zur Gründung dieses Instituts zu erhalten.

Bei der Sitzung des Gauwirtschaftsrates im Stahlhof, Düsseldorf, gab Josef Klein am 26. Mai 1933, dem offiziellen Gedenktag an den hingerichteten Freikorpsangehörigen und Nationalsozialisten der ersten Stunde Albert Leo Schlageter (1894–1923), den anwesenden hochrangigen Vertretern der »Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands« (NSDAP), der Wirtschaft und der Behörden die Gründung eines »Instituts für Ständewesen« bekannt. Die offizielle Eröffnungsfeier fand am 23. Juni 1933 in den Institutsräumlichkeiten statt, wobei Walter Heinrich als Vertreter der Wissenschaft den Festvortrag hielt.

Sowohl das Leitungs- und das Lehrpersonal des Instituts für Ständewesen waren fast durchwegs Mitglieder der »Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands« (NSDAP). Zugleich war aber auch der größte Teil der am Institut Tätigen Anhänger Othmar Spanns (1878–1950). Für Idee und Umsetzung dieser im noch jungen nationalsozialistischen Deutschland zunächst einzigartigen Einrichtung waren im Wesentlichen zwei Personen verantwortlich. Da war einerseits Spanns ergebener Anhänger und Freund Walter Heinrich, der selbst das Institut als »mein geistiges Kind« bezeichnete (Brief vom 23. März 1935). Andererseits fungierte Fritz Thyssen als politischer Drahtzieher und Hauptfinanzier des Instituts, welches er stets als seines ansah.

Das Institut für Ständewesen war im Wilhelm-Marx-Haus, Heinrich-Heine-Allee 53, untergebracht. Vorstand war Josef Klein, Vorsitzender des Kuratoriums Fritz Thyssen, wissenschaftlicher Leiter zunächst Walter Heinrich, 1934 bis zu seiner Verhaftung im Oktober 1935 Paul Karrenbrock, der bis dahin stellvertretender wissenschaftlicher Leiter war. Geschäftsführer war Karl Dornow (1900–?) und Leiter der Pressestelle Kurt Petersen (1905–?). Als Dozenten bei den am Institut abgehaltenen Lehrgängen und Wochenendseminaren für Führungskräfte aus Wirtschaft, Verwaltung und »Nationalsozialistischer Arbeiterpartei Deutschlands« (NSDAP) fungierten Hans André (1891–1966), Wilhelm Andreae (1888–1962), Erwin von Beckerath (1889–1964), Peter Berns (1907–1941), der bei Spann promovierte, Friedrich von Bülow (1990–1962), Ernst Ferber (1906–?), der bei Spann promovierte, Roman Hädelmayr (1907–1988), Walter Heinrich, Karl Gottfried Hugelmann (1879–1959), Paul Karrenbrock, Josef Klein, Kurt Petersen, Hans Riehl (1891–1965), Friedrich Völtzer (1895–1951) und Wilhelm Wernet (1901–1984). Abgesehen von Erwin von Beckerath und Friedrich von Bülow können alle Dozenten als mehr oder minder enge Anhänger Othmar Spanns bezeichnet werden.

Ursprünglich plante Walter Heinrich, die Zeitschrift »Ständisches Leben« (Berlin–Wien) zum Organ des Instituts für Ständewesen zu machen. Man entschied sich aber 1933 für die 1932 bis 1939 erschienene Zeitung »Braune Wirtschaftspost« (Berlin–Düsseldorf); als Geschäftsführer fungierte nun Karl Dornow, als Schriftleiter Kurt Petersen, als Herausgeber Josef Klein. Die Zeitung hatte zunächst den Untertitel »Nationalsozialistischer Wirtschaftsdienst. Mitteilungsblatt des Instituts für Ständewesen«, wurde jedoch ab Nummer 15 des 4. Jahrgangs (1935/36) als »Wirtschaftsblatt des Westens« untertitelt. Finanziert wurde das Institut für Ständewesen von der deutschen Großindustrie, insbesondere durch Fritz Thyssen, wobei die nationalsozialistischen Behörden Mitte 1935 vermuteten, dass diese Institution bereits rund 100.000 Reichsmark an Unterstützungsgeldern eingeworben habe.

Mehrere Konflikte mit Führungskräften der »Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands« (NSDAP) führten zur Schließung des Instituts für Ständewesen. Einerseits gab es nach Auffassung nationalsozialistischer Behörden zu massive Abweichungen, ja, Gegensätze zum nationalsozialistischen Parteiprogramm, andererseits hatte der hochrangige nationalsozialistische Parteifunktionär Robert Ley (1890–1945) im August 1933 zwei konkurrierende, ständisch orientierte Schulen für Wirtschaft und Arbeit für die von ihm geleitete »Deutsche Arbeitsfront« gegründet. Anlass für die Stilllegung des Instituts für Ständewesen wurde die als Privatdruck im Juli 1935 erschienene Schrift »Die Lösung der Judenfrage in Deutschland. Zugleich eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt des ›Mythos‹« (Düsseldorf: Bagel 1935) von Paul Karrenbrock gewählt, welche zum Verbot der Publikation, zur Verhaftung des Autors und zu dessen Ausschluss aus der »Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands« (NSDAP) führte. Damit war das Institut im Oktober 1935 de facto am Ende seiner Aktivitäten.

Justus Beyer, Beamter des Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS, kam in seinem geheimen Bericht »Der Spannkreis. Gefahren und Auswirkungen« (Berlin 1936), Seite 41, zu dem Schluss: »So kam es, daß der Plan des Führers, daß im Westen der Grundstein zum nationalsozialistischen ständischen Aufbau der deutschen Wirtschaft gelegt werden sollte, von der Clique um den Spann-Karrenbrock-Kreis und der Großindustrie sabotiert und vereitelt wurde. Anstatt ein Institut nach den Richtlinien des Führers mit Nationalsozialisten aufzubauen, wurde durch den Spannkreis der nationalsozialistischen Bewegung ein Institut unterschoben, dessen Aufgaben von vornherein festlagen und sich mit den Absichten des Führers nicht deckten. Dieses Institut war deshalb nicht in der Lage, ein brauchbares, nationalsozialistisches ständisches Programm auszuarbeiten. Das bedeutete: das Institut, das zum Mittelpunkt des Kampfes gegen die Feinde des Nationalsozialismus in der Wirtschaft hätte werden sollen, wird selbst zum Sammelpunkt gegnerischer Kräfte. Eine empfindliche Schlappe in der nationalsozialistischen Aufbauarbeit – mittelbar – die Stärkung des Einflusses von Reaktion und Liberalismus in der deutschen Wirtschaft.« Nach diesem Geheimbericht des Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS wurde im Oktober 1935 der Besuch von Veranstaltungen des Instituts für Ständewesen verboten, Institutsangehörige wurden aus der »Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands« (NSDAP) ausgeschlossen, verhaftet und ins Gefängnis, später teilweise sogar ins Konzentrationslager verschleppt. Im April 1936 setzte Robert Ley schließlich auch die offizielle Schließung des Instituts für Ständewesen durch.  

Literaturtipps