Kurze Geschichte des "Kriminologischen Universitätsinstituts in Graz". 1913-1977

Vorstände
1913-1916: Hans Groß (1847-1915)
1916-1938: Adolf Lenz (1868-1959)
1938-1947: Ernst Seelig (1995-1955)
1947-1947: Erich Sachers (1889-1974)
1948-1951: Hanns Bellavic (1901-1965)
1951-1952: Ernst Seelig (1995-1955)
1952-1955: Ernst Seelig (1995-1955) / Hanns Bellavic (1901-1965)
1955-1965: Hanns Bellavic (1901-1965)
1965-1977: Gerth Renée Neudert (1928-)

Geschichte
Hans Groß (*Graz / Steiermark 1847, †Graz / Steiermark 1915) erstrebte seit 1893 die Errichtung einer Lehrkanzel für "Kriminalistik (Strafrechtliche Hilfswissenschaften)". 1895 forderte er bereits die Errichtung eines "Kriminalistischen Instituts", zunächst noch im Rahmen des Landesgerichts in Graz, später im universitären Rahmen. Im Mai 1896 versuchte er sich an der Rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz für "Strafrecht mit der Beschränkung auf gerichtliche Untersuchungswissenschaft (Kriminalistik)" als Privatdozent zu habilitieren, doch wurde sein Antrag zunächst vom Ministerium, später vom Professorenkollegium der Fakultät abgelehnt. Nachdem ihm die Grazer Fakultät sämtliche Qualifikationen für dieses Lehramt abgesprochen hatte, wurde Groß mit Allerhöchster Entschließung vom 1. August 1898 - ohne Habilitation - an die Universität Czernowitz / Galizien [Cernovcy / Ukraine] berufen und mit 16. Dezember 1898 zum ordentlichen Professor des Strafrechts ernannt. In gleicher Eigenschaft wurde er am 3. März 1902 an die Deutsche Universität Prag berufen. Schließlich erfolgte mit Allerhöchster Entschließung vom 20. Juli 1905 seine Berufung zum ordentlichen Professor des österreichischen Strafrechts und Strafprozessrechts an der Universität Graz mit Wirksamkeit vom 1. Oktober. Hier setzte Groß einen Meilenstein in der Geschichte der Kriminologie durch die Gründung des K.k. Kriminalistischen Universitätsinstituts in Graz. Seit 1910 um entsprechende Räumlichkeiten bemüht, erhielt er im Juni 1912 provisorisch Räume im Souterrain des Nordtrakts des Hauptgebäudes der Universität Graz. Seit August 1912 mit der Einrichtung beschäftigt, erhielt er mit 1. September 1912 auch eine Pauschale für die erste Einrichtung des Instituts ausbezahlt. Als offizielles Datum für die Errichtung des Instituts ist jedoch der 17. Februar 1913 anzusehen. Unter diesem Datum erfolgte die ministerielle Genehmigung zur Errichtung eines "Kriminalistischen Institutes" zur Pflege der strafrechtlichen Hilfswissenschaften an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität in Graz. Zugleich wurde Hans Groß zum Leiter des Instituts bestellt, der Student Hermann Zafita als wissenschaftliche Hilfskraft angestellt. Mit 1. Jänner 1914 wurde schließlich auch ein systematisierter Assistentenposten genehmigt.

Das Institut war in sechs Abteilungen gegliedert: 1. Abteilung für Vorträge über die strafrechtlichen Hilfswissenschaften; 2. Die Handbibliothek, die vorläufig aus der leihweisen Überlassung der eigenen Büchersammlung von Hans Groß bestand; 3. Das Kriminalmuseum, welches vom Straflandesgericht an die Universität überstellt wurde; 4. Ein Laboratorium, welches sich an die bestehenden Laboratorien der Lehrkanzeln für gerichtliche Medizin und medizinische Chemie anschloss und jene Behelfe der Kriminalistik enthielt, die in anderen Laboratorien nicht zur Verfügung standen; 5. Die kriminalistische Station, die den Gerichten und Staatsanwaltschaften Gutachten lieferte und gleichzeitig den Studenten, die hier arbeiteten, Gelegenheit zum Lernen bot; 6. Das wissenschaftliche Organ, nämlich das seit 1899 von Hans Groß herausgegebene Archiv für Kriminalistik (Leipzig), seit Band 66 Archiv für Kriminalistik, begründet von Hans Groß. Damit wurde die Grazer Universität trotz aller Widerstände ihrer professoralen Angehörigen, zur Geburtsstätte einer neuen universitären Disziplin, der Kriminalistik.

Nach dem Tod von Hans Groß setzte Adolf Lenz (*Wien 1868, †Wien 1959) sein Werk fort. Er wurde am 2. August 1909 mit Wirksamkeit vom 1. Oktober als ordentlicher Professor für Österreichisches Strafrecht und Strafprozessrecht in der Nachfolge von Julius Vargha (d.i. Gyula Vargha; 1841-1909) an die Universität Graz berufen. Der Lehrstuhl von Groß wurde nach dessen Tod nicht mehr besetzt. Dafür übernahm Lenz die Leitung des Kriminologischen Universitätsinstituts in Graz, welches 1918 in das Meerscheinschlössel, Mozartgasse 3, nahe dem Hauptgebäude der Universität übersiedelte, wo es bis zu seiner Auflösung verblieb. Hier begann Lenz 1925 mit einer systematischen kriminalbiologischen Forschungsarbeit, welcher 1927 die Genehmigung zur Errichtung einer Kriminalbiologischen Untersuchungsstelle an der Grazer Männer-Strafanstalt Karlau folgte. Zugleich erhielt er seit 1923 Unterstützung durch den ordentlichen Assistenten Ernst Seelig. Beide wurden mit Beschluss vom 18. März 1926 vom Landesgericht für Strafsachen in Graz als gerichtliche Sachverständige für das Fach "Kriminologie" bestellt, womit zum ersten Mal in der Geschichte des Justizwesens die Kriminologie als eigene Disziplin des Sachverständigenbeweises anerkannt wurde. Als Mitarbeiter fungierten noch der Polizeirat Heinrich Kalmann, Hanns Bellavic und Hubert Streicher, welcher mit 1. Jänner 1924 auf die neu geschaffene ordentliche Assistentenstelle des neu gegründeten Wiener Instituts berufen wurde. Später arbeitete auch noch Gustav Müller am Institut. Gleichsam als Ergänzung zu den sechs Abteilungen wurde 1927 die "Kriminalbiologische Gesellschaft" gegründet, welche mehrere internationale Tagungen organisierte: Gründungstagung in Wien 1927, dann Tagungen in Dresden / Sachsen 1928, München / Bayern 1930, Hamburg 1933, München 1937 und 1951, Graz 1954.

Lenz wurde am 26. April 1938 von den nationalsozialistischen Machthabern des Amts enthoben und mit Ende Mai 1938 in den dauernden Ruhestand versetzt. Bildeten bislang der Lehrstuhlinhaber für Strafrecht und Strafprozessrecht sowie der Leiter des Kriminologischen Universitätsinstituts in Graz eine Personalunion, so erfolgte nun eine Trennung der Funktionen. Während Friedrich Byloff (1875-1940) als Ordinarius nachfolgte, erhielt die provisorische Leitung des Instituts Ernst Seelig (*Graz 1895, †Wien 1955). Nach dem Tod von Byloff (am 12. Mai 1940) wurde Seelig mit Schreiben vom 25. November 1940 von der geplanten Berufung in das Extraordinariat für Strafrecht und Strafprozessrecht verständigt und am 3. Jänner 1941 ein entsprechender Vorvertrag unterzeichnet. Im April 1941 wurde ihm vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung ein Ordinariat für Strafrecht und Strafprozessrecht angeboten. Mit 1. Juli 1941 erhielt Seelig vertretungsweise den ordentlichen Lehrstuhl für Strafrecht und Strafprozessrecht, am 14. Oktober 1941 mit Wirksamkeit vom 1. August 1941 definitiv. Zugleich wurde er definitiv mit der Leitung des Kriminologischen Instituts an der Reichsuniversität Graz betraut. Mit Erlass der Landeshauptmannschaft Steiermark vom 2. Februar 1939 wurde Seelig am Institut mit sämtlichen in Durchführung der "Nürnberger Gesetze" vorgenommenen "Mischlingsuntersuchungen" betraut. Im April 1945 übersiedelte das Kriminologische Institut vor den anrückenden Befreiungstruppen zur Ausweichstelle nach Kitzbühel / Tirol, wo Seelig das Institut zunächst mit Walter Hepner und cand. jur. Gisela Mosenthin weiterführte. Erst im Juli kehrte er mit dem Institut nach Graz zurück. Mit Erlass des steiermärkischen Landeshauptmanns vom 23. November 1945 wurde Seelig als außerordentlicher Professor der Kriminologie und als Direktor des Kriminologischen Instituts an der Universität belassen, von den britischen Behörden jedoch im Februar 1946 erstmals vom Dienst enthoben. Nach seiner neuerlichen Einstellung im November 1946 wurde er im Jänner 1947 ein zweites Mal vom Dienst enthoben und mit Erlass des Unterrichtsministeriums vom 26. August 1947 mit Wirksamkeit vom 31. August 1947 in den Ruhestand versetzt. Damit besaß das Institut nur mehr Walter Hepner, der seit 1. Juni 1940 am Institut tätig war, als Mitarbeiter, denn auch der langgediente Assistent Hanns Bellavic war aus politischen Gründen seines Postens enthoben worden.

Im Frühjahr 1947 musste daher der Extraordinarius für Römisches Recht und Arbeitsrecht, tit. o. Univ.-Prof. Erich Sachers (1889-1974), zum kommissarischen Leiter des Kriminologischen Instituts ernannt werden. De facto dürfte in dieser Zeit jedoch Hanns Bellavic als Leiter fungiert haben, der am 1. Jänner 1948 wieder ans Institut zurückkehrte und damit auch offiziell die provisorische Leitung des Instituts übernahm. Seit dem Sommersemester 1949 wurden auch wieder kriminologische Lehrveranstaltungen abgehalten. Vorübergehend fungierte auch Ernst Seelig, welcher am 12. September 1951 die Lehrbefugnis für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie wieder verliehen erhielt, seit Dezember 1951 als provisorischer Leiter des Instituts, nach seinem endgültigen Weggang von Graz 1952 als ehrenamtlicher Leiter.

Hans Bellavic (*Graz 1901, †Graz 1965) habilitierte sich mit Bestätigung des Unterrichtsministeriums vom 7. Oktober 1949 für Strafrecht und Strafprozessrecht, blieb aber Universitätsdozent, seit 13. April 1959 mit dem Titel eines außerordentlichen Universitätsprofessors. Erst am 14. Jänner 1955 erfolgte seine Bestellung als definitiver Leiter des Kriminologischen Instituts.

Nach dem Tod von Bellavic übernahm der seit 1955 am Institut als Assistent tätige Gerth Renée Neudert (*Graz 1928) 1965 die provisorische, 1967 die definitive Leitung des Instituts. Er baute vor allem das Labor aus, und es gelang ihm auch, dasselbe mit neuestem Gerät auszustatten.

1977 endete die Selbständigkeit des Kriminologischen Instituts. Es wurde gemäß §46 des Universitäts-Organisations-Gesetzes mit dem Institut für Strafrecht und Strafprozessrecht zum heutigen Institut für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie zusammengelegt.

Weiterführende Literatur: Karlheinz Probst: Geschichte der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz. Teil 3: Strafrecht - Strafprozeßrecht - Kriminologie. Graz: Akademische Druck- u. Verlagsanstalt 1987 (= Publikationen aus dem Archiv der Universität Graz. Begründet von Hermann Wiesflecker. Hrsg. von Walter Höflechner. 9/3.); xxii, 210 S. und 3 Bildtafeln; ill.


Graz, im Juni 1991
Reinhard Müller

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