Biografie Leopold Spitzegger
d.i. Leopold Thomas Krafft; seit 1897: Leopold Spitzer, seit ca. 1931: Leopold Spitzegger; Pseudonyme: Leopold Egger, L. Krafft-Wien
*Haag [Stadt Haag] / Niederösterreich 24. Dezember 1895, †Wien 15. November 1957
österreichischer Bibliothekar, anarchistischer Publizist und Dichter


Leopold Thomas Krafft, außerehelicher Sohn der Hausfrau Magdalena Krafft (*Berlin 1872, †Haag 1930) und des Oberstabsarztes beim Sanitätschef des Militärkommandos Wien Dr. med. Eduard Krall (*1868, †1916). Aufgewachsen in Haag [Stadt Haag] bei seiner Mutter, welche um 1897 den jüdischen Kaufmann Arthur Spitzer heiratete, dessen Name nun auch der Sohn Leopold Thomas erhielt. Sein Adoptivvater ließ angesichts des massiven Antisemitismus um 1931 den Namen auf Spitzegger abändern.

1901/02 bis 1905/06 Besuch der Knaben-Volksschule und 1906/07 das Landes-Real- und Ober-Gymnasium in Sankt Pölten / Niederösterreich, 1907/08 bis 1908/09 der Bürgerschule in Klosterneuburg / Niederösterreich und 1909/10 der Knaben-Bürgerschule in Wien II. 1912 bis 1915 Schüler der Wiener Handels-Akademie; Matura 1915.

1915 bis 1918 Kriegsdienst als Freiwilliger in der österreichisch-ungarischen Armee, seit 1916 an der Front, zunächst in Russland, seit 1917 in Italien; zweimal verwundet.

Seit 1917 überzeugter Pazifist. 1918 Mitbegründer der sozialdemokratischen Lokalorganisation in seinem Heimatort Haag; bis zum Verbot der Partei 1934 Mitglied der "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutsch-Österreichs" und 1925 bis 1927 sozialdemokratischer Vertrauensmann als Bankangestellter. Seit 1921 schriftstellerisch tätig. Trotz seiner Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie - teilweise unter dem Decknamen L. Krafft - als Anarchist aktiv, zunächst beim "Bund herrschaftsloser Sozialisten" des österreichischen Anarchisten und Sozialwissenschaftlers Pierre Ramus (d.i. Rudolf Großmann; 1882-1942), nach dem Bruch mit dieser Gruppe 1926 als Österreich-Korrespondent der Zeitschrift "Fanal" (Berlin-Britz) des anarchistischen Schriftstellers und Dichters Erich Mühsam (1878-1934). Mitglied der am kommunistischen Anarchismus Mühsams orientierten Gruppe um die 1930 bis 1931 erschienene Monatsschrift "contra. Anarchistische Zeitschrift" (Wien). Freundschaft mit dem Wiener anarchistischen Schriftsteller Oswald Grünwald und der Wiener Schneidermeisterin und Arbeitslosen- und Siedlungsaktivistin Vilma Ritschel, mit dem österreichischen anarchistischen Schriftsteller und Dichter Herbert Müller-Guttenbrunn (1887-1945), mit den deutschen Schriftstellern Ewger Seeliger (d.i. Ewald Gerhard Seeliger; 1877-1956) und Bruno Vogel (1898-1987), mit dem Begründer des Wiener "Tolstoi-Bundes", dem amerikanischen Architekten Francis Skillman Onderdonk (1893-1955), mit dem Begründer der ersten Lebensmüdenrettungsstelle Wiens ("Beratungsstelle für Lebensgestaltung"), dem Schriftsteller und Vegetarier Richard Schwartz (im Exil auch: Rickard Art; 1877-1948), sowie mit der dem Anarchismus nahestehenden Wiener Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Olga Misa( (?-1951), führende Repräsentantin der "Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit / Landesgruppe Österreich" und des "Bundes der Kriegsdienstgegner / Landesgruppe Österreich". Weiters enge Kontakte zur Wiener Freidenkerbewegung und zur "Ethischen Gemeinde", insbesondere zu dessen Sekretär, dem Schriftsteller, Arzt und Pädagogen Wilhelm Börner (1882-1951). Daneben Mitarbeiter an dem wichtigen Organ der deutschen Jugendbewegung "Junge Menschen. Monatshefte für Politik, Kunst, Literatur und Leben aus dem Geiste der jungen Generation" (Hannover, dann Hamburg; 1920-1927) des deutschen Schriftstellers Walter Hammer (d.i. Walter Hösterey; 1888-1966).

Ehe mit der Lehrerin Auguste Bittner (†1933).

1921 bis 1927 Angestellter der "Österreichischen Vereinsbank A.-G. für Gewerbe, Industrie u. Handel" (1924 unbenannt in "Österreichische Verkehrskreditbank"), Wien. Daneben 1922/23 bis 1924/25 fünf Semester außerordentlicher Hörer der Philosophie an der Universität Wien. Nach dem Zusammenbruch der Bank im September 1927 zehneinhalb Monate arbeitslos. 1928 bis 1937 im Dienst der Stadt Wien, zunächst bei der Wiener Gemeindewache, seit Ende 1931 bei der Rechnungsabteilung des Magistrats-Bezirksamts für den V. Bezirk. 1932/33 bis 1933 zwei Semester außerordentlicher Hörer an der Rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien; 1933 Ablegung der Prüfung aus Staatsrechnungswissenschaft und der Kanzleiprüfung.
Im Zuge der Februarkämpfe 1934 als Schutzbundführer für einen Tag inhaftiert, im Februar 1935 erneut siebzehn Tage aus politischen Gründen inhaftiert und deshalb im Oktober 1937 zweieinhalb Monate vor Erreichung der Pension aus dem Dienst der Stadt Wien entlassen.

1938 Zweckehe mit der Angestellten bei der Versicherungsgesellschaft "Phönix" Auguste Elzholz, um der als Jüdin Verfolgten zur Flucht zu verhelfen; Scheidung. 1941 Ehe mit Margarete Stöberl; Sohn: Tillfried Eduard Spitzegger (*Wien 1942).

Nach der Okkupation Österreichs durch Nazi-Deutschland vom 14. bis 17. März 1938 neuerlich inhaftiert. 1939 bis 1940 Lohnbuchhalter bei der Wiener Zweigniederlassung von Gustav Knauer, Spedition und Möbeltransport, Berlin, 1940 bis 1943 Buchhalter in der Zentralbuchhaltung bei der "Elin, Aktiengesellschaft für elektrische Industrie", Wien.

Im Oktober 1943 Einberufung zur Deutschen Wehrmacht als Oberfeldwebel; Einsatz in Frankreich und Deutschland; im Oktober 1944 als dienstunfähig aus der Wehrmacht entlassen.

Im Zuge des gescheiterten Attentats vom 20. Juli 1944 Hausdurchsuchung, jedoch ohne unmittelbare Folgen für Spitzegger. 1944 bis 1945 wieder als Buchhalter in der Zentralbuchhaltung bei den "Elin und Schorch-Werken, Aktiengesellschaft für elektrische Industrie", Wien.

April bis Juni 1945 Polizeichef des Polizeiamts Fünfhaus beim polizeilichen Hilfsdienst der Stadt Wien. Juni bis Juli 1945 wieder im Dienst der Stadt Wien, zunächst bei den Wasserwerken der Stadt Wien, seit Juli 1945 als Oberleiter der Wiener städtischen Zentral-Lehrlingsbibliotheken; 1957 Ruhestand.

1945 bis zum Ausschluss im Jänner 1950 Mitglied der "Kommunistischen Partei Österreichs". Daneben Wiederaufnahme seiner anarchistischen Aktivitäten. Freundschaft mit dem österreichischen Schriftsteller Israel L. Utas (d.i. László Utas), der die zionistisch-anarchistische Zeitschrift "Freie Welt. Selbstmenschentum, Werkbesitzsozialismus, Weltföderation" (Wien) herausgab und deren beide letzten Nummern 1954 Spitzegger herausgab. Gemeinsam mit Utas begründete er 1945 die bis 1954 aktive"Gesellschaft für soziologische Studien und Propaganda", die später den Namen "Gesellschaft für soziologische Studien und wirtschaftliche Erkenntnisse" erhielt.

(Herausgeber und verantwortlicher Schriftleiter) Freie Welt (Wien), 8. Jg. (1954), Nr. 2/38 und 3/39 (Juni-September).

Graz, im November 1999
Reinhard Müller

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