Biografie Walter Schiff
seit 1893 Walter Karl Schiff
*Wien 2. Juni 1866 (falsch: 3. Juni 1866), †Wien 1. Juni 1950
österreichischer Statistiker, Soziologe und Politischer Ökonom


Walter Schiff, viertes von sechs Kindern des Kaufmanns und Inhabers der Firma Gaivapol Max Schiff und dessen Ehefrau Caroline, geborene Schlesinger. Volksschule und Gymnasium (Staatsgymnasium IX.) in Wien; Matura mit Auszeichnung 1884. Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien; Promotion sub auspiciis imperatoris 1889 zum Dr. jur.

1891 bis 1892 Weiterbildung am Staatswissenschaftlichen Seminar der Universität Straßburg [Strasbourg] / Elsass.

1892 bis 1893 Gerichtsjahr in Wien. 1893 Übertritt zum römisch-katholischen Glauben und Taufe auf den Namen Walter Karl Schiff. 1894/95 bis 1896/97 Assistenzdienst bei der k.k. Statistischen Zentral-Kommission (heute: Statistisches Zentralamt) unter Karl Theodor von Inama-Sternegg (1843-1908), in dieser Funktion auch im Statistischen Seminar der Universität Wien tätig.

1897 Heirat mit seiner Cousine, der Kaufmannstochter Alice Friederike, geborene Schiff (*Breslau [Wroclaw] 16. November 1872, †Wien 13. April 1933); vier Kinder: die Lehrerin Grete Schiff (*Wien 1899, †Wiener Neustadt / Niederösterreich 1923), der Ingenieur Wolfgang Schiff (*Wien 1900, †Birmingham 196?), die Violinistin Gertrude "Gertrud" Schiff, verheiratete Kaldeck (*Wien 1901, †Wien 1980) und die Physikerin (Kristallstrukturforschung) und Universitätsprofessorin der Naturwissenschaften Katharina "Käthe" Schiff, geschiedene Dornberger, verheiratete Boll (Pseudonym: Käthe Boll-Dornberger; *Wien 1909, †Berlin-Ost 1981).

1899 habilitiert für Politische Ökonomie und Statistik an der Universität Wien. 1900 Umhabilitierung für Verwaltungs- und Rechtslehre an der Hochschule (heute: Universität) für Bodenkultur Wien; hier 1901 für Volkswirtschaftslehre und Statistik habilitiert. 1910 titular außerordentlicher Universitätsprofessor (tit. a.o. Univ.-Prof.) und 1914 ordentlicher Universitätsprofessor (o. Univ.-Prof.) der Politischen Ökonomie an der Universität Wien.

Daneben in der Volksbildung als enger Freund von Ludo Hartmann (d.i. Ludwig Moritz Hartmann; 1865-1924) tätig; Mitbegründer und leitender Vizepräsident des 1901 gegründeten "Volksheims Ottakring", an dessen 1904 errichteter "Wiener Volkshochschule" er seit 1909 als Fachreferent (Leiter) für Staats- und Rechtswissenschaften fungierte; 1931 bis 1934 geschäftsführender Leiter des "Volksheims Ottakring". Außerdem 1912 mit Anna Postelberg Mitbegründer des privaten "Mädchengymnasiums für erweiterte Frauenbildung" (Albertgasse 38, Wien VIII.), welches später vom Staat übernommen wurde.

1908 bis 1919 Beamter des Arbeitsstatistischen Amts im k.k. Handelsministerium in Wien unter Viktor Mataja (1857-1934). 1919 bis 1922 als Ministerialrat Vizepräsident (mit dem Titel eines Präsidenten) des Bundesamts für Statistik (heute: Statistisches Zentralamt); 1922 nach dreißig Jahren Staatsdienst pensioniert. 1923 bis 1934 als Statistischer Konsulent leitender Beamter des Statistischen Amts der Stadt Wien.

Initiierte 1914 öffentliche Ausspeisungen für die Armen, welche 1918 von der Gemeinde Wien als "WÖK" (Wiener öffentliche Küchen) fortgesetzt wurden. 1928 bis 1934 Mitglied der "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs", seit 1934 der damals illegalen "Kommunistischen Partei Österreichs". 1930 bis 1934 Vorsitzender des "Antikriegskomitees" und Zweiter Präsident des "Bundes der Freunde der Sowjetunion", 1933 führend im "Dimitroff-Komitee" und für die "Rote Hilfe" der "Kommunistischen Partei" aktiv. Nach den Kämpfen vom Februar 1934 aus allen beruflichen Ämtern entlassen. Bis 1938 war Schiffs Wohnung wichtiger konspirativer Treffpunkt der illegalen Kommunisten und Revolutionären Sozialisten (illegale Sozialdemokraten und Sozialisten).

Im März 1938 Flucht nach Großbritannien zu seiner Tochter Käthe. Zunächst in London, seit 1939 in Birmingham, wo er mit seiner Jugendfreundin Anna Postelberg bis zu deren Tod 1950 lebte. Mitarbeit in österreichischen Flüchtlingsorganisationen: Mitglied und später Vorsitzender des "Council of Austrians in Great Britain", ab Mai 1940 Ehrenpräsident des "Austrian Centre", Gründungsmitglied des "Free Austrian Movement" und Mitglied des "Austrian P.E.N.". Im Dezember 1941 Mitunterzeichner der "Deklaration österreichischer Vereinigungen in Großbritannien".

Kehrte Anfang März 1950 schwer krank nach Wien zurück; verstarb an Krebs.


Zu weiteren biografischen Informationen siehe Reinhard Müller: Walter Schiff (1866-1950). Statistiker und Nationalökonom <link: Newsletter Nr. 18>, in: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich. Newsletter (Graz), Nr. 18 (Juni 1999), S. 11-16.


Graz, im Dezember 1998
Reinhard Müller


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