Biografie Johannes Ude

bis 1933: Johann Ude
*Sankt Kanzian / Kärnten, 28. Februar 1874, †Grundlsee / Steiermark, 7. Juli 1965
österreichischer katholischer Theologe, Sozialethiker und Soziologe, Freiwirtschaftstheoretiker, christlicher Politiker, pazifistischer und lebensreformerischer Publizist




Sohn des Volksschullehrers Peter Ude und dessen Ehefrau Hedwig Ude, geborene Bresnigg.

1876 Übersiedlung der Eltern mit ihren elf Kindern nach Sankt Margarethen bei Silberberg [Noreia / Steiermark]. Absolvierung von drei Klassen am privaten Gymnasium des Benediktinerstifts Sankt Lambrecht / Steiermark; danach eine Klasse am privaten fürstbischöflichen Knabenseminar in Graz, schließlich am Oberrealgymnasium Lichtenfels in Graz; hier Matura 1894.

Seit 1894 Studium an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom: vier Jahre Theologie und drei Jahre Philosophie; 1897 Dr. phil. und 1901 Dr. theol. ebenda. Anschließend kirchliche Tätigkeiten in mittel- und oberitalienischen Städten, in Lourdes / Hautes-Pyrénées und in Strassburg / Elsass [Strasbourg / Alsace].

1900 Priesterweihe; 1900 bis 1901 ein Jahr Kaplan in Fernitz bei Graz / Steiermark und in Hausmannstätten / Steiermark.

1901 bis 1939 in Graz. 1901 bis 1910 Präfekt am fürstbischöflichen Knabenseminar (Privatgymnasium mit Öffentlichkeitsrecht) in Graz; außerdem Lehrer der italienischen Sprache. Daneben Studium an der Universität Graz der Zoologie und Botanik, Mineralogie und Paläontologie sowie der Nationalökonomie und Staatswissenschaften; 1907 Dr. rer. nat. (Zoologie) auf Grund der Arbeit "Beiträge zur Anatomie und Histologie der Süßwassertricladen (Planaria genocephala Dug., Dendrocoelum angarense, Dendrocoelum punctatum, Planaria mytegrensis Sabussowe und eine Varietät der Planaria genocephala aus Kislowodsk)" und 1924 Dr. rer. pol. auf Grund der Arbeit "Das Wirtschaftsideal des Volks- und Staatshaushaltes" ebenda. 1905 habilitiert für Aristotelisch-thomistische Philosophie und spekulative Dogmatik mit Lehrauftrag für Psychologie und Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität in Graz; 1905 bis 1910 Privatdozent (Priv.-Doz.), 1910 bis 1917 außerordentlicher Universitätsprofessor (a.o. Univ.-Prof.) der Spekulativen Dogmatik mit Lehrauftrag für christliche Philosophie und Apologetik, 1917 bis 1936 ordentlicher Universitätsprofessor (o. Univ.-Prof.) der Spekulativen Dogmatik mit Lehrauftrag für christliche Philosophie und Apologetik ebenda; lehrte daneben auch Soziologie; 1919 bis 1920 und 1924 bis 1925 Dekan der theologischen Fakultät; 1936 gegen Wartegeld beurlaubt.

Daneben lebensreformerische Aktivitäten; seit 1907 Vegetarier. 1907 Mitbegründer eines alkohol- und nikotinfreien Speisehauses in Graz, Bischofsplatz. 1914 bis 1918 Teilnahme am Ersten Weltkrieg als Sanitäter; machte sich noch während des Kriegs gegen Kriegsdienst und Krieg stark. 1918 in Hamburg wegen "nächtlicher Ruhestörung" verhaftet, als er in einschlägigen Lokalen gegen die Prostitution agitierte.

Bei der Wahl zum Nationalrat 1919 zunächst steirischer Spitzenkandidat der "Christlichsozialen Liste", danach jedoch Streichung von der Liste, weil er mittels seiner freien Mandatsausübung als Abgeordneter gegen Alkoholismus und Prostitution kämpfen wollte. 1921 Privataudienz bei Papst Benedikt XV. (d.i. Giacomo della Chiesa; 1851-1922). 1924 Organisator des internationalen Weltkongresses gegen den Mädchenhandel und die Prostitution sowie des Alkoholgegner-Kongresses in Graz. 1926 Gründung einer eigenen Partei, des "Wirtschaftsvereins für Österreich", meist kurz "Ude-Partei" genannt, ökonomisch stark beeinflusst von der Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells (1862-1930). 1933 Mitglied der "Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands" (NSDAP). Lehnte den Christlichsozialen Ständestaat als "unchristlich" ab, protestierte gegen die Hinrichtung der Verteidiger der Demokratie vom 12. Februar 1934. Wegen seiner Kritik an Benito Mussolinis (1883-1945) Überfall auf Abessinien (Äthiopien) 1935 zu einer Geldstrafe von 1.000 Schilling verurteilt. Nach dem "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich zunächst vom Gauleiter Sigfried Uiberreither (1908-1984) persönlich gedeckt, nach Udes Kritik an der Reichsprogromnacht vom November 1938 in Briefen an den Reichsstatthalter und den Gauleiter von Steiermark am 1. Mai 1939 Gauverweis und Verbannung nach Grundlsee / Steiermark (damals Gau Oberdonau).

1939 bis 1965 in Grundlsee / Steiermark als Kaplan und Publizist, 1949 bis 1961 von seiner Haushälterin Elsa Kitzer betreut. Wegen seiner Kritik am Krieg und an der Judenverfolgung zwei Mal inhaftiert, 1939 vorübergehend in Linz / Oberösterreich interniert, beim zweiten Mal wegen "Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung" seit August 1944 in Wels / Oberösterreich interniert; wurde im April 1945 aus dem Gefängnis befreit.

Seit 1947 zwölf Jahre hintereinander für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, darunter 1956 von Albert Schweitzer (1875-1965). 1951 kandidierte Ude bei der ersten Bundespräsidentenwahl (6. Mai) als Parteiloser und erhielt 5.413 Stimmen. Im Zuge seiner pazifistischen und lebensreformerischen Aktivitäten hatte Ude bis 1960 in etwa 125 Orten Österreichs, Deutschlands und der Schweiz über 4.000 Reden gehalten, rund 150 Bücher und Broschüren veröffentlicht und allein zwischen 1951 und 1957 etwa 16.000 Briefe verfasst.

Im Dezember 1965 Gründung der "Ude-Friedensgemeinschaft"; Vorsitzende waren Hermann Weyss, seit 1978 Günther Krizek.


Graz, im September 1999
Reinhard Müller

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