Nina Rubinstein:
Die französische Emigration nach 1789



Nina Rubinstein wurde 1908 in Berlin geboren. Sie war das Kind exilierter balto-russischer Sozialdemokraten. Die großen politischen Umbrüche zu Beginn des Jahrhunderts und das menschewistische Exilmilieu markierten ihren Lebensweg und Lebensraum von Anfang an. Um Revolution, Vertreibung und Exil geht es auch in ihrem "Beitrag zur Soziologie der politischen Emigration", der hier erstmals veröffentlicht wird. Rubinstein kam 1929, nach einem Orientierungssemester in Berlin, zum Studium nach Heidelberg und dort - vermutlich über zwei menschewistische Genossen - in den Kreis um Karl Mannheim. Sie entschied sich für die Soziologie und zunächst für eine Arbeit über die russische Emigration nach 1917. Mit den "Mannheimern aus Heidelberg" folgte Rubinstein 1930 ihrem Lehrer nach Frankfurt nach und begann dort und in Paris alsbald mit den Recherchen zu den französischen "Emigés". 1933, noch ehe sie mit ihrer Dissertation auch ihr Studium beenden konnte, wurde sie selbst in die Emigration gezwungen. Im Exil versuchte Rubinstein noch zweimal - an der Pariser Sorbonne, dann an der New School for Social Research in New York - ihr Studium abzuschließen. Die prekäre Situation des Exils ließ das nicht zu. Rubinstein machte schließlich die Sprachen, in denen sie gelebt und zwischen denen sie schon in der Schule, dann neben ihrem Studium ganze Bücher (unter dem Pseudonym Nina Stein) aus ihrer russischen "Heimatsprache" übersetzt hatte, zu ihrem Beruf: Mehr als dreißig Jahre arbeitete sie als Simultanübersetzerin bei der UNO. Nina Rubinstein kehrte erst 1989 nach Deutschland zurück, anlässlich der feierlichen Überreichung ihres Doktorats summa cum laude am Fachbereich für Gesellschaftswissenschaften der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main, nach sechsundfünfzig Jahren. Das Erscheinen dieses ihres Buchs hat Nina Rubinstein nicht mehr erleben dürfen. Sie ist 1996 in New York gestorben.

Der sechste Band der "Bibliothek sozialwissenschaftlicher Emigranten" ist dem Leben und einzig gebliebenen Erstlingswerk der Soziologin Nina Rubinstein gewidmet. Vertreibung und Exil waren nicht nur der Grund, warum Rubinstein erst 1989, mit sechsundfünfzigjährger Verspätung, ihr Doktorat erlangen konnte, und weshalb ihre Dissertation von 1933 erst jetzt, nach fast siebzig Jahren, erstmals erscheint. Vertreibung und Exil sind auch das Thema ihrer hier vorliegenden Arbeit, mit der sie - am historischen Präzedenzfall der französischen Emigration nach 1789 - einen originellen Beitrag zur Soziologie und zur Geschichte des politischen Exils geleistet hat. Vertreibung und Exil gehörten auch zu den Erfahrungen, mit denen Rubinstein als "Kind des Exils" von Anbeginn vertraut war, und diese lebensweltliche Erfahrung macht, zusammen mit dem distanzierten, durch ihr Studium bei Karl Mannheim und Norbert Elias geschulten Blick der Soziologin auf die Geschichte und auf das Leben in der Emigrantengesellschaft, die Besonderheit der vorliegenden Untersuchung aus.

Beiträge von Dirk Raith, Hanna Papanek und David Kettler beschäftigen sich mit Leben und Werk Nina Rubinsteins.



Inhaltsverzeichnis

 

Dirk Raith:
Vorwort

7-8


Hanna Papanek:
"Patria auf Rädern": Nina Rubinstein, 1908-1996

9-31
36-37


Hanna Papanek:
Anhang: Exil und Heimatsprache: Bemerkungen zu Nina Rubinsteins Promotion


31-35

Dirk Raith:
Nina Rubinsteins Beitrag zur Soziologie des Fremden

39-72

David Kettler:
Wie kam es zu Nina Rubinsteins Promotion?

73-78

David Kettler:
Anhang: Laudatio für Frau Dr. Nina Rubinstein

79-85

Fotos

86-87

Nina Rubinstein:
Die französische Emigration nach 1789. Ein Beitrag zur Soziologie der politischen Emigration

 

Übersetzung der französischen Quellentexte von Klaus Lenger

223-245

Dirk Raith: Index

246-252



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