Else Pappenheim:
Hölderlin, Feuchtersleben, Freud.



Else Pappenheim wurde 1911 in Salzburg geboren, wuchs in Wien auf und besuchte die "Schwarzwaldschule", eines der ersten Mädchengymnasien in Wien. Sie studierte von 1929 - 1935 Medizin, arbeitete anschließend als Sekundarärztin an der neurologisch-psychiatrischen Klinik unter Prof. Otto Pötzl und begann eine Ausbildung am Wiener Psychoanalytischen Institut. Nach Hitlers Einmarsch wurde sie entlassen. Sie emigrierte im November 1938 in die USA und arbeitete zunächst bei Prof. Adolf Meyer an der John Hopkins Universität in Baltimore. 1941 übersiedelte sie nach New York, wo sie noch heute lebt. Bis zu ihrer Pensionierung unterrichtete sie an verschiedenen Universitäten und arbeitete als Neuropsychiaterin und Psychoanalytikerin an mehreren Krankenhäusern und in freier Praxis. Obwohl der "Anschluss" Österreichs ihre Karriere an der Wiener Klinik beendete und zur leidvollen Erfahrung der Emigration führte, hat sich Else Pappenheim die Liebe zu Wien bewahrt. Viele ihrer Arbeiten nehmen Bezug auf die österreichische Kultur-, Medizin- und Zeitgeschichte und auf ihre vielseitige intellektuelle Prägung im Wien der Zwischenkriegszeit.

Im VII. Band der Bibliothek Sozialwissenschaftlicher Emigranten wird mit Else Pappenheim eine Psychoanalytikerin, Neurologin und Psychiaterin vorgestellt, deren Arbeiten in Österreich wenig bekannt sind. Zwei Drittel der Schriften, die aus den Jahren 1929 - 1995 stammen, wurden noch nie oder nur auf Englisch publiziert. Sie beinhalten Erinnerungen an die neuropsychiatrische und psychoanalytische Ausbildung in Wien, an die Wiener Sekundararztzeit, an Stationen der Emigration (Palästina, Baltimore, New Haven, New York), an prominente Psychiater und Psychoanalytiker (darunter Annie Reich, Judith Kestenberg, Heinz Hartmann, Ernst Kris, Marie Langer und Eduard Kronold) und geben Aufschlüsse über die Entwicklung der Psychoanalyse in den USA unter dem Einfluss von europäischen Emigranten. Den Schwerpunkt bildet die Geschichte der Wiener Schule der Medizin und der Psychoanalyse: Ernst Freiherr von Feuchtersleben, ein weitgehend vergessener Psychiater und Universitätsreformer des Wiener Vormärz, zugleich ein Vorläufer der modernen Seelenheilkunde; Wilhelm von Mauthner und die Entstehung der Kinderheilkunde in Wien; die Geschichte der von Theodor Meynert geprägten Diagnose der "Amentia"; die Revision der Hysterie-Diagnose von Freuds Patientin Emmy v. N. zugunsten eines neurologischen Syndroms. Weitere Beiträge gehen der Frage nach, warum die Psychoanalyse in Wien entstanden ist, stellen Verbindungen zwischen der österreichischen Zeit- und Wissenschaftsgeschichte her und befassen sich mit der Geschichte der Psychoanalyse in den USA und in der Sowjetunion. Die klinischen Beiträge beinhalten eine Pathographie des Dichters Friedrich Hölderlin. Dessen schizophrene Erkrankung stand am Beginn von Else Pappenheims Interesse für Psychiatrie und Neurologie. In einer Arbeit über einen schizophrenen Architekten, die 1938 gemeinsam mit Ernst Kris in Wien begonnen und erst in New York vollendet wurde, kommt das inzwischen geläufige Thema "Kunst und Geisteskrankheit" zur Sprache. Zusammenfassungen von neuropsychiatrischen Arbeiten aus den Jahren 1935 - 1938, Schriften zur kindlichen Trennungsangst und über Studentenberatung sowie eine neurologische Studie zu einem tödlichen Stromunfall runden den klinischen Teil des Buches ab.



Inhaltsverzeichnis

5-6

Bernhard Handlbauer:
Einleitung

9-202

 

 


II. Autobiographisch-historische Beiträge

203-311

Medizinstudium und Sekundararztzeit (1929-1938)

205-212

Meine Ausbildung am Wiener Psychoanalytischen

213-216

Institut (1936-1938)

 

Von Wien nach New York

217-228

Die Jahre in Baltimore und die Begegnung mit Adolf Meyer (1938-1941)

229-241

Erinnerungen an das New York der Vierzigerjahre

242-247

"Kein Mann hätte sich das gefallen lassen" - Else Pappenheim im Interview mit Elfi Hartenstein

248-256

Erinnerungen an Marie Langer

247-264

Erinnerungen an Eduard Kronold

265-267

"Ich habe Wien sehr geliebt!" - Else Pappenheim im Interview mit Bernhard Handlbauer

268-311

 

 

III. Beiträge zur Geschichte der Medizin und der Psychoanalyse

313-439

Der Psychiater Ernst Freiherr von Feuchtersleben und seine Seelenheilkunde

315-346

Von der Kinderheilkunde im 19. Jahrhundert zur Kinderpsychoanalyse

347-361

Über Meynerts Amentia

362-384

Bemerkungen zum Fall der Anna O.

385-387

Freud und Gilles de la Tourette: Spekulationen über die Diagnose von Frau Emmy v. N.

388-407

Politik und Psychoanalyse in Wien vor 1938

408-425

100 Jahre Psychoanalyse. Ein kurzer Überblick über ihre Geschichte in Österreich und den Vereinigten Staaten

426-434

Psychoanalyse in der Sowjetunion

435-439

 

 

IV. Klinische Beiträge

441-573

Das Pathologische in Hölderlins Leben und Werk

443-495

Zusammenfassungen neuro-psychiatrischer Schriften
1. Zur Kenntnis der Psychosen bei Pellagra - 2. Zur Kenntnis atypischer Wirkungen des Tabakrauchens bei Hirnkranken - 3. Zur Psychopathologie der Rauchgewohnheiten. II. Mitteilung. Ein Fall von Pyromanie - 4. Beiträge zum Problem der Entfremdungserlebnisse bei Hirnkranken - 5. Angioma racemosum des Cervicalmarks und Hämatomyelie - 6. Primäres Melanom des Zentralnervensystems

496-500

Die Funktion der Zeichnungen und die Bedeutung des "schöpferischen Schubs" bei einem schizophrenen Künstler (mit Ernst Kris)

501-528

Trennungsangst bei Mutter und Kind (mit Mary Sweeney)

529-550

Ein Programm für Psychohygiene an einer Fachschule (mit Irene R. Kieman)

551-563

Klinisch pathologischer Bericht über einen tödlichen Stromunfall (mit Jean-Pierre Lindenmayer)

564-573

 

 

Sachindex

575-590

Namensindex

591-606



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