Judith Jandrinitsch
Marienthal beschäftigt Wissenschaft noch heute. Buchpräsentation / Die Studie »Die Arbeitslosen von Marienthal« führt von den 1930er Jahren zu Fragen der Gegenwart
in: NÖN (Sankt Pölten) vom 5. März 2008, S. 40–41.
Die Veröffentlichung auf dieser Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Judith Jandrinitsch, Au am Leithaberge. Beachten Sie das Copyright!
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BUCHPRÄSENTATION / Die Studie »Die Arbeitslosen von Marienthal« führt von den 1930er Jahren zu Fragen der Gegenwart.
Marienthal beschäftigt Wissenschaft noch heute
VON JUDITH JANDRINITSCH
GRAMATNEUSIEDL / Dr. Reinhard Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Grazer Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.
Er hat es geschafft, in seinem Buch »Marienthal: Das Dorf – die Arbeitslosen, die Studie«, die Welt der Arbeiterkolonie Marienthal wieder auferstehen zu lassen, mit tatkräftiger Unterstützung der Gramatneusiedler Bevölkerung, sowie eine umfassende Geschichte der Marktgemeinde Gramatneusiedl an sich.
Müller präsentierte Buch & Homepage über Marienthal
Sein zweiter Streich: Eine Homepage, die alle Stückerl spielt, auf der Interessierte, Studierende und Lehrende alles finden, was es zum Thema Marienthal zu wissen gibt. Wie kommt ein Grazer Wissenschaftler dazu, sich der Geschichte Marienthals anzunehmen?
Marie Jahoda, eine der wesentlichsten Mitarbeiterinnen an der Studie, hat ihren Nachlass dem Archiv vermacht. 2002 gab es im Gemeindezentrum eine Ausstellung, als Leopold Kopecky, Jahrgang 1923, den Wissenschaftler ansprach. »Was weißt du schon über Marienthal? Das war einmal das kulturelle Zentrum Österreichs!« Ersteren musste Müller völlig recht geben, der zweiten Behauptung konnte er vorerst keinen rechten Glauben schenken.
Seine Forschungen begannen 2002 mit der Quellenlage. Hier kam die erste Ernüchterung. Es gab bemerkenswert wenig über Marienthal, umso wichtiger war die Mitarbeit der ortsansässigen Bevölkerung. Was ist Marienthal eigentlich? Die Definition dieses Begriffes ist nicht einfach, da Marienthal auf keiner Landkarte verzeichnet ist und eigentlich nur der Name für eine Fabriks- und Arbeiterkolonie ist.
Reinhard Müller legte Wert auf Forschung im Ort
Doch Marienthal ist weit mehr – »es ist ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte Gramatneusiedls«, wie Müller feststellte. Im Zuge seiner Forschungsarbeit in Gramatneusiedl wurde Müller selbst fast zum echten Marienthaler – er wohnte beim Gastwirt Paul Human [recte Humann; Anm. R.M.], besuchte die Lokale im Ort, fand den Zugang zu wichtigen Zeitzeugen, es gelang ihm ungeahnte Schätze aufzuspüren, die die Gramatneusiedler bei sich verborgen hielten.
Seine Forschungen tragen dazu bei, die Geschichte des Ortes und die Studie aus den 1930er Jahren, die bis heute als der einzige Sozialklassiker Österreichs gilt, in einem neuen Licht zu zeigen. Dabei folgt er der Tradition von Marie Jahoda: er hat das Buch in einer Sprache abgefasst, die sowohl für interessierte Laien
Im Visier Laptop mit der Homepage: Dr. Reinhard Müller (li.), Bürgermeister Leo Zolles (Mi.) und Gerhard Razborcan (re.).
FOTO: JJ
DIE STUDIE
Besonderheiten der Studie:
1. Das Forschungsthema der Studie Arbeitslosigkeit. Dieses Thema ist wohl zeitlos. Es war die öffentliche Debatte über die Konsequenzen der Arbeitslosigkeit, die Marienthal zu einer so bemerkenswerten Studie gemacht hat.
2. Der Sozialwissenschaftliche Methodenmix. Die Forscherinnen und Forscher haben bei der Feldforschung in Gramatneusiedl nicht nur eine Methode angewendet, um dem Phänomen Arbeitslosigkeit auf die Spur zu kommen.
3. Der Stil der Studie.
Die damals erst 25–jährige Marie Jahoda hat den Studientext in einem Stil verfasst, der dem einer Sozialreportage gleich kommt. Deshalb ist der Text auch für Laien verständlich zu lesen und auch sehr spannend.
4. Die ethische Komponente.
Die 15 Forscher verpflichteten sich, in Marienthal etwas für die arbeitslosen Fabriksarbeiter zu tun, eine Gegenleistung zu erbringen. Marie Jahoda kehrte 2 Jahre nach Erstellung der Studie nach Marienthal zurück, um ein Arbeitslosenhilfeprojekt zu initiieren.
5. Das Geschlechterverhältnis.
Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis kommt sowohl bei den Forschern zum Tragen als auch bei den Befragten – es wurden gleich viele Männer wie Frauen befragt. Dabei erkannten die Forscher auch die unterschiedlichen Auswirkungen, die Arbeitslosigkeit auf Männer wie auch auf Frauen hat.
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als auch für Wissenschaftler verständlich ist – ganz so wie die Studie. Die Homepage ist unter http://agso.uni-graz.at/archive/marienthal oder über die Homepage der Gemeinde, Link Marienthal, zu finden. Die Zeitlosigkeit der Marienthal-Studie betonte auch Bürgermeister Leo Zolles.
Multinationale Großkonzerne wie z.B. Nokia, die ihren Standort einfach in ein Land verlagern, um die Produktionskosten zu senken. Ein Schicksal, das die Textilindustrie in Europa schon lange hinter sich hat und das nach der Schließung der Marienthaler Fabrik begonnen hat.
Das Buch ist im Studien Verlag erschienen und ist um 40 Euro am Gramatneusiedler Gemeindeamt sowie im guten Buchhandel zu erwerben.
Für Gramatneusiedler gibt es eine Ermäßigung in Form von 10 Gramathalern.
Links: Alle stellten sich an, alle wollten ihre Bücher vom Autor signieren lassen. In der Schlange warteten geduldig Ottilie Grießmüller und Walter Dienstl.
Unten: Bürgermeister Leo Zolles konnte bei der Buchpräsentation auch ParaChemie-Werksleiter Gerald Molnar und Sozialminister a.D. Josef Hums begrüßen.
FOTOS: JANDRINITSCH