Michael Freund & Janos Marton

Vorbemerkungen zu einer geplanten Studie über »Marienthal nach 50 Jahren«. [New York, N.Y.], im Mai 1978

Quelle: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich (Graz), Virtuelles Archiv »Marienthal«, Sammlung Josef Hums. Beachten Sie das Copyright!

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Vorbemerkungen zu einer geplanten Studie über »Marienthal nach 50 Jahren«

Dr. Michaed Freund

Dr. Janos Marton

Mai 1978

Zweck der Untersuchung:

Wir wollen Aspekte des gegenwärtigen Lebens in Marienthal, Niederösterreich, empirisch untersuchen. Das Dorf wurde in den dreißiger Jahren bekannt als Ort einer der ersten systematischen soziologischen Feldstudien (M[arie] Jahoda, P[aul] F[elix] Lazarsfeld, & H[ans] Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal, 1933, 1960, 1975). Anlaß der Studie war die Arbeitslosigkeit von über drei Vierteln der Bevölkerung; darüber hinaus entwickelten die beteiligten Forscher ungewöhnliche Methoden, die Auswirkungen der ökonomischen Situation auf das Sozialleben im Dorf zu untersuchen und ein sozialpsychologisches Bild der »müden Gesellschaft« zu zeichnen.

Wenn wir das Dorf nach fast 50 Jahren wieder aufsuchen wollen, ist es nicht unsere Absicht, die ursprüngliche Untersuchung zu replizieren oder »auf den letzten Stand der Dinge« zu bringen. Es hat sich zuviel verändert und ereignet, als daß man unvermittelt an die Situation Marienthals der dreißiger Jahre anknüpfen könnte. Die Arbeitslosenstudie dient uns allerdings als in der Soziologie und Sozialpsychologie gut bekannte baseline, von der aus der folgende erste Fragenkomplex perspektivisch betrachtet werden kann:

Inwieweit sind die extremen Schwierigkeiten der damaligen Zeit heute noch präsent und fühlbar

(a) in den Erinnerungen der älteren Bewohner, solcher, die den Zeitpunkt der Untersuchung bewußt miterlebt haben;

(b) im Bewußtsein der Jüngeren, die von den dreißiger Jahren durch mündliche Überlieferungen wissen;

(c) in den Einstellungen der Bewohner zu Arbeitsplatzsicherheit, Arbeitslosigkeit und Problemen sozialer Sicherheit im allgemeinen. Mit welchen Strategien würden sie auf Krisen- und Konfliktsituationen reagieren, und inwiefern gibt es hier Zusammenhänge mit den in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen?

(d) im äußeren Erscheinungsbild des Ortes, als Folgen anhaltender Schäden. Wieweit ist die Regenerationsfähigkeit eines Dorfes nach einem solchen Trauma anhaltend beeinträchtigt?

Vergleiche sind dabei auch möglich mit Gramatneusiedl, dem etwas größeren Nachbarsort, dem Marienthal nunmehr eingemeindet ist und das von den Schrecken massiver Arbeitslosigkeit verschont geblieben war. (vgl. die 1933–Studie) Bei einer ersten Erkundungsfahrt im Januar 1978 hatte J[ános] Marton den Einruck, daß Marienthal physisch immer noch unter den Auswirkungen des damaligen Verfalls leidet. Zu erkunden wäre empirisch, inwieweit

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sich langfristige Folgen auch im sozialen und familialen Bereich zeigen.

Ein zweiter Fragenkomplex, den wir noch detaillierter ausarbeiten wollen, bezieht sich auf Marienthals gegenwärtige Lage als Dorf im Einzugsgebiet einer Großstadt. Historisch wäre dazu zu sagen, daß die Lage des Ortes (1830 zum Zeitpunkt seiner Gründung) nach industrieverkehrstechnischen Gesichtspunkten ausgewählt worden war. Allmählich erst machte sich die Nähe zu Wien bemerkbar, insbesondere in den Arbeitskämpfen um die Jahrhundertwende. 1930 allerdings schrumpfte der Horizont beträchtlich, bedingt durch die materielle Eingeschränktheit. Inzwischen ist Wien wieder nähergerückt, leicht erreichbar und Ziel vieler Pendler. Wie spiegelt sich letzteres in den kulturellen und Freizeitpatterns der Marienthaler? Wie reagieren verschiedene Sozialgruppen auf die zunehmende Orientierung an der Großstadt? Wie werden Veränderungen im Lebensrhythmus von den Bewohnern erlebt und beurteilt?

Marienthal steht in gewissem Sinne paradigmatisch für viele Dörfer im Rand- und Einzugsgebiet von Metropolen. Eine Erörterung der Probleme könnte ein erster Schritt für die Betroffenen sein, ihre Lage zu reflektieren und aus ihr zu lernen. Indem wir uns an der Idee der Aktionsforschung orientieren und sie auf eine soziologische Feldstudie anwenden, glauben wir, einer hommage à Lazarsfeld et al. besser zu dienen als durch eine Wiederholung des – im Moment nicht real gegebenen – Themas Arbeitslosigkeit.

Geplante Durchführung:

(1) Zentral für Analyse und Dokumentation soll die Zuhilfenahme eines audiovisuellen Mediums sein. Wir wollen mit Film arbeiten und die physischen und sozialen Gegebenheiten des Dorfes auf diese Weise festhalten. Einerseits tragen wir dadurch dem verstärkten Trend hin zu audiovisueller Information Rechnung. Andererseits jedoch ist das Vorhaben ein Stück Neuland: Die sozialwissenschaftlichen Dokumentarfilme, die uns bekannt sind, haben sich eher an die Normen des konventionellen Filmemachens gehalten, was Bildauswahl, Schnitt, Ton etc. anbelangt. Wir wollen Film ebenso als Forschungsinstrument einsetzen und dabei theoretisch und in der praktischen Arbeit den Eingriff in das Dorfgefüge reflektieren, den die Dreharbeiten bedeuten würden. In herkömmlichen empirischen Arbeiten werden die Probleme von Interaktion zwischen Untersuchendem und Untersuchtem (und deren Auswirkungen auf die Resultate) stark vernachlässigt. Man beklagt das zwar allgemein, kann jedoch innerhalb der gewählten Darstellungsform (Zeitschriftenartikel, Monographien) nur einschränkend darauf verweisen. Eine Filmdokumentation kann nicht nur den Moment des Forschungseingriffes unmittelbar festhalten, etwa wenn ein Interview mitsamt seinen Vorbereitungen und »nichtverbalen« Begleitumständen aufgenommen wird, sondern ermöglicht auch eine leichtere Rückführung der Ergebnisse an die Betroffenen: Die Dokumentation soll ihnen

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ebenso zugänglich gemacht werden wie interessierten Schulen, Hochschulen und Fernsehstationen. Durch Überspielen auf Videobänder kann der Film dem wachsenden Markt des didaktischen Fernsehens zugeführt werden.

(2) Gleichzeitig, quasi als Begleitmaterial zum Film, aber auch als eigenständiges Produkt, soll ein Photo- und Textkompendium des heutigen Ortes erstellt werden. Wiederum orientieren wir uns einerseits an der größer gewordenen Bedeutung des Mediums, in diesem Fall Photographie, und wollen es andererseits für den Zweck der sozialwissenschaftlichen Analyse nutzbar machen. Es heißt zwar, daß ein Bild mehr sagt als tausend Worte, aber seit W[alter] Benjamin, spätestens seit S[usan] Sontag ist man sich der Bedeutung des (sprachlich-ideologischen) Kontextes bewußt, in den Bilder gestellt werden. Das bedeutet für unsere Arbeit, daß wir den zahlreichen Bildbänden über »das Dorfleben« o[der] ä[hnliches] nicht einen weiteren hinzufügen wollen; vielmehr soll photographisches, und auch anderes bei der Untersuchung vorgefundenens Material, also etwa Flugblätter, Tabellen, Anschläge, als Ergänzung der empirischen Feldarbeit eingesetzt werden, eventuell auch als Kontrapunkt zu den mündlich geäußerten Informationen.

(3) Beide oben genannten Medien haben eine empirische soziologische Untersuchung zur Grundlage. Wir planen also die Erstellung von Fragebögen und Durchführung von Interviews. Dabei sind wir allerdings an Informationen von bestimmten Gruppen (älteren Dorfbewohner, die sich noch erinnern können; Pendlern; Jugendlichen) mehr interessiert als an strikter Randomisierung. Die konkrete Form der Umfrage ist von den finanziellen Möglichkeiten abhängig.

Finanzierung:

Wir wollen bei österreichischen Stellen um finanzielle Unterstützung ansuchen und in einem institutionellen Rahmen als Konsulenten arbeiten. Unter gewissen Umständen, die noch näher zu erörtern sind, können wir auch Unterstützung von US-Institutionen und Stiftungen bekommen (Antioch College, Columbia, MD; Film Department, Columbia University, New York, NY; Rockefeller Foundation).

Die Durchführung planen wir für den Herbst 1979.

Die hier angeführten Überlegungen bilden lediglich eine Diskussionsgrundlage zu unserem Projekt. Sie sollen zu Kritik und Vorschlägen anregen, über die wir uns freuen und die uns dabei helfen würden, unseren Ansatz zu präzisieren.

M[arie] Jahoda, mit der M[ichael] Freund im Mai 1978 in Sussex sprach, zeigte sich an unserem Vorhaben interessiert und will es im Falle eines konkreten Ansuchens befürworten.