[Reinhard Müller]

Marienthal. Internationaler Soziologen-Kongress mit Ausstellung: Rückblicke auf Marienthal

in: Gemeindeforum. Informationsblatt der Marktgemeinde Gramatneusiedl (Gramatneusiedl), 26. Jg., Nr. 1 (April 2004), S. 11.

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Marienthal

Internationaler Soziologen-Kongress mit Ausstellung: Rückblicke auf Marienthal

Marienthal ist durch die Studie »Die Arbeitslosen von Marienthal« (Leipzig 1933) in der Welt der Sozialwissenschaften zu einem international bekannten Begriff, die Studie selbst zu einem weltweit bekannten Klassiker sozialwissenschaftlicher Literatur geworden. Dennoch waren bislang nur wenige Soziologen und Soziologinnen in Marienthal, jener ehemaligen Fabrik und Arbeiterkolonie in Gramatneusiedl und Reisenberg, die durch die Schließung der Textilfabrik 1930 von extremer Arbeitslosigkeit betroffen war: fast 80 Prozent der Bevölkerung. Paul Felix Lazarsfeld (1901–1976), Marie Jahoda (1907–2001) und ihr Wiener Forschungsteam haben damals die psychologischen und soziologischen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit erforscht und mit den von ihnen angewandten Methoden wie mit dem Thema selbst einen Meilenstein in der sozialwissenschaftlichen Forschung gesetzt.

Die internationale Bedeutung der so genannten Marienthal-Studie veranlasste das Archiv für die Geschichte der Soziologie in Graz gemeinsam mit der Sektion »Geschichte der Soziologie« der Internationalen Soziologischen Vereinigung (Research Committee History of Sociology of the International Sociological Association) – übrigens erstmals in Österreich – einen Kongress in Marienthal abzuhalten. Der internationale Soziologen-Kongress wird vom 20. bis 23. Mai 2004 im Gemeindezentrum Gramatneusiedl stattfinden. Eine große Anzahl von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus vielen Staaten der Welt werden teilnehmen, darunter Vortragende aus Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, Litauen, Norwegen, Polen, Russland, Schweden, Irland, aber auch aus Hongkong, Australien, Neuseeland, Argentinien, Mexiko, Kanada und den USA.

Entsprechend dem Ort der Veranstaltung wird sich der Kongress mit der Soziologie in Österreich beschäftigen, wobei natürlich »Marienthal« ein wichtiger Bezugspunkt sein wird. Aber es gibt auch Foren zu zahlreichen anderen Problemen: die Rolle und Funktion von Soziologie-Lehrbüchern, die Bedeutung der zivilen Gesellschaft, der Einfluss von Klassikern der Soziologie auf nicht-westlich orientierte Gesellschaften, die Bedeutung von Gemeindestudien (die Marienthal-Studie gehört ja zu den bedeutendsten) und »Public Understanding«, womit die allgemeine Verständlichkeit wissenschaftlicher Forschung gemeint ist, etwas, worauf die Autorin der Marienthal-Studie, Marie Jahoda, außerordentlichen Wert gelegt hat. Zum Abschluss der Veranstaltung wird es noch eine Besichtigungstour des Wien von Paul F. Lazarsfeld und Marie Jahoda geben.

Ein internationaler Kongress dieser Größenordnung findet normalerweise nur in Städten mit einigen hunderttausend Einwohnern statt. Anreise, Quartier, Verpflegung sind natürlich in einer beinahe dörflichen Gemeinde schwierig zu organisieren. Nicht zuletzt Dank der Hilfe durch die Marktgemeinde Gramatneusiedl konnte das Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich auch dieses Problem lösen.

Als ein Dankeschön für die Gemeinde, aber auch um den Bewohnern von Gramatneusiedl die Bedeutung der Marienthal-Studie in Erinnerung zu rufen, veranstaltet Reinhard Müller vom Archiv für die Geschichte der Soziologie mit Unterstützung der Marktgemeinde Gramatneusiedl eine Ausstellung: Rückblicke auf Marienthal. Es werden über 150 Bilder vorwiegend des alten Marienthal gezeigt. Die zu Themenblöcken zusammengefassten Fotos zeigen die Fabrik und ihre Arbeitersiedlung, die Arbeiterschaft Marienthals, das rege Vereinsleben, aber auch das Ende der Marienthaler Textilfabrik. Dem bis in die 1980er-Jahre währenden Abriss von Gebäuden Marienthals werden aber auch Bilder der Revitalisierung der Marienthaler Arbeitersiedlung gegenübergestellt, als Zeugen für das auch, ja vor allem von der Gemeinde getragene Umdenken in Sachen Marienthal. Schließlich wird auch an die vor Ort stattgefundene Verfilmung der Marienthal-Studie durch Karin Brandauer (1945–1992) erinnert: »Einstweilen wird es Mittag« (Erstsendung 1988). Außerdem werden in der Ausstellung Erinnerungsstücke an das einstige Vereinsleben in Marienthal (Abzeichen, Banner, Vereinsschriften), Dokumente der einstigen Textilfabrik (ein historischer Plan der Fabrik- und Siedlungsanlage von 1896, ein Arbeiterprotokollbuch aus Mitte des 19. Jahrhunderts, Stoffmuster der letzten Textilfabrik aus den 1950er-Jahren) sowie Dokumente zur Marienthal-Studie gezeigt.

Diese Ausstellung konnte nur unter Mithilfe zweier Marienthaler stattfinden, die auch als Mitveranstalter fungieren: Walter Dienstl und Josef Malicek, die ihre umfangreichen Sammlungen für diese Ausstellung zur Verfügung gestellt haben.

Die Ausstellung »Rückblicke auf Marienthal« findet vom 23. bis 30. Mai 2004 im Gemeindezentrum Gramatneusiedl statt und ist kostenlos zugänglich.