L.-W. [d.i. Ludwig Wagner]

Ruhende Webstühle – feiernde Arbeiter. Eine Gemeinde, die von der Arbeitslosenunterstützung lebt

in: Das Kleine Blatt (Wien), 4. Jg., Nr. 46 (16. Februar 1930), S. 4–5.

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Ruhende Webstühle – feiernde Arbeiter

Eine Gemeinde, die von der Arbeitslosenunterstützung lebt.

(Von unserem L.-W.–Sonderberichterstatter.)

Gramatneusiedl, 15. Februar.

Gramatneusiedl. Schnellzüge rollen donnernd vorüber. Kommend aus Athen, Belgrad, Budapest. Rasen nach Wien, Genf, Paris.[1] Kaum zehn Sekunden lang blicken die Schornsteine der Textilfabrik, das Turmkreuz der Kirche, die von Eiszapfen übersäten Dächer und der unscheinbare Bahnhof durch die breiten, spiegelblanken Waggonfenster. Gelangweilte Blicke streifen die winterdürre Landschaft. Einer stöhnt im Halbschlaf: »Wo sind wir?« – »An Gramatneusiedl vorbei, noch eine halbe Stunde Fahrzeit bis Wien.« – »Gramatneusiedl.« Wer stellt sich darunter etwas vor? Sieht hier nicht ein Ort wie der andere aus? Überall Kirchtürme und Schornsteine, kotige Straßen und Bahnhöfe mit Petroleumfunzen [!]! Zehn Sekunden, ein paar Häuser, Bahnschranken, verschneite Felder und Gramatneusiedl ist vorüber…

Aber hinter dieser ewig gleichen Kulisse wohnen Menschen. Hinter ihr spielt sich die Tragödie einer Industriegemeinde ab, die von den Herren des Textilkonzerns, von den Verwaltungsräten der Sieghart- und der Rothschild[2] auf die Arbeitslosenunterstützung gesetzt wurde. Aus 1300 Arbeitern wurden 1300 Arbeitslose. Ob die Zauberer, die dieses Kunststück fertiggebracht haben, auch wieder aus 1300 Arbeitslosen 1300 Arbeiter machen werden? Ein ganzer Ort, eine große Gemeinde wartet und hofft. Wird die Fabrik wieder eröffnet? Oder wollen die Herren die Maschinen als Alteisen nach Kilogramm verkaufen? Ein Machtwort kann Gramatneusiedl wieder zu einem blühenden Industrieort machen. Und kann… Aber das wollen wir nicht einmal zu Ende denken!

Mariental [!].

Dürre Baume hocken am Ufer der Fischa, am Ufer der Piesting. Hinter ihnen ragen die schweigenden Bauten der Mautnerschen Fabrik. Die Weberei mit 808 Webstühlen, die Spinnerei mit 45.000 Spindeln. Die Druckerei mit sieben Rohdruckmaschinen. Die Appretur und die Bleicherei. Baumwolle wurde hier in Hemden- und Kleiderstoffe verarbeitet. Pyjamas, Bettzeug, Tischwäsche, Rips, Velours, Crepe de Chine verließ, zu Ballen gestapelt, die Fabrik. Bis nach Palästina wanderte die Marientaler [!] Ware, ihr größter Absatzmarkt aber war die Riesenstadt Wien. 1200 Arbeiter standen an den Webstühlen, arbeiteten in Werkstätten und Magazinen. Beinahe 100 Angestellte zählte die Fabrik. In der Spinnerei war eine zweite Schicht eingelegt worden. Frauen und Männer, Gramatneusiedl und mancher der umliegenden Orte hing an der großen Fabrik. Die Maschinen stampften, die Schlote bliesen mächtige Rauchschwaden aus und auf dem Fabrikgeleise staute sich die fertige Ware.

Mariental [!]. Schnee liegt auf den Feldern, Schnee auf den Schornsteinen. Durch das Geäst der Bäume grinst uns das Gerippe der Maschinen an. Räder die rasten, Kolben die verstauben, schlaffe Treibriemen und kalte Kessel. Kein Dampf, kein Rauch, kein hastiges Hin und Her von Menschen. Die Fabrik hält einen langen, langen Winterschlaf…

Einige Maschinen hat man abmontiert und verladen. Kupferne Kessel sind auf langem Schienenweg nach Belgrad gewandert. Auf langsamen Spaziergängen schlendern die Arbeiter um die Fabrik herum und schielen über die Ziegelmauer: ob sie es bald erleben werden, daß die Sirene sie wieder in den großen Saal ruft, wo die Webstühle in Zwölferreihen auf sie warten? Mariental [!] – wie freundlich klingt der Name, es ist ein »Tal« der Arbeitslosigkeit geworden.

Der unbekannte Feind.

Während wir längs der Fischa, am Rand großer, ausgedehnter Felder, durch den knirschenden Schnee wandern, erzählt man mir die Geschichte der Fabrik. Früher, bis zum Jahre 1925, saß ein Patriziergeschlecht in der Fabrik. Ein Fabrikant stand der Arbeiterschaft gegenüber. Dann kam die Zeit der Aktiengesellschaft.[3] Mautner hielt seinen Einzug in Mariental [!], und nach zwei, drei Jahren Konjunktur ging es plötzlich bergab. Das Rohmaterial hatte eine Triester Firma geliefert, aber der Mautner blieb die Ware meist schuldig, und eines Tages blieb der Rohstoff aus… Oder von der Seite der Arbeiter gesehen: Im Juni 1929 wurde die Spinnerei stillgelegt, Ende Juli die Weberei, und im August auch die Druckerei. Vor zwei Wochen hat man die letzten Arbeiter entlassen. In der Woche auch die letzten Professionisten (Tischler, Schlosser, Monteure). Wer jetzt noch übrig ist? Der Portier, der Nachtwächter und drei Turbinenwärter. Die anderen lassen sich jetzt ihre Arbeitslosenkarten abstempeln

Die Glasdächer der Fabrik sehen recht sauber aus. Die Maschinen – erzählt man

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mir – sind durchaus modern, und die Marientaler Ware [!] war gesucht. Einer der Hauptabnehmer hat jetzt, weil in Mariental [!] alles steht, seine Aufträge an andere Fabriken vergeben. Ja, warum dann diese entsetzliche Kirchhofruhe? Warum müssen die Webstühle und die Arbeiter feiern? Hat man der Arbeiterschaft nicht »lohnenden Verdienst« versprochen, als die Einteilung getroffen wurde, daß ein Mann drei Webstühle zu bedienen hat? Der Maschinenpark ist tadellos, eine seit Generationen in der Textilindustrie geschulte Arbeiterschaft ist da, aber die Fabrik darf nicht arbeiten!

»Wer ist der Feind, der uns das Fabriktor vor der Nase zuschlägt?« fragen die Arbeiter. Der Mautner? Ach, der ist mit 100 Millionen in Pension gegangen. Weiß Gott, wo der sich von seinen »Strapazen« erholt! Oder der Sieghart? Der läßt sich’s an der Riviera gut gehen und denkt in Nizza gewiß nicht an Gramat-Neusiedl. Der Feind – die Marientaler [!] Textilarbeiter zucken die Achseln. Nein, sie kennen ihn nicht, aber sie bekommen ihn täglich zu spüren!

Die Arbeitslosenunterstützung der Unternehmer.

»Der Konzern will nicht, daß in Mariental [!] gearbeitet wird.« Der Mautner-Konzern: das war vor wenigen Monaten noch die Sieghart-Bank, das ist heute die Rothschild- Bank. Und das ist das Aufregendste:

Der Konzern zahlt der stillgelegten Fabrik alljährlich 85.000 Schilling Stillstandsprämie! Solange die neuen Maschinen in der Druckerei sich nicht rühren, erhalten die unbekannten Fabrikbesitzer gewissermaßen eine Arbeitslosenunterstützung. 85.000 Schilling!

Der Konzern zahlt dafür, daß in Mariental [!] nichts erzeugt wird. Ob der Kammersekretär[4] Conrad wohl an diese »Stillstandsprämie« gedacht hat, als er die Arbeitslosenunterstützung als die Ursache der Arbeitslosigkeit bezeichnete? Fünf, sechs Monate ist es her, seit man die Maschinen abgestellt und die Arbeiter »lohnbefriedigt« entlassen hat. Um die Maschinen haben sich die Herren auch nachher gekümmert. Vier Wochen lang wurde jetzt geheizt, damit die Nadeln nicht unter der Kälte leiden.

Und die Arbeiter? Was hat man für sie getan?

65 Jahre im Betrieb!

Der älteste Bau in der Arbeiterkolonie. Früher war er ein Kloster.[5] Kaiser Josef hat die Mönche delogiert, aus dem Kloster wurde eine Spinnerei. Und aus der Spinnerei wurden Arbeiterwohnungen. Wir klopfen an eine Tür. Eine weißhaarige Frau wohnt hier: Johanna Buchegger.[6] Fünfundsiebzig Jahre ist sie alt und fünfundsechzig Jahre hat sie in der Textilfabrik gearbeitet.

Fünfundsechzig Jahre. Am heiligen Abend aber hat man ihr gekündigt. Nach 65 Arbeitsjahren!

»65 Jahre? Ja dann sind Sie ja mit zehn Jahren in die Fabrik gekommen?« Die Greisin nickt. Und sie war damals nicht die Jüngste: achtjährige Kinder waren beim Aufstecken in der Spinnerei beschäftigt und zwölf Stunden lang ist gearbeitet worden. Eine Woche lang bei Tag, die nächste bei Nacht! Und die Schule? Na ja, die war nur so nebenbei, zwei Stunden täglich. Und für die zwölf Arbeitsstunden erhielten die Kinder am Wochenende fünfundzwanzig Kreuzer… »Ja, Herr, i hab’ scho was mitg’macht, i werd’ wohl wiss’n, was i mi in der Fabrik g’rackert hab’.« Vor zwanzig Jahren ist ihr Mann gestorben. Vier Söhne und eine Tochter hat sie aufgezogen – für die Textilfabrik! Die Tochter hat geheiratet und die beiden Enkelkinder, zwei hübsche, ungefähr achtzehnjährige Mädel, waren natürlich auch in der Fabrik beschäftigt. Großmutter, Mutter und Kind – drei Textilgenerationen – jetzt leben sie von der Arbeitslosenunterstützung!

[1] Siehe dazu die Einleitung der Rezension von [Ludwig Wagner]: Das Leben in Marienthal. Forschungsreise in ein Arbeitslosendorf, in: Der Kuckuck (Wien), 5. Jg., Nr. 27 (2. Juli 1933), S. 14 und 16. Anm. R.M.

[2] Rudolf Sieghart (d.i. Rudolf Singer; 1866–1934): Finanzfachmann; zunächst Zeitungsverleger; 1900 habilitiert für Politische Ökonomie an der Universität Wien; 1910 bis 1916 Gouverneur und seit 1919 Präsident der »Allgemeinen Österreichischen Boden-Credit-Anstalt«. Anm. R.M.

[3] Die Marienthaler Textilfabrik wurde bereits 1864 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, deren Aktienmehrheit zunächst ausschließlich, dann gemeinsam mit von Miller zu Aichholz bis 1925 im Besitz der Familie Todesco blieb. Anm. R.M.

[4] Gemeint ist der Sekretär der Kammer für gewerbliche Wirtschaft. Anm. R.M.

[5] Gemeint ist das Altgebäude, in welchem die erste Fabrik untergebracht war, und welches nach Errichtung der neuen Fabrik 1845 in ein Wohngebäude umgewandelt wurde. Noch heute kursieren Gerüchte in Gramatneusiedl, dass dieser Bau ursprünglich ein Kloster (samt dazugehörigem unterirdischen Geheimgang) gewesen wäre, was historisch eindeutig falsch ist. Überhaupt lässt sich in Gramatneusiedl kein Kloster nachweisen. Richtig ist an dieser Feststellung lediglich, dass Kaiser Joseph II. von Habsburg-Lothringen (1741–1790) zahlreiche Klöster aufheben ließ. Anm. R.M.

[6] Die Fabrikarbeiterin Johanna Buchegger wurde am 10. Oktober 1854 geboren. Mindestens seit 1864 in Marienthal wohnhaft, wurde sie erst am 18. August 1929 nach Gramatneusiedl eingebürgert. Anm. R.M.