Norbert Swoboda
Das Dorf aus der Studie. Reinhard Müller legt ein Bilderbuch zum »Mythos Marienthal« vor, das Soziologie-Geschichte schrieb
in: Kleine Zeitung (Graz) vom 3. Oktober 2010, [Beilage] Lesensart, S. 22–23.
Die Veröffentlichung auf dieser Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Norbert Swoboda, Graz. Beachten Sie das Copyright!
[22]
Arbeitslose aus Marienthal Anfang der 1930er-Jahre in einem Park. Die Studie über diese Menschen und deren Umgang mit ihrer »freien« Zeit gilt als Meilenstein der empirischen Sozialforschung
Das Dorf aus der Studie
Reinhard Müller legt ein Bilderbuch zum »Mythos Marienthal« vor, das Soziologie-Geschichte schrieb.
Der Titel ist gut gewählt: »Mythos Marienthal«. Denn das »Dorf« Marienthal gab es nie, und doch ist es vielleicht das in der Sozialforschung weltweit bekannteste. Eigentlich war Marienthal nämlich ein Industrieviertel der Landgemeinden Gramatneusiedl bzw. Reisenberg knapp außerhalb Wiens.
Doch jene Studie mit dem Titel »Die Arbeitslosen von Marienthal«, von Otto Bauer (Führer der österreichischen Sozialdemokratie) initiiert, vom Soziologen Paul Lazarsfeld projektiert, im Winter 1931/1932 von einem 15-köpfigen Team durchgeführt und von Marie Jahoda verfasst, gilt als Meilenstein in der empirischen Sozialforschung. Zum einen wurden ganz neue Methoden erprobt. Fallstudien und Statistiken wechselten einander ab, originelle Einzelaspekte (Messung des Fußgänger-Tempos, Protokolle der Mahlzeiten) fanden ihren Platz. Die Studie selbst ist äußerst lebendig geschrieben. Es gab auch
23
einen sozialen Aspekt: Die Forscher boten ehrenamtlich Hilfeleistungen an. Die überraschende Haupterkenntnis der Studie: Arbeitslose tendieren nicht zu Gewalt und Revolution, sondern zu Apathie.
Das gesellschaftliche Zentrum des »Ortes« Marienthal ARCHIV DIENSTL (2)
Reinhard Müller, der im Rahmen des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich den Themenbereich »Marienthal« betreut, hat nun mit einem »Bilderbuch« den mythologischen und realen Ort Marienthal sichtbar gemacht. Er bereitet – nach einer kompakten, auch für den Laien bestens nachvollziehbaren Einleitung – ein Bilderpanorama aus. Hier sind zunächst der Aufstieg des kleinen Bauerndorfes Gramatneusiedl und der weitläufigen Webereianlagen bzw. Textilfabrik seit Anfang des 19. Jahrhunderts dokumentiert.
Der Arbeiterschaft, die zu Hunderten mit ihren Familien einströmte, ist ein zweiter Teil gewidmet. Obwohl die meisten Bilder statische Personenensembles zeigen, lässt sich die Fülle des Vereins- und Hausgemeinschaftslebens dieser industriellen Blütezeit erkennen – vom »I. Marienthaler Athletenclub ›Alice‹« bis zum »Schnitt-ZeichenKurs 1909«; vom »Republikanischen Schutzbund« bis zum »Heim der Kinderfreunde«.
Von der Studie selbst existieren nur wenige Bilder, aber doch Dokumente der Ortszentren jener Zeit. Spannend die Zeit danach: Nationalsozialismus, Wiederaufbau und letztlich das Bewahren und Fortentwickeln des Erbes. Wie in einer Nussschale sind bildlich Aufstieg und Transformation der Industrialisierung zusammengefasst – weit über die eigentliche Studie hinaus.
Reinhard Müller (Hrg.). Mythos Marienthal. Studienverlag. 29,90 Euro.