M.R. [d.i. Michael Reiner]
Geschichte und Entwicklung der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Gramatneusiedl 1901–1941.
[Wien–Gramatneusiedl]: Im Selbstverlage der landwirtschaftlichen Genossenschaft reg. G.m.b.H. in Gramatneusiedl [1941], 31 S.
Die Veröffentlichung auf dieser Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung der RWA Raiffeisen Ware Austria AG, Wien. Beachten Sie das Copyright! Da mir die Festschrift nur als Bruchstück, ansonsten nur in einer Abschrift zugänglich war, fehlen hier teilweise die Seitenangaben.
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Geschichte und Entwicklung
der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Gramatneusiedl
1901–1941
Im Selbstverlage der landwirtschaftlichen Genossenschaft reg. G.m.b.H. in Gramatneusiedl. – Druck von J. Kuthan, Wien 10. Keplerplatz 9
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Rückblick – Ausblick.
In unermüdlicher Arbeit entstand aus den kleinsten Anfängen die landwirtschaftliche Genossenschaft Gramatneusiedl.
Immer wieder – verfolgt man die Geschichte einer landwirtschaftlichen Genossenschaft – sind es einige wenige beherzte Männer, die, geleitet von dem Grundsatz der bäuerlichen Selbsthilfe »Gemeinnutz geht vor Eigennutz« die Fahne [Wilhelm] Raiffeisens ergriffen, vorangetragen und verankert haben.
Keine Schwierigkeit ist zu groß, daß sie nicht überwunden werden könnte. Dies stellt insbesondere der deutsche Bauer durch seine Zähigkeit unter Beweis. Je stärker der Sturm um eine Genossenschaft braust, desto stärker rücken die Männer zusammen und halten den Stand um jeden Preis.
Wer einmal die verantwortlichen Führer einer Genossenschaft bei ihrer Arbeit beobachten konnte, weiß von dem hohen sittlichen Ernst, von dem diese einfachen Menschen beseelt sind, weiß, wie genau abwägend und gewissenhaft sie ihre oft schwerwiegenden Beschlüsse fassen, die stets ausschließlich auf das Wohl der Gemeinschaft abgestellt sind.
Die Geschichte und Entwicklung der landwirtschaftlichen Genossenschaft zeigt, wie auch hier durch den nationalsozialistischen Grundgedanken »Gemeinnutz geht vor Eigennutz« Beispielgebendes geleistet wurde.
Die Männer, die hier als Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder die Geschichte der Genossenschaft lenkten, hatten dabei nicht den eigenen Vorteil, sondern den Dienst an der Gemeinschaft vor Augen.
Die Anteilnahme der Mitglieder an der Arbeit der Genossenschaft Gramatneusiedl sowie die Zusammenarbeit zwischen den Funktionären und der Gefolgschaft kann als vorbildlich bezeichnet werden. Aus dieser Harmonie entstand die Leistung.
Im Mai 1929 übernahm Oberverwalter M[ichael] Reiner die geschäftliche Führung der Genossenschaft. Sein fachliches Wissen, seine Energie, seine Kenntnisse der Mentalität der Bauernschaft ließ ihn rasch das uneingeschränkte Vertrauen aller erwerben. Ihm fällt das Hauptverdienst an der erfolgreichen Entwicklung der Genossenschaft zu. Sein unermüdliches Wirken war seinen Mitarbeitern, die sich gleichfalls voll und ganz für den Aufbau der Genossenschaft einsetzten, beispielgebend.
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Es darf aber auch derer nicht vergessen werden, die in der Vergangenheit in schwerer und schwerster Zeit die Fahne ihrer Genossenschaft hochgehalten haben.
Von den Männern der Jetztzeit erwartet das Vaterland größte Energie und vollen Einsatz für die Genossenschaftsarbeit.
Die Männer der Zukunft aber mögen den Leitsatz »Gemeinnutz geht vor Eigennutz« niemals außer Acht lassen. Dann wird auch die landwirtschaftliche Genossenschaft Gramatneusiedl, die seit der Eingliederung der Ostmark in das großdeutsche Reich eine besonders erfreuliche aufsteigende Wirkung genommen hat, jederzeit die Leistung vollbringen, die unser deutsches Bauerntum von ihr mit Recht erwarten kann.
Die genossenschaftlichen Spitzenorganisationen des Donaulandes werden ihr dabei nach wie vor mit Rat und Tat helfend zur Seite stehen.
Karl Mayerzedt
Verbandsleiter des Donauländischen Raiffeisenverbandes
und
Vorsitzender des Aufsichtsrates der
Donauländischen landwirtschaftlichen
Hauptgenossenschaft-Raiffeisen Wien.
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Vorwort.
In der Gedenkschrift, die anläßlich der 40jährigen Bestandesfeier der landwirtschaftlichen Genossenschaft in Gramatneusiedl erscheint, können deren Mitglieder die Geschichte und Entwicklung ihrer Genossenschaft recht klar und eindringlich verfolgen.
Der Zweck dieser Schrift soll aber darüber hinaus jedem deutschen Bauern zum Bewußtsein bringen, daß so wie in seiner eigenen Wirtschaft Einigkeit und festes Zusammenhelfen auch in seiner Genossenschaft nur gegenseitiges Vertrauen und treues Zusammenhalten Erfolg und wirtschaftliches Erstarken bringen.
Es ist deshalb Pflicht jedes standesbewußten Genossenschafters, sich der für ihn geschaffenen Einrichtungen seiner genossenschaftlichen Selbsthilfeorganisation andauernd zu bedienen, weil erst dadurch nutzbringende Arbeit für den gesamten Bauernstand geleistet werden kann.
In diesem Zusammenhang verweist der Vorstand und Aufsichtsrat auf die Erwerbung der Liegenschaft in Marienthal, womit eine grundlegende Änderung des ganzen Aufbaues der Lagerhausgenossenschaft Gramatneusiedl eintrat, von der zu hoffen ist, daß sie im Interesse der Mitglieder, auf dem Landmaschinensektor aber im Interesse der Bauernschaft über das Genossenschaftsgebiet hinaus, der näheren und weiteren Umgebung dienstbar gemacht wird.
Der Vorstand und Aufsichtsrat wird dafür Sorge tragen, daß die Belange der Bauernschaft jederzeit gerecht und so wirtschaftlich als nur möglich gewahrt bleiben.
Sollte mit der vorliegenden Gedenkschrift eine Vertiefung und damit stärkere Verankerung des Genossenschaftsgedanken erreicht werden, so ist der Zweck, der bei der Abfassung vor Augen schwebte, erfüllt.
Bauern! Alles was hier in Gramatneusiedl in mühevoller, jahrzehntelanger Bauernkraft für den Bauernstand geschaffen wurde, ist und bleibt unveräußerliches Eigentum der Bauern.
Es wird daher die landwirtschaftl[iche] Genossenschaft in Gramatneusiedl jetzt und in alle Zukunft auf ihrem Posten stehen, zum Nutzen des Bauernstandes und der gesamten deutschen Volkswirtschaft.
Vorstand und Aufsichtsrat
der landwirtschaftl. Genossenschaft
in Gramatneusiedl.
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Geschichte und Entwicklung der landwirtschaftlichen Genossenschaft in Gramatneusiedl
In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als der Gedanke der bäuerlichen Selbsthilfe, die Idee [Wilhelm] Raiffeisens, auch in Österreich Fuß zu fassen begann und in der Gründung von Raiffeisenkassen als Ursprung jeder weiteren genossenschaftlichen Entwicklung ihren sichtbaren Ausdruck fand, zog der Bauer noch mit dem Pflug über das Grundstück, auf dem heute das Lagerhaus beim Bahnhof in Gramatneusiedl steht. Hier an dieser Stelle, inmitten einer fruchtbaren und geographisch günstig gelegenen landwirtschaftlichen Umgebung, wo Weißkraut und neben anderen Getreidearten eine hervorragend gute Braugerste gebaut und geerntet wird, hat der Jude Moritz Reiff im Jahre 1896 ein Lagerhaus, verbunden mit einer Gerstenputzerei, erbaut. Er erhoffte sich damit ein einträgliches Geschäft und dachte, in engster Verbindung mit der Produktenbörse in Wien, in der er später führend tätig war und auf Kosten der bäuerlichen Bevölkerung, einen unheilvollen Einfluß auf die Preise der Erzeuger zu seinem eigenen Vorteil nehmen zu können.
Aber schon im Jahre 1898 wurden von einfachen, klarsehenden Bauern hier im früheren Niederösterreich landwirtschaftliche Ein- und Verkaufsgenossenschaften gegründet, in der richtigen Erkenntnis, daß nur gemeinsame genossenschaftliche Beschaffung landwirtschaftlicher Bedarfsartikel und der gemeinsame Verkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse die Bauern in die Lage versetzen, die günstigsten Möglichkeiten des Ein- und Verkaufes auszuschöpfen. Damit konnte auch der Bauer, welcher bis dorthin aller Spekulation gewissenloser, bauernfremder Elemente schutzlos ausgeliefert war, erst durch eigene Selbsthilfe und Selbstverwaltung so richtig frei werden. Als im Jahre 1899 in den 13 und 9 km weit entfernten Ortschaften Ebreichsdorf und Schwadorf landwirtschaftliche Genossenschaften errichtet wurden und auch in Gramatneusiedl ernstliche Bestrebungen am 6. April 1901 zur Gründung einer landwirtschaftlichen Genossenschaft führten, sah sich der Jude Reiff, der den zu erwartenden Konkurrenzkampf mit der Genossenschaft nicht zu führen wagte, veranlaßt, sein Lagerhaus mit der Gerstenputzerei an die neu gegründete Genossenschaft am 10. Juli 1901 um den Preis von K[ronen] 130.000 zu verkaufen. Die ersten Funktionäre der neu gegründeten Genossenschaft, welche am 17. April 1901 im Genossenschaftsregister beim Kreis- und Handelsgericht W[iene]r Neustadt unter der Geschäftszahl Gen. 2–170 eingetragen wurde, waren:
Obmann:
Karl Molzer, Kaufmann, Gramatneusiedl
1. Obm[ann]-Stellv[ertreter]:
Franz Kandus, Güterdirektor, Velm
II: Obm.-Stellv.:
Karl Brauneder, Wbs., Gramatneusiedl 3
Vorstandsmitglied:
Josef Hafenscher, Wbs., Reisenberg 66
Vorstandsmitglied:
Stefan Dienstl, Gutsverwalter, Ebergassing
Vorstandsmitglied:
Jacob Zöchmeister, Velm
Vorstandsmitglied:
Anton Baumann, Real. Bes. Gramatneusiedl
Im Aufsichtsrat:
Vorsitz:
Konrad Danzinger, Wbs. Götzendorf
Vorsitz.-Stellv.:
Leopold Biberhofer, Gramatneusiedl
w. Aufs.-R.-Mitgl.:
Lorenz Fürst, Wbs., Velm
Matth. Steindl, Wbs., i. Ebergassing
Rupert Kienl, Wbs., Rauchenwart
Jacob Hafenscher, Wbs., Reisenberg
Der Mitgliederstand im Jahre 1901 betrug 184. Interessant ist, daß im ersten Vorstand der Obmann ein Kaufmann, der 1. Obm.-Stellv. ein Güterdirektor ist, was vielleicht darauf schließen läßt, daß die Bauern, sei es aus dem Gefühl der mangelnden Geschäftserfahrung heraus oder aus der Furcht vor der Verantwortung es ablehnten, führend in der Genossenschaft tätig zu sein; sie zogen es vielmehr vor, die Funktionen im Aufsichtsrat zu besetzen. Jedoch nach 2jährigem Bestand der Genossenschaft geriet diese infolge unzureichender Inanspruchnahme des Lagerhauses durch die Mitglieder in so große Schwierigkeiten, daß in der Aufsichtsratssitzung am 13. Dezember 1904 ernstlich über den Antrag, die Genossenschaft aufzulösen, verhandelt wurde. Bei der hiebei vorgenommenen Abstimmung war jedoch nur 1 Aufsichtsratsmitglied für die Auflösung, welche Tatsache so recht das zähe Festhalten der Bauern an der trotz eingetretener Mißerfolge gefühlsmäßig als richtig erkannten Gemeinschaftsidee zeigt und die schon vorhandene treue Verbundenheit mit der Genossenschaft erweist. Denn zu gut war den Landwirten noch im Gedächtnis, wie demütigend es für sie gewesen war, wenn sie sich beim Verkauf von Frucht von Juden und anderen bodenfremden Leuten gefallen lassen mußten, wie diese alle möglichen, meist unberechtigten Beanständigungen machten, um den Bauern den gerechten Preis vorenthalten zu können. Wie oft aber wurde der Ankauf der Frucht mit der Begründung »das Lager wäre überfüllt« überhaupt abgelehnt. Ein entsprechender »Preisnachlaß« veranlaßte sodann allerdings meistens den Käufer, angeblich »weil er dem Landwirt helfen wolle«, die Frucht zu übernehmen.
Die neugegründete Genossenschaft erwies sich für diese Leute als eine gefährliche Konkurrenz, weshalb sie mit allen Mitteln versuchten, den Ruin des Lagerhauses herbeizuführen. Obwohl ihnen dabei die geschäftliche Unerfahrenheit der Funktionäre und die sogenannten »Kinderkrankheiten«, die bei jeder Neugründung durchzumachen sind, zu Hilfe kamen, so vermochten doch alle diese Faktoren nicht, einen Niedergang der Genossenschaft herbeizuführen. Allerdings wurde durch die Gewährung von Subventionen seitens des Landesausschusses die mißliche Lage der Genossenschaft wesentlich erleichtert und dadurch mitgeholfen, die Auflösung zu vermeiden.
Um die Gründung der Genossenschaft hat sich neben dem 1. Obm.-Stellv. Franz Kandus, Güterdirektor in Velm, welcher Werbeversammlungen hielt und den anderen, bei der ersten Vollversammlung gewählten Funktionären, insbesonders der Bauer Leopold Biberhofer, Gramatneusiedl, verdient gemacht, der in unermüdlichem Eifer unter seinen Standesgenossen Mitglieder für die neugegründete Genossenschaft warb. Unter den Landwirten in der Gemeinde Velm, die an der Gründung besonders starkes Interesse hatten und sich hiefür eifrig einsetzten, sind Jakob Zöchmeister und Andreas Schorn zu nennen.
Seit den Krisenjahren 1904/05 nahm der Verband ländlicher Genossenschaften in Wien, die jetzige Hauptgenossenschaft, stärkeren Einfluß auf die Geschäftsgebarung. Nach verhältnismäßig kurzer Zeit trat ein ständiges Ansteigen der Geschäftstätigkeit und des Umsatzes ein. Die Überwindung der finanziellen Schwierigkeiten war aber nur möglich in Verbindung mit den verschiedenen Subventionszuschüssen des Landesausschusses die erst eine ruhige und für die damalige Zeit befriedigende Aufbauarbeit sicherstellte. In diesen Jahren bis 1914 wurde im Lagerhaus die seinerzeit übernommene Dampfantriebskraftanlage auf motorischen Antrieb umgebaut, die Putzerei erneuert, eine Schrotmühle aufgestellt und das elektrische Licht eingeleitet. Als Obmann fungierte sehr umsichtig und tatkräftig in der Zeit von 1905–1915 Stefan Dienstl, Gutsverwalter in Ebergassing; als Vorsitzender im Aufsichtsrat war Konrad Danzinger, Bauer in Götzendorf, seit der Gründung bis zum Jahre 1915 tätig; Geschäftsführer war von 1901–1904 H. Mayer, von 1905–1908 G. Bodenstein und von 1908–1914 H. Pudler.
Weitere Krisenjahre für die Genossenschaft waren 1912/13 und 1913/14, in welchen die Geschäftsgebarung neuerlich mit Verlusten abschloß.
Die Vollversammlung am 3. Juni 1915 wählte das erste Mal einen Bauern, Matthias Spiegelgraber in Gramatneusiedl, zum Obmann. Auch die anderen Funktionäre, sowohl im Vorstand wie auch im Aufsichtsrat, waren nunmehr ebenfalls durchwegs Bauern. Zur selben Zeit bestellte der Verband ländlicher Genossenschaften einen neuen Geschäftsführer in der Person des Verwalters Anton Wiedermann. Während des Weltkrieges 1914–1918 fungierte die Genossenschaft als offizielle Übernahmsstelle, bzw. Kommissionär für die Kriegsgetreideverkehrsanstalt. Obwohl die Geschäftsgebarung während des Weltkrieges in finanzieller Hinsicht befriedigte, konnte die Genossenschaft wegen der Kriegsverhältnisse sich doch nicht weiter entwickeln. Die Knappheit in den verschiedensten Bedarfsartikeln, Lebens- und Futtermitteln, veranlaßte in dieser Zeit und gleich nach dem Kriege, viele Nicht-Landwirte um Aufnahme als Mitglieder anzusuchen. Das Ansteigen dieser Aufnahmsansuchen bestimmten den Vorstand und Aufsichtsrat, um die Möglichkeit einer Majorisierung durch Nicht-Landwirte auszuschließen, den Beschluß zu fassen, nur Landwirte als Mitglieder der Genossenschaft aufzunehmen.
Nach dem Weltkriege begann eine rege geschäftliche Tätigkeit. Neben der bedeutenden Steigerung der Geschäftsumsätze wird, was besonders vermerkt sei, eine Brückenwaage errichtet, durch Grundzukauf das Areal des Lagerhausgrundstückes vergrößert, auf das ebenerdige Verwalterwohnhaus ein Stockwerk aufgesetzt, um Platz für Wohnungen und eine neue Kanzlei zu schaffen und die Überdachung der Übernahmsrampe und Brückenwaage durchgeführt sowie ein 60–pferdiger Dieselmotor aufgestellt. Zur Versorgung der Wohnungen und Betriebsräume mit elektr[ischem] Licht während der Betriebsstillstandszeit wurde eine Akkumulatorenanlage eingebaut.
Die Stabilisierung der Krone im Jahre 1922 nach der österr[eichischen] Geldinflation wirkte sich bei den Genossenschaften speziell während der Erntezeit infolge der hohen Geldanforderungen zur Fruchtauszahlung in einer Verknappung der Geldmittel aus, weshalb die Geschäftsführung durch Hereinnahme von sogenannten Sicherungseinlagen der Mitglieder versuchte, die Geldflüssigkeit zu erhalten. Da aber die Genossenschaftszentralkasse diese Lösung nicht guthieß, sollte anläßlich eines Besuches des Obmannes Spiegelgraber, Aufsichtsratsvorsitzenden Grassl und Oberverwalter Wiedermann bei der Zentralkasse, während einer Besprechung mit Reg.-Rat Liebmayer, durch eine diesbezügliche Bemerkung des Herrn Grassl der Gedanke zur Gründung einer Raiffeisenkasse aufgetaucht sein. Oberverwalter Wiedermann hat nun eifrig und tatkräftig die Gründung dieser Kasse, deren Geschäftsführung in engster Zusammenarbeit mit der Lagerhausgenossenschaft gedacht war, betrieben und im Jahre 1925 tatsächlich die Gründung des Spar- und Darlehenskassenvereines für Gramatneusiedl und Umgebung erreicht. Die Lagerhaus-Genossenschaft stellte der neugegründeten Raiffeisenkasse die eigenen Kanzleiräume zur Verfügung; außerdem übernahmen Beamte des Lagerhauses den gesamten Kassa- und Buchhaltungsdienst. Erwähnt sei noch, daß sich die Raiffeisenkassengründung äußerst segensreich für die ganze Umgebung auswirkte, da sie vielen Landwirten über große Schwierigkeiten hinweghalf. Auch heute wird die Raiffeisenkasse noch in engstem Zusammenwirken mit der Lagerhaus-Genossenschaft und in deren Kanzleiräumen geführt. Eine geplante Filialgründung in Donnerskirchen konnte wegen Einspruch der Revisionsstelle nicht durchgesetzt werden. Die bereits im Jahre 1921 beantragte, vorerst aber abgelehnte Errichtung einer Roggenmühle für eine tägliche Leistung von 3000 kg wurde aber im Jahre 1926 doch beschlossen und im Lagerhausgebäude errichtet. Die Mühle sollte den Mitgliedern nur für Zwecke der Lohnmüllerei und Lohnverschrotung dienen, keinesfalls sich jedoch mit Handelsmüllerei befassen. Eine Rentabilität der Roggenmühle konnte jedoch mit Mitgliederlohnmüllerei allein wegen der hohen Investitionskosten und der geringen Inanspruchnahme seitens der Mitglieder nicht erreicht werden. In den darauffolgenden Jahren schwankten die Preise der Frucht, insbesondere der Braugerste, so stark, daß Preiseinbußen und die unausgenützte und somit unrentable Roggenmühle günstige Jahresabschlüsse verhinderten. Im Jahre 1928/29 entstand sogar ein so großer Verlust, daß hievon der ganze angesammelte Reservefonds aufgezehrt wurde. Während des Zeitabschnittes 1915–1929, in dem nicht nur der geschäftliche Umsatz, sondern auch die Ausgestaltung des Lagerhausbetriebes durch die Errichtung der Roggenmühle und sonstiger Baulichkeiten eine wesentliche Erweiterung erfuhr, hat sich, im Verein mit den damaligen Genossenschaftsfunktionären, der Oberverwalter Anton Wiedermann große Verdienste um unsere Genossenschaft und die Raiffeisenkasse erworben. Nach dem Ableben des Geschäftsführers Wiedermann im April 1929 übernahm im Auftrage des Verbandes ländlicher Genossenschaften in Wien der derzeitige Oberverwalter Michael Reiner, vorher Verwalter der landwirtschaftlichen Genossenschaft in Zissersdorf bei Geras, die Geschäftsführung.
Vom Jahre 1929 an nahm die Genossenschaft eine Aufwärtsentwicklung, die in solchem Ausmaß nicht vorauszusehen war.
Vorerst wurde ein Umbau der Schüttbodeneinrichtung samt Elevatoren (Laterne) und die Erneuerung des geplanten Einlagerungs- und Verteilungsrohrsystems, die Eindeckung des bisher mit Dachpappe gedeckten Lagerhaus und Wohnhausdaches mit Eternit sowie die Aufstellung einer neuen Putzerei für Gerste, Weizen und Roggen, mit Einer Leitung von 30 dz pro Stunde, veranlaßt. Beim Mühlenbetrieb erzielte man mit der Handelsmüllerei als Spitzenbrecherin gute Erfolge, weshalb ein Mühlenumbau zur Leistungssteigerung auf 70 dz Roggen und zur Verbesserung der Ausbeute vorgenommen wurde. Die große Umsatzsteigerung machte im Jahre 1933 die Errichtung eines 3–stöckigen Lagerhauszubaues (30 m lang, 7 m breit) notwendig, um dem ständigen Platzmangel abzuhelfen. Eine glänzende Ernte in diesem Jahre und eine damit verbundene weitere Umsatzsteigerung rechtfertigten den Aufwand für den Zubau, da der damals erzielte Jahresreingewinn die Höhe der Baukosten überstieg. Auch die ziemliche Stabilität der Fruchtpreise, welche Dank dem Eingreifen der Genossenschaften zum Leidwesen der jüdischen Spekulanten erreicht wurde, hat sich auf die finanzielle Lage der Genossenschaft günstig ausgewirkt. 1934 erbaute die Genossenschaft eine 38 m lange und 7 m breite (mit einem Dachboden für Mehllagerung) gemauerte, einseitig offene Kunstdüngerschupfe, da neuerlich Mangel an Lagerraum die Warenmanipulation erschwerte. In der Mühle rechtfertigte die sich gut entwickelnde Handelsmüllerei einen weiteren Mühlenumbau diesem Gelegenheit, die Stellung der Genossenschaften im nationalsozialistischen Staat kennenzulernen und gleichzeitig Erfahrungen für den weiteren Ausbau der eigenen Genossenschaft zu sammeln. Vor allem war es die in der Ostmark nach dem Anschluß zu erwartende Maschinisierung in der Landwirtschaft und das Fehlen entsprechender Landmaschinen-Reparaturwerkstätten, welche die Genossenschaftsverwaltung an die Aufnahme dieses neuen Betriebszweiges und den großzügigen Ausbau denken ließ.
Der Reichsstelle für Getreide, Futtermittel und sonstige landwirtschaftliche Erzeugnisse in Berlin stellte sich die Genossenschaft mit der großen Erfahrung auf dem Gebiete der Getreidelagerung sowie mit ihrer guten Organisation bereitwilligst zur Verfügung und übernahm als Vertragspartner der RfG die Verwaltung mehrerer großer Getreidelager (Herbst 1938).
Vom Gartenbauwirtschaftsverband Donauland in Wien wurde die Genossenschaft nach zahlreichen Vorsprachen und Verhandlungen mit der Organisierung der Weißkrautübernahme betraut und als einzige Krautübernahmsstelle (Basterpositur) im Wiener Becken eingesetzt.
Auf dem Gebiet des Mehlgeschäftes hatte sich der Mühlenbetrieb langsam aber beharrlich durch eifrigen Kundendienst und Herstellung eines qualitativ erstklassigen Roggenmehles viele Bäckerkunden erworben, sodaß die eigene Erzeugung, trotz dem ständigen Ausbau der Mühleneinrichtung in den letzten Jahren, nicht mehr genügte, den Mehlbedarf der Kunden zu befriedigen. Überdies wollten viele Bäcker auch Weizenmehl beziehen, welches aber damals mangels Vorhandensein einer entsprechenden Mühleneinrichtung zur Weizenmehlerzeugung in der verlangten erstklassigen Qualität nicht erzeugt werden konnte.
Aus der ursprünglich nur für Zwecke der Mitgliederlohnmüllerei gedachten Bauernmühle war ein zu 90 % mit Handelsmüllerei beschäftigter Mühlenbetrieb geworden. Schon früher trachtete man, um die Bezahlung höchster Preise an die Erzeuger von Brotgetreide zu ermöglichen, den von den Mitgliedern übernommenen Roggen in der eigenen Mühle der Vermahlung zuzuführen und damit den kürzesten Weg zum Verbraucher zu gehen. Infolge einer dem Weizenbau bevorzugenden Preispolitik der früheren Jahre, ging die Anbaufläche des im Gebiet der Genossenschaft gut gedeihenden Roggens zu Gunsten des Weizens ständig zurück. Deshalb mußte, da die ganze zur eigenen Vermahlung bestimmte Menge Roggen im Genossenschaftsgebiet nicht aufgebracht werden konnte, dieser aus anderen Gegenden zugekauft werden. Da aber Weizen genügend und in hervorragender Qualität aufzutreiben war und die Bäckerkunden für Weizenmehl Interesse zeigten, wurde in der Mühle auch die Vermahlung für Weizen vorgesehen.
Die Einführung der Bestimmungen über die Aschevermahlung brachte außerdem die Notwendigkeit mit sich, die Mühle noch einmal umzubauen. Nach diesem neuerlichen Umbau (vollendet im Juni 1939)
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kann sowohl Roggen- als auch Weizenmehl in gleich guter Qualität erzeugt werden. Die tägliche Mühlenleistungskapazität beträgt jetzt bei Roggen 170 dz (automatisch) oder alternativ 120 dz Weizen.
Im Feber 1939 erfuhr die Geschäftsführung, daß von der liquidierenden Eigentümerin die Fabriksrealität Spinnerei Marienthal, in der die Genossenschaft einen Gebäudetrakt für Zwecke der Getreideeinlagerung bereits früher pachtweise für die RfG in Anspruch genommen hatte, zum Verkauf gelangt. Dieses Objekt mit der konstant vorhandenen Wasserkraft von mindestens 150 PS und weitläufigen Räumlichkeiten für die Genossenschaft käuflich zu erwerben, und damit eine neue große Entwicklung des Genossenschaftsbetriebes sicherzustellen, war nunmehr die feste Absicht und das unablässige Bestreben der Genossenschaftsleitung. In der Sitzung vom 25. Feber 1939 erteilte der Vorstand dem Geschäftsführer die Vollmacht, alle notwendigen Vorverhandlungen über den Ankauf der Realität in ständigem Einvernehmen mit dem Obmann der Genossenschaft zu führen um nach Einigung über die Höhe des Kaufpreises, diesen zur Genehmigung in der nächsten Vorstandssitzung vorzulegen.
Gleichzeitig wurde der Raiffeisenzentralkassa und der Hauptgenossenschaft in Wien von dem beabsichtigten Ankauf berichtet und die Zustimmung dieser Zentrale eingeholt. Das diesbezügliche Gutachten hat der Direktor der Hauptgenossenschaft in Wien, Herr Maximilian Tributsch, für die Raiffeisenkasse ausgearbeitet. Seinem Verständnis und befürwortenden Bemühungen ist es vor allem zuzuschreiben, daß der Leiter der Raiffeisenzentralkasse, Herr Dir. Wieser, die notwendigen Geldmittel bereitwilligst zur Verfügung stellte. Beiden Herren sei hier der besondere Dank ausgesprochen. Der Ankauf selbst konnte dann am 18. April 1939 vom Obmann Josef Stöckel, dem Vorstandsmitglied Franz Schorn und dem Geschäftsführer im Auftrage und über Beschluß der Vorstandssitzung vom 15. April 1939 rechtskräftig durchgeführt werden.
Außer dem von der Genossenschaft bereits für die RfG in Anspruch genommenen Quertrakt der Spinnerei-Realität hatte aber ein Spinnereifabrikant [d.i. Walter Prade; Anm. R.M.], der das Vorkaufsrecht besaß, sämtliche Räume und die Wasserkraft vom früheren Eigentümer mit Vertrag gepachtet, welcher Pachtvertrag erst mit 30. Juni 1940 enden sollte. Gegen eine entsprechende Ablöse erklärte sich der Pächter jedoch bereit, auf das Vorkaufsrecht zu verzichten, die Realität bis 1. August 1939 zu räumen und der Genossenschaft zu übergeben.
In der Voraussicht einer weiteren Entwicklung und zur Arrondierung des Gesamtkomplexes beim Zusammenschluß der Fischa und Piesting erwarb die Genossenschaft das Fabrikswohnhaus Neureisenberg 114 (Neugebäude) mit 80 Wohnungen, Waschküchen, Holzlagen, einem anschließenden großen Lagerschupfen und zirka 3000 m2 unbebautem Grund. Die Wohnungen sind für die Genossenschaftsmitglieder bestimmt, der Grund soll in Zukunft als Garten Verwendung finden.
Der Vollständigkeit halber sei hier die Geschichte Marienthals kurz festgehalten:
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Um die Jahrhundertwende des 18. und 19. Jahrhunderts stand am Platz der Fabriksrealität, dem heutigen Hauptlagerhaus, auf der von der Fischa und Piesting gebildeten Insel, die sogenannte Ladenmühle, welche ihre Antriebskraft von der Fischa erhielt. Hier betrieben der Müller Johann Wohlgemuth und von 1830 an der nachmalige Besitzer Franz Löffler ihr ehrsames Gewerbe. Die Ladenmühle hatte 6 Gänge, war im Viereck gebaut, besaß aber außer dem Wohnhaus- und Mühlentrakt, Körner- und Mehlmagazine, Stallungen und sonstige Wirtschaftsgebäude. Die Übertragung der Wasserkraft erfolgte mittels 6 unterschlächtiger Wasserräder. Unweit an der Piesting, beim heutigen Haus Nr. 43 (Altgebäude) lag ebenfalls eine Mühle, die Theresienmühle, welche aber schon um 1820 von dem Israeliten Hermann Todesco angekauft und in eine Flachs-Hechel- und Werkspinnerei umgestaltet wurde. Damals floß die Fischa durch den heutigen Oberwerkskanal, während die Piesting ihren Weg über den Feilbach nahm. Zum Wasserausgleich hatte man an der engsten Stelle zwischen den beiden Flüssen einen Kanal ausgehoben. Im Jahre 1845 erwarb der Sohn des Juden Hermann Todesco, Max Todesco, auch die Ladenmühle, gab die alte, aus der Theresienmühle umgestaltete Flachsspinnerei auf, vereinigte die Fischa und Piesting durch einen breiten Durchstich zu einer Wasserkraft, ließ bei der Ladenmühle zur Wasserkraftausnützung 3 Turbinen einbauen und errichtete dortselbst eine neue Baumwollspinnerei. Fast zur selben Zeit entstand auch das nunmehr der Genossenschaft gehörige Wohnhaus Neu-Reisenberg 114. Im Laufe der Jahre wuchs das Unternehmen, das mittlerweile in eine A.-G. umgewandelt worden war, entsprechend der damaligen Konjunktur durch Angliederung einer Weberei, Bleiche, Appretur, Färberei und Druckerei zu einem Großbetrieb an, der in der Vor-Weltkriegszeit 1200 Arbeiter beschäftigte.
Während des Weltkrieges stellte man die Produktion teilweise ein, bzw. auf Papierstoff um. Eine Hochkonjunktur nach dem Weltkrieg dauerte nur einige Jahre. 1926 übernahm der Mautnerkonzern die Fabrik, stellte aber den Betrieb, weil der Beschäftigungsgrad infolge des damaligen Wirtschaftsniederganges ständig sank, am 12. Februar 1930 gänzlich ein. Für die Stillegung der Druckerei wurde vom Konkurrenzunternehmen eine ziemlich hohe Stillstandsprämie bezahlt. Schließlich ging man daran, die Fabrik zu liquidieren. Die Maschinen wurden größtenteils zerschlagen oder verkauft, viele Gebäude niedergerissen und das Material zu Geld gemacht. So verschwanden die Bleicherei, Druckerei, Färberei und Appretur. Die Weberei, die später der Jude Sonnenschein erhandelte, wurde nach dem Umbruch (1938) arisiert. Die übriggebliebenen leeren Spinnereigebäude mit der Wasserkraft pachtete die Firma Walter Prade, Vigognespinnerei, welche einen Teil der Räume für ihre Zwecke in Betrieb nahm. Der von dieser Firma unbenützte Quertrakt wurde dann im Spätherbst 1938 von der Geschäftsführung der Genossenschaft zur Getreidelagerung für die RfG in Anspruch genommen und im Frühjahr 1939 mit der Wasserkraft und den anderen Gebäuden der Spinnerei
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auf Grund der Übernahme ins Genossenschaftseigentum seiner einstigen seit hundert Jahren ununterbrochenen Bestimmung, für die Landwirtschaft tätig zu sein, wieder zugeführt.
Mit dem Ankauf der Realität in Marienthal erübrigte sich die Ausführung der vom Vorstand in einer früheren Sitzung gefaßten, prinzipiellen Beschlüsse der Errichtung von Getreidesilos in Gramatneusiedl, Himberg und Mannersdorf und des Baues einer Maschinenhalle mit Landmaschinenwerkstätte, da in dem neuerworbenen Objekt genügend Raum für alle diese Zwecke zur Verfügung stand.
Vom Vorstand war die gesamte Adaptierung, des arg verfallenen, gänzlich verwahrlosten, beinahe einer Ruine gleichenden Gebäudekomplexes in Marienthal nicht vorgesehen, sondern nur die teilweise Instandsetzung für die zukünftige Maschinenabteilung und die Ausnützung der Wasserkraft, hauptsächlich für den Mühlenbetrieb beabsichtigt.
Die weitläufigen Lagerungs- und Ausdehnungsmöglichkeiten in diesem Objekt schienen aber für die Zwecke und großen Vorhaben der Genossenschaft so geeignet, daß der Plan reifte, Marienthal zum Hauptlagerhaus auszubauen und als Zentrale einzurichten. 3 Wochen vor Kriegsausbruch, im August 1939, wurde die unendlich schwere, mühsame und verantwortungsvolle Aufgabe in Anspruch genommen, systematisch und konsequent den Umbau des Spinnereiobjektes in ein landwirtschaftliches Lagerhaus und eine große Spezialreparaturwerkstätte durchzuführen.
In erster Linie erfuhr der Oberwerkskanal, welcher infolge einer eben vollendeten Piestingregulierung sehr stark verschlammt war, eine gründliche Reinigung. Die Errichtung zweier Hochspannungsstationen und einer 5000 Volt-Fernleitung in das Lagerhaus am Bahnhof in Gramatneusiedl folgte. Aus volkswirtschaftlichen und finanziellen Gründen strebte die Geschäftsführung diese Übertragung der Wasserkraft auf elektrischem Wege für den Mühlen- und Lagerhausbetrieb an. Nebenbei vollzog sich Schritt für Schritt die Umwandlung der Spinnereigebäude in Kanzleien mit den erforderlichen Nebenräumen, Mehl-, Futter-mittel-, Säcke- und Kunstdüngermagazinen und Getreidespeichern. Die langgestreckten, östlich gelegenen Gebäude wurden zu Schlosser-, Elektriker- und Tischlerwerkstätten, Schroterei, Montagehallen und Lagerräumen umgestaltet. Sämtliche Betriebsräumlichkeiten und die Kanzleien samt Nebenräumen erhielten Dampfheizung. Ein Durchbruch im Quertrakt ermöglichte die Erschließung der 2 Hauptgebäude für den Parteienverkehr und eine praktische Warenmanipulation. Drei Durchfahrten, auf zwei Seiten mit Rampen versehen, sind für den Hauptverkehr und den Verkehr im rückwärtigen Hof bestimmt. In letzterem mußte der Platz für den Hof durch Sprengen und Wegschaffen der 3 m hohen, 1 m starken
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Eisenbetonfundamente eines ehemaligen Kesselhauses in 5 wöchentlicher Arbeit geschaffen werden. Das Baggern des Unterwerkskanales, welcher ungemein vernachlässigt war und das Aufführen einer 150 m langen Ufermauer, anschließend an das Turbinenhaus, geschah in über 6 Monate langer Arbeit. Auch im Turbinenhaus selbst wurde eine vollkommene Renovierung vorgenommen und ein neuer Generator aufgestellt. Es ist natürlich nicht möglich, alle geleisteten Arbeiten anzuführen. 2 Maurermeister mit je 8 bis 10 Mann, 2 Zimmermeister mit je 8 bis 10 Mann, 1 Spengler, 1 Maler und Anstreicher, 4 bis 6 eigene Tischler und sonstige Professionisten, wie Schlosser, Dreher, Schweißer, Elektriker und Hilfsarbeiter fanden über 1½ Jahre hindurch nur für Investitionarbeiten bei der Umgestaltung dieses Betriebes ununterbrochen Beschäftigung. Die Adaptierungs- und Einrichtungskosten überschreiten mehr als 3 mal die Höhe des Ankaufspreises für die gesamte Realität.
Die rasch fortschreitende Motorisierung der Landwirtschaft (z.B. Ackerschlepper) und deren Aufnahmsfähigkeit an modernen und modernsten Landmaschinen sowie das Fehlen geeigneter Spezialreparaturwerkstätten verlangte unbedingt eine Vorsorge für die dauernde Einsatzfähigkeit der Maschinen.
Es wurde deshalb mit der Hauptgenossenschaft in Wien der Ausbau der Reparaturwerkstätte größer aufgezogen, als für das Gebiet der Genossenschaft notwendig gewesen wäre. Die Genossenschaft vereinbarte allerdings mit den Schwestergenossenschaften Guntramsdorf, Schwadorf und Ebreichsdorf, die nur Reparaturen kleineren Ausmaßes durchführen, daß besondere Spezialreparaturen an Dreschmaschinen, Lokomobilen. Schleppern usw. der neuen Werkstätte zugewiesen werden.
Mittlerweile kam die Landmaschinenabteilung mit der Reparaturwerkstätte so in Schwung, daß zur Vergrößerung hiefür ständig neue Räume in Betrieb genommen werden mußten. Heute kann sich der Bauer die Genossenschaft Gramatneusiedl ohne Landmaschinenabteilung gar nicht mehr vorstellen.
Im Juli 1940 konnte die Übersiedlung in die neue Hauptkanzlei und die Verlegung des gesamten Lagerhausbetriebes nach Marienthal erfolgen. In die Räume des bisherigen Lagerhausbetriebes in Gramatneusiedl übersiedelte aus Zweckmäßigkeitsgründen die von Himberg hieher verlegte Mischfutter-Erzeugung.
Bevor noch der heutige Stand und die Organisation der Genossenschaft kurz umrissen wird, soll derjenigen ehrenamtlichen, langjährigen und verdienten Funktionäre gedacht sein, die durch ihre verantwortungsvolle Mitarbeit und ihren Genossenschaftsgeist mit dazu beigetragen haben, daß der Betrieb eine so erfolgreiche Entwicklung nahm.
An erster Stelle ist der langjährige Obmann Matthias Spiegelgraber, Gramatneusiedl, zu nennen. Spiegelgraber war gründendes Mitglied, von 1905–1914 Vorstandsmitglied, und von
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1915–1938 als Obmann, ein überzeugter, treuer und die Interessen der Genossenschaft und des Bauernstandes stets wahrnehmender Genossenschafter. Oft kam er ins Lagerhaus, interessierte und sorgte sich außer seiner Landwirtschaft auch um die Genossenschaft und trug gern die Verantwortung für alle Maßnahmen, die einen Aufstieg des Lagerhauses versprachen. Seine größte Freude war das Aufblühen der Genossenschaft und sein größter Stolz, Obmann des Lagerhauses zu sein.
Leider können nicht alle Verdienste der Funktionäre im Rahmen dieser Ausführungen entsprechend gewürdigt werden. Festgehalten sollen aber die Namen sein, deren Träger über 10 Jahre als Funktionäre des Vorstandes und des Aufsichtsrates mitverantwortlich für das Gedeihen und Schicksal unserer Genossenschaft tätig waren und sich somit als ehrenamtliche Mitarbeiter Dank verdienen.
Hafenscher Jos[ef], Reisenberg 66, Vorstandsmitgl[ied]
1901–1911
Zöchmeister Jak[ob], sen., Velm 56, Vorstandsmitgl.
1901–1911
Pillitsch Johann, Pischelsdorf, Vorstandsmitgl.
1904–1927
Past Johann, Moosbrunn 14, 1. Ob[mann]-Stellv[ertreter]
1909–1922
Grießmüller Franz, Gramatneusiedl 31,
2. Ob.-Stellv. 1909–1921,
1931–1938
Schorn Anton, Velm 5, Vorstandsmitgl.
1911–1924
Fischer Fr[anz], Gramatneusiedl 7, Vorstandsmitgl.
1915–1929
Hölzl Peter, Reisenberg 13, Vorstandsmitgl.
1916–1938
Hafenscher Joh[ann], Götzendorf 91,1. Ob.-Stellv.
1922–1938
Zöchmeister Jakob jun., Velm 56,
Vorstandsmitglied, dann 2. Ob.-Stellv.
1924–1938
Hafenscher Matthias, Pischelsdorf 38,
Vorstandsmitglied
1927–1938
Biberhofer Leopold, Gramatneusiedl,
Aufsichtsrat, Vors.-Stellv.
1901–1916
Fürst Lorenz, Velm 7, Aufsichtsrat
1901–1924
Steindl Matthias, Ebergassing, Aufsichtsrat
1901–1919
Kienl Rupert, Rauchenwarth 22, Aufsichtsrat
1901–1911
Hafenscher Jakob, Reisenberg 50, Aufsichtsrat
1901–1916
Stummer Josef, Mannersdorf 14, Aufsichtsrat
1910–1924
Wailzer Andreas, Velm 11, Aufsichtsrat
1910–1929
Hillinger Josef, Ebergassing 53, Aufsichtsrat
1914–1924
Hillinger Franz, Ebergassing 46, Aufsichtsrat
1919–1936
Graßl Martin, Moosbrunn 15, Aufs.-Vors.
1922–1938
Hintermayer Johann, Rauchenwarth 10,
Vors.-Stellv.
1922–1938
Arbinger Wilhelm, Ebergassing, Aufsichtsrat
1924–1938
Suchentrunk Joh[ann], Wr. Herberg, Aufsichtsrat
1924–1935
Waidrauch Martin, Pischelsdorf, Aufsichtsrat
1927–1938
Schmied Franz, Mitterndorf 10, Aufsichtsrat
1927–1938
Bauer Johann, Wr. Herberg 61, Aufsichtsrat
1927–1938
Brauneder Josef, Velm 9, Aufsichtsrat
1928–1938
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Neben den ehrenamtlichen Funktionären sollen aber diejenigen langjährigen Angestellten und Arbeiter nicht vergessen sein, die brav, fleißig, ehrlich und treu ihre Pflicht erfüllt haben, wodurch auch sie ihren Teil am Aufbau des Genossenschaftsbetriebes beitrugen.
Diese sind: Asperger Hans, seit 1915; Zoder Hans, seit 1921; Hutterer Anton, seit 1926; Janisch Josef, seit 1926: Eder Josef, seit 1924; Happel Martin, seit 1918; Biberhofer Georg, seit 1921; Biberhofer Josef, seit 1922; Quint Alexander, seit 1926.
In der bisherigen Schilderung der Entwicklung des Genossenschaftsbetriebes muß besonders die Tatsache auffallen, daß seit dem Jahr 1938 und mit dem Erwerb der Realität Marienthal erst die größte Ausweitung der genossenschaftlichen Tätigkeit eingetreten ist. Da war es nun einzig und allein dem fortschrittlichen Denken, der regen Mitarbeit und Verantwortungsfreudigkeit des heutigen Vorstands und Aufsichtsrates mit dem Obmann Josef Stöckel an der Spitze, zu danken, daß der Ankauf und großzügige, allerdings riskante, Ausbau der Objekte in Marienthal gelungen ist. Mit dem größten Interesse und besonderem Eifer haben an diesem Aufbauwerk außer den derzeitigen Abteilungsleitern ein Großteil der Angestellten und Arbeiterschaft mitgeholfen.
Heute umfaßt die Genossenschaft folgende Betriebszweige:
1.
Das Hauptlagerhaus mit der Landmaschinenabteilung- und Reparaturwerkstätte in Marienthal,
2.
Die Walzmühle (für Roggen Weizen) und den Mischfutter-Erzeugungsbetrieb in Gramatneusiedl (Bahnhof),
3.
Die Lagerhaus-Zweigstelle in Himberg,
4.
Die Lagerhaus-Zweigstelle in Mannersdorf.
Als Antriebskraft für die Maschinen im Lagerhaus Marienthal, der Landmaschinenreparaturwerkstätte, in der Mühle und im Mischfutterbetrieb dient ausschließlich die eigene Wasserkraft, welche auch den Strom für Licht und Wasser in alle genannten Betriebsräume sowie Kanzleien und Eigenwohnhäuser liefert. Die Zweigstelle Himberg hat ebenfalls Wasserkraft, während die Zweigstelle Mannersdorf ihre Maschinen mit fremden Strom betreibt. Zur Bewältigung des umfangreichen Fuhrwerkverkehres stehen ein Lastkraftwagen mit zweiräderigem Anhänger und 3 Schlepper mit 5 Anhängerwagen zur Verfügung.
Der Gesamtwarenumsatz im letzten Geschäftsjahr 1939/40 betrug 3171 Waggon à 10 t. Die Umsätze in Stück bei den Lagerhausbetrieben und in der Landmaschinenabteilung sind hier nicht inbegriffen. Geldmäßig wurden insgesamt 3,260.453,90 (uzw. ohne Weißkrautgeschäft) umgesetzt. Am 30. Juni 1940 wies die Genossenschaft einen Stand von 817 Mitgliedern mit 1807 Geschäftsanteilen auf.
In den weitläufigen Räumlichkeiten, die für den Lagerhausbetrieb wegen Vorratshaltung insbesondere in Kunstdünger, Getreide
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usw. unbedingt vorhanden sein müssen, konnte neben den Kanzleien und verschiedenen Nebenräumen auch die Landmaschinenabteilung mit Werkstätten, Montagehallen etc. untergebracht werden. Wie groß diese Aktivpost auch zu veranlagen ist, hier soll sie unberücksichtigt bleiben; lediglich eine Tatsache, deren unbestreitbarer Wert jederzeit leicht nachgewiesen werden kann, soll die Mitglieder der Genossenschaft über die Rentabilität der großen Investitionskosten aufklären:
Durch die Möglichkeit, sämtliche Maschinen der Mühle, des Mischfuttererzeugungsbetriebes in Gramatneusiedl, des Lagerhauses und der Reparaturwerkstätte in Marienthal, teils auf mechanischem, teils auf elektrischem Wege, mit der eigenen Wasserkraft zu versorgen und der damit erzielten Ersparnis können 500.000.– RM Anlagekapital verzinst werden. Im Mühlen- und Mischfuttererzeugungsbetrieb in Gramatneusiedl allein würden die Auslagen für Schmier- und Gasöl zum Antrieb der Dieselmotoren rund 24.000.– RM im Jahr betragen, die jetzt eingespart sind.
Als ehrenamtliche Funktionäre sind derzeit tätig:
Vorstand:
Stöckel Josef, Himberg 17/65
Hillinger Franz, Ebergassing 53
Obmann
1. Obmann-Stellvertreter
Brauneder Josef, Gramatneusiedl 4
2. Obmann-Stellvertreter
Vorstandsmitglieder:
Schorn Franz, Gramatneusiedl 37,
Sippel Franz, Pellendorf 2,
Zöchmeister J., Velm 38/39,
Scharmann J., Mannersd[orf] 13/21
Aufsichtsrat:
Vorsitzender:
Vorsitzender-Stellvertreter:
Graßl Johann, Moosbrunn 15,
Rittmann Josef, Rauchenwarth 77,
Aufsichtsratsmitglieder:
Fellner Johann, Velm 40,
Riegler Franz, Götzendorf 4,
Hietz Anton, W[iene]r Herberg 31,
Schorn Franz, Moosbrunn 13,
Koch Franz, Reisenberg 90,
Siegl Karl, Pischelsdorf 36,
Koch Franz, Hof 17,
Stöckl Karl, Zwölfaxing 33,
Kumpolder Mich[ael], Reisenb[er]g 64,
Schmied Leop[old], Mitterndorf 10,
Kusolitsch Matt[ias], Mannersd[orf] 65,
Westermayer Lud[wig], Himberg 15,
Püreschitz Martin, Au 5,
Der Warenumsatz zeigte in den letzten Jahren vor dem Anschluß eine ständig steigende Tendenz und hat seit dem Jahre 1938 durch Übernahme der gesamten Krauternte im Wiener Becken eine weitere Erhöhung erfahren. Das Hinzukommen anderer, durch den Reichsnährstand der Genossenschaft übertragener Aufgaben und der Ausbau der Landmaschinenabteilung erforderte zur Erreichung einer besseren Übersicht eine Neuordnung und Aufgliederung des Gesamtbetriebes. Es wurden daher Abteilungen mit selbständigen, der Geschäftsführung unterstellten Abteilungsleitern geschaffen, um die persönliche Initiative und Verantwortlichkeit besser verankern zu können.
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Die kaufmännische Betriebseinteilung ist folgende:
Geschäftsführung:
Michael Reiner, Oberverwalter,
Stellvertretung:
Johann Asperger, Verwalter.
Abteilung I:
(Kassa) Hans Zoder, Abteilungsleiter.
Abteilung II:
(Buchhalt[un]g) Hans Martin, Oberbuchhalter.
Abteilung III:
Lagerhaus Marienthal mit Mischfuttererzeugungsbetrieb in Gramatneusiedl, Leopold Stöckl, Betriebsleiter.
Abteilung IV:
(Walzmühle) Anton Hutterer, Obermüller.
Abteilung V:
(Landmaschinenabteilung u[nd] Großreparaturwerkstätte) Stefan Molnar, Betriebsleiter,
Oswald Gahler, Kanzleileiter, (d[er]z[ei]t Wehrm[ann]).
Abteilung VI:
(Hausverwaltung) Hans Riha, Abt.-Leiter.
Abteilung VII:
(Lagerhauszweigstelle Himberg) Ant[on] Bosch, Filial-Leiter.
Abteilung VIII:
(Lagerhauszweigstelle Mannersdorf a[m] L[eithage]b[ir]g[e]) Ing. Otto Weintögl, Filialleiter (eingerückt)
dzt. Johann Zöhrer
Insgesamt beschäftigt die Genossenschaft über 100 Angestellte und Arbeiter.
Aus dem Gemeinschafts- und Selbsthilfegedanke heraus, in mühevoller Arbeit, getragen von reinem Idealismus hat sich die Genossenschaft zu beachtenswerter Höhe entwickelt. Viele Sorgen und ebensoviel Verantwortung begleiten die leitenden Männer auf dem Wege zum Erfolg. Nur das Bewußtsein, dem Bauern in seinem schweren Daseinskampf Hilfe und Rat zu bringen, hat sie alle Opfer und Lasten mit Freude tragen lassen.
Vielleicht werden nunmehr die Nörgler, die es immer und überall gibt, erstaunt und befriedigt den Werdegang der Genossenschaft verfolgen und im Stillen manchen ungerechtfertigten Vorwurf bedauern. Stolz können aber diejenigen Mitglieder der Genossenschaft sein, deren Anhänglichkeit und Treue die Voraussetzung für all die fortschreitende Entwicklung und den heutigen Stand schuf. Wenn manche Dinge der inneren Organisation infolge der Kriegsverhältnisse auch noch nicht vollkommen sind, so wurde doch mit der bisherigen Aufbauarbeit mitten im Krieg für den Frieden gerüstet. Möge für alle Zukunft die Einigkeit der Bauern in der Genossenschaft ein gedeihliches und immer nützlicheres Arbeiten im Dienste der Landwirtschaft gewährleisten, getreu dem alten Genossenschaftswahlspruch
»Einer für Alle – Alle für Einen«.
M[ichael] R[einer]
Wien–Gramatneusiedl, im Juli 1941.