Peter Urbanek
Sechs Jahrzehnte nach »Marienthal«. Eine geschichtliche Bilanz über Auswirkungen der Arbeitslosigkeit in einem Dorf in Niederösterreich
in: Angewandte Sozialforschung (Wien), 19. Jg., Nr. 2 (1995), S. 275–280.
Die Veröffentlichung auf dieser Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Peter Urbanek, Wien. Beachten Sie das Copyright!
275
Peter Urbanek
Sechs Jahrzehnte nach »Marienthal«. Eine geschichtliche Bilanz über Auswirkungen der Arbeitslosigkeit in einem Dorf in Niederösterreich
1. Grundlagen
Bereits für Generationen von Studenten/Studentinnen der Soziologie wurde sie zum Standardwerk, zu einer »Pflichtlektüre«: Die 1933 erschienene Studie von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel, »Die Arbeitslosen von Marienthal«. Mit Unterstützung von mehreren anderen Wissenschaftlern entstand sie 1932 in einer Zeit der Weltwirtschaftskrise, welche auch das kleine Dorf Marienthal, es gehört heute zur Gemeinde Gramatneusiedl, ca. 30 km von Wien entfernt, von Arbeitslosigkeit nicht verschonte. Vielleicht war die Situation dort gravierender als in anderen Regionen, war ja der überwiegende Teil der Bevölkerung Marienthals in einer ansässigen Textilfabrik beschäfligt, die aufgrund der Krise ihren Betrieb einstellen mußte. Es ist nicht auszuschließen, daß ähnliche Schicksale in anderen Orten Österreichs ebenfalls in dieser Form auftraten. Untersuchungen in der wissenschaftlichen Literatur fanden sich jedoch bis jetzt nicht.
Vom erwähnten Wissenschaftsteam war seinerzeit die Marienthalstudie gar nicht geplant. Man wollte anderswo eine Arbeit über das Freizeitverhalten in dieser Zeit erstellen und erzählte es dem Politiker Otto Bauer. Dieser war entsetzt, war doch die Freizeit kein Thema der Aktualität. Die unmittelbaren Probleme der Arbeitsplatzverluste waren damals die zentrale Frage in der Gesellschaft. Bauer machte die Gruppe auf Marienthal aufmerksam und regte sie auf diese Weise zu einer Untersuchung an, die unter dem Begriff »Ein soziographischer Versuch« eine Leitlinie für nachfolgende Soziologen wurde.
2. Erinnerung
Die in der Gruppe mitarbeitende junge Akademikerin und später in England und Amerika an Universitäten lehrende Prof. Marie Jahoda, sie war übrigens einige Jahre mit Paul Lazarsfeld verheiratet, erinnerte sich 50 Jahre später in einem in England mit Franz Kreuzer aufgezeichneten und im ORF am 8. April 1983 gesendeten Gespräch:
»das wichtigste Ergebnis der Marienthaler Untersuchung war: Arbeitslosigkeit bewirkt Resignation und Apathie und nicht den Willen, die Welt und die ökonomische und soziale Ordnung radikal umzugestalten. Das bloße Aufrechterhalten der physischen Kompetenz des Menschen wird zum Hauptproblem. Interessanterweise waren es nur wenige aktive Funktionäre der politischen Parteien, die nicht ganz der Verzweiflung und der Resignation anheimfielen. Die große Mehrheit hatte einfach aufgegeben. Die Beteiligung an politischen Versammlungen, die Beteiligung am öffentlichen Leben ging radikal zurück. Vor dem Bankrott der einzigen Fabrik in Marienthal war das ein ungeheuer aktiver Ort, mit Bibliotheken, mit vielen Vereinigungen, mit Theater, mit Singen. Dann haben sie nicht mehr gelesen. Damals, als sie noch keine Zeit hatten und neun Stunden lang in der Fabrik arbeiteten, haben sie Zeit für alles gehabt. Aber die unbegrenzte Zeit, die keine Struktur hat, in der nichts wirklich geschehen muß, diese Zeit ist nicht Freizeit. Sie ist eine ungeheuerliche seelische Belastung, die den Menschen nur zeigt, daß sie nicht gebraucht werden, daß sie mit ih-
276
rer Zeit nichts tun können, was irgendeinen Wert hat … Das führt zur Isolation, zum Zurückziehen auf den ganz kleinen Familienkreis und in sehr vielen Fällen natürlich zu argen menschlichen Problemen innerhalb der Familie…
Über die Arbeit ist schon so viel gesagt worden: Von der Bibel, in der die Arbeit als Fluch der Menschheit dargestellt wird, bis zu den Sowjetrussen, die die Arbeit, zumindest in der Stachanowzeit, als größten Segen der Menschheit hingestellt haben.«
3. Zurück in die Zeit der Studie
1932 hatte Marienthal 478 Haushalte mit 1486 Einwohnern. Bis auf wenige außerhalb des Ortes Berufstätige und Selbstständige im dörflichen Bereich wie Fleischhauer, Wirt und andere wenige Kleinstbetriebe, mußten die Bewohner mit Schließung der Textilfabrik von der öffentlichen Hand mit Arbeitslosengeldern erhalten werden. Viele davon waren später ausgesteuert.
In der Zeit der Beschäftigung hatten die Marienthaler nicht nur durch die tägliche Arbeit soziale Bindungen, auch der Umstand, daß die Fabriksleitung Arbeiterwohnungen zur Verfügung stellte, die heute noch die Baumasse der Ortschaft bildet und von jedem fremden Besucher bei einem Rundgang auf der langen, mitten durch Marienthal gehenden Straße nicht übersehen werden kann, festigte die Kommunikation bei den Einwohneren [!]. In diesem Wohnbereich, in den Geschäften, den Freizeiteinrichtungen des Ortes war daher die »Fundgrube« von soziologischen Daten zu erwarten. In wissenschaftlicher Kleinarbeit, die sogar bis hin zur Beobachtung des Ablaufes von Spaziergängen der Dorfbewohner, gemessen nach Schritten und Zeitaufwand ging, konnte die Forschergruppe Lebensgewohnheiten langjährig Arbeitsloser aus vielen Einzelfakten zusammentragen und ein Gesamtbild erstellen. 1933 wurde die Studie dann publiziert.
Der Leser kommt nicht umhin, Jahrzehnte danach geistig miterleben zu können, wie aus einem vor der Einstellung der Fabrikation der Fabrik lebensfrohen Dorf eine menschlich und wirtschaftlich tote Siedlung wurde.
In Marienthal selbst und auch in Österreich war in den ersten Erscheinungsjahren der Studie ihre Bekanntheit eher gering. Prof. Lazarsfeld, der in der Zeit des Nationalsozialismus nach den USA emigrierte, nahm sie dorthin mit und bald wurde sie weit über dem Atlanktik [!] eine anerkannte und de facto begehrte Publikation im Sozialbereich.
4. Folgeforschungen
Im Jahre 1980, also etwa 50 Jahre nachher, verbrachte wieder eine Forschergruppe, Birgit Flos, Michael Freund, Janos Marton, kürzere Zeit in Marienthal, um Bilanz zu ziehen.
Zu diesem Zeitpunkt konnten noch mit einigen älteren Bewohnern Gespräche über die damalige Lage in den 30er Jahren geführt und mit Schülern die Problematik der Arbeitslosigkeit diskutiert werden.
In diesem Zusammenhang wurde auch ein Hörbild erstellt. Der ORF brachte es im Rahmen der Sendereihe MEMO am 26. April 1980. In diesem phonetisch interessanten Geschichtsdokument, jedem Interessierten zu empfehlen, kamen viele Marienthaler zu Wort, die zum Zeitpunkt der Studie 1932 im Ort lebten und sich auch teilweise an die Gruppe der Wissenschaftler um Paul Lazarsfeld erinnerten.
Im Jahr 1980 war der Zustand der nach wie vor bewohnten ehemaligen Arbeiterwohnhäuser als eher sehr desolat zu beurteilen. Viele Gastarbeiter, die in einer nach dem Abbruch der Textilfabrik neu errichteten Acrylglas-Industrieanlage dort einzogen, wohnen hier. Waren es vor und nach 1930 zugewanderte böhmische Arbeiter, sind es 50 Jahre später jene aus der Türkei und Jugoslawien.
277
Abbildung 1: nicht renovierte Fabrikswohnungen
5. Die Zeit geht weiter
Die Wirtschaftslage verbesserte sich in all den Jahren. Auch in Marienthal ging es aufwärts. Bewohner des Ortes in den 30er Jahren zogen von Marienthal weg, andere konnten sich in der Ortschaft selbst Einfamilienhäuser bauen und ein Großteil der damals Erwachsenen lebt nicht mehr.
Abbildung 2: nicht renovierte Fabrikswohnungen
278
Mit jedem Tag verblaßt diese Epoche der Arbeitslosigkeit für die nachgekommenen Bewohner des heutigen Ortsteiles von Gramatneusiedl an der Fischa liegend. Das Schicksal der Vorgänger wird immer unbekannter und verschwindet im Dunstschleier der Geschiche [!]. Nach nunmehr über 60 Jahren nach »Marienthal« ergab sich im Frühjahr 1994 folgendes Bild: Drei Mädchen im Alter von ca. 14 Jahren, vor den alten Arbeiterwohnhäusern auf der Straße befragt, was ihnen die Studie besagt und in welchem Zusammenhang sie diese Häuser sehen, konnten keine Antwort darauf erteilen, obwohl sie hier im Ort aufgewachsen sind. Sie hörten erstmalig bei dieser Befragung davon.
Verschweigt man heute bewußt in den dortigen Schulen beim heimatkundlichen Unterricht diese sicherlich nicht erfreuliche Zeit? Weiß vielleicht die jetzige Lehrergeneration davon selbst nichts mehr? Ging die Zeit so schnell vorbei, daß 60 Jahre später das Thema durch den hohen Lebensstandard nicht mehr interessant genug erscheint? Es zu ergründen, wäre eine eigene Studie wert!
Die alten Fabrikswohnhäuser wurden nunmehr unter Mithilfe des Landes renoviert. Der noch 1992 Tag und Nacht fließende öffentliche Brunnen inmitten der Wohnblöcke wurde stillgelegt. Vielleicht auch ein sichtbares Zeichen einer abgeschlossenen Epoche aus der Zeit der Studie 1932? An seine Stelle trat die Wasserrohrinstallation in den renovierten Wohnungen. Nur ein einzelner Trakt der Wohnanlage scheint sich im Frühjahr 1994 noch im Ursprungszustand zu befinden, heute sogar total abgewohnt. Dies gilt auch für das zwischen zwei großen Häuserblöcken, eigentlich als Symbol der Mitte zu betrachten, ebenerdige kleine Gebäude des seinerzeitigen Konsum, nunmehr eine Werkstätte und Abstellraum geworden.
Abbildung 3: Das alte Konsum-Gebäude
Für die Geschichte von Marienthal und der gesamten Region wäre es nicht unbedeutend, würde es als ehemaliges Zentrum der Kommunikation beim täglichen Einkauf erhalten werden. Die Gemeinde Gramatneusiedl und das Land Niederösterreich wären gut beraten, dem Verfall vorzubeugen und das kleine Gebäude als Museum zu erhalten. Mit einer Revitalisierung im Geiste der Studie, immerhin trugen namhafte Wissenschaftler ihre Bedeutung in die Welt, sollte diesem Gebäude ein gebührender Platz in der Sozialgeschichte eingeräumt werden! Fotomaterial, Zeitungsartikel usw., vielleicht auch noch Gebrauchsgegenstände aus den 30er Jahren, würden sich heute noch genügend finden lassen.
279
6. Das Fabriksgelände heute
Hier steht die schon eingangs erwähnte Acrylglas-Fabrik. Wenige Teile wie das alte Heizhaus und einer der Schornsteine der ehemaligen Textilfabrik sind die letzten Relikte aus vergangenen Zeiten. Das frühere Herrenhaus, innen heute modern gestaltet, dient nun als Bürogebäude der Industrieanlage. Am Bürogang hängen alte Ansichten aus den Zeiten der Arbeitslosenstudie, man kann die alte Fabrik aus der Vogelperspektive sehen. Hier, die einzige Akivität [!], die zumindestens für den Nichtmarienthaler bei seinem Besuch hinsichtlich einer Aufrechterhaltung eines geschichtlichen Gedankens des Ortes erkennbar ist.
7. Zeitzeugen
Menschen, die die Zeit der Studie persönlich miterlebt haben, gibt es nur mehr wenige. Die jetzt 92jährige Frau St. konnten wir ebenfalls besuchen, die in geistiger Frische Ausführungen der damaligen Erhebung bestätigen konnte. Eine betont geschichtliche »Fundgrube« lebt aber im Ortsgebiet: Leopold Kopecky. Er baute sich nach Ende der schlechten Zeiten ein Einfamilienhaus und blieb der Gemeinde treu. Geboren 1916, war er zum Zeitpunkt der Erstellung der Studie 16 Jahre alt und ging später berufstätig u.a. nach Wien und Schwechat. 1976 trat er in den Ruhestand.
Abbildung 4: Der Zeitzeuge Leopold Kopecky
Zeitweise war er politisch im Ort aktiv, kümmerte sich jedoch primär dann um den Siedlerverein. Alte, bei ihm fürsorglich aufbewahrte Zeitungsartikel aus den Jahren der Arbeitslosigkeit in Marienthal sind bei ihm in guten Händen, ebenso Fotos aus der Zeit. Seine Familie ist in der Studie genau beschrieben und er macht kein Geheimnis daraus, daß es jeder auf Seite 108 nachlesen kann. Heute lebt er zufrieden mit seiner Frau in seinem Haus, betreut den schön angelegten Garten und sein besonderer Stolz ist ein selbst eingerichtetes Glashaus. »Diese Zeiten
280
von damals kann man sich ja heute gar nicht vorstellen«, dies ist der Kern eines sehr langen Gespräches mit ihm, zu dem er außerordentlich gastfreundlich eingeladen hatte.
»Sechs Jahrzehnte nach Marienthal«. Ein vielleicht letzttauglicher Versuch, Bilanz zu ziehen. Das tägliche Leben in Marienthal geht weiter, die Jugend rückt nach, von Tag zu Tag wird es schwieriger, Zeitzeugen zu finden. Die Studie und ihre Folgeforschungen sollten uns in der heutigen Wohlstandsgesellschaft eine Mahnung sein, nicht alles selbstverständlich zu betrachten, in vielen Dingen ein wenig bescheidener zu sein, gibt es ja nach wie vor und neuerlich weltweit Regionen, wo die Lebensqualität der Bevölkerung durchaus mit den Verhältnissen von 1932 in Marienthal verglichen werden kann.
8. Anmerkungen
Die Recherchen im Frühjahr 1994 in Marienthal erfolgten am 5. Mai durch Waltraud Auer, Studentin der politischen Wissenschaften und Soziologie, sowie Peter Urbanek, Publizist. Vom letzgenannten stammen auch die im Rahmen des Artikels veröffentlichten Fotos.
Wir danken dem Gemeindeamt Gramatneusiedl und den beteiligten Personen in Marienthal für die uns zuteil gewordene Unterstützung.
9. Literatur
DAS KLEINE BLATT (1930) »Mehr als 100.000 Arbeitslose in Wien« (Schlagzeile) und »Alle Räder, alle Spindeln stehen still. Ein Tag im arbeitslosen Gramatneusiedl. Die Einkaufstasche des Arbeitslosen«. 18. Februar 1930, Nr. 48, 1 und 5
Jahoda, Marie, Lazarsfeld, Paul F., Zeisel, Hans (1984), Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die langandauernde Arbeitslosigkeit, Frankfurt am Main
ORF (1983), Franz Kreuzer im Gespräch mit Marie Jahoda, fünfzig Jahre nach der Untersuchung »Die Arbeitslosen von Marienthal«, Wien
Flos, Birgit, Freund, Michael, Marton, Janos (1983) Marienthal 1930–1980, in: Journal für Sozialforschung, Heft 1, S 136–149, Wien
Stöckl, Balbina (1985) »Der arbeitslose Neue Mensch, Die Nestorin der angewandten Sozialwissenschaft, Marie Jahoda, über Aufbruchsstimmung und Resignation der dreißiger Jahre in Österreich«, Wiener Zeitung. 12. Juli, 3
Glattauer, Daniel, Reismann, Erich (1988), »Das Erbe von Marienthal«, Cash Flow, Nr. 12, S 46–52
Fernsehen und Radio.
ORF, Reihe NACHTSTUDIO: Franz Kreuzer im Gespräch mit Marie Jahoda, fünfzig Jahre nach der Untersuchung ›Die Arbeitslosen von Marienthal‹, 8. April 1983
ORF 2, »Einstweilen wird es Mittag«, Regie: Karin Brandauer, 1. Mai 1992
ORF Hörfunk, Reihe MEMO »Die Arbeitslosen von Marienthal, fünfzig Jahre danach«, 26. April 1980