Hans Zeisl

Zur Soziographie der Arbeitslosigkeit

in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik (Tübingen), 69. Bd., Nr. 1 (April 1933), S. 96–105.

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Zur Soziographie der Arbeitslosigkeit.

Von

Hans Zeisl.

Wenn der Historiker einer späteren Zeit über unsere Gegenwart nachdenken wird, wird er sich nicht am meisten wundern über den Tiefstand unseres sozialen Lebens, auch nicht wie ahnungslos wir dem morgigen Tag gegenüberstehen, sondern darüber, daß wir nur in sehr groben Zügen wissen, was gestern und heute vor sich gegangen ist. Unser Historiker mag freilich den engen Zusammenhang durchschauen, der zwischen dieser Unkenntnis und der grundsätzlichen Schwierigkeit unserer Zeit besteht, soziale Erkenntnisse wirksam in soziale Reformen umzusetzen. Aber in dem Maß, in dem Elemente einer neuen Ordnung die Chancen einer wirksamen Gesellschaftstechnik näher rücken, wird es Aufgabe der Sozialwissenschaften, unsere Kenntnis vom Ablauf und von den Wirkungen des gegenwärtigen Geschehens zu verfeinern und in einem sehr bestimmten Sinn zu ergänzen: Zwischen der allgemeinen Übersicht, die uns die statistischen Daten des modernen Verwaltungsapparates vermitteln und den Erkenntnissen relativ hoher Abstraktion, die die wissenschaftliche Soziologie bereitgestellt hat, klafft eine Lücke in unserem Wissen vom sozialen Geschehen; sie auszufüllen scheint uns die Aufgabe soziographischer Methoden zu sein, die, auf verschiedenen Teilgebieten sozialen Lebens versuchsweise erprobt, neuerdings in zusammenfassender Form bei einer Untersuchung über die Wirkungen der Arbeitslosigkeit zur Anwendung kommen, die von der »Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle« unter der Leitung von DrPaul Lazarsfeld durchgeführt wurde1).

* * *

Es war auf den Schlag die politische Geburt der bürgerlichen Gesellschaft, der Beginn der englischen Revolution, als die erste systematische Soziographie – der sog[enannte] »Down-Survey« – erschien.

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Es war die Beschreibung, die eine Kommission unter Leitung Sir William Pettys[1] über die Verhältnisse Irlands gab2). Henry Cromwell[2] wollte dort seine Soldaten ansiedeln und ließ sich über das Gebiet informieren; und wenn man will, folgte er damit nur zahlreichen historischen Beispielen: denn schon als den Griechen von den Persern und den Römern von den Germanen Unheil drohte, ließen auch sie sich von Xenophon und Tacitus[3] ihre »Soziographien« schreiben.

Wenn wir trotzdem systematische Soziographie erst von Petty her datieren wollen, so liegt das daran, daß erst damals exaktere, auf Details gehende und zum Teil quantitativ aufgezeichnete Daten soziographisch verwendet wurden. Der Grund dafür dürfte im folgenden liegen: In den früheren Berichten, einschließlich der Berichte der großen Entdeckungsreisenden, handelte es sich um ganz fremde Völkerschaften, und da waren die Unterschiede zwischen den untersuchten und den zu informierenden Ländern so kraß, daß man sich mit den gröbsten Beschreibungen begnügen konnte.

Mit dem Untergang der mittelalterlichen Welt jedoch wird auch die unmittelbare örtliche Umgebung Gegenstand des soziographischen Interesses. Denn mit dem Zusammenbruch der Feudalverfassung endet auch die einfache Übersehbarkeit des gesellschaftlichen Geschehens. Neue Probleme sozialer Organisation machen es notwendig, sich über die nächste örtliche und soziale Umgebung zu informieren. Und wenngleich diese Information anfangs nicht sehr weitreichend war, bedurfte es doch schon feinerer Methoden, um die wesentlichen Unterschiede herauszuarbeiten.

Durch mehr als ein Jahrhundert blieben soziographische Untersuchungen auf das erste Land des wachsenden Kapitalismus, auf Großbritannien beschränkt: Insbesondere die Nöte der Landwirtschaft, später in immer steigendem Maß die Lage des städtischen Proletariats waren Gegenstand solcher Untersuchungen. Wichtige Behelfe der Erhebungstechnik wie Fragebogen, Rechercheure u[nd] a[nderes] m[ehr] wurden in dieser Zeit erstmals verwendet. Ihren Höhepunkt erreichte das Erhebungsverfahren in den berühmten sozialpolitischen Enqueten des britischen Parlaments.

Entscheidende Förderung erfährt die Soziographie später durch die Fortschritte der ihr eng verbundenen Sozialstatistik. Die Umwälzung des wissenschaftlichen Weltbildes um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts und vornehmlich die Entwicklung der mathematischen Wissenschaften hatten den Gedanken der Quantifizierbarkeit des sozialen Geschehens nahegelegt3). Adolphe Quetelêt[4] hat ihn exakt formuliert und an umfassendem Datenmaterial exemplifiziert. Er hat auch als erster gesehen, daß auch komplexere Merkmale, wie etwa

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»Mut« oder »Voraussicht« quantitativ erfaßt werden können. »Mit den moralischen Fähigkeiten steht es … ungefähr ebenso, wie mit den physischen und man kann sie unter der Voraussetzung schätzen, daß sie im Verhältnis zu ihren Wirkungen stehen.« Und weiter: »Auch kann man sagen, ein Mensch sei mutiger als ein anderer. Dieses Urteil gründet sich darauf, daß man die beiden Individuen in ihren Handlungen beobachtet hat und danach schätzt. …Nehmen wir … an, man zählte jedes Jahr bei dem einen fast regelmäßig 500 mutige Handlungen, und bei dem andern nur 300…4). Auch ist er schon durchaus modern anmutenden Problemen nachgegangen, wie etwa dem Zusammenhang von literarischer Produktion und Alter4[!]). Aber Quetelêts [!] großzügige Ansätze blieben lange Zeit hindurch bloßes Programm: Die Notwendigkeit, für soziographische Zwecke zunächst bloß diejenigen Daten zu verwenden, die die Verwaltungsstatistik nebenher abwarf, bildete ein ernstes Hemmnis.

Es war das Verdienst Le Plays,[5] daß sich die Soziographie in dieser Richtung selbständig machte und daranging, sich ihre Merkmale in eigenen Erhebungen zu beschaffen. Le Play sammelte in vierzigjährigen Weltreisen eine Reihe von Monographien von Arbeiterfamilien, in denen er mit minutiöser Genauigkeit alles zusammentrug, was er über das Leben der von ihm beobachteten Leute erfahren konnte. Wenn auch sein Ausgangspunkt vor allem die genaue Übersicht über das Haushaltbudget war, so liegt doch in seinem methodischen Vorgang das Grundprinzip der systematischen Inventarisierung, das für die moderne Soziographie so bedeutungsvoll werden sollte5).

Freilich ist Le Play selbst über eine gewisse Grenze nicht hinausgekommen. Der konservative Sozialreformer, der aus der Enge des kleinbäuerlichen Frankreichs kam, wendete sich im Bestreben, die Wichtigkeit des Details hervorzukehren, polemisch gegen die Statistik und übersah dadurch die entscheidende wissenschaftliche Chance, die er mit seinem Material in der Hand hatte.

Diese Möglichkeit nützte erst der deutsche Statistiker Ernst Engel[6] aus, als er sein berühmtes Budgetgesetz über den abnehmenden Anteil der Ernährungsquote bei steigendem Einkommen an den Monographien Le Plays nachwies6) Erst die Verbindung des Quetelêtschen [!] Gedankens der Quantifizierung mit dem Inventarprinzip Le Plays legte den Grund zur modernen Soziographie. Alles, was an korrelationsstatistischen Methoden seitdem entwickelt wurde, hat dieses Grundprinzip auf einen stets wachsenden Problembereich anwendbar gemacht.

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Aber noch zweier Schritte bedurfte es, ehe man sagen konnte, daß die Soziographie das Wahrnehmungsorgan der modernen Sozialwissenschaften werden konnte. Der eine Beitrag ging im wesentlichen von Max Weber aus. Verzichtete Quetelêt [!] noch auf umfassende Erhebung der Merkmale und betonte Le Play dann mit Recht, daß man alles aufzeichnen muß, was man findet, so zeigte Max Weber, daß aus diesem Inventar aller Merkmale dann die für das zu untersuchende Problem relevanten ausgewählt werden müssen. In der methodologischen Anleitung zur Erhebung »Über Auslese und Anpassung der Arbeiter in … der Großindustrie« heißt es, Ziel der Erhebung sei, festzustellen: »Einerseits, welche Einwirkungen die geschlossene Großindustrie auf persönliche Eigenart, berufliches Schicksal und außerberuflichen ›Lebensstil‹ ihrer Arbeiterschaft ausübt, welche physischen und psychischen Qualitäten sie in ihnen entwickelt und wie sich diese in der gesamten Lebensführung der Arbeiterschaft äußern und andererseits: inwieweit die Großindustrie ihrerseits in ihrer Entwicklungsfähigkeit und Entwicklungsrichtung an gegebene, durch ethische, soziale, kulturelle Provenienz, Tradition und Lebensbedingungen der Arbeiterschaft erzeugte Qualitäten derselben gebunden ist«7).

Aber gerade das der großzügigen Problemstellung nach dem »Lebensstil« des modernen Industriearbeiters keineswegs adäquate Ergebnis der zitierten Untersuchung zeigt, daß diese Einsicht Max Webers noch einen letzten methodischen Schritt notwendig machte.

Denn die Merkmale, die man im Alltag zu verwenden gewohnt ist, reichen in aller Regel nicht aus, um soziale Tatbestände adäquat zu beschreiben. Vielmehr zeigt die Erfahrung – wir führen unten ein konkretes Beispiel an –, daß es oft sehr komplexe Merkmalsbildung braucht, um fruchtbare Aussagen über soziale Tatbestände machen zu können.

Es war die neuere Psychologie, insbesondere die sog. Entwicklungspsychologie, die die Technik der Bildung solcher komplexer Merkmale ausgebildet hat.

Wenn man z.B. das Umgehen von Kindern mit Material durch Anlegung systematischer Inventare verfolgt und dann diese Inventare in statistischen Daten zusammenfaßt, dann kann man noch nicht unmittelbar sagen, worin die Veränderung des Verhaltens etwa zwischen dem 5. und dem 9. Lebensjahr liegt. Erst wenn man zwei sehr komplexe Merkmale bildet: »funktionales Verhalten«, d.h. bloß spielerisches, auf keinerlei Ergebnis gerichtetes Umgehen mit den Dingen; und »versuchsgerechtes Verhalten«, das den Eigenschaften des Materials Rechnung trägt und sie für bestimmte kleine Ziele einsetzt, kann man sagen, daß die Entwicklung vom funktionalen zum versuchsgerechten Verhalten fortschreitet8).

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Mit diesem grundsätzlichen Beitrag der Psychologie war der Apparat der modernen Soziographie auf seinen gegenwärtigen Stand gebracht: Ein systematisches Inventarisieren aller überhaupt zugänglichen Vorgänge, die Zusammenfassung zu komplexen Merkmalen, die statistische Verarbeitung dieser Merkmale und die Auswahl und Zusammenfassung der so gewonnenen Daten nach bestimmten Gesichtspunkten sind die Mittel, mit deren Hilfe wir heute imstande sind, einen sozialen Tatbestand zu erfassen und ihn der Soziologie, als höherer Abstraktionsstufe zur gesetzeswissenschaftlichen Interpretation zu übergeben.

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Wir geben nunmehr im folgenden einen knappen Bericht über unsere Marienthaler Erhebung, die – soweit dies in unserem bescheidenen Rahmen möglich war – mit Hilfe moderner soziographischer Methoden einiges Material zur Frage der Arbeitslosigkeit beitragen will.

Untersucht wurde das an die 1500 Einwohner zählende niederösterreichische Industriedorf Marienthal. Der Ort lebte zur Gänze von einer großen Textilfabrik, die 1929 stillgelegt wurde, so daß die Einwohner im Jahre 1931–32, als unsere Untersuchung durchgeführt wurde, seit 2½ Jahren arbeitslos waren. Der Weg, auf dem wir unsere Daten sammelten, war der folgende: Eine Mitarbeiterin, Dr. Lotte Danziger, wohnte durch viele Wochen in dem Ort als Funktionärin einer »Winterhilfe«, die Bekleidungsstücke, die in Wien gesammelt worden waren, an die Bevölkerung abgab. Schon diese Kleiderverteilung wurde für verschiedene Informationen verwendet: »So z.B. stand es jeder Familie frei, sich aus der Liste der vorhandenen Gegenstände das Gewünschte auszusuchen«; aus der Begründung der getroffene Wahl bekam man wichtige Einblicke in die psychologische Struktur der einzelnen Familien. Außerdem aber entstand auf diese Weise ein Vertrautheitsverhältnis zur Bevölkerung, an dem dann alle anderen Mitarbeiter Teil hatten. Diese anderen waren eine Gruppe von 10 Studenten und Freunden der »Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle«, die in verschiedenen Funktionen nach Marienthal kamen: als Leiter ärztlicher und pädagogischer Beratungsstellen, als Lehrer in Näh- und Turnkursen, als Helfer in verschiedenen politischen Gruppen u[nd] d[er]gl[eichen] m[ehr].

Ein Kataster, in dem jeder Ortsbewohner ein Blatt hatte, sammelte alle, auch die kleinsten Beobachtungen, die die einzelnen Mitarbeiter im Verlaufe von etwa 3 Monaten sammeln konnten. Außerdem wurden alle irgendwie zugänglichen statistischen Daten verwendet: die laufenden Listen des Gemeindeamtes (Geburten, Todesfälle, Ehen, Bestrafungen, Unterstützungen) und die Daten des Konsumvereins, der einzelnen Kaufleute, der Bibliotheken u. dgl.

Darüber hinaus wurden, nachdem der Kontakt mit der Bevölkerung ein genügend enger geworden war, eigene Datensammlungen angelegt, so vor allem Mahlzeitsverzeichnisse und Zeitverwendungs-

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bogen. In den Schulen wurden den Kindern Aufsätze über ihre Weihnachtswünsche, ihre Zukunftspläne, ihre Meinung über die Arbeitslosigkeit gegeben und von einer größeren Zahl von Einwohnern konnte man biographische Anamnesen aufnehmen. Auf diese Weise gewannen wir die notwendigen Unterlagen, um uns ein Bild vom Leben in Marienthal zu bilden, aus dem wir die folgende Punkte herausgreifen.

Das Hauptergebnis, das wir fanden, war eine sehr auffallende Schrumpfung im Leben dieser Arbeitslosen. Man kann von einer allgemeinen Reduktion des Aktivitäts- und Anspruchsbereiches sprechen, die wir für unsere Darstellung mit dem Schlagwort Resignation bezeichnet haben. Die Kriterien dieser Resignation sind ein maximales Einschränken aller Bedürfnisse, die über die unmittelbare Haushaltführung hinausgehen, ein völliges Aufgeben aller Versuche, die Lage zu verbessern, verbunden mit einem hoffnungslosen Beziehungsmangel zur Zukunft. Dabei wird aber der Haushalt notdürftig aufrechterhalten, die elementare Pflege der Kinder nicht vernachlässigt. Es herrscht insofern ein Gefühl relativer Erträglichkeit, als im allgemeinen keine Verzweiflungsausbrüche erfolgen und dauernde Depressionen sich nicht einstellen.

Ehe wir einige Daten, aus denen sich dieses Phänomen der Resignation zusammensetzt, im einzelnen anführen, wollen wir eine Erwägung allgemeinerer Art einfügen: Wir sind aus der laufenden sozialen Reportage gewohnt, vor allem die lärmenden Seiten des Arbeitslosenproblems zu sehen. Gelegentliche Rebellionen, genauere Berichte einzelner Tragödien lassen in der Öffentlichkeit die aktive Verzweiflung als Hauptwirkung der Krise vermuten. In Marienthal haben wir Arbeitslose in einer besonderen Situation gesehen: Dadurch, daß es sich um eine völlig arbeitslose Gemeinschaft handelt, fallen die aufreizenden Vergleiche mit arbeitenden Klassengenossen weg; es ist eine kleine ländliche Gemeinschaft, um die sich die alten Fabriksherren und auch die einzelnen Fürsorgeinstanzen leichter kümmern können.

Die ökonomische Seite der Marienthaler Arbeitslosen ist so, daß sie von 1 Schilling (0,50 Reichsmark) pro Kopf und Tag leben müssen. Dieses »Einkommen« stammt im wesentlichen aus der Arbeitslosenunterstützung, hie und da bekommen Familien durch auswärtige Angehörige kleine Unterstützungen. Außerdem besitzt fast jede Familie einen Schrebergarten, der sie einen Teil des Sommers über mit Gemüse und Kartoffeln versorgt. Auch finden sie manchmal kleine Gelegenheitsverdienste bei den Bauern der Umgebung, für die sie in natura entlohnt werden. Diese Hilfsquellen sind in der oben errechneten Einkommenszahl schon berücksichtigt. Einige jüngere Frauen sind in einer in der Nähe gelegenen Fabrik zu Löhnen beschäftigt, die die Arbeitslosenunterstützung kaum wesentlich übersteigen. Andere Arbeitsmöglichkeiten gibt es nicht.

Die Leute wohnen in den alten Fabrikshäusern, es gibt kaum ein Vagantentum, und die äußeren sozialen Formen werden noch aufrechterhalten. Verbieten diese besonderen Lebensbedingungen der

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Marienthaler zunächst eine zu weitgehende Verallgemeinerung, so boten sie dafür den ungewöhnlichen Vorteil, daß wir die psychologischen Wirkungen der Arbeitslosigkeit gewissermaßen unter der Zeitlupe beobachten konnten.

Es fallen sozusagen die grob-neurotischen Wirkungen der Arbeitslosigkeit weg, und was sich der systematischen Betrachtung darbietet, ist nur die Grundwirkung der Untätigkeit und Aussichtslosigkeit, die das Leben der Arbeitslosen in unserer Zeit bestimmt. Diese Wirkung scheint nun der oben erläuterte Schrumpfungsprozeß zu sein. Wir haben nach Abschluß unserer Untersuchung alle jene Ergebnisse und Berichte durchmustert, die von anderer Seite über Arbeitslosigkeit gegeben wurden. Aber obwohl die Tatsachen von den unseren oft weit abweichen – man denke etwa an die jetzt so häufig besprochene Klickenbildung [!] –, glauben wir doch, daß ein schärferes Zublicken auch an anderen Stellen dieses Phänomen der Resignation als Grundwirkung der Arbeitslosigkeit hätte nachweisen können.

Am charakteristischsten ist vielleicht die Veränderung in der politischen Haltung der Marienthaler. Das vor der Stillegung der Fabrik sehr rege politische Leben ist völlig versandet. Die besten Funktionäre der dort 90 % der Arbeiter umfassenden sozialdemokratischen Partei geben an, daß sie kaum mehr ihr Parteiorgan lesen. Tatsächlich ist das Abonnement dieser »Arbeiterzeitung« um 60 % zurückgegangen. Daß das nicht ein aktives Abkehren von der alten Partei, sondern eine Schrumpfung im alten Rahmen ist, erkennt man daran, daß die Plauderzeitung der sozialdemokratischen Partei, »Das kleine Blatt«, obwohl es doppelt so viel kostet als das Arbeitslosenabonnement der »Arbeiterzeitung«, nur um 30 % zurückgegangen ist. Es handelt sich also tatsächlich darum, daß die Leute das Interesse an den Vorgängen in der Welt der Arbeitenden allmählich verlieren. Dasselbe zeigt sich auch in den Benützungsziffern der umfangreichen Bibliothek, die kostenlos zur Verfügung steht: Die Entlehnungen sind um 50 % zurückgegangen.

Statistiken über die Zeitverwendung der Männer zeigen, daß etwa drei Viertel der Zeit völlig vertan werden, weil die Energie zu planmäßiger Ersatztätigkeit nicht mehr aufgebracht wird. Der öffentliche Park verfällt, weil niemand für ihn sorgt; die Kinder bekommen nichts zu Weihnachten geschenkt, weil die Väter sich nicht aufraffen können, ihnen Spielzeug selbst herzustellen. Beobachtet man die Leute, so fällt die große Langsamkeit ihrer Bewegungen auf.

Wie sehr die Leute ihr Schicksal als unabwendbar betrachten, ersieht man aus einem zufällig gewonnenen Ergebnis: Auf bestimmten Bogen hatten die Marienthaler ihren Beruf aufzuschreiben. Es gab nun welche, die ihren damaligen Beruf nannten, welche, die ihren Beruf durch den Vermerk »jetzt arbeitslos« ergänzten und schließlich solche, die als Berufsangabe »arbeitslos« schlechthin wählten. Mehr als die Hälfte fielen in diese letzte Kategorie; es waren 90 % der Jahrgänge zwischen 20 und 50 Jahren. Berufsangaben machten nur entweder die jungen Leute, die gerade aus der Lehre kamen, oder die

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ganz alten, denen auch die dreijährige Krise die Erinnerung an die Arbeit nicht mehr auslöschen konnte. Für die übrigen ist die Angabe einer speziellen Berufstätigkeit offenbar sinnlos geworden.

Schon bei den Kindern läßt sich diese Resignation nachweisen. In die Schule gehen die arbeitslosen Marienthaler Kinder gemeinsam mit den Kindern der benachbarten Orte, in denen noch gearbeitet wird. In den Weihnachtswünschen der Kinder zeigen sich deutlich die Unterschiede. Rechnet man ihre Wunschzettel in Geld um, so wünschen sich die Kinder der Arbeitslosen nur ein Drittel von dem, was sich die Kinder der Arbeitenden wünschen; so weit ist ihr Anspruchsbereich schon reduziert. Sieht man die Aufsätze der Kinder genauer an, findet man, daß die Marienthaler Kinder fast doppelt so viele Konjunktive verwenden als die anderen und das Erlebnis der Arbeitslosigkeit reicht schon tief hinein in den Bereich der kindlichen Phantasie. So schreibt ein Zwölfjähriger: »Ich will ein Flieger, Unterseebootkapitän, Indianerhäuptling und ein Mechaniker werden. Aber ich fürchte, es wird sehr schwer sein, einen guten Posten zu finden.«

Die angeführten Beispiele müssen in diesem engen Rahmen genügen, um dem Leser dieses Phänomen der Reduktion des Tätigkeits- und Anspruchsbereiches lebendig zu machen. In der ausführlicheren Darstellung des Gesamtberichtes wird man eine Reihe weiterer Daten und vor allem auch viele Aussprüche der Marienthaler selbst finden, die das Merkmal der Resignation wohl definiert erscheinen lassen.

An einem Punkt unserer Untersuchung ist der Zusammenhang zwischen der sozialen Stellung der Arbeitslosen und ihrer Art, die Umwelt zu sehen, ungewöhnlich deutlich geworden: Die Frauen in Marienthal sind bloß berufs-, nicht arbeitslos geworden, denn sie sind durch die erschwerte Führung des Haushaltes vollauf in Anspruch genommen. Es gibt nun einen interessanten Unterschied, der im Zusammenhang damit zwischen Männern und Frauen zu beobachten ist, nämlich die Einstellung zur Zeit. Während nämlich die Frauen in der üblichen Weise Auskunft über ihre Zeitverwendung geben können und über ihre Stunden vernünftig disponieren, haben wir sehr viele Männer gefunden, bei denen das nicht mehr der Fall ist. Man lese z.B. den folgenden Zeitverwendungsbogen:

6–7½

stehe ich auf

7–8

wecke ich die Buben auf, da sie in die Schule gehen müssen

8–9

wenn sie fort sind, gehe ich in den Schuppen, bringe Holz und Wasser herauf

9–10

wenn ich hinaufkomme, fragt mich immer meine Frau, was sie kochen soll; um dieser Frage zu entgehen, gehe ich in die Aue

10–11

einstweilen wird es Mittag

11–12

(leer)

12–13

1 Uhr wird gegessen, da die Kinder erst aus der Schule kommen

13–14

nach dem Essen wird die Zeitung durchgesehen

14–15

bin ich hinunter gegangen

15–16

zum Treer (Kaufmann) gegangen

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16–17

beim Baumfällen im Park zugeschaut, schade um den Park. Nach Hause gegangen

17–18

Nudeln in Gries geröstet

18–19

dann nachtmahlen wir

19–20

schlafen gehen.

Man sieht deutlich, wie hier das Zeitschema völlig verschwommen ist und eine Einordnung des armseligen Tagesinhalts nicht mehr gelingt. Wir haben solchen »Zeitzerfall« wiederholt in vielen Bogen gefunden und konnten uns dann durch einzelne Beobachtungen überzeugen, wie er mit der Inaktivität der Marienthaler Männer zusammenhängt. Zuweilen kommt es sogar zu kleinen Konflikten im Haushalt, weil die Männer unpünktlich werden und den Rest von Ordnung, den die Frauen aufrechterhalten, gefährden. Die Tatsache ist deshalb so prinzipiell interessant, weil es sich zeigt, daß nicht die veränderte Lebensführung in das alte Zeitschema eingeordnet wird, sondern daß der verarmten Existenz nach einiger Zeit ein ärmeres Zeitbewußtsein zu entsprechen beginnt.

Wenn wir sagen, daß das Merkmal der Resignation für die Marienthaler Arbeitslosen charakteristisch ist, so meinen wir damit nicht, daß es im einzelnen keine Ausnahme gibt. Aber gerade diese Ausnahmen führen zu einer bedeutsamen Vertiefung unserer Einsicht. Es gibt nämlich Abweichungen nach oben und nach unten: Man findet in Marienthal auch noch ausgesprochen hoffnungsvolle Familien: Sie machen Zukunftspläne, sie sind überzeugt, daß es bald wieder besser werden muß, versuchen den Kontakt mit Wien aufrechtzuerhalten, um von der ersten Arbeitsgelegenheit zu erfahren. Und auf der anderen Seite gibt es völlig gebrochene Familienexistenzen. Da wird die Wohnung nicht mehr in Ordnung gehalten, die Kinder verwahrlosen, die Stimmung ist verzweifelt, es kommt zu Kriminalität. Eine Durchmusterung der Marienthaler Familien zeigt, daß etwa 70 % als resigniert zu bezeichnen sind, 20 % als ungebrochen und 10 % als gebrochen. Das Bemerkenswerte aber ist nun, daß die Zugehörigkeit zu diesen drei Haltungsgruppen offenbar in enger Korrelation mit dem Einkommen steht. Wir fanden folgende Tabelle:

Haltungsgruppe

Einkommen pro Monat und Konsumeinheit

 

S[chilling]

Ungebrochen

33,94

Resigniert

30,18

Gebrochen

21,85

Diese Tabelle ist deshalb von Bedeutung, weil sie einen Zusammenhang zwischen einem rein »materiellen« und einem sogen. psychologischen Merkmal herstellt und wie jeder korrelative Zusammenhang, erlaubt er auch eine vorsichtige Prophezeihung [!]: Da nämlich durch die wachsende Zahl der Aussteuerungen der materielle Standard der Marienthaler dauernd sinkt, muß man aus dieser Tabelle wohl herauslesen, daß auch der psychologischen Haltung nach ein Abgleiten ent-

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lang unserer Haltungsstufen zu erwarten ist. Man wird nach einiger Zeit eine stets wachsende Zahl von Zusammenbrüchen zu erwarten haben und zwar im Durchschnitt offenbar dann, wenn das Einkommen von 1 S. pro Tag und Konsumeinheit irgendwie unterschritten wird. Hält man diesen Tatbestand zu der oben geschilderten Resignation, dann kommt man zu folgendem Schluß: Die Marienthaler begegnen der zunehmenden Einengung ihres materiellen Lebensraumes dadurch, dass sie auch ihren psychologischen Lebensraum immer stärker einschrumpfen lassen. Es kommt aber ein Moment, wo der Bedürfnis- und Aktivitätsbereich eine weitere Reduzierung nicht mehr erträgt; verschärft sich auch dann noch der materielle Druck, dann kommt es zum Zusammenbruch. Dieser Zusammenbruch ist es vornehmlich, der in den vielen Berichten über Arbeitslosigkeit geschildert wurde, und hier ist auch der Ort, an dem sich das Ergebnis unserer Untersuchung in die geläufigen Vorstellungen von den Wirkungen der Arbeitslosigkeit einordnet.

* * *

Es sei zum Schluss noch erlaubt, einer Erwägung Raum zu geben, die einen möglichen Einwand gegen unsere Verfahrensweise vorwegnehmen soll. Man kann uns entgegenhalten, unsere Methode sei sehr wenig einheitlich vom Standpunkt irgendeiner Fachwissenschaft: wir respektierten zu wenig die mühsam etwa zwischen Psychologie und Soziologie errichteten methodischen Grenzen. Nun, wir vermeinen gerade darin einen besonderen Vorzug unseres Verfahrens zu sehen: daß es nicht einheitlich sein will vom Standpunkt irgendeiner Wissenschaft, sondern daß wir das soziale Phänomen, als das sich uns das arbeitslose Marienthal darbot, einheitlich vom Standpunkte des gestellten Problems beschrieben haben. Der methodische Vorzug solchen Verfahrens verbindet sich unmittelbar mit dem letzten praktischen Sinn sozialwissenschaftlicher Erkenntnis: Grundlage für unser Handeln zu sein. Denn erst wenn wir alle relevanten Wirkungen eines sozialen Tatbestandes übersehen, dürfen wir unsere sozialen Entscheidungen treffen; dann erst können wir sie begründen.

1) Der Gesamtbericht mit einem Anhang »Zur Geschichte der Soziographie« erscheint demnächst bei S. Hirzel, Leipzig, unter dem Titel »Marienthal« von Marie Jahoda-Lazarsfeld und Hans Zeisl.

[1] (Seit 1662: Sir) William Petty (1623–1687): britischer Nationalökonom; nannte seine streng mathematisch-statistische ökonomische Analyse »Political Arithmetic«. Anm. R.M.

2) Vgl. insbesondere auch »The Political Anatomy of Ireland«, London 1691. Neudruck in »The Economic Writings of Sir William Petty«, edited by Ch[arles] H[enry] Hull, Cambridge 1899.

[2] Henry Cromwell (1628–1674): englischer Staatsmann; vierter Sohn des Staatsmanns und Heerführers Oliver Cromwell (1599–1658); diente in der Armee seines Vaters meist in Irland; seit 1654 Lordprotektor von Irland, seit 1655 Major-General der Truppen in Irland, seit 1657 Lord-Deputy. Anm. R.M.

[3] Xenophon (um 430–um 354): griechischer Geschichtsschreiber und Schriftsteller. – Publius Cornelius Tacitus (um 55–nach 115): römischer Geschichtsschreiber. Anm. R.M.

3) Über die Zusammenhange dieser Tendenzen mit der Struktur der kapitalistischen Geldwirtschaft vgl. Otto Bauer, Das Weltbild des Marxismus, in »Der lebendige Marxismus«, Jena 1927, S. 424ff.

[4] Recte Adolphe Quételet (1796–1874): belgischer Sozialwissenschaftler, Mathematiker und Astronom, der die Methoden der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung auf die Sozialwissenschaften übertrug und damit zum Begründer der Sozialstatistik wurde. Anm. R.M.

4) Physique sociale, deutsche Ausgabe, Jena 1924, Bd. I, S. 141ff., 224. – Vgl. dazu etwa Charlotte Bühler, Der menschliche Lebenslauf, Leipzig 1933, S. 37ff.

[5] Frédéric Le Play (1806–1882): französischer Bergbauingenieur und Sozialreformer, der insbesondere mit seiner Darstellung der Lebensverhältnisse einzelner Arbeiterfamilien zu den Pionieren der empirischen Sozialforschung zählt. Anm. R.M.

5) Frédéric Le Play, Les ouvriers européens, Paris 1853; und: Les ouvriers de deux mondes, Paris 1857.

[6] Ernst Engel (1821–1896): deutscher Statistiker, der auf dem Gebiet der Konsumstatistik zum Ergebnis kam, dass mit steigendem Wohlstand ein fallender Prozentsatz des Einkommens für die Ernährung ausgegeben wird. Anm. R.M.

6) Ernst Engel, Die Produktion und Konsumtionsverhältnisse des Königreichs Sachsen, Zeitschrift f[ür] d[as] Büro d[es] königl[ich] sächs[ischen] Ministeriums d[es] Innern Nr. 8 und 9, 22. November 1857.

7) Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitik, Tübingen 1924, S. 1ff.

8) [Charlotte] Bühler – [Hildegard] Hetzer in Charlotte Bühler, Kindheit und Jugend, 3. Aufl[age], Leipzig 1931, S. 234.