Marienthal. Eine Sozialreportage aus dem Jahr 1930. Zur Vorgeschichte der Marienthal-Studie
in: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich. Newsletter (Graz), Nr. 25 (April 2004), S. 55–59.
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Marienthal. Eine Sozialreportage aus dem Jahr 1930 Zur Vorgeschichte der Marienthal-Studie
Von Reinhard Müller
(Graz)
Zwischen den nackten Ziffern der offiziellen Statistik und den allen Zufällen ausgesetzten Eindrücken der sozialen Reportage klafft eine Lücke, die auszufüllen der Sinn unseres Versuches ist.
Die Arbeitslosen von Marienthal. Leipzig 1933, 1.
Die Schließung der Textilfabrik Marienthal Anfang Februar 1930 erregte überregionales Aufsehen, wie auch die nachfolgende Artikelserie bezeugt. Zwar wurde im wichtigsten Presseorgan der österreichischen Sozialdemokratie, der »Arbeiter-Zeitung« (Wien), darüber nicht berichtet.1 Stattdessen veröffentliche »Das Kleine Blatt« (Wien) eine ausführliche Schilderung der Lage in Marienthal-Gramatneusiedl. Diese Zeitung war ebenfalls ein sozialdemokratisches Organ, es zielte allerdings auf eine weniger gebildete Leserschaft ab. Besonderer Wert wurde auf einen ausführlichen Lokalteil und die Gerichtssaalberichterstattung gelegt, weshalb sie Hans Zeisel (1905–1992) die Plauderzeitung der sozialdemokratischen Partei nannte.2
Man kann annehmen, dass der Führer der österreichischen Sozialdemokratie Otto Bauer (1882–1938)3 diesen Artikel kannte, doch wurde er sicher auch durch Mitglieder des Parteiapparats über die Vorgänge in Marienthal informiert. Und Bauer soll ja den Forschern der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle den entscheidenden Hinweis auf Marienthal gegeben haben.
Vermutlich diente auch die nachfolgende Artikelserie als Impulsgeber für die Wahl Marienthals als Forschungsobjekt. Nicht zuletzt gab es persönliche Beziehungen zwischen den Marienthal-Forschern und dem »Kleinen Blatt«: Hans Karl Sailer (1900–1957), 1927 bis 1930 verantwortlicher Redakteur der Zeitung, war ein Freund der Hauptautorin Marie Jahoda (1907–2001) und arbeitete mit ihr später auch in der Gruppe »Der Funke« und bei den Revolutionären Sozialisten Österreichs zusammen. Und Ludwig Wagner (1900–1963), der seit März 1927 am »Kleinen Blatt« mitarbeitete, war mit der Forschungsstelle-Angestellten und Marienthal-Rechercheurin Gertrude Wagner (1907–1992) verheiratet.
Natürlich diente diese Artikelserie nicht als Vorbild für die Marienthal-Studie, sie bezeugt aber Verwandtschaften zwischen der Sozialreportage und den »Arbeitslosen von Marienthal« bei den gewählten theoretischen wie methodologischen Ansätzen und der Darstellungsweise. Weniger bedeutend, aber doch frappant, ist der Einstieg beider Texte: die Annäherung nach Marienthal per Zug. Es mag auch kaum verwundern, dass sowohl in der Marienthal-Studie wie in der Sozialreportage – hier im Gespräch mit Johanna Buchegger – auf biografische Interviews zurückgegriffen wurde. Bemerkenswerter ist in der Artikelserie die wiederholte Gleichsetzung von Marienthal mit einer Gemeinde der Arbeitslosen, eines der innovativsten Merkmale der Marienthal-Studie, die nicht einzelne Arbeitslose erforschen wollte, sondern eine arbeitslose Dorfgemeinschaft. Das wohl Interessanteste an dieser Sozialreportage ist jedoch der Anriss eines zentralen Ergebnisses der Marienthal-Studie: die müde Gemeinschaft. In der Artikelserie wird zumindest die Langsamkeit hervorgehoben, das Fehlen eines hastigen Hin und Her von Menschen betont und von arbeitslosen Arbeitern berichtet, die auf langsamen Spaziergängen schlendern.
1 Es gab allerdings einen mit Fotos versehenen Bericht in der illustrierten Wochenzeitschrift der österreichischen Sozialdemokratie über das benachbarte Mitterndorf an der Fischa, wo ebenfalls Arbeiter der Textilfabrik Marienthal lebten; vgl. [anonym]: 15 Kilometer von Wien. In den Quartieren des Gramatneusiedler Industriegebietes, in: Der Kuckuck (Wen), 2. Jg., Nr. 10 (9. März 1930), S. 5; auf dem Umschlagblatt wurde der Artikel als »Die Krise in der niederösterreichischen Textilindustrie« angekündigt.
2 Vgl. Hans Zeisl: Zur Soziographie der Arbeitslosigkeit, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik (Tübingen), 69. Bd., Nr. 1 (April 1933), S. 96–105, hier S. 103.
3 Otto Bauer (Pseudonyme: Amos; Franta Coliette; H.W.; Hagen; Karl Mann; Jean Meunier; Friedrich Schulze; Heinrich Schulze; Tonda; Heinrich Weber; Wolfgang; 1881–1938): österreichischer sozialdemokratischer Politiker, Ökonom und Soziologe, Mitbegründer des Austromarxismus; Dr. jur.; 1907–1914 Abgeordneter zum Österreichischen Reichsrat und Frauktionssekretär [!] der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs; 1914–1917 in russischer Kriegsgefangenschaft; 1918 Unterstaatssekretär und 1918–1919 Staatssekretär des Äußern; 1919–1934 Abgeordneter zum Österreichischen Nationalrat, einer der führenden Politiker der österreichischen Sozialdemokratie; 1934–1938 Exil in Brno, Tschechoslowakei (Tschechische Republik), führender sozialistischer Exilpolitiker; 1938 Emigration nach Paris.
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Ruhende Webstühle – feiernde Arbeiter (Teil 1)
In: Das Kleine Blatt (Wien), 4. Jg., Nr. 46 (16. Februar 1930), S. 4f.
Ruhende Webstühle – feiernde Arbeiter
Eine Gemeinde, die von der Arbeitslosenunterstützung lebt.
(Von unserem L[andkreis]-W[ien] Sonderberichterstafter.)
Gramatneusiedl, 15. Februar.
Gramatneusiedl. Schnellzüge rollen donnernd vorüber. Kommend aus Athen, Belgrad, Budapest. Rasen nach Wien, Genf, Paris. Kaum zehn Sekunden lang blicken die Schornsteine der Textilfabrik, das Turmkreuz der Kirche, die von Eiszapfen übersäten Dächer und der unscheinbare Bahnhof durch die breiten, spiegelblanken Waggonfenster. Gelangweilte Blicke streifen die winterdürre Landschaft. Einer stöhnt im Halbschlaf: »Wo sind wir?« – »An Gramatneusiedl vorbei, noch eine halbe Stunde Fahrzeit bis Wien.« – »Gramatneusiedl.« Wer stellt sich darunter etwas vor? Sieht hier nicht ein Ort wie der andere aus? Überall Kirchtürme und Schornsteine, kotige Straßen und Bahnhöfe mit Petroleumfunzen! Zehn Sekunden, ein paar Häuser, Bahnschranken, verschneite Felder und Gramatneusiedl ist vorüber…
Aber hinter dieser ewig gleichen Kulisse wohnen Menschen. Hinter ihr spielt sich die Tragödie einer Industriegemeinde ab, die von den Herren des Textilkonzerns, von den Verwaltungsräten der Sieghart- und der Rothschildbank1 auf die Arbeitslosenunterstützung gesetzt wurde. Aus 1300 Arbeitern wurden 1300 Arbeitslose. Ob die Zauberer, die dieses Kunststück fertiggebracht haben, auch wieder aus 1300 Arbeitslosen 1300 Arbeiter machen werden? Ein ganzer Ort, eine große Gemeinde wartet und hofft. Wird die Fabrik wieder eröffnet? Oder wollen die Herren die Maschinen als Alteisen nach Kilogramm verkaufen? Ein Machtwort kann Gramatneusiedl wieder zu einem blühenden Industrieort machen. Und kann… Aber das wollen wir nicht einmal zu Ende denken!
Mariental.2
Dürre Raume hocken am Ufer der Fischa, am Ufer der Piesting. Hinter ihnen ragen die schweigenden Bauten der Mautnerschen Fabrik. Die Weberei mit 808 Webstühlen, die Spinnerei mit 45.000 Spindeln. Die Druckerei mit sieben Rohdruckmaschinen. Die Appretur und die Bleicherei. Baumwolle wurde hier in Hemden- und Kleiderstoffe verarbeitet. Pyjamas, Bettzeug, Tischwäsche, Rips, Velours, Crepe de Chine verließ, zu Ballen gestapelt, die Fabrik. Bis nach Palästina wanderte die Marientaler Ware, ihr größter Absatzmarkt aber war die Riesenstadt Wien. 1200 Arbeiter standen an den Webstühlen arbeiteten in Werkstätten und Magazinen. Beinahe 100 Angestellte zählte die Fabrik. In der Spinnerei war eine zweite Schicht eingelegt worden. Frauen und Männer, Gramatneusiedl und mancher der umlie9enden Orte hing an der großen Fabrik. Die Maschinen stampften, die Schlote bliesen mächtige Rauchschwaden aus und auf dem Fabrikgeleise staute sich die fertige Ware.
Mariental. Schnee liegt auf den Feldern, Schnee auf den Schornsteinen. Durch das Geäst der Bäume grinst uns das Gerippe der Maschinen an. Räder die rasten, Kolben die verstauben, schlaffe Treibriemen und kalte Kessel. Kein Dampf, kein Rauch, kein hastiges Hin und Her von Menschen. Die Fabrik hält einen langen, langen Winterschlaf…
Einige Maschinen hat man abmontiert und verladen. Kupferne Kessel sind auf langem Schienenweg nach Belgrad gewandert. Auf langsamen Spaziergängen schlendern die Arbeiter um die Fabrik herum und schielen über die Ziegelmauer: ob sie es bald erleben werden, daß die Sirene sie wieder in den großen Saal ruft, wo die Webstühle in Zwölferreihen auf sie warten? Mariental – wie freundlich klingt der Name, es ist ein »Tal« der Arbeitslosigkeit geworden.
Der unbekannte Feind.
Während wir längs der Fischa, am Rand großer, ausgedehnter Felder, durch den knirschenden Schnee wandern, erzählt man mir die Geschichte der Fabrik. Früher, bis zum Jahre 1925, saß ein Patriziergeschlecht in der Fabrik. Ein Fabrikant stand der Arbeiterschaft gegenüber. Dann kam die Zeit der Aktiengesellschaft.3 Mautner
1 Rudolf Sieghart (di. Rudolf Singer; 1866–1934): Österreichischer Finanzfachmann österreichisch-tschechischer Herkunft; zunächst Zeitungsverleger; 1900 habilitiert für Politische Ökonomie an der Universität Wien; 1910–1916 Gouverneur und seit 1919 Präsident der Allgemeinen Österreichischen Boden-Credit-Anstalt – Rothschildbank: allgemeine Bezeichnung für die Bankhäuser der Familie Rothschild, welche von Mayer Amschel Rothschild (1743–1812) begründet wurden. Anm. R.M.
2 Abgesehen von einer Ausnahme wird in beiden Artikeln Marienthal stets falsch geschrieben. Anm. R.M.
3 Die Textilfabrik wurde bereits 1864 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, deren Aktienmehrheit im Besitz der Familien Todesco und Miller-Aichholz blieb; 1925 kam das Unternehmen an die Familien von Isidor und Stephan Mautner. Anm. R.M.
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hielt seinen Einzug in Mariental, und nach zwei, drei Jahren Konjunktur ging es plötzlich bergab. Das Rohmaterial hatte eine Triester Firma geliefert, aber der Mautner blieb die Ware meist schuldig, und eines Tages blieb der Rohstoff aus… Oder von der Seite der Arbeiter gesehen: Im Juni 1929 wurde die Spinnerei stillgelegt, Ende Juli die Weberei, und im August auch die Druckerei. Vor zwei Wochen hat man die letzten Arbeiter entlassen. In der Woche auch die letzten Professionisten (Tischler, Schlosser, Monteure). Wer jetzt noch übrig ist? Der Portier, der Nachtwächter und drei Turbinenwärter. Die anderen lassen sich jetzt ihre Arbeitslosenkarten abstempeln…
Die Glasdächer der Fabrik sehen recht sauber aus. Die Maschinen – erzählt man <S. 5> mir –sind durchaus modern, und die Marientaler Ware war gesucht. Einer der Hauptabnehmer hat jetzt, weil in Mariental alles steht, seine Aufträge an andere Fabriken vergeben. Ja, warum dann diese entsetzliche Kirchhofruhe? Warum müssen die Webstühle und die Arbeiter feiern? Hat man der Arbeiterschaft nicht »lohnenden Verdienst« versprochen, als die Einteilung getroffen wurde, daß ein Mann drei Webstühle zu bedienen hat? Der Maschinenpark ist tadellos, eine seit Generationen in der Textilindustrie geschulte Arbeiterschaft ist da, aber die Fabrik darf nicht arbeiten!
»Wer ist der Feind, der uns das Fabriktor vor der Nase zuschlägt?« fragen die Arbeiter. Der Mautner? Ach, der ist mit 100 Millionen in Pension gegangen. Weiß Gott, wo der sich von seinen »Strapazen« erholt! Oder der Sieghart? Der läßt sich’s an der Riviera gut gehen und denkt in Nizza gewiß nicht an Gramat-Neusiedl. Der Feind – die Marientaler Textilarbeiter zucken die Achseln. Nein, sie kennen ihn nicht, aber sie bekommen ihn täglich zu spüren!
Die Arbeitslosenunterstützung der Unternehmer.
»Der Konzern will nicht, daß in Mariental gearbeitet wird.« Der Mautner-Konzern: das war vor wenigen Monaten noch die Sieghart-Bank, das ist heute die Rothschild-Rank. Und das ist das Aufregendste:
Der Konzern zahlt der stillgelegten Fabrik alljährlich 85.000 Schilling Stillstandsprämie! Solange die neuen Maschinen in der Druckerei sich nicht rühren erhalten die u58nbekannten [!] Fabrikbesitzer gewissermaßen eine Arbeitslosenunterstützung. 85.000 Schilling!
Der Konzern zahlt dafür, daß in Mariental nichts erzeugt wird. Ob der Kammersekretär Conrad wohl an diese »Stillstandsprämie« gedacht hat, als er die Arbeitslosenunterstützung als die Ursache der Arbeitslosigkeit bezeichnete? Fünf, sechs Monate ist es her, seit man die Maschinen abgestellt und die Arbeiter »lohnbefriedigt« entlassen hat. Um die Maschinen haben sich die Herren auch nachher gekümmert. Vier Wochen lang wurde jetzt geheizt, damit die Nadeln nicht unter der Kälte leiden.
Und die Arbeiter? Was hat man für sie getan?
65 Jahre im Betrieb!
Der älteste Bau in der Arbeiterkolonie. Früher war er ein Kloster.4 Kaiser Josef hat die Mönche delogiert, aus dem Kloster wurde eine Spinnerei. Und aus der Spinnerei wurden Arbeiterwohnungen. Wir klopfen an eine Tür. Eine weißhaarige Frau wohnt hier Johanna Buchegger. Fünfundsiebzig Jahre ist sie alt und fünfundsechzig Jahre hat sie in der Textilfabrik gearbeitet.
Fünfundsechzig Jahre. Am heiligen Abend aber hat man ihr gekündigt. Nach 65 Arbeitsjahren!
»65 Jahre? Ja dann sind Sie ja mit zehn Jahren in die Fabrik gekommen? Die Greisin nickt. Und sie war damals nicht die Jüngste: achtjährige Kinder waren beim Aufstecken in der Spinnerei beschäftigt und zwölf Stunden lang ist gearbeitet worden. Eine Woche lang bei Tag, die nächste bei Nacht! Und die Schule? Na ja, die war nur so nebenbei, zwei Stunden täglich. Und für die zwölf Arbeitsstunden erhielten die Kinder am Wochenende fünfundzwanzig Kreuzer… »Ja, Herr, hab’ scho was mitgmacht, i werd’ wohl wiss’n, was i mi in der Fabrik grackert hab’.« Vor zwanzig Jahren ist ihr Mann gestorben. Vier Söhne und eine Tochter hat sie aufgezogen – für die Textilfabrik! Die Tochter hat geheiratet und die beiden Enkelkinder, zwei hübsche, ungefähr achtzehnjährige Mädel, waren natürlich auch in der Fabrik beschäftigt. Großmutter, Mutter und Kind – drei Textilgenerationen – jetzt leben sie von der Arbeitslosenunterstützung!
4 Gemeint ist das Altgebäude, in welchem die erste Fabrik Marienthal untergebracht war, und welches nach Errichtung der neuen Fabrik in ein Wohnhaus umgewandelt wurde. Noch heute kursieren Gerüchte in Gramatneusiedl, dass dieser Bau ursprünglich ein Kloster (samt dazugehörigem unterirdischen Geheimgang) gewesen wäre, was historisch eindeutig falsch ist. Überhaupt lässt sich in Gramatneusiedl für die Frühzeit kein Kloster nachweisen. Richtig ist an dieser Feststellung lediglich, dass Kaiser Joseph II. von Habsburg-Lothringen (1741–1790) zahlreiche Klöster aufheben ließ. Anm. R.M.
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Alle Räder, alle Spindel stehen still. (Teil 2)
In: Das Kleine Blatt (Wien), 4. Jg., Nr. 48 (18. Februar 1930), S. 5.
Alle Räder! alle Spindeln stehen still.
Ein Tag im arbeitslosen Gramtneusiedl. – Die Einkaufstasche des Arbeitslosen.
(Von unserem L[andkreis]-W[ien] Sonderberichterstatter.)
Gramatneusiedl, 17. Februar.
Werktag ist’s im Kalender, aber das Werk liegt träge hinter vereisten Mauern. Siebenmal schlägt die Turmglocke an, aber keine Sirene schrillt durch Mariental. Grau sind die Fensterfronten der Arbeitersiedlung, trüb ist der Morgen, gleichmütig plätschert der Auslaufbrunnen in zwei dünnen Wassersträhnen auf die gefrorene Erde nieder und bildet immer neue Eiskrusten. Eine Arbeiterfrau, Mitte der Vierzig, im gemusterten Kattunrock und und [!] geblümten Kopftuch, schiebt ihre Blechkanne unter den Auslauf. Während der Wasserspiegel in der Kanne langsam steigt, hat sie Zeit genug, ihre Umgebung zu mustern. Die Werkwohnungen mit der Holzveranda und den Wäschestricken, was sollten ihr die noch sagen? Oder die fahlgelben Hochbauten aus Stein, Glas und Zement, die die stillgelegten Maschinen beherbergen? Bis zum Überdruß kennt sie hier jeden Stein. So wandern ihre Augen über schnee-verwehte Feldwege hinüber nach Ebergassing.5 Dort drüben, auf den Fabrikschloten ganz draußen am Horizont, wird eben das Wahrzeichen der Arbeit, die Fahne aus Rauch und Ruß gehißt. Maschinen knirschen und rollen dort drüben, Dampf zischt und Motore singen ihre rasende Melodie. Und Hände dürfen sich regen…
So ist heute alles auf den Kopf gestellt, sogar der Kalender: In Ebergassing ist’s Werktag, in Mariental – seit sieben Monaten – Feiertag. Darum ist es an diesem Wochentagmorgen in der Arbeitersiedlung so still. Nur der Auslautbrunnen fließt und plätschert ins Leere. Und mit ihm verrinnen die Stunden, Tage und Wochen in der Arbeitslosenkolonie. Leer und ereignislos.
Die Kultur wird vertagt.
Die einzigen, die in Mariental ihrem Beruf nachgehen können, sind – wenn man von den paar Geschäftsleuten absieht – die Schulkinder. Jetzt trippeln sie durch den Schnee hinein nach Gramatneusiedl. In die Schule. Fast alle müssen am Marktplatz vorbei. Dort breitet sich hinter den Verkaufsbuden ein riesiges Feld: der Bauplatz für die neue Hauptschule. In der Gemeindekanzlei könnt ihr das Protokoll und die Baupläne besichtigen. Die neue Schule sollte der Stolz der Industriegemeinde werden. »Unsere Kinder müssen möglichst gut ausgebildet werden für den Lebenskampf«, heißt es im Protokoll. Darum hat die Gemeinde jahrelang Schilling auf Schilling gelegt.
Sechzehn geräumige, helle, freundliche Schulzimmer mit Tischen und Sesseln, ein großer Zeichensaal, ein Physiksaal, ein Turnsaal und eine Badeanlage, sollten in dem Schulneubau untergebracht werden. An eine Schulzahnklinik haben die Gemeindeväter gedacht. Eine Lernküche sollte eingerichtet werden. Moderne, hygienische Kleiderablagen sollten eingebaut werden. Also ein Schulpalast, wie er vorbildlich in Pottendorf geschaffen wurde. Auch Pottendorf ist ein Textilarbeiterort, aber die Pottendorfer Spinnerei arbeitet.6 Die Gramatneusiedler Schule aber bleibt bis auf weiteres Zukunftsmusik. Statt der geplanten sechzehn, gibt es daher nur neun Volksschulklassen Und [!] keine geeigneten Räume für Zeichnen und Turnen. Höhere Schulbildung, moderne Schulräume – eine Gemeinde, die von der Arbeitslosenunterstützung lebt, kann sich diesen Luxus nicht leisten!
Aus besseren Tagen…
Gerade dem Bauplatz gegenüber liegen zwei schmucke Baracken. Die rot gestrichene gehört den erwachsenen Arbeitern, die grüne ihren Kindern. Mit Stolz erzählen die Marienthaler, daß sie sich dieses Heim selbst erbaut haben. An langen Sommerabenden, in einer Urlaubswoche, griffen die Weber zu Hammer und Kelle. Hundert Millionen hat die Einrichtung des Arbeiterheimes gekostet. Der große Saal und das Sitzungszimmer. Am meisten aber freuen sie sich über die Bibliothek: 1300 Bände! Es ist das einzige, was hier noch an die besseren Zeiten der Konjunktur erinnert.
Heute sieht es mit dem Vereinsleben traurig aus. Die Gesangsektion ist sistiert, die Turner können keine Beiträge mehr einheben. Die Fußballer auch nicht. Ja, die Kultur ist für Gramatneusiedl vertagt worden. Das spüren sogar die Kleinsten: Der Montessori-Kindergarten hat seine gastlichen Pforten geschlossen, weil die Eltern nicht einmal den Wochenbeitrag von einem Schilling aufbringen können. Neben dem kalten Ofen trauert ein verlassenes Schaukelpferd.
5 Im Nachbarort Ebergassing gab es ebenfalls eine – 1813 gegründete – Textilfabrik, in der in den 1930er-Jahren manche Marienthaler einen Arbeitsplatz gefunden haben. Anm. R.M.
6 In dem keine zwanzig Kilometer südwestlich von Gramatneusiedl liegenden Pottendorf wurde bereits 1801 eine Baumwollspinnerei gegründet, die bald darauf ihren Betrieb aufnahm. Die Fabrik wurde erst 1976 stillgelegt. Anm. R.M.
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Die Einkaufstasche des Arbeitslosen.
Was sollen die vier Wände in der Arbeitersiedlung verbergen. Nirgends lebt man so nackt wie in einer Gemeinde von Arbeitslosen. Wer kennt nicht das Einkommen der Nachbarn? Frauen bringen alle zwei Wochen 28 Schilling nach Hause, Männer ungefähr 35 Schilling. Aber der Staat versteht zu sparen. Auf die Frauen hat ers besonders scharf; wo es nur irgendwie geht, werden sie ausgesteuert. 28 oder 35 Schilling! Ungefähr 110 Schilling für eine fünfköpfige Familie im Monat. Ihr müßt nicht erst in die Kochtöpfe der Marientaler Arbeiter gucken.
Fragt nur die Geschäftsleute!
Nicht einmal Sauerkraut.
Eine Gemischtwarenhändlerin zeigt uns ihren Tagesverdienst. Zwei Schilling und zwei Halbschilling. Und dabei ist es bereits Mittag vorüber. Wurst geht überhaupt nicht mehr, am ehesten verkauft sie noch: Brot, Semmeln, ein paar Eier. Die Strümpfe liegen seit Weihnachten auf der Stellage. Was sie an einem Tag einnimmt? So zehn bis fünfzehn Schilling. Dabei hat sie im Monat dreißig Schilling Pacht zu zahlen und die Lieferanten schicken ihr täglich Briefe ins Haus: »Trotz wiederholter Mahnungen…« Und wie zur Illustration tritt gerade ein Kutscher ein. Ob sie ein neues Faßl Sauerkraut braucht? Nein, nein, das alte Faßl ist fast noch unberührt. Also nicht einmal Sauerkraut!
Der am meisten begehrte Artikel: Schweineblut.
Sollen wir überhaupt zum Zuckerbäcker hineinschauen? Wie das Geschäft geht? Zum Beispiel in Faschingskrapfen. Nun alle Bälle und Kränzchen sind abgesagt. Die Ware bleibt liegen. Genug!
Der Fleischhauer kann uns mit einer Zahl dienen: Er verkauft jetzt in der Woche um 1000 Kilogramm Fleisch weniger als im Vorjahr. »Von den Marientalern könnt’ ich net leben, wenn net von auswärts Leut’ einkaufen möchten…« Also, was wird am meisten begehrt? Vor allen [!] Grammeln,7 da kosten 10 Dekagramm 10 Groschen. Dann Blunzen,8 das Kilogramm um 1 Schilling 20 Groschen. Dann Schwarteln9 und Schweinsköpfe. Den größten Rummel aber gibt es zweifellos, wenn ein Schwein geschlachtet wird. Dann reißen sich die Frauen um ein Häferl Blut. Auch die Blunzensuppen (das Wasser, in dem die Blunzen gekocht werden) ist heute ein gesuchter Artikel…
Schmalhans in Mariental.
Das gleiche Bild beim Schuster: Auch er hat zwei Arbeiter abbauen müssen und lebt fast nur mehr von Flickarbeit. Der Zigarettenverkäufer hat sich von »Sport« und »Drama« auf »Film« umstellen müssen, sein Umsatz ist dadurch auf ein Drittel gesunken. Die Strümpfe bleiben liegen, nur die Stoppwolle [!] geht halbwegs. Man fühlt es in Mariental, daß mit der Fabrik das wirtschaftliche und kulturelle Leben einer ganzen Gemeinde stillgelegt wurde. Die Marientaler haben freilich das Hoffen noch nicht verlernt. War das Marientaler Bettuch nicht gesucht, ist nicht eine geschulte Arbeiterschaft in Gramatneusiedl zu Hause? Wartet nicht ein vorzüglicher Maschinenpark auf den Geldgeber, der dieses große, schlafende Werk wieder in Gang bringt?
»Die Holländer sollen sich für Mariental interessieren.« Ich wette hundert gegen eins, daß die Börse sich nicht annähernd so stürmisch für Marientaler Aktienkäufe interessiert, wie diese Arbeitslosen, die von 35 Schilling zwei Wochen lang leben müssen. Auf eine Formel gebracht: Was für die einen Hausse oder Baisse heißt, bedeutet für die anderen: Sein oder Nichtsein…
Gramatneusiedl. Schnellzüge donnern und flimmern vorüber. Kommen aus Belgrad, Athen, Budapest. Oder aus Paris, Genf und Wien. Bringt keiner die Nachricht, auf die Gramatneusiedl fiebert? Die Botschaft, daß es wieder Arbeit gibt.. [!]
7 Grammeln: österreichisch für Grieben. Anm. R.M.
8 Blunze(n): österreichisch für Blutwurst, eine aus Blut, Fleisch und Semmel- oder Brotwürfel hergestellte Wurstart. Anm. R.M.
9 Schwartl: österreichisch für Schwarte. Anm. R.M.