Soziologie in Österreich

 

 

 

 

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Othmar Spann

Pseudonym: Othmar Rheinsch

geb. Altmannsdorf bei Wien (heute zu Wien), Kronland Österreich unter der Enns (heute Bundesland Wien, Österreich), am 1. Oktober 1878

gest. Neustift bei Schlaining (heute zu Mariasdorf / Máriafalva), Bundesland Burgenland, Österreich, am 8. Juli 1950

Universitätsprofessor, Soziologe, Nationalökonom, Statistiker, Philosoph und Schriftsteller

Begründer des Universalismus, führender Ideologe des österreichischen Ständestaats

Vater: Josef Spann (Gaudenzdorf [heute zu Wien] 1845 – Zwentendorf an der Donau 1917), Erzeuger von marmoriertem Papier und Buntpapier mit einer kleinen Fabrik in der Lindengasse 20, Wien 7., sowie Erfinder

Mutter: Wilhelmine Spann, geborene Trendl (Zwentendorf an der Donau, Niederösterreich 1853 – Wien 1890), Feldwebeltochter, Hausfrau

Geschwister: 1) Hermine Spann, verheiratete Locchi (1876–1943), Hausfrau; 2) Adele Spann, verheiratete Jellinek, 1938 Namensänderung: Ferdinand Wintersberger (1880–1961), Hausfrau; 3) Richard Spann (1889–1892)

Ehe: am 17. Oktober 1906 mit Erika Reinsch, geschiedene Dorn (1880–1967), Schriftstellerin unter dem Pseudonym Erika Spann-Rheinsch

Kinder: 1) Adalbert Spann (1907–1942), Journalist und nationalsozialistischer Funktionär; 2) Raphael Spann, bis 1945 auch: Rafael Spann (1909–1983), Publizist und Manager

Stiefkind: 1) Heinrich Dorn (1905–1924) aus Erika Spanns erster Ehe mit Hanns Dorn (1878–1934)

Religion: römisch-katholisch

Othmar Spann besuchte 1884/85 bis 1888/89 die Volksschule in Altmannsdorf (Niederösterreich; heute zu Wien) und 1889/90 bis 1891/92 Bürgerschule in Altmannsdorf, ab 1890 jene in Wien-Meidling. Nach dem Tod seiner Mutter wuchs Othmar Spann bei der Großmutter mütterlicherseits, Therese Pascher, und deren Ehemann Andreas, ehemaliger Feldwebel und nunmehr Inhaber einer Tabaktrafik, in Wien-Meidling, Wilhelmsstraße 38, auf. Von 1892 bis 1894 absolvierte er einen Handelskurs in der privaten Handelsschule Allina's Handelsschule, Wien 1., Kärntnerstraße 14. Daneben arbeitete er im Geschäft seines Vaters mit. Von 1894 bis 1896 und 1897 bis um 1900 war Spann Angestellter der Oesterreichischen Postsparcasse in Wien. Daneben besuchte er 1894 bis 1896 eine Gewerbeschule in Wien, deren Abschluss allerdings nur bedingt der Reifeprüfung gleichgesetzt war. 1896 bis 1897 war er als Einjährig-Freiwilliger beim Tiroler Kaiserjägerregiment in Wien, dann in Ungarn. Spann studierte 1898 bis 1899 zwei Semester – wegen Nichtgleichsetzung seines Gewerbeschulabschlusses mit einer Reifeprüfung als Gasthörer – Philosophie an der Universität Wien.

1900 ging Othmar Spann in die Schweiz, wo sein Reifeprüfungsabschluss anerkannt wurde, und studierte 1900/01 ein Semester Staats- und Kameralwissenschaften an der Universität Zürich. Während seiner Züricher Zeit erlitt er einen Schädelbasisbruch, an dessen Folgen (immer wieder auftretende Teillähmungen) er bis zu seinem Tod laborierte. 1901 setzte er das Studium der Staatswissenschaften an der Universität Bern fort, welches er schließlich 1903 an der Universität Tübingen (Baden-Württemberg), beendete und wo er bei Friedrich Julius Neumann (1835–1910) aufgrund der Arbeit »Untersuchungen über den Gesellschaftsbegriff. Zur Einleitung in die Soziologie« am 16. Juli 1903 zum Dr. rer. pol. summa cum laude promoviert wurde.

1903 bis 1907 arbeitete Othmar Spann als Hilfsarbeiter (Statistiker) bei der »Centrale für private Fürsorge« des Sozialfürsorgers Christian Jasper Klumker (1868–1942) in Frankfurt am Main (Hessen). Hier war er vor allem mit der Durchführung empirischer Untersuchungen über die uneheliche Bevölkerung betraut. Hier begann auch seine Freundschaft mit dem aus Wien stammenden und ebenfalls an der Centrale beschäftigten Soziologen Siegfried Kraus (1880–?). 1905 gründete Othmar Spann gemeinsam mit Hermann Beck (1879–1919), Direktor des Internationalen Instituts für Sozial-Bibliographie in Berlin, und Hanns Dorn (1878–1934) die Zeitschrift »Kritische Blätter für die gesamten Sozialwissenschaften. Bibliographisch-kritisches Zentralorgan« (Dresden), deren Mitherausgeber er bis Dezember 1906 war. Bereits 1903 hatte Othmar Spann Erika Dorn (1880–1967) kennengelernt, die 1905 zu ihm nach Frankfurt am Main zog und sich am 10. Juli 1906 von ihrem Ehemann Hanns Dorn scheiden ließ. Am 17. Oktober 1906 heiratete Othmar Spann mit Dorn, geborene Reinsch, in Dover (England), mit der er dann zwei Söhne hatte: Adalbert Spann (1907–1942) und Raphael Spann (1909–1983).

1907 bis 1908 wohnte Othmar Spann mit seiner Ehrfrau Erika Spann-Rheinsch in Wien. Am 27. April 1907 wurde Othmar Spann an der Deutschen Technischen Hochschule Brünn (Mähren; heute Brno, Tschechien) bei Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld (1868–1958) aufgrund der Arbeit »Wirtschaft und Gesellschaft. Eine dogmenkritische Untersuchung« für Statistik habilitiert und war hier seither Privatdozent (Priv.-Doz.). Am 7. Mai 1908 wurde seine Venia Legendi auf Statistik und Nationalökonomie erweitert. Seit August 1908 war Spann hauptberuflich Vizesekretär der k. k. Statistischen Zentralkommission in Wien, womit auch seine Zeit als Staatsbediensteter begann. Hier war er bis 1909 mit der wissenschaftlichen Organisation der österreichischen Volkszählung von 1910 beauftragt.

Seit Februar 1909 wohnte Othmar Spann – mit Unterbrechungen – bis 1919 in Neu-Leskau bei Brünn (Mähren; heute Nový Lískovec, zu Brno, Tschechien) und seit Frühjahr 1909 direkt in Brünn (Brno). Seit 1. März 1909 war er nämlich außerordentlicher Professor (a.o. Prof.) und seit 1. Februar 1911 ordentlicher Professor (o. Prof.) für Volkswirtschaftslehre (später auch der Statistik) an der Deutschen Technischen Hochschule in Brünn (Brno). 1912/13 machte sich Spann Hoffnung auf eine Professur in Basel und 1914 auf eine Professur in Innsbruck (Tirol), 1915 auf eine Professur in Hannover (Niedersachsen) sowie auf eine Professur in Wiesbaden (Hessen), 1915 bis 1918 auf eine Professur in Berlin, 1919 auf eine Professur in München (Bayern), die er dann aber selbst ablehnte, 1919 auf eine Professur in Breslau (Schlesien; heute Wrocław, Polen), und 1919 erfolgte eine Berufung nach Berlin, die er jedoch zugunsten Wiens ablehnte.

Seit Beginn des Ersten Weltkriegs leistete Othmar Spann Kriegsdienst in der österreichisch-ungarischen Armee, zuletzt im Rang eines Oberleutnants der Reserve. Zunächst an der Ostfront bei den Kämpfen um Lemberg (Galizien; heute L'viv ‹Львів›, Ukraine) eingesetzt, wurde der Leutnant der Reserve Othmar Spann im August 1914 in der Schlacht bei Krasne (Galizien; heute Krasne ‹Красне‹›, Ukraine) nordöstlich von Lemberg durch einen Schuss in den rechten Unterarm verletzt. Zwecks Ausheilung der Verwundung kam er im Dezember 1915 in das Deutsche Genesungsheim (Palasthotel) in Wiesbaden (Hessen). Vom März bis April 1915 war Spann kurz bei der Landsturmmarschkompanie Nr. 35 in Gleisdorf (Steiermark), Judenburg (Steiermark) und Zeltweg (Steiermark) und vom April 1915 bis März 1916 Kompaniekommandant beim Wachbataillon 21 in dem Lager für russische Kriegsgefangene Reiferdorf (heute zu Mauthausen, Oberösterreich). Schließlich war er 1916 bis 1918 im »Wissenschaftlichen Komitee für Kriegswirtschaft« des Kriegsministeriums in Wien beschäftigt. Er wurde hier mit der Herstellung einer Verbindung mit der »Wissenschaftlichen Kommission für Kriegswirtschaft« am Kriegsministerium in Berlin, wofür er drei Reisen nach Berlin unternahm, sowie mit der Mitarbeit an der Vorbereitung einer Zollunion Österreich-Deutschland betraut. In dieser Zeit, also 1916 bis 1918, wohnte die Familie Spann in Wien 2., Valeristraße 80 (heute Böcklinstraße).

1918 ließ sich Othmar Spann endgültig in Wien nieder, besaß aber seit 1934 auch in einen Zweitwohnsitz, das sogenannte Werkschloss in Neustift bei Schlaining (heute zu Mariasdorf / Máriafalva, Burgenland), wohin er 1938 übersiedelte. Seit 1924 hielt er sich auch regelmäßig im Jagdhaus In der Lahn zwischen Hafning bei Trofaiach und Vordernberg (Steiermark) auf, wo die meisten seiner Schriften entstanden. Abgesehen von wiederholten Vortragsreisen nach Deutschland und ebensolchen sommerlichen Badeaufenthalten bis 1914 in Draga di Moschenizze, Österreichisches Küstenland (heute Mošćenička Draga, Kroatien), unternahm Spann nur wenige längere Reisen ins Ausland: z. B. im Oktober 1925 nach Kopenhagen, vom April bis Juni 1928 nach Griechenland und im Winter 1934/35 nach Ägypten.

Seit 1. April 1919 war Othmar Spann als Nachfolger von Eugen Philippovich Freiherrn von Philippsberg (1858–1917) ordentlicher Universitätsprofessor (o. Univ.-Prof.) der Volkswirtschafts- und Gesellschaftslehre an der Universität Wien, wo er 1926 bis 1929 auch Senator war.

Othmar Spann sammelte um sich eine Schar von Anhängern, Dissertanten und Dissertantinnen, vor allem aber habilitierte er eine Reihe von Personen, unter anderem 1923 Jakob Baxa (1895–1979), 1925 Wilhelm Andreae (1888–1962), 1927 Johannes Sauter (1891–1945), 1928 Erich Voegelin (1901–1985) und Walter Heinrich (1902–1984), 1932 Ferdinand Aloys Westphalen (1899–1989), 1933 Hermann Roeder (1898–1978) und 1934 August Maria Knoll (1900–1963). Viele von ihnen wurden mehr oder weniger zentrale Persönlichkeiten des sogenannten Spannkreises. Othmar Spann selbst war 1921 bis 1925 sowie 1927 Mitherausgeber der »Zeitschrift für Volkswirtschaft und Sozialpolitik. Neue Folge« (Wien–Leipzig), 1922 bis 1926 Mitherausgeber der Schriftenreihe »Wiener staatswissenschaftliche Studien (Neue Folge)«, 1922 bis 1934 Herausgeber der Schriftenreihe »Die Herdflamme. Sammlung der gesellschafts-wissenschaftlichen Grundwerke aller Zeiten und Völker«, 1924 bis 1937 Herausgeber der Schriftenreihe »Ergänzungsbände zur Sammlung Herdflamme«, 1926 bis 1937 Mitherausgeber beziehungsweise Herausgeber der Schriftenreihe »Deutsche Beiträge zur Wirtschafts- und Gesellschaftslehre«, 1927 bis 1930 Mitherausgeber der Zeitschrift »Nationalwirtschaft. Blätter für organischen Wirtschaftsaufbau, Nationalwirtschaft und Werksgemeinschaft« (Berlin), 1927 bis 1934 Mitherausgeber der Zeitschrift »Blätter für deutsche Philosophie. Zeitschrift der Deutschen Philosophischen Gesellschaft« (Berlin), 1931 bis 1937 Herausgeber der Zeitschrift »Ständisches Leben« (Berlin–Wien) und 1932 bis 1937 Herausgeber der Schriftenreihe »Gesellschaftswissenschaftliche Abhandlungen«. Außerdem wurde er 1922 Mitglied und Ratsmitglied der »Deutschen Gesellschaft für Soziologie«, aus der er aber 1926 unter Protest austrat, und 1933 Korrespondierenden Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Othmar Spann, der 1927 einen Autounfall hatte, der zu einer weiteren Verschlechterung seiner allgemeinen Konstitution führte, war 1928 bis 1930 innerhalb der österreichischen Heimwehrverbände politisch aktiv. Dabei trat er selbst kaum öffentlich in Erscheinung, sondern schob seine Anhänger aus dem sogenannten Spannkreis vor, insbesondere Hans Riehl (1891–1965) und seinen Assistenten Walter Heinrich (1902–1984), den er 1930 zur Abfassung des »Korneuburger Eides« veranlasste, der als programmatische Basis für den christlichsozialen Ständestaat Österreich gilt. Am 23. Februar 1929 hielt Othmar Spann in München (Bayern) anlässlich der Eröffnungsveranstaltung des neu gegründeten »Kampfbundes für deutsche Kultur« das Hauptreferat, in welchem er jenseits von Demokratie und Marxismus einen »dritten Weg« propagierte: die Neuordnung der Gesellschaft auf ständischer Grundlage. 1933 wurde er daher von der Regierung Engelbert Dollfuß (1892–1934) aufgefordert, am Wirtschaftsaufbau Österreichs mitzuarbeiten. Spann aber hatte zu dieser Zeit, am 19. Mai 1933, gemeinsam mit Walter Heinrich (1902–1984) bereits eine Audienz bei Adolf Hitler (1889–1945) in Berlin, um ihm seine Ständeidee vorzutragen. Kurz zuvor, am 1. Mai 1933, war Othmar Spann angeblich der österreichischen »Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei« (NSDAP) beigetreten und soll eine geheime, nicht nummerierte Mitgliedskarte erhalten haben. Am 9. Juni 1933 hielt Othmar Spann einen Vortrag vor der »Confederazione Nazionale Fascista del Commercio« in Rom ‹Roma›. Im Dezember 1933 wurde gegen Spann eine Disziplinaruntersuchung durch die Universität Wien eingeleitet, nachdem Studenten seine Kritik der christlichsozialen Regierung angezeigt hatten. Unter anderem deswegen wurde er 1934, als er nach Alter und Rang für diese Funktion anstand, nicht zum Rektor der Universität Wien gewählt. Bereits seit 1933 ging Spann zunehmend auf Distanz zum Ständestaatregime und näherte sich dem Nationalsozialismus sowie den Mussolini-Faschismus an. Othmar Spann war auch der Ideengeber und eigentliche Initiator des von Fritz Thyssen (1873–1951) finanziell unterstützten und Walter Heinrich (1902–1984) organisierten Instituts für Ständewesen in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen), das 1933 bis 1936 betrieben wurde, und das zur Verfolgung von Spannanhängern durch die Nationalsozialisten führte.

Am 14. März 1938 fand bei Othmar Spann eine Hausdurchsuchung in der Wiener Wohnung satt, und am 17. März wurde er verhaftet und nach München (Bayern) gebracht, wo er bis 6. August 1938 inhaftiert blieb. Hier erkrankte er an beiden Augen am Grünen Star (Glaukom), der dann operativ behandelt werden musste; seither war Spann Brillenträger. Zu den Othmar Spann verhörenden NS-Funktionären gehörte angeblich jener Hans Krüger, der 1939 an der Universität Innsbruck mit der Dissertation »Othmar Spann, der Wegbereiter des nationalsozialistischen Aufbaues?« promoviert wurde. Othmar Spann wurde mit Wirkung vom 4. April 1938 als Universitätsprofessor »bis auf weiteres beurlaubt« und mit Wirkung vom 28. Mai 1938 zwangsweise pensioniert. Die am 29. März 1939 erfolgte Entziehung seiner Pension konnte Spann erst drei Jahre später erfolgreich einklagen, wobei das Gericht die verspätete Zustellung an Othmar Spann als Begründung ansah. Spann lebte seit 1938 zurückgezogen in seinem Werkschloss in Neustift bei Schlaining (heute zu Mariasdorf / Máriafalva, Burgenland).

1945 wurde Othmar Spann wieder als ordentlicher Universitätsprofessor (o. Univ.-Prof.) der Volkswirtschafts- und Gesellschaftslehre an der Universität Wien eingesetzt, gleichzeitig jedoch beurlaubt und »nach Erreichung der Altersgrenze« 1949 – ohne seit 1938 eine Vorlesung an der Universität Wien gehalten zu haben – mit vollen Bezügen pensioniert. Seine mit 12. Februar 1946 datierte Gedächtnisschrift zu seiner Maßregelung durch die Nationalsozialisten blieb für sein berufliches Schicksal weitgehend bedeutungslos.

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Copyright © 2013 Reinhard Müller, Graz
Stand: Januar 2014