Soziologie in Österreich

 

 

 

 

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Der Spannkreis

Unter »Spannkreis« (auch »Spann-Kreis«) werden heute die Anhänger von Othmar Spann (1878–1950) zusammengefasst, wobei es sich einerseits um Anhänger seiner wissenschaftlichen und philosophischen Lehren handelt (Stichwort »Universalismus«), andererseits um Propagandisten seiner politischen Ideen (Stichwort »Ständestaat«), wobei die Grenze zwischen den beiden Gruppierungen meist fließend ist und viele Personen zu beiden Gruppierungen gehören. Ursprünglich wurden darunter nur die Vertreter von Spanns politischen Ideen verstanden, wobei Othmar Spann sich selbst parteipolitisch nie exponiert hatte. Er propagierte einen autoritären Ständestaat, den er als eigenständige Form des Faschismus entwickelte und umsetzten wollte.

Der Begriff »Spannkreis« stammt eigentlich aus einer nur für den internen Gebrauch gedruckten, anonym erschienenen Schrift des »S[icherheits]D[ienst]-Hauptamts des Reichsführers-SS«, verfasst von Justus Beyer (1910–1989): Der Spannkreis. Gefahren und Auswirkungen. Ende Mai 1936. Geheim-Kommandosache! [Berlin: Sicherheitsdienst-Hauptamt des Reichsführers SS] 1936. Das erste Kapitel der Schrift, »Die Lehre Othmar Spanns«, S. 1–4, wurde von Justus Beyer auch für die Öffentlichkeit überarbeitet und unter dem Titel »Nationalsozialismus und Universalismus« in der Zeitschrift »Deutsches Recht. Zentralorgan des Nationalsozialistischen Rechtswahrerbundes« (Berlin), 6. Jg. (1936), S. 352ff., publiziert.

Gemäß diesem Bericht, also aus nationalsozialistischer Sicht, bestand der Spannkreis aus vier Gruppen, denen folgende Personen zugeordnet wurden:

1) Die Wiener Gruppe

Leiter: Walter Heinrich (1902–1984) und Raphael Spann (1909–1983)

Angehörige: Otto Brandl, Roman Hädelmayr (1907–1988), Walter Heinrich (1902–1984), Theo(dor) Hojas (?–1989), Hans Riehl (1891–1965), Walter Riehl (1881–1955), Franz Seuchter, Adalbert Spann (1907–1942), Raphael Spann (1909–1983), Erika Spann-Rheinsch (1880–1967) und Karl von Winckler (1912–1988);

2) Die Karrenbrock-Gruppe

Leiter: Paul Karrenbrock (1892–1966)

Angehörige: Wilhelm Andreae (1888–1962), Peter Berns (1907–1941), Herbert Dullien (1903–?), Karl Gottfried Hugelmann (1879–1959), Theodor Hutmacher (1897–?), Paul Karrenbrock (1892–1966), Josef Klein (1890–1952), Wilhelm Longert (1888–1970), Kurt Petersen (1905–?), Ilse Roloff, Albert Vögler (1877–1945), Friedrich Völtzer (1895–1951) und der »Erneuerungs-Verlag«;

3) Die sudetendeutsche Spann-Gruppe

Leiter: Walter Heinrich (1902–1984)

Angehörige: Walter Brand (1907–1980), Friedrich Bürger (seit 1945: Walter Schmidt; 1899–1972), Erhard Gottfried Bürger (1897–1961), Walter Heinrich (1902–1984), Ernst Kittel (1906–1998), Fritz Köllner (1904–1986), Franz Künzel (1900–1986), Ernst Peschka (1900–1970), Hubert Preibsch (1892–1959), Wilhelm Rümmler (1901–1943), Heinz Rutha (1897–1937), Wilhelm Sebekovsky (auch: Wilhelm Sebekowsky; 1906–1981) und Eduard Winter (1896–1982);

4) Die katholische Spann-Gruppe

Angehörige: Wilhelm Andreae (1888–1962), Ernst Ferber (1906–?), Ildefons Herwegen (d. i. Peter Herwegen; 1874–1946), Edgar Julius Jung (1894–1934), Franz Xaver Landmesser (1890–1940) und Franz von Papen (1879–1969).

Diese personelle Zuordnung des »Sicherheitsdiensts des Reichsführers-SS«, die in der Forschung vielfach und bisweilen sogar als einzige Grundlage übernommen wurde, ist allerdings nur bedingt gültig. Beispielsweise taucht der unter der Wiener Gruppe genannte Theo(dor) Hojas (?–1989) weder schriftstellerisch noch organisatorisch in der gedruckten Literatur sowie in Archivunterlagen auf. In der wissenschaftlichen Literatur weitgehend unbestritten ist der innere, engste Kreis des sogenannten Spannkreises: Othmar Spann (1878–1950), seine Ehefrau Erika Spann-Rheinsch (1880–1967) sowie deren Söhne Adalbert Spann (1907–1942) und Raphael Spann (1909–1983), weiters die engsten Freunde Othmar Spanns, Karl Faigl (1880–1944), Hans Riehl (1891–1965) und Walter Heinrich (1902–1984), schließlich auch noch, wenngleich etwas distanzierter, Wilhelm Andreae (1888–1962), Jakob Baxa (1895–1979) und Ferdinand Aloys Westphalen (1899–1989). Zum engeren Kreis gehörten unter anderem Walter Becher (1912–2005), Otto Brandl, Arnold Dobrucki (1912–1982), Roman Hädelmayr (1907–1988), Wladimir von Hartlieb (1887–1951), Erich Hruschka (1911–1992), Ivo Kornfeld (1904–1937), Franz Krautzberger (1913–2013), Ernst Lagler (1903–1974), Gottlieb Leibbrandt (1909–1989), Josef Lob (1902–1992), Paul Maschke (1912–1986), Richard Moißl (1914–?), Oskar Müllern (1905–1967), Fritz Ottel (1896–1968), Hermann Roeder (1898–1978), Johann(es) Sauter (1891–1945), Alfred Steiner (1901–?), Rudolf Stemberger (1901–1964), Richard Störck (1884–1964), Klaus Thiede (1901–1964), Konrad Christian Vogel und Erik Wintersberger (1907–2005). Die anderen Angehörigen des sogenannten Spannkreises lassen sich am Besten über deren regelmäßige Mitarbeit an den Spannschen oder in der Tradition Othmar Spanns stehenden Zeitschriften und Schriftenreihen festmachen. In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen waren dies vor allem die Zeitschrift »Ständisches Leben« (Berlin–Wien) sowie die Schriftenreihen »Die Herdflamme«, »Ergänzungsbände zur Sammlung Herdflamme«, »Deutsche Beiträge zur Wirtschafts- und Gesellschaftslehre« und »Gesellschaftswissenschaftliche Abhandlungen«. Nach dem Tod Othmar Spanns 1950 veröffentlichten viele dieser Personen in den gleichsam als Fortsetzung zu betrachtenden Zeitschriften »Mitteilungsblatt der Gesellschaft für Ganzheitsforschung« (Wien) beziehungsweise »Zeitschrift für Ganzheitsforschung« (Wien) und »Schrifttumsspiegel« (Wien) sowie in den Schriftenreihen »Stifterbibliothek« (einschließlich ihrer ergänzenden Schriftenreihen »Veröffentlichung der Stifterbibliothek«, »Kleine Texte der Stifterbibliothek«, »Salzburger sozialwissenschaftliche Studien«) und »Beiträge zur ganzheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftslehre«. Dieser Personenkreis wird sinnvoll ergänzt durch die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Spann-Treffen im Kartäuserkloster Gaming (Oberösterreich) 1924 bis 1936 und nach dem Zweiten Weltkrieg bei den seit 1951 stattfindenden Herbsttreffen (seit 1974 Freundestreffen) der Spann-Freunde beziehungsweise seit 1956 der »Gesellschaft für Ganzheitsforschung« in Filzmoos (Salzburg), ausgenommen 1970, wo man sich in Obertauern (Salzburg) traf, und 1971 bis 1973, wo man Weißenbach am Attersee (heute zu Steinbach am Attersee, Oberösterreich) als Tagungsort wählte. Diese Treffen wurden allerdings 2006 eingestellt.

Die nationalsozialistischen Behörden definierten den Begriff »Spannkreis« nur an dem tatsächlichen oder vermuteten Kreis politischer Aktivisten im Umfeld von Othmar Spann. Spanns Anhänger wiederum und später auch Forscher und Forscherinnen erweiterten diesen Personenkreis um jene, die in den oben genannten Zeitschriften und Schriftenreihen sowie an den Tagungen in Gaming und Filzmoos (beziehungsweise Obertauern und Weißenbach am Attersee) mehr oder weniger regelmäßig teilnahmen. Dieser erweiterte Personenkreis macht auch das Markante am Begriff »Spannkreis« deutlich: Es handelt sich dabei um meist führende Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und teilweise Politik. Damit wird auch die Wissenschaftspolitik Othmar Spanns besser erkennbar: Er war einer der ersten Professoren, wenn nicht gar der erste Professor, an einer österreichischen Universität, der seine Wissenschaftspolitik nicht nur im universitären Rahmen ausfocht, sondern gezielt seine Schüler und Schülerinnen an allen wichtigen gesellschaftlichen Positionen zu platzieren suchte, insbesondere in der Wirtschaft, in den Kammern, in der Verwaltung und auch in der Kunst.

Literaturtipps

[Beyer, Justus]: Der Spannkreis. Gefahren und Auswirkungen. Ende Mai 1936. Geheim-Kommandosache! [Berlin: S(icherheits)D(ienst)-Hauptamt des Reichsführers SS] 1936, 67 S.

● Schneller, Martin (geb. 1939): Zwischen Romantik und Faschismus. Der Beitrag Othmar Spanns zum Konservativismus in der Weimarer Republik. Stuttgart: Klett 1970 (= Kieler historische Studien. 12.), 225 S.

Zuerst unter dem Titel: Die universalistische Staatslehre Othmar Spanns und seines Kreises. Ihr Verhältnis zur Romantik und zum Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Geschichte des Konservativismus in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Kiel 1969, 225 S. Philosophische Dissertation an der Universität Kiel 1969.

Haag, John: The Spann circle and the Jewish question, in: Leo Baeck Institute Yearbook (London), 18. Bd. (1973), S. 93–126.

● Siegfried, Klaus-Jörg (geb. 1940): Universalismus und Faschismus. Das Gesellschaftsbild Othmar Spanns. Zur politischen Funktion seiner Gesellschaftslehre und Ständestaatskonzeption. Wien: Europaverlag 1974, 289 S.

Siehe auch

Gesellschaft für Ganzheitsforschung.

Institut für Ständewesen.

Copyright © 2013 Reinhard Müller, Graz
Stand: Oktober 2013