Martha Felser

Geschichte von Gramatneusiedl, eingereicht von Martha Felser. Diplomarbeit zur Erlangung des Grades eines Magisters an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, erarbeitet am Institut für Österreichische Geschichtsforschung bei Prof. Dr. Karl Gutkas.

Wien 1985, 122 Bl., Philosophische Diplomarbeit an der Universität Wien; Maschinenschrift.

Die Veröffentlichung auf dieser Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Martha Kelc-Felser, Wien. Beachten Sie das Copyright!

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DIPLOMARBEIT

zur Erlangung des Grades eines Magisters

an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien

GESCHICHTE

VON

GRAMATNEUSIEDL

eingereicht von

MARTHA FELSER

Wien 1985

erarbeitet am

Institut für

Österreichische Geschichtsforschung

bei Prof. Dr. Karl Gutkas

[II]

Vorwort:

Diese Arbeit stellt den ersten größeren Versuch dar, eine Ortsgeschichte von Gramatneusiedl zu schreiben. Dabei bemühte ich mich, besonderes Gewicht auf die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse und der Sozialstruktur der Ortsbevölkerung zu legen. Den kirchlichen Verhältnissen wurde die große Bedeutung zugemessen, die sie in früheren Jahrhunderten hatten. Außerdem trachtete ich danach, Daten für die Bau- und Kunstgeschichte des Ortes zu liefern.

Ich habe dieses Thema gewählt, weil ich dazu einen emotionalen Bezug habe. Meine Mutter verbrachte den größten Teil ihres Lebens in Gramatneusiedl, und auch ich selbst wohne seit einer Anzahl von Jahren in einer Siedlung am Rande der Ortschaft. Das Gramatneusiedl der Gegenwart ist mir also bekannt und in vieler Hinsicht auch vertraut. Trotzdem war mir von Beginn dieser Arbeit an bewußt, welche Schwierigkeiten es bereiten würde, ein Bild von diesem Ort und seinen Bewohnern in der Vergangenheit zu zeichnen.

Erleichtert wurde diese Arbeit durch die freundliche Hilfe, die ich von allen Seiten erfuhr. Herrn Bürgermeister Klaus Soukup bin ich für die Gewährung der Einsichtnahme in die Gemeindechronik und in historische Ansichten des Ortes und für viele Auskünfte zu Dank verpflichtet. Herr Pfarrer Johann Buszek gewährte mir freundlicherweise Einsicht in eine Pfarrchronik. Frau Direktor Antonia Past gewährte mir ebenso bereitwillig Einsicht in ihre heimat-

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kundliche Materialsammlung wie Frau Fachlehrer Edith Stuiber und Herr Fachlehrer Otto Wittner. Herrn Erich Kirch habe ich dafür zu danken, daß er mir die hinterlassenen Schriften des verstorbenen Pfarrers von Gramatneusiedl Georg Grausam und dessen Sammlung von Bildmaterial lieh. Freundliche Hilfe erfuhr ich auch von Schwester Margarethe Jandl, Frau Ottilie Griesmüller, Frau Leopoldine Treer, Herrn Johann Neuber, Herrn Siegfried Schneider, Hem Oskar Solar und Herrn Karl Weiss.

Dem Betreuer meiner Arbeit, Herrn Prof. Dr. Karl Gutkas, möchte ich herzlich für viele wertvolle Hinweise und Unterstützung danken. Den Beamten der Archive gebührt mein Dank für ihre Geduld mit mir.

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Inhaltsverzeichnis:

I.

Die Gründung des Ortes Gramatneusiedl:

S. 1

II.

Gramatneusiedl im Mittelalter:

 

 

1. Die Grundherren des Dorfes

S. 5

 

2. Die Pfarrfiliale Gramatneusiedl im Mittelalter

S. 9

 

3. Der Ort und seine Bewohner

S. 11

III.

Gramatneusiedl im Zeitalter der Reformation (1520–1621):

 

 

1. Die Entwicklung der Herrschaft und des Dorfes unter dem Wiener Domkapitel

S. 16

 

2. Die Reformation in der Filiale Gramatneusiedl:

S. 18

IV. IV.

Herrschaft und Dorf Gramatneusiedl im Besitz des Ritters Jeronimo Bonacina und des Fürsten Hartmann von Liechtenstein (1621–1668):

 

 

1. Dorf und Herrschaft von 1621–1668

S. 22

 

2. Die Entwicklung der Pfarrfiliale

S. 24

V.

Gramatneusiedl unter der Herrschaft des Wiener Domkapitels (1668–1840):

 

 

1. Die Entwicklung der Herrschaft:

S. 28

 

2. Das Dorf unter der Herrschaft des Domkapitels

S. 34

 

3. Die Anfänge der Marienthaler Textilfabrikation (1820–1840)

S. 21

 

4. Die Gründung der Gramatneusiedler Schule (1762–1840)

S. 53

[V]

 

5. Die Filiale Gramatneusiedl während des Barockkatholizismus und des Josephinismus

S. 57

VI. VI.

Die »Freie Gemeinde Gramatneusiedl« im Zeitalter Kaiser Franz Josephs I. (1840–1918):

 

 

1. Die »Freie Gemeinde« bis zum Ende des Ersten Weltkriegs

S. 63

 

2. Die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse

S. 73

 

3. Von der Trivialschule zur Volksschule

S. 80

 

4. Die Pfarrfiliale Gramatneusiedl im Zeitalter des Liberalismus

S. 84

VII.

Gramatneusiedls Entwicklung seit dem Ende des Ersten Weltkriegs:

 

 

1. Der Ort in der Ersten Republik

S. 88

 

2. Die Zeit der Okkupation Österreichs durch das nationalsozialistische Deutsche Reich

S. 101

 

3. Die Entwicklung Gramatneusiedls seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges

S. 107

Quellen- und Literaturverzeichnis

S. 117

1

I. Die Gründung des Ortes Gramatneusiedl:

Die Entstehung von Gramatneusiedl muß im Zusammenhang mit den allgemeinen historischen Ereignissen und den geographischen Gegebenheiten betrachtet werden:

Als Kaiser Otto I. nach dem Jahre 962 wieder eine Mark an der Donau errichtete – die von Kaiser Karl dem Großen errichtete Ostmark war 907 von den Ungarn erobert und zerstört worden – lag ihre Ostgrenze wahrscheinlich an der Tulln und Perschling. In ständigen Kämpfen mit den Ungarn wurde nun diese Grenze in den folgenden Jahrzehnten laufend weiter nach Osten vorgeschoben. Um das Jahr 990 wurde der Hauptkamm des Wienerwaldes überschritten, 1020 die Fischa und bald darauf die Leitha erreicht. 1030 kam es zu einem empfindlichen Rückschlag, so daß wieder die Fischa die Grenze gegen das Ungarnreich bildete. Dreizehn Jahre später konnte Heinrich III. diese Schlappe wieder ausmerzen: Er erzwang die Abtretung des Landstreifens zwischen Fischa und Leitha und errichtete hier die Neumark.1 Das Ortsgebiet von Gramatneusiedl jedoch lag noch in der Mark an der Donau, hart an der Grenze zur neuen Mark.

Das Gebiet an der Fischa war nur dünn besiedelt, als die deutschen Heere es den Ungarn entrissen. Die zahllosen Kriege, die sich hier vom Ende des vierten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts abgespielt hatten, und die wechselhaften politischen Verhältnisse hatten immer wieder Menschenopfer gefordert und waren nicht dazu angetan, Siedler

1vgl. Karl Lechner, Die territoriale Entwicklung von Mark und Herzogtum Österreich. In: Unsere Heimat 24 (1953) 46.

2

aus anderen, dichter bevölkerten Landstrichen anzulocken. Hinzu kam noch, daß die Gegend um Gramatneusiedl damals unzugängliches Sumpfland war. Aber zwischen 1000 und 1100 n[ach] Chr[istus] begann das Moor auszutrocknen, und es wurde nun langsam der Bewirtschaftung zugeführt.1 So paßt die Entstehung einer Ansiedlung ganz gut in die Zeit um 1100.

Das Dorf Gramatneusiedl wurde am Fuße einer sanften Hügelwelle, einer Ausläuferin der Rauchenwarther Platte, angelegt, am Rande des morastigen Geländes und in sicherer Entfernung zu den öfters Hochwasser führenden Flüssen Fischa und Piesting, die hier zusammenfließen. Als Siedlungsform wurde das Straßendorf gewählt,2 wobei die Gehöfte ursprünglich nur in einer eng verbauten Zeile entlang dem trockenen Westrand der Straße Fischamend – W[iene]r Neustadt angeordnet waren, was noch aus dem Katasterplan von 1820 abzulesen ist.3 Genau in der Mitte der Siedlungsanlage zweigte von der obigen Straße der Weg nach dem Nachbarort Velm ab.

1120 erfolgte die erste urkundliche Erwähnung des Ortes. Am 7. Jänner dieses Jahres wurde die neue Pfarrkirche von Traiskirchen geweiht, und dabei die Grenzen des Pfarrbezirkes bestimmt: Sie »erstreckten sich südlich von Steinintische, dem heutigen Steinabrückel, zum Flusse Piesting und nach dem Laufe desselben und des Kaltenganges abwärts nach Südosten zum Dorfe Wolrates, bis dahin, wo das Feld … dieses Dorfes am Flusse Fischa endet und wie dieser die

1vgl. Josef Lampel, Die Leithagrenze. In: Blätter des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich 33 (1899) 116 und Topographie von Niederösterreich, ed. Verein für Landeskunde von Niederösterreich, Bd. 6 (Wien 1909) 830.

2) vgl. Adalbert Klaar, Die Siedlungsformen Niederösterreichs. In: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich 23 (1930) 49.

3) NÖLA, StA, Franziszeischer Steuerkataster UW 93.

3

Felder der Dörfer Hadewartesdorf, Rouzinesdorf, Scranewat (das jetzt nach Unterwalltersdorf eingepfarrte Schranewand) und Brunn, jetzt Moosbrunn, scheidet, und wie die Felder vom Dorfe Gramatneusiedel [!] an die Felder des Dorfes Ebergozzingen (Ebergassing) stoßen und das Dorf Velwen, jetzt Velm oder Felling, mit seinen Feldern an das Dorf Outindorf reicht, von da zurück in nordwestlicher Richtung an die Gränze der Pfarre Medling bis an den Chrotenbach, dann aufwärts zwischen den Weingärten bis zum Berge Kaltenberg, südlich von Baden.«1

Anläßlich dieser Weihe der Traiskirchner Pfarrkirche wurden vier Urkunden ausgestellt: In diesen wird Gramatneusiedl als »Gezen Nuisidelen«, als »Hadem Nuisidelen«, als »Nuisidelen« und schließlich – durch ein Versehen des Urkundenschreibers – auch als »Tezennuisidelen« bezeichnet.2 Der Ortsname »Gramatneusiedl« bedeutete also zunächst »die neue Siedlung des Gezo« oder »die neue Siedlung des Hadmar«. Gezo und Hadmar waren vermutlich die Namen der Gründer und ersten Besitzer der Ortschaft. Bei Gezo darf man vielleicht an den Mann oder Stamm denken, dem auch das nahe Götzendorf seinen Namen verdankt. Da sich das Gebiet der Pfarre Traiskirchen, zu der ja auch Gramatneusiedl gehörte, ursprünglich im Besitz der Babenberger befand,3 die jedoch keine eigene große Grundherrschaft errichteten, waren Gezo und Hadmar zwei ihrer Ministerialen, die hier als direkte Siedlungsorganisatoren auftraten.

1) Ignaz Franz Keiblinger, Geschichte des Benedictiner-Stiftes Melk in Niederösterreich, seiner Besitzungen und Umgebungen, Bd. 2 (Wien 1869) 358f.

2) vgl. ebd., S. 795–800.

3) vgl. Hans Wolf, Beiträge zur Geschichte des Ursprungs und der Entwicklung des Parrochialsystems in Niederösterreich (phil. Diss. Wien 1924) 52f.

4

Gezo und Hadmar gerieten mit der Zeit in Vergessenheit; es blieb den Menschen nur mehr in Erinnerung, daß Gramatneusiedl seine Bezeichnung einem Personennamen verdankt. So findet man 1333 den Namen »Gramas Neusidel«, 1377 »Grabmans Neusidel« und 1458 »Gramans Newsidel«.1 Nach 1529, der Zerstörung des Dorfes durch die Türken, scheint bei der Wiederbesiedlung eine Umdeutung vorgenommen worden zu sein, was jedoch kaum bewußt geschehen sein dürfte: Man findet nun die Schreibweisen »Gruemadt Neusidl«2, »Gramet Neusidl«3 und ähnliche. Die Ortschaft wurde nun nach dem Grummet, m[ittel]h[och]d[eutsch] grüenmat, benannt, welches bis heute hier vorzüglich wächst und bis zur Einführung des motorisierten Verkehrs eines der wichtigsten Handelsprodukte der Gramatneusiedler Landwirtschaft darstellte.

1) vgl. Heinrich Weigl, Historisches Ortsnamenbuch von Niederösterreich, Bd. 5 (Wien 1973) 29.

2) ebd.

3) Gramatneusiedl im Jahre 1663. In: Pfarrblatt St. Peter und Paul für Gramatneusiedl – Marienthal – Neureisenberg – Neu-Mitterndorf (Nov.-Dez. 1959) 3.

5

II. Gramatneusiedl im Mittelalter:

1. Die Grundherren des Dorfes:

Wer nach den Ortsgründern Gezo und Hadmar den Ort Gramatneusiedl besaß, ist unbekannt. Fast für zweihundert Jahre breitet sich Schweigen über die Geschichte des Dorfes.

Im Jahre 1318 schließlich vertauschte Wernher von Lach seine Gülten zu Gramatneusiedl gegen andere zu Leubestorf, die den Brüdern Hans und Rudolf von Ebersdorf gehörten.1 Die Lacher waren ein österreichisches Rittergeschlecht, das 1287 zum ersten Mal urkundlich genannt wurde.2 Wann und auf welche Weise es in den Besitz von Gramatneusiedl gekommen war, ist nicht mehr feststellbar.

Die Ebersdorfer aber gehörten in Niederösterreich mit zu den mächtigsten Adelsgeschlechtern des 14. Jahrhunderts. Mindestens für die nächsten hundert Jahre sollten sie die Geschicke Gramatneusiedls mitbestimmen. Wie bei anderen Adeligen, so wechselte auch bei den Ebersdorfern Gesamthandbesitz von Brüdern, wie eben bei Hans und Rudolf, oder Vettern mit Einzelbesitz auf Grund von Erbteilungen und Übereinkommen. Gramatneusiedl gehörte zeitweise mehreren Brüdern oder Vettern aus der Familie der Ebersdorfer gemeinsam, zeitweise Einzelpersonen. So verzichtete Alber, Hansens Sohn, im Jahre 1356 auf sein »Gut gelegen ze

1) vgl. Franz Schweickhardt, Darstellung des Erzherzogtums Österreich unter der Ens [!], VUWW, Bd. 4 (Wien 1832) 4.

2) vgl. Franz Karl Wißgrill, Schauplatz des landessässigen niederösterreichischen Adels vom Herren- und Ritterstande von dem XI. Jahrhundert an bis auf unsere Zeiten, Bd. 5 (Wien 1824) 350.

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Gramaisnewsidel auf der Vischa«1 zugunsten seines Vettern Peter um 58 ½ Pfund Wiener Pfennige.

Bereits 1298 hatten die Herren von Ebersdorf das Kämmereramt in Österreich erworben und es von da an erblich im Besitz behalten. Zu den mit dem Kämmereramt verbundenen Rechten und Bezügen gehörte unter anderen die Gerichtsbarkeit über die Hausgenossen der landesfürstlichen Münze zu Wien. 1373 fand sich Herzog Albrecht III. jedoch veranlaßt, diese Prärogative dem Kämmereramt wieder zu entziehen. Der bereits oben erwähnte Peter von Ebersdorf durfte als gerade amtierender Kämmerer seine Rechte dem Herzog deshalb um 200 Pfund Wiener Pfennige verkaufen. Damit jedoch das Kämmereramt dadurch nicht an seinem Einkommen geschmälert würde, mußte der Ebersdorfer diese Ablösungssumme wieder zugunsten des Kämmereramtes auf unbeweglichen Gütern anlegen. In einer Urkunde vom 7. Mai 1373 erklärte er, »daß er für diese 200 Pfund Pfennige dem Herzoge das halbe Dorf ze dem Neusiedel auf der Vischach sammt allem Zugehör, es seien Leute, Gerichtsbarkeit, Güter, oder sonst, welches er bisher für seine Person von dem Herzoge »ze rechten gemeinen Lehen« inne hatte, aufgegeben habe zur »widerlegung und an der obgenannten recht statt«, worauf der Herzog ihm dieses Dorf neuerdings zu Lehen gegeben habe, es »innezuhaben und ze niezzen als ander verlehnte güter, die zu dem egenanten Kammerampt in Österreich gehörent«…«2

Peter von Ebersdorf wurde 1379 zum letzten Mal urkundlich

1) NÖLA, StA, Privaturkunde Nr. 501.

2) Andreas von Meiller, Die Herren von Hindberg und die von ihnen abstammenden Geschlechter von Ebersdorf und Pilichdorf (Wien 1856) 31.

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erwähnt.1 1400 ist sein Sohn Johannes als Grundherr von Gramatneusiedl bezeugt,1* 1403 dessen Bruder Albrecht.2 1428 erwarben Kaspar und Wolfgang von Ladendorf die Besitzungen der Ebersdorfer in Gramatneusiedl.3

Die Ladendorfer waren ein einheimisches ritterliches Geschlecht, das von seinem Stammgut Ladendorf den Namen erhielt aber auch zu den altadeligen Wiener Geschlechtern gezählt wurde. 1453 verschrieb Hans von Ladendorf seinen Teil an dem Dorf Gramatneusiedl als Pfand an Albrecht von Ebersdorf, den Sohn des 1403 erwähnten Albrechts, für den Erhalt von Büchsen und Schießpulver für die Feste Katzenstein. Der Ebersdorfer war vertragsmäßig verpflichtet, die Herrschaft wieder abzutreten, wenn ihm oder seinen Erben die Kriegsgerätschaften von dem Ladendorfer zurückerstattet würde.4 Wie lange dieser Pfandschaftsvertrag tatsächlich aufrecht war, läßt sich nicht sagen. Hans von Ladendorf wurde 1471 zum letzten Mal genannt in einer Urkunde. Mit ihm erlosch sein Geschlecht.5

Bereits aus der Urkunde des Jahres 1373 ging hervor, daß die Ebersdorfer damals nicht ganz Gramatneusiedl besaßen, sondern nur das »halbe Dorf«. Es drängt sich nun natürlich die Frage auf, wer der oder die Grundherren der anderen Hälfte der Ortschaft waren. Antwort erhalten wir schon vier Jahre später: 1377 gab Hans aus der Wiener Patrizier-

1) vgl. Wißgrill, Schauplatz, Bd. 2, S. 307f.

1*vgl. Quellen zur Geschichte der Stadt Wien, 1. Abt., Bd. 4, ed. Altertums-Verein zu Wien (Wien 1901) 37.

2) vgl. ebd., S. 39.

3) vgl. Georg Grausam, Gramatneusiedl (Typoskript im Besitz von Hrn. Erich Kirch, Gramatneusiedl) 5.

4) vgl. NÖLA, StA, Privaturkunde Nr. 2764.

5) vgl. Wißgrill, Schauplatz, Bd. 5, S. 357.

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Familie der Tirna seinen Besitz zu Gramatneusiedl in das Eigentum des Bürgerspitals zu Wien.1 Doch entweder handelte es sich nur um einen kleinen Teil der hiesigen Tirnaschen Güter, oder das Bürgerspital erfreute sich nicht lange seines Eigentums, denn 1398 verkauften Hansens Söhne, Rudolf und Ludwig von Tirna, »freieigene Gülten und Güter zu Molestorff [d.i. Möllersdorf, zu Traiskirchen; Anm. R.M.] und in dem Neunperg bei Gumpolczkirchen [d.i. Neunberg bei Gumpoldskirchen; Anm. R.M.], ferner mit Handen des Lehensherrn Herzogs Albrecht von Oesterreich Gülten, Güter und Zehente zu Gramansnewsydel um 510 Pfund Wiener Pfennige an den Dechant Johansen von Kranperg und das Capitel »Allerheiligen Tumchirchen dacz sand Steffan« zu Wien«.2 Damit begann die – mit Unterbrechung – bis 1840 andauernde Grundherrschaft des Wiener Domkapitels in Gramatneusiedl. Die Tirna aber, die zum ersten Mal 1326 genannt werden,3 hinterließen in Gramatneusiedl ihre Spuren bis in die Gegenwart, ist doch nach ihnen die »Dirner Hutweide« benannt, die zwischen Piesting und Fischa liegt.4

Über kleinen Grundbesitz, vermutlich in der Form von einigen Äckern, verfügte hier die 1320 verstorbene Maria von Wallsee. Heinrich von Polheim beerbte sie, verkaufte aber den Besitz 1333 an seinen Onkel Marchart von Mistelbach.5

1458 belehnte Kaiser Friedrich III. den Wiener Bürger Hans Smeltz mit einer Wiese beim Fischafluß, die dieser sich erworben hatte.6

1) vgl. Quellen, ed. Altertumsverein, 1. Abt., Bd. 3, S. 266.

2) ebd., 1. Abt., Bd. 4, S. 34.

3) vgl. Siebmacher, Großes und allgemeines Wappenbuch, 4. Abt., Bd. 4.: Der Niederösterreichische Landständische Adel, 2. Teil (Nürnberg 1918) 364.

4) vgl. NÖLA, StA, Franziszeischer Steuerkataster UW 93.

5) vgl. NÖLA, StA, Eibl, Liechtensteiner Regesten I, Fol. 57.

6) vgl. Quellen, ed. Altertumsverein, 1. Abt., Bd. 5, S. 43.

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2. Die Pfarrfiliale Gramatneusiedl im Mittelalter:

Als Gramatneusiedl gegründet wurde, war die Pfarre Traiskirchen das religiöse Zentrum des Gebietes zwischen Piesting, Fischa und Wienerwald. Traiskirchen war eine Babenbergische Eigenpfarre, die jedoch 1113 von Markgraf Leopold dem Heiligen dem von ihm reich dotierten Benediktinerstift Melk gegeben wurde.

Bei einem so großen Pfarrsprengel war naturgemäß eine ordentliche seelsorgliche Betreuung der Bevölkerung nicht möglich. Deshalb wurde 1312 das Stift Melk von Bischof Bernhard von Passau verpflichtet, in den Filialen von Traiskirchen Weltgeistlichen einen Wohnsitz zu sichern. Unter diesen Filialen wurde auch der Nachbarort Moosbrunn genannt, der bis 1950 auch für die Betreuung von Gramatneusiedl verantwortlich war. Zu dieser Zeit erfolgte vermutlich auch in Moosbrunn der Bau der gotischen Kirche zum hl. Laurentius. Romanische Reste lassen aber vermuten, daß in diesem Ort schon früher eine Kirche oder Kapelle existierte. Leider sind heute von diesem Gotteshaus nur mehr die drei Tierköpfe des »Dreihundelturms« erhalten.1 Moosbrunn wurde noch im 14. Jahrhundert zur Pfarre erhoben, doch hat sich Ober den Stiftungs- und Gründungsakt keine Urkunde erhalten. Der älteste Nachweis des Bestandes der Moosbrunner Pfarre stammt aus dem Jahr 1388. Damals wurde ein Eberhard als Pfarrer von Moosbrunn bezeichnet.2

1) vgl. Anton Kummerer, Geschichte von Moosbrunn (Mödling 1938) 9f., 38–40 u. 68f.

2) vgl. ebd., S. 84.

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In der Folge setzten sich die Bewohner von Gramatneusiedl, aber auch ihr Grundherr, Johannes von Ebersdorf, dafür ein, daß sie auch in ihrem Ort den Gottesdienst besuchen könnten. Zunächst erbauten sie eine Kapelle: Sie wurde in der Mitte des Dorfes errichtet, genau gegenüber der Einmündung des Velmer Weges in die Straße Fischamend – Wr. Neustadt. Ein Teil dieser Kapelle ist noch erhalten: das gotische Presbyterium der heutigen Gramatneusiedler Pfarrkirche. Es ist das älteste Bauwerk der Ortschaft. Der Raum besitzt eine Ausdehnung von 4 x 4 Metern und wird von einem Kreuzrippengewölbe überspannt. In der Westmauer ist eine gotische Sakramentsnische eingelassen. Während Renovierungsarbeiten im Jahre 1967 konnte an der Apsisaußenwand ein gotisches Fenster freigelegt werden. Das Kirchenschiff selbst hat eine Größe von 10 Metern Länge und 6 Metern Breite. 1400 erteilte Abt Ludwig von Melk die Erlaubnis zur Konsekration der neu erbauten Kapelle, die die Aposteln Petrus und Paulus als Patrone erhielt.1

1403 erkauften die Gemeinde Gramatneusiedl und Moosbrunn um 482 Pfund Wiener Pfennige einen Hof zu Moosbrunn samt den zugehörigen Wein- und Getreidezehenten von Hanns dem Hölzl von Eistorf und dessen Gattin Elspet zu dem Zweck, um in der Gramatneusiedler Kapelle eine ewige Meßstiftung einzurichten.2 Am 29. März 1405 wurde deshalb dem damaligen Pfarrherrn, Jörg dem List, und allen zukünftigen Priestern dieser Hof überschrieben. Dafür mußte sich Jörg der List verpflichten, in Gramatneusiedl an jedem Freitag, Sonn- und Feiertag und zweimal unter der Woche eine Messe zu

1) vgl. Quellen, ed. Altertumsverein, 1. Abt., Bd. 4, S. 37.

2) vgl. ebd., S. 39.

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lesen, doch durfte er deswegen in Moosbrunn keine Messe weniger als sonst üblich halten. Der Geistliche mußte hinfort in der kleinen Kapelle auch die Kommunion austeilen, predigen, weihen, segnen und die Kinder taufen, nur die Begräbnisse sollten weiterhin in Moosbrunn gehalten werden. Die Gramatneusiedler verpflichteten sich ihrerseits, vier Male jährlich die Pfarrkirche zu besuchen, und zwar am Stefanitag, am Ostermontag, am Pfingstsonntag und zum Kirchweihfest. Sollte der Pfarrer jedoch ohne triftigen Grund diesen Vertrag nicht einhalten, so müßte er zur Buße einen halben Pfund Wachs der Gramatneusiedler Kapelle, einen viertel Pfund dem Bischof von Passau und einen viertel Pfund dem Gramatneusiedler Grundherrn abliefern. Bei häufiger Säumigkeit des Priesters konnte sich die Gemeinde beim österreichischen Stellvertreter des Passauer Bischofs beschweren.1

Wie noch zu berichten sein wird, war dieser Vertrag oft Grund für Auseinandersetzungen zwischen dem Moosbrunner Pfarrherrn und der Gemeinde von Gramatneusiedl.

3. Der Ort und seine Bewohner:

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der mittelalterlichen Quellenüberlieferung, daß wir über Angelegenheiten des Adels und der Kirche verhältnismäßig gut unterrichtet sind, während wir für die bäuerliche Bevölkerungsschichte nur wenige Unterlagen besitzen. Doch bieten die wenigen

1) vgl. Quellen, ed. Altertumsverein, 1. Abt., Bd. 4, S. 40. Eine Abschrift aus dem Jahre 1755 befindet sich im: NÖLA, Reg. A., Klosterrat, K. 252, Pfarre Moosbrunn.

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vorhandenen Urkunden doch einige Einblicke in wirtschafts- und sozialgeschichtliche Vorgänge.

Die ersten namentlich bekannten Gramatneusiedler sind »Jörg im Winkel«, der 1438 genannt wird,1 und die Familie »Griesmullner«, die 1451 zum ersten Mal aufscheint2 und bis heute hier im Ort ansässig ist.

Auch zwei Flurnamen sind bereits aus dieser Periode überliefert: außer der bereits erwähnten »Dirner Hutweide« ist die Bezeichnung »Wiese Amaysserin«3 für ein Grundstück bekannt, das bei der Mühle jenseits der Fischa lag.

Über die Art der landwirtschaftlichen Produkte sind wir nur unzulänglich unterrichtet: außer Brotgetreide, Hafer, Heu, Geflügel und Rinder dürfte schon damals der Krautanbau eine wichtige Rolle gespielt haben.

Über die Häuser, Gärten, Acker und Wiesen der Bauern besaßen die jeweiligen Gramatneusiedler Grundherrn das Obereigentumsrecht. Die Grundherrn übten auch die Gerichtsbarkeit über ihre Untertanen aus. Die Bauern waren dem Herrschaftsbesitzer zu Treue und Gehorsam verpflichtet und hatten ihm Abgaben und Dienstleistungen zu erbringen.

Während wir über die Abgaben an die Ebersdorfer und Ladendorfer nichts wissen, gibt uns der Kaufbrief von 1398, abgeschlossen zwischen den Gebrüdern von Tirna und dem Wiener Domkapitel, Aufschluß über die Art und Höhe der Abgaben, die die eine Hälfte der Dorfbewohnerschaft zu entrichten hatte: Es lassen sich Haus- und Grunddienst, Weinsat, Acker-

1) vgl. Quellen, ed. Altertumsverein, 1. Abt., Bd. 5, S. 182.

2) vgl. ebd., 1. Abt., Bd. 4, S. 78.

3) ebd., 1. Abt., Bd. 5, S. 43.

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und Krautgeld und Zehente feststellen. Die Tirna und das Domkapitel besaßen außerdem eine halbe Fischwaid und 36 Tagwerk Wiesen als Herrschaftsgrund.

Den Haus- und Grunddienst hatte jeder Grundholde dem Grundherrn als Entgelt für die Überlassung des Nutzungsrechts am Hof samt den dazugehörigen Hausgründen zu bezahlen. Die Gesamtsumme für halb Gramatneusiedl betrug 7 Pfund 6 Schilling und 3 Halbling Wiener Pfennig.

Die daneben geforderten Weisat-Dienste waren für die Küche des Grundherrn bestimmt. Unter diesem Titel wurden hier 57 Hühner, 57 Käse, von denen jeder 2 Pfennig wert sein mußte, und an Eiergeld 11 Schilling verlangt.

Besaßen die Untertanen neben den Hausgründen noch Acker- und Krautgartenparzellen als Überländ, also als frei verkäufliche Gründe, so mußten sie zusammen 3 Schilling für die Äcker und 80 Pfennig für die Krautgärten als Überländdienst bezahlen.

Eine wichtige Abgabe war der Zehent: die Bauern mußten den Tirna bzw. dem Domkapitel den zehnten Teil ihres Ertrages der Getreidefelder und Krautgärten abliefern. Diese beiden Zehente wurden in Naturalien eingehoben.1 Eine ursprünglich dem Stift Melk und dem Bischof von Passau zustehende Abgabe,2 kam der Zehent durch Verkauf meist in weltliche Hände. Außer den Tirna und dem Domkapitel besaß eine Anna Würffel Anteile am Gramatneusiedler Zehent, die sie 1371 an Wolf den Kramer von Herzogenburg verkaufte. Wolf wieder verschenkte sie dem Wiener Bürgerspital.3 1419 ver-

1) vgl. Hermann Zschokke, Geschichte des Metropolitan-Capitels zum heiligen Stephan in Wien (Wien 1895) 341.

2) vgl. Willibald Plöchl, Das kirchliche Zehentwesen in Niederösterreich. Ein Beitrag zur mittelalterlichen kirchlichen Rechtsgeschichte und zur Geschichte Österreichs (= Forschungen zur Landeskunde von Niederösterreich 5, Wien 1935) 28f.

3) vgl. Georg Grausam, Erich Kirch. Chronik von Gramatneusiedl (Typoskript im Besitz des Gemeindeamts von Gramatneusiedl).

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lieh der Bischof von Passau Ulrich dem Inprugker Zehente zu Gramatneusiedl, die auch sein Vater bereits inne hatte.1

Die Bauern hier waren auch verpflichtet, dem Herzog von Österreich das Marchfutter zu reichen. Es handelte sich hierbei um eine Naturalabgabe von Hafer, die dem landesfürstlichen Reiterheer zugute kommen sollte. 1382 löste Albrecht IV., der Stuchs von Trautmannsdorf, das Marchfutter in den Ortschaften Gramatneusiedl, Porz und Gallbrunn, das Herzog Albrecht III., an Rudolf den Lasperger versetzt hatte, ein und wurde so Inhaber dieser Abgabe.2 Gramatneusiedl mußte fünf Muth und sechs Metzen3 abliefern.4

Die wichtigsten Gewerbebetriebe waren in Getreideanbaugebieten bis in unser Jahrhundert hinein die Mühlen. 1451 wurde die Gramatneusiedler Mühle an der Fischa zum ersten Mal urkundlich erwähnt. In diesem Jahr übergaben Anna, die Witwe des Müllers Erhart, und ihre Söhne Wolfgang und Paul Griesmullner und ihr Schwiegersohn, der Müller Paul Newschlag, die Mühle und drei Wiesen dem Spitalmeister des Wiener Bürgerspitals um 90 Pfund Wiener Pfennig, wovon jedoch 70 Pfund als Vermächtnis des Erasem Harkircher zu Gunsten des Bürgerspitals auf der Mühle gelegen hatten.5

1) vgl. Quellen, ed. Altertumsverein, 1. Abt., Bd. 4, S. 236.

2) vgl. Helmut Feigl, Geschichte des Marktes und der Herrschaft Trautmannsdorf an der Leitha (= Forschungen zur Landeskunde von Niederösterreich 20, Wien 1974) 36.

3) = ca. 9600 Liter Hafer.

4) vgl. Ferdinand zu Trauttmansdorff. Beitrag zur niederösterreichischen Landesgeschichte (Wien / Leipzig 1904) 227.

5) vgl. Quellen, ed. Altertumsverein, 1. Abt., Bd. 4, S. 78.

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Was die Verwaltung des Dorfes anbelangt, so werden hier Amtmänner als die Stellvertreter der Grundherrn erwähnt. 1403 werden sogar zwei Amtmänner genannt: Ulrich der Stuchs hatte die Gerechtsame der Ebersdorfer Ulrich der Vidler die des Wiener Domkapitels wahrzunehmen.1 1451 scheint Thomas Walner als Amtmann des Domkapitels auf.2

1) vgl. Quellen, ed. Altertumsverein, 1. Abt., Bd. 4, S. 39.

2) vgl. ebd., S. 78.

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III. Gramatneusiedl im Zeitalter der Reformation (1520–1621):

1. Die Entwicklung der Herrschaft und des Dorfes unter dem Wiener Domkapitel:

1520 verkaufte die Liebfrauen-Bruderschaft in der Domkirche zu St. Stephan dem Domkapitel ihren gesamten Besitz zu Gramatneusiedl.1 Mit diesem Handel dürfte die Besitzzersplitterung in Gramatneusiedl ihr Ende gefunden haben. Nach diesem Datum scheint in allen Quellen das Wiener Domkapitel als alleiniger Grundherr des Dorfes auf.

1529 wurde der Ort wie viele andere von den Türken verwüstet. Die Türkeninvasion bewirkte zahlreiche Ruinen, Brandstätten und andere öde Güter.2 1544 gab es nur 15 bewohnte Bauernhöfe in Gramatneusiedl. Dies bedeutete für das Domkapitel natürlich eine Einbuße in seinen Einnahmen: An Haus- und Grunddienst hatten die Bauern 5 Pfund und 3 Schilling und 11 Pfennige zu bezahlen. Die Fischwaid wurde verpachtet und stellte mit einem Ertrag von 3 Pfund und 4 Schilling die zweitgrößte Einnahme des Domkapitels in Gramatneusiedl dar. Selbst die Weisat-Dienste waren durch Geldzahlungen abgelöst worden und erbrachten 1 Pfund 3 Schilling und 24 Pfennig. Die Herrschaftswiese wurde für einen Zins von 4 Schilling verpachtet.3

1) vgl. Zschokke, Metropolitan-Capitel S. 341.

2) vgl. Grausam, Gramatneusiedl S. 5.

3) vgl. HHStA, Visitationsprotokoll über sämmtliche Klöster und Pfarren in Österreich unter der Enns, 1543/44, W 720, Bd. 2, S. 558.

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Sechs Jahre später, 1550, war die Zahl der behausten Güter in Gramatneusiedl bereits auf 22 angestiegen.1 Der Grundherr hatte Untertanen angeworben, um eine dauernde Verödung und damit Wertminderung seines Besitzes zu vermeiden.

1590/91 heißt es von der Ortschaft:

»Graimadt Neusidl

Gehört ins capitl zu St. Stephan

zu Wienn hat behauste güetter darunter

ain mühl

Summa 31 hauß.«2

Die Zahl der bewirtschafteten Bauernhöfe hatte sich hiermit seit 1544 verdoppelt. Das Domkapitel besaß die Grundobrigkeit über sämtliche Häuser und die Ortsobrigkeit. Es gebrauchte aber kein Haus selber, es hatte daher auch keinen Eigenwirtschaftsbetrieb. Die Belastung der Untertanen durch Robotforderung war deshalb damals gering. Gramatneusiedl war der größte Besitz des Domkapitels, nur hier besaß es die Dorfobrigkeit. Insgesamt betrug die Zahl der dem Domkapitel untertänigen Häuser im Viertel unter dem Wienerwald 64, wobei – außer Gramatneusiedl – eines in Biedermannsdorf, vier in Gumpendorf, acht in Möllersdorf, zwei in Inzersdorf und achtzehn in Höflein lagen.3

Im Jahre 1616 verkaufte Raimund Ehamb seinen Hof und die Mühle an der Fischa um 5050 Gulden und 100 Golddukaten an die Herrschaft. Zu dem Hof gehörten 108 Joch Äcker, 54 Tagwerk Wiesen und ein Krautgarten, zu der Mühle 2 Joch Äcker und Wiesen als Grundstücke. Auch den gesamten

1) vgl. NÖLA, Alte Gült-Einlage, VUWW 26, Fol. 5.

2) Helmut Nader, Das Viertel unter dem Wienerwald im Spiegel des Bereitungsbuches von 1590/91 (Phil. Diss., Wien 1970) 277.

3) vgl. ebd., S. 163.

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Viehbestand, Hafer-, Heu- und Strohvorräte verkaufte Ehamb.1 Dieser Besitz, dessen Fläche zirka 15 % des gesamten Gemeindegebietes betrug, bildete den Grundstock des Eigenwirtschaftsbetriebes des Dornkapitels in Gramatneusiedl. Eine Steigerung der Robot war sicher bald die Folge. Mit der Bildung bzw. Ausdehnung einer grundherrlichen Eigenwirtschaft folgte das Domkapitel einem Trend, der in Niederösterreich bereits im 16. Jahrhundert eingesetzt hatte.

2. Die Reformation in der Filiale Gramatneusiedl:

Während der Türkeninvasion 1529 wurde von den Eindringlingen auch die Kirche nicht verschont: Die Moosbrunner Pfarrkirche wurde in Mitleidenschaft gezogen, die Gramatneusiedler Kapelle sogar in Brand gesteckt, wobei die Einrichtung und das Dach zerstört wurden. Nur das Presbyterium und die Grundmauern überstanden das Feuer. Noch 1544 wird gemeldet, daß die Kapelle seit dem Türkensturm nicht wieder instand gesetzt wurde. Die Zechleute, die Verwalter des Kirchenvermögens von Gramatneusiedl, konnten damals nur folgende Einnahmen verzeichnen: 1 Pfund an Wieszins und eine Zinskuh, die 4 Schilling Ertrag abwarf.2

Wegen des desolaten Zustands der Kapelle und wegen des Mangels an katholischen Geistlichen – die Pfarre Moosbrunn mußte damals vom Fischamender Geistlichen mitbetreut werden – mußten die Bewohner Gramatneusiedls zum Besuch der

1) vgl. Zschokke, Metropolitan-Capitel S. 341.

2) vgl. Grausam, Gramatneusiedl S. 5.

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heiligen Handlungen zur Moosbrunner Pfarrkirche gehen. Damals machte der Protestantismus in Niederösterreich gewaltige Fortschritte. Die katholische Kirche lag trotz aller landesfürstlichen Fürsorge in Agonie. Der starke Unterschied in der wirtschaftlichen Lage des Klerus, wo es neben einigen Pfründnern mit geradezu fürstlichem Einkommen eine große Masse darbender Landpfarrer gab, führte fast zur Auflösung des Standes. Es fehlte vor allem an gelehrten und geschickten Priestern, die das Wort Gottes nach katholischer Lehre zu verkünden und den Sekten Paroli zu bieten verstanden hätten. Manche ehemals katholische Geistliche entfernten sich immer weiter von ihrem Glauben, bis sie eines Tages evangelisch waren. Viele von ihnen lebten im Konkubinat.1 Auch in der Pfarre Moosbrunn sollte die katholische Kirche von solchen Schwierigkeiten nicht verschont bleiben.

Der 1560 mit der Pfarre Moosbrunn betraute Christoph Zizlmann war mir einer Frau namens Barbara verheiratet, mit der er auch eine Tochter hatte. Er hatte versucht, die Messe in deutscher Sprache zu lesen. Als er 1562 starb, fanden sich in seinem Nachlaß »Evangeli Luder [d.i. Martin Luther; Anm. R.M.],* [Johann] Spangenberg Postill und [Philipp] Melanchthon Grammatik«.2

Sein Nachfolger, Bartholomäus Heynoga, verheiratete sich 1578 mit der Witwe eines Wiener Bürgers in der Kapelle des Melkerhofes in Gegenwart von mehreren Zeugen, darunter der Gramatneusiedler Bauer Claus Ridschau. Per Testament

1) vgl. Karl Gutkas, Geschichte des Landes Niederösterreich (St. Pölten / Wien 1973)180f.

*) Das ist Martin Luther. Anm. R.M.

2) Theodor Wiedemann, Geschichte der Reformation und Gegenreformation im Lande unter der Enns, Bd. 3 (Prag 1892) 559f.

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vermachte Heynoga seiner Braut seine gesamte Habe. Einen Monat später war der bereits bei der Hochzeit schwerkranke Priester tot. Die »Frau Pfarrer« war eine resolute Person: Sie führte die Wirtschaft im Moosbrunner Pfarrhof weiter, und ließ niemanden in das Haus, der Ansprüche auf des verstorbenen Pfarrers Habe stellen wollte. Sie schrieb an den Abt von Melk, den Patron der Pfarre, er möge die Pfarrinventare in Empfang nehmen und die Verlassenschaft regeln, damit sie wisse, woran sie sei. Der Abt war mit ihrem Gebahren [!] einverstanden und schützte sie gegen die Angriffe des Dechants.

Nun wollte die Pfarrgemeinde »den sectischen Schulmeister Gallus Spitzweck, der den verstorbenen Pfarrer in Predigten, Taufen und Sakramentreichen oft vertreten hatte, zum Pfarrer haben«1. Der Abt von Melk präsentierte jedoch den Priester Mathias Khrinis. Aber Melchior Khlesl ließ mit der Investitur warten und berichtete 1580 an den Klosterrat: »…hat bei ime khain straff oder Vermanung nicht Statt gehabt, sondern einen Grein und Raufhandel nach dem Anderen angefangen, auch seines Antecessors Vöttl straffmässiger verbottner weiss an sich gehenkht und vermainter weiss mit ier contrahiert und ein solch böss Exempl, daß imme Jedermann abholdt worden.«2 Khrinis mußte mit seiner Geliebten fort.

Verlief nun das pfarrliche Leben bis 1613 in ruhigen Bahnen, so mußte in diesem Jahr der 1612 präsentierte Geistliche Christian Erdtmer sogar exkommuniziert werden. Seine ärgsten Vergehen waren folgende: Er war dem überreichlichen Essen und

1) Wiedemann, Geschichte S. 561.

2) ebd.

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Trinken ergeben, wobei er in betrunkenem Zustand gewalttätig wurde. Er entweihte die neue Moosbrunner Kapelle, indem er eine Ausschank und ein Spielzimmer darin errichtete. Er verweigerte seinen Pfarrkindern Taufen und Begräbnisse, wenn sie seinen hohen Geldfoerderungen [!] nicht entsprechen konnten; ja, er ließ die Toten sogar wieder ausgraben und aus dem Friedhof werfen, wenn die Hinterbliebenen nicht pünktlich und genug bezahlten. Die Folge war eben, daß über Erdtmer die Exkommunikation ausgesprochen wurde. Der Dechant und Pfarrer zu Hainburg mußte sie in Moosbrunn verkünden:

»Der Dechant vollzog seinen Auftrag am 18. August und befahl den Parochianen mit dem Pfarrer nicht allein nichts zu handeln, ihn nicht zu grüßen noch mit ihm zu essen und zu trinken. Die Gemeinde beeilte sich, ihren Gehorsam unter die Sentenz auszudrücken.«1

Erdtmer wurde endlich zu Ende des Jahres abgesetzt.

Trotz all dieser Vorkommnisse fand der Protestantismus in der Pfarre Moosbrunn keine Anhänger.2 Eine wesentliche Rolle dürfte dabei die Tatsache gespielt haben, daß die neue Lehre weder vom Grundherrn von Moosbrunn, dem Hochstift Passau, noch vom Herrn Gramatneusiedls, dem Wiener Domkapitel, sich Unterstützung erwarten konnte.

1) Wiedemann, Geschichte S. 562.

2) vgl. ebd., S. 563.

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IV. Herrschaft und Dorf Gramatneusiedl im Besitz des Ritters Jeronimo Bonacina und des Fürsten Hartmann von Liechtenstein (1621–1668):

1. Dorf und Herrschaft von 1621–1668:

1621 verkaufte das Wiener Domkapitel mit Einwilligung Kaiser Ferdinands II. die gesamte Herrschaft zu Gramatneusiedl inklusive Eigenwirtschaftsbetrieb und 32 Untertanen und zu Malmerstorf [d.i. Möllersdorf, zu Traiskirchen; Anm. R.M.] acht Untertanen an Jeronimo Bonacina um 10500 Gulden. Dieser Handel sollte jedoch für das Kapitel verhängnisvoll werden: Es legte nämlich der damalige Wiener Bischof, Melchior Khlesl, sofort Protest ein, weil der Verkauf ohne sein Vorwissen abgeschlossen wurde. Khlesl drohte dem Domkapitel sogar mit der Exkommunikation, welche mit der Alienierung geistlicher Güter an Laien verbunden war. Das Kapitel wandte sich nun an die niederösterreichische Regierung mit der Bitte, daß dieses Kaufgeschäft annulliert und Bonacina veranlaßt werde, das Gut Gramatneusiedl mit allem, was dazugehörte, an das Kapitel zurückzugeben. Daraus entspann sich in der Folge ein Prozeß, der sich über Jahrzehnte hinzog.1

Jeronimo Bonacina stammte von einem reichen venezianischen Handelsherrn ab, der sich als Geldwechsler in Wien niedergelassen hatte. Umfang und Art seiner Geschäfte lassen Bonacina als einen bedeutenden Finanzier erkennen, der damit betraut war, den seit Beginn des Dreißigjährigen Krieges enorm ange-

1) vgl. Zschokke, Metropolitan-Capitel S. 341f.

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stiegenen Geldbedarf des Wiener Hofes aufzubringen. Das Unvermögen des Hofes, aufgenommene Kredite zurückzuzahlen, brachte Bonacina die Aufnahme in den Ritterstand und die Würde eines Holkammerrates ein. Außer Gramatneusiedl besaß Jeronimo noch Ebergassing, Gardegg [recte Gandegg, zu Eppan an der Weinstraße / Appiano sulla strada del vino, Italien; Anm. R.M.] und Dobromeliz [d.i. Dobroměřice, Tschechische Republik; Anm. R.M.]. Mit dem Jahr 1636 begann der Abstieg des Ritters. Von den dem Hofe geliehenen Kapitalien waren insgesamt 125000 Gulden ausständig, Zinsen wurden nur mit Verzögerung oder überhaupt nicht bezahlt. Bonacinas Gläubiger drohten mit Exekution. Sein Tod 1640 bewahrte ihn davor, den Zusammenbruch mitansehen zu müssen. Seine beiden Söhne, Anton und Karl, mußten die Güter Gramatneusiedl und Ebergassing an Hartmann Fürst von Liechtenstein verkaufen.1

Der Fürst, 1613 als Sohn Gundakers von Liechtenstein und der Agnes von Ost-Friesland geboren, verheiratet mit Sidonia Elisabeth Gräfin Salm-Reifferscheidt,2 erbte von Jeronimo Bonacina den Prozeß mit dem Wiener Domkapitel um den Besitz Gramatneusiedls. 1662 wurde er verurteilt, den Ort gegen Rückzahlung des Kaufbetrags an das Kapitel zurückzuerstatten. Da Hartmann aber ein Revisionsverfahren einleitete, sollte es noch sechs Jahre bis zur Vollstreckung des Urteils dauern. Am 15. Mai 1668 wurde das Urteil aus dem Jahre 1662 bestätigt und mit der Drohung beschlossen: »Da vnd zum fahl aber Ihr (Hartmann Fürst von Liechtenstein) solches nicht thät (nämlich das Gut zurückerstattet) sollet Ihr alsobalden durch den Profosen in Band und Eisen alhero

1) vgl. Wißgrill, Schauplatz, Bd. 1, S. 358 und Udo Fischer, Wienerherberg. Geschichte einer Pfarre (Haugsdorf 1981) 105.

2) vgl. Constant von Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, Bd. 15 (Wien 1866) 118f.

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gebracht vnd in den Stattgraben zur arbeit angehalten werden, wornach Ihr Euch also zu richten vnd selbsten vor Schaden zu Hüetten wissen werdet.«1

Die Übergabe des Gutes Gramatneusiedl seitens des Fürsten Liechtenstein fand am 27. Juni 1668 statt. Dem Domkapitel fehlten jedoch 3600 Gulden auf die zurückzugebende Summe. Domherr P. Zhernitsch streckte diese Summe aus eigenen Vermögen vor, mit Versicherung auf das Gut.2

An der Spitze der Ortsgemeinde stand der »Richter«. Diese Bezeichnung trat an die Stelle des früher gebräuchlichen Titels »Amtmann«. Dem Richter standen in Gramatneusiedl drei Geschworene zur Seite, die ihn bei allen seinen Aufgaben unterstützen, beraten und überwachen sollten. Aus den Matriken, mit deren Anlage in der Pfarre Moosbrunn 1628 begonnen wurde, lassen für den hier behandelten Zeitraum sich die Namen folgender Richter feststellen: Mathias Grießmüller (1628–29), Kaspar Grießmüller (1629–39), Peter Symär (1639–41), Hans Spreng (1641–43), Wolfgang Pöllinger (1643–44), Kaspar Grießmüller (1644–47), Mathias Grießmüller (1647–49), Jakob Grießmüller (1649), Mathias Grießmüller (1649–51), Mathias Khern (1651–55), Lorenz Fischer (1655–58), Lorenz Spreng (1658–61), Mathias Grießmüller (1661), Lorenz Fischer (1661–64), Mathias Grießmüller (1664–69).3

2. Die Entwicklung der Pfarrfiliale:

Während wir über das Schicksal Gramatneusiedls und seiner

1) Zschokke, Metropolitan-Capitel S. 343f.

2) vgl. ebd., S. 344.

3) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

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Bewohner wahrend des Dreißigjährigen Krieges nicht unterrichtet sind, so gibt das bewegte Leben der damaligen Moosbrunner Pfarrer Einblick in die Greuel und Wirren dieser Zeit: Als ein Flüchtender gelangte Abt Pater Wilhelm von der Pfalz am Rhein bis nach Moosbrunn. Sein Kloster Äussersthal [recte Eußerthal, zu Annweiler am Trifels, Rheinland-Pfalz; Anm. R.M.], eine Zisterzienserabtei, war vom schwedischen Heer ausgebrannt worden. Der Abt wirkte in Moosbrunn und Unterwaltersdorf von 1640 bis zu seinem Tod 1642. Sein Nachfolger Jakob Molitor, der zuvor Pfarrer von Wienerherberg war, starb 1645 an der Pest. Der nächste Priester, Giacomo Boncarpi, kam ebenfalls ais Flüchtling in die Pfarre Moosbrunn. Als Bischof von Himeria hatte er in den türkischen Grenzgebieten unter großer Gefahr viele Menschen zum katholischen Glauben bekehrt. Er wurde aber »durch siebenbürgische Ketzer bey dem türkischen Kaiser angegeben und verhetzet, daß er nackend und bloß durch die Länder sich mühsam herausschleichen mußte.«1 Boncarpi wirkte in unserer Pfarre nur einen Monat, dann wurde er nach Oberleis versetzt, wo er 1649 starb.2

1663 beklagte sich die Gramatneusiedler Dorfgemeinde bei Hartmann Fürst Liechtenstein, daß der kürzlich verstorbene Pfarrer Andreas Maderni (1645–62) und sein Nachfolger Johannes Kaspar Faber die Kirchenrechnungen nicht in die Kirchenlade von Gramatneusiedl, wo sie hingehörten, gegeben hätten, sondern an sich nehmen würden, sodaß die Gemeinde und die von ihr gewählten Kirchenväter

1) Pfarrblatt St. Laurentius, Moosbrunn (April 1962) 5.

2) vgl. ebd.

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die kirchliche Finanzgebarung nicht überprüfen könnten. Auch sei die Pfarrgemeinde anläßlich der Installierung des neuen Pfarrers zwar an all ihre Pflichten erinnert worden, Faber hingegen halte sich nicht an die seinen, die im Stiftsbrief aus den Jahre 1405 vorgeschrieben seien, sondern lese höchstens jeden dritten Sonntag eine Messe in Gramatneusiedl. Die Gramatneusiedler drohten nun, dem Priester die 1405 überschriebenen Einnahmen, die doch den größten Teil seines Einkommens ausmachten, zu entziehen, damit sie sich einen eigenen Geistlichen halten könnten.

Weihbischof Jodocus Höpfner verlangte nun im Namen des Passauer Bischofs von Vizedechant Albert Morch aus Mannswörth 1665 Berichterstattung in dieser Sache. Nach einer Sitzung am 14. Dezember 1665 in Mannswörth, an der Pfarrer Faber, der Gramatneusiedler Gemeindeausschuß und als Vertreter des Fürsten von Liechtenstein der Verwalter von Ebergassing teilnahmen, konnte der Vizedechant berichten, daß Gramatneusiedl wegen der Aufbewahrung der Kirchenrechnungen nun keine Beschwerde mehr führe, daß aber wegen der Anzahl der Messen keine Einigung erzielt werden könne, solange der Pfarrer von Moosbrunn ohne einen Kaplan auskommen müsse.1 Diese beiden Berichte – wie übrigens auch die Erwähnung der Zechleute 1544 – sind Zeugnis dafür, daß in Gramatneusiedl das Recht der Überprüfung der kirchlichen Finanzen in den Händen der Filialgemeinde lag; da der Ort dem Abt von Melk als dem Patron seine finanziellen Verpflichtungen teilweise abgenommen hatte

1) vgl. Gramatneusiedl im Jahre 1663. In: Pfarrblatt St. Peter und Paul (Nov.-Dez. 1959) 2–4.

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durch die Errichtung der Stiftung, so war es nur recht und billig, ihm auch einen Teil der Rechte zu überlassen.

Innerhalb des hier behandelten Zeitabschnitts erfolgte der Neuaufbau und die Vergrößerung der Gramatneusiedler Filialkirche im frühbarocken Stil unter der Mitverwendung des gotischen Presbyteriums. Das Kirchenschiff hat ein Kreuzgratgewölbe, dessen drei Joche durch breite Gurtbögen begrenzt sind. Die Fensteröffnungen waren kleiner und niedriger aber angebracht, als dies heute der Fall ist. Damals wurde auch der Kirchturm errichtet.

In der 1979 erbauten Taufkapelle ist eine Grabplatte aus dem Jahre 1645 aufgestellt, die bis 1979 als Altarstein des Gramatneusiedler Hochaltars diente. Ihre Inschrift besagt, daß 1645 Hieronymus Franziskus Eder, der Stallmeister des Fürsten Hartmann von Liechtenstein, im Alter von 33 Jahren starb und unter diesem Stein begraben wurde. Es ist aber heute nicht mehr bekannt, wo das Grab dieses Mannes tatsächlich lag.1

1) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

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V. Gramatneusiedl unter der Herrschaft des Wiener Domkapitels (1668–1840):

1. Die Entwicklung der Herrschaft:

Der Türkeneinfall des Jahres 1683 brachte für Gramatneusiedl eine große Katastrophe: Die meisten Ortsbewohner wurden auf der Flucht ins Gebirge von den Türken erschlagen, einige in die Gefangenschaft geführt, wobei ein Angehöriger der Familie Grießmüller den Türken wieder entfliehen konnte. Das Dorf war so entvölkert worden, daß von den 49 Familiennamen, die die Matriken zwischen 1628 und 1681 verzeichnen, nur mehr sieben1 auch in den Matriken nach 1685 genannt werden.2 Die öden Höfe wurden vom Domkapitel neuen Untertanen zugeteilt.

In den Jahren 1704–1708 mußte unsere Gegend einen neuerlichen Feindeinfall ertragen. Damals waren es aufständische Ungarn – Kuruzzen genannt –[,] welche das durch den spanischen Erbfolgekrieg bedingte Engagement der österreichischen Heere in Frankreich und Italien benützten, um in Niederösterreich und in die Steiermark einzudringen. Der Pfarrer schrieb über Moosbrunn:

»Der Ort wurde wieder verwüstet. Die ganze Umgebung stand in Flammen.«3

Wieweit die Filiale Gramatneusiedl davon betroffen wurde, ist nicht bekannt.

1) Die Namen lauten: Biberhofer, Fischer, Grießmüller, Krabath, Pellandt, Renner und Zimmermann.

2) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

3) Kummerer, Moosbrunn S. 24.

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Das Wiener Domkapitel war in diesen Jahrzehnten nach der Wiedererlangung Gramatneusiedls ständig bestrebt, den Ertrag dieses Besitzes durch Modernisierung der Eigenwirtschaft und der Verwaltung sowie durch Abrundung zu steigern. Betrugen die jährlichen Einnahmen aus Gramatneusiedl 1620 insgesamt 9 Pfund 1 Schilling und 16 Pfennige,1 so betrugen die Reineinkünfte 1795 2519 Gulden 27 Kreuzer.2 Auch bei Beachtung der Geldentwertung bedeutete dies eine beachtliche Steigerung.

Zunächst wurde die Verwaltung reformiert: War anfangs der Dekan des Domkapitels mir drei Laien für die Besitzungen und die Ökonomie verantwortlich, so wurde ab 1662 als Verwalter ein Hofmeister bestellt. Bereits der erste Hofmeister Johann Christoph Kautsamber (1662–1699), konnte die Einnahmen des Kapitels verdoppeln. Im Amt folgte ihm sein Sohn Franz (1699–1714) nach, dann Johann Ferdinand Laimbeckover (1714–1723), denen jedoch eine schlechte Wirtschaftsführung vorgeworfen wurde. Dem von 1723 bis 1728 amtierenden Anton Thaddeus von Sumerau wurde wieder große Umsicht bescheinigt. Die nun folgenden Hofmeister Anton Kappar, Leopold Care und Ferdinand Soys [recte Royß; Anm. R.M.] waren mehr auf ihren eigenen Vorteil als auf den Nutzen des Domkapitels bedacht, sodaß das Kapitel gezwungen war, eine strengere Kontrolle einzuführen.3

Bestrebungen des Domkapitels, durch Konzentration der Herrschaftsrechte auf Gramatneusiedl eine Rationalisierung und Intensivierung der Verwaltung zu erreichen, führten am 1. Juni 1699 zum Abschluß eines Tauschvertrags zwischen dem

1) vgl. NÖLA, StA, Alte Gült-Einlage, VUWW 26, Fol. 75.

2) vgl. Zschokke, Metropolitan-Capitel S. 346.

3) vgl. ebd., S. 346f.

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Kapitel und dem Bürgermeister und Rat der Stadt Wien. Nach diesem Kontrakt übergab das Domkapitel dem Wiener Bürgerspital 142 Viertel-Grundstücke auf der Landstraße und erhielt dafür den Getreidezehent zu Gramatneusiedl und sechs Untertanen im Schöff. Der Zehent erstreckte sich auf über 452 Joch Ackerland und wurde auf einen jährlichen Reinertrag von 343 Gulden 52 ½ Kreuzer geschätzt. Die Regierungsräte, denen der Vertrag zur Genehmigung vorgelegt wurde, befanden jedoch, daß das Kapitel dem Spital für die Überlassung des Getreidezehents noch 600 Gulden dazugeben müsse, weil der Ertrag so hoch sei, was auch geschah.1

Aus der Theresianischen Steuerfassion des Jahres 1751 erhalten wir einen Ein- und Überblick in die Art und Größe des Eigenwirtschaftsbetrieb [!]. Das Gut Gramatneusiedl wurde auf einen Gesamtwert von 9795 Gulden geschätzt. Die Herrschaft bewirtschaftete 90 Joch Ackerland in Eigenregie. Diese Äcker wurden von den Untertanen im Rahmen ihrer Robotpflicht bearbeitet und abgeerntet. Zudem besaß das Domkapitel 50 Tagwerk Dominikalwiesen. Die Herrschaft war daher in der Lage, Viehzucht zu betreiben. Dazu kam, daß sie auch das Recht besaß, auf den Brachäckern und Gemeindeweiden gemeinsam mit den Untertanen das Vieh aufzutreiben. Die herrschaftseigene Au umfaßte nur 7 Tagwerk und hatte nur unschlagbares Holz. Nach wie vor besaß das Kapitel das Fischereirecht. Die Berechtigung wurde jedoch verpachtet und erbrachte einen Jahresertrag von 10 Gulden. Der herrschaftliche Wiesenbesitz und die vorerwähnten Weide-

1) vgl. Zschokke, Metropolitan-Capitel S. 344–346.

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nutzungsrechte gaben die Grundlage für eine Käsmacherei. 1754 befanden sich in der Gramatneusiedler Käserei 24 Melkkühe.1 Was den herrschaftseigenen Mühlenbetrieb betrifft, so war dieser verkauft worden. 1751 gehörte die Mühle an der Fischa Theresia Michlin.

Die Theresianische Fassion teilt die Abgaben und Dienste, welche die Herrschaft von den Untertanen einhob, in 13 Kategorien. Am ertragreichsten war für das Domkapitel der Getreidezehent. Der Krautzehent, der jährlich cirka 10 Gulden einbrachte und nur in Gramatneusiedl verlangt werden konnte, spielte nur eine untergeordnete Rolle. Der zweitgrößte Gewinn für die Herrschaft und die zweitgrößte Belastung für die Untertanen war die Robot, deren Ertrag mit 208 Gulden im Jahr berechnet wurde. Dabei mußten 20 Untertanen den Zugrobot und 12 den Handrobot leisten. Wichtig waren überdies die Einnahmen von Haus- und Überländdienst, doch liegen für Gramatneusiedl hier keine Zahlen vor. Eine überaus bedeutende Einnahmsquelle des Kapitels waren jene Abgaben, die in dieser Steuerfassion unter dem Titel »Grundbuchs- und Abhandlungserträgnis« zusammengefaßt sind. Es handelt sich hierbei um die sogenannte Anleit, die Todfallsabgaben und verschiedene Schreibgebühren.2

Um diese Zeit wurde der herrschaftliche Hof neu aufgebaut. In der Josephinischen Steuerfassion taucht für dieses

1) vgl. Tabella von 1754. In: Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. NÖLA, StA, Theresianische Steuerfassion Nr. 765.

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Gebäude zum ersten Mal die Bezeichnung »Schloß« auf. Doch erweckt dies leicht einen falschen Eindruck, handelte es sich hierbei doch um ein sehr schlichtes Haus. Der Bau, gegenüber der Kirche gelegen, war einstöckig und hatte in einer Reihe elf Fenster. Ein Dreiecksgiebel überragte die mittleren sechs Fenster. Den einzigen architektonischen Schmuck bildeten kleine Relieffriese unter jedem Fenster des ersten Stocks. Das Gebäude wurde aus verkehrstechnischen Gründen 1970 abgerissen.

Die Gesamtfläche der Dominikalgründe betrug 1787 147 Joch, war also seit 1751 gleich geblieben. Die eigenbewirtschaftete Ackerfläche war jedoch auf 81 Joch gesunken, die Wiesenfläche auf 61 Joch angestiegen. An Äckern machte hiermit das Dominikalland 14 % des gesamten Gemeindegebietes aus, an Wiesen sogar 18 %. Die 5 Joch Au, die der Herrschaft gehörten, stellten 58 % des gesamten Waldbestandes dar. Doch war der Gewinn hier gering, erbrachte diese Au doch nur 1 ½ Klafter weiches Holz.1

Die französische Besetzung im Jahre 1805 brachte dem Domkapitel bedeutende finanzielle Einbußen, verausgabte es doch für die Einquartierung der Franzosen in Wien und in Gramatneusiedl 2238 Gulden, für die Verpflegung 1157 Gulden, für ein Zwangsdarlehen 14000 Gulden, für das Dominikale 1756 Gulden und für die Stadthäuser 2271 Gulden. Dazu kamen noch Vorschüsse an die Untertanen in der Höhe von 5822 Gulden. 1809 war der Schaden noch größer. Es betrugen nämlich die Einquartierungskosten der Franzosen

1) vgl. NÖLA, StA, Josephinische Steuerfassion UW 17.

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vom 16. Mai bis 19. November in Gramatneusiedl 6089 Gulden, in Wien 30649 Gulden, die Lieferungskosten 13344 Gulden, die ausgeschriebenen Steuern 22300 Gulden.1

In dieser Zeit trat ein grundlegender Wandel in der Beziehung zwischen dem Grundherrn und den Untertanen ein: Der Eigenwirtschaftsbetrieb wurde aufgelassen und die Domonikalgründe an die untertänigen Bauern verpachtet.2 Für das Domkapitel war vermutlich der Ertrag höher, wenn es die Äcker und Wiesen verpachtete, als wenn es diese durch die höchst unrationelle Robotarbeit bestellen ließ. Die Grundherrschaft blieb zwar weiterhin bestehen, doch war es nun ihre wichtigste Funktion, als Verwaltungs- und Gerichtsorgan der untersten Ebene, die vom Staat übertragenen Aufgaben zu erfüllen. Das große herrschaftliche Gebäude in Gramatneusiedl wurde nun nunmehr vom herrschaftlichen Jäger und Schloßwärter und dessen Familie bewohnt,3 der außer der freien Wohnung, einem Garten und 4 Klafter Holz einen Gehalt von bloß 40 Gulden im Jahr bezog.4

Als das Wiener Domkapitel 1840 wegen des Baues der Wiener Domherrnhäuser ein großes Kapital benötigte und dieses nur durch den Verkauf von Grund und Boden aufbringen konnte, ließ es die Herrschaft Gramatneusiedl öffentlich versteigern. Bei dieser Versteigerung, die am 12. November stattfand, machte die Gemeinde Gramatneusiedl das höchste Angebot und erkaufte die Herrschaft um 60100 Gulden C[onventions] M[ünze]. Gleichzeitig wurde der »Zehent um 30 Gulden das Jahr auf

1) vgl. Zschokke, Metropolitan-Capitel S. 203.

2) vgl. Schweickhardt, Darstellung S. 4.

3) vgl. Beichtregister von 1823. In: Grausam, Kirch, Chronik.

4) vgl. Zschokke, Metropolitan-Capitel S. 349.

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Ewige Zeit abgelöset.«1 Seitdem darf sich der Ort »Freie Gemeinde Gramatneusiedl« nennen.

2. Das Dorf unter der Herrschaft des Domkapitels:

Die Zahl der untertänigen Häuser war von 32 im Jahre 16202 auf 34 im Jahre 17513 angestiegen. Genauere Angaben über die Bevölkerungszahl haben wir nur aus dem Jahr 1754. Die Gramatneusiedler gaben damals 240 Ortsbewohner an, und zwar 120 Männer und 120 Frauen. Sie wurden in folgende Kategorien geteilt: 169 waren haussässige Personen, 9 Knechte, 1 Kleinhäusler und 71 Inleute.4

In der sozialen Gliederung der Dorfbewohner sind im hier behandelten Zeitraum einige Änderungen vor sich gegangen. Die Tabella von 1754 teilt die 34 untertänigen Häuser in eine Mühle und in 5 Ganzlehen, 27 Halblehen und 1 Viertellehen. Die Theresianische Fassion schätzt die Ganzlehen5 je auf einen Wert zwischen 483 und 528 Gulden, die Halblehen6 je auf cirka 250 Gulden, das Viertellehen7 auf 129 Gulden und die Mühle mit ihren vier Gängen8 auf 800 Gulden. Dazu kam noch

1) Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. NÖLA, StA, Alte Gült-Einlage, VUWW 26, Fol. 75.

3) vgl. NÖLA, StA, Theresianische Steuerfassion Nr. 765.

4) vgl. Tabella von 1754. In: Grausam, Kirch, Chronik.

5) Die Namen der Ganzlehner lauten: Maria Zimmermann, Lorenz Bergstaller, Maria Krabath, Johann Biberhofer, Mathias Hofschneider.

6) Die Namen der Halblehner lauten: Johann Georg Grießmüller, Johann Wohlschlager, Johann Georg Häzl, Josef Zimmermann, Adam Fischer, Johann Georg Finckh, Lorenz Härttl, Mathias Fischer, Andreas Herbst, Mathaeus Fischer, Christoph Pittermann, Mathias Finckh, Mathias Grießmüller, Lorenz Pämbler, Johann Röckh, Lorenz Roßanitz, Mathias Biberhofer, Jakob Grießmüller, Kaspar Zimmermann, Kaspar Pürschl, Andreas Häberl, Joseph Pämbler, Josef Weber, Franz Häzl, Joseph Stadler, Johann Biberhofer, Eva Härtlin.

7) Der Viertellehner hieß Michael Zimmermann.

8) 1751 gehörte Theresia Michlin die Mühle, 1754 Ignaz Osman.

35

ein Halterhaus, das der Gemeinde gehörte und den jeweiligen Gemeindehirten als Dienstwohnung zur Verfügung gestellt wurde.

Was die Art der landwirtschaftlichen Produkte angeht, so wurden hauptsächlich Roggen, Hafer, Kraut und Weinstöcke angepflanzt, bedeutend war auch die Heuernte. Jährlich wurden durchschnittlich 50 Muth Roggen1, 80 Muth Hafer2 und 120 bis 130 Eimer Wein3 geerntet. Handel wurde von den Gramatneusiedler Bauern mit dem Roggen, dem Kraut, dem Wein und dem Heu getrieben.4

Aus der Tabella von 1754 erfahren wir von der Existenz einer Lederwerkstätte, die dem Wiener Weißgerber Johann Wibmer gehörte. Es werden für Gramatneusiedl drei Handwerker genannt, und zwar ein Schmied, ein Schuster und ein Leinenweber, der zur Viertellade von Pottendorf gehörte. Außerdem hatte ein Einheber von Tabakzöllen hier seinen Unterstand und Station.

Die Inleute machten 1754 fast ein Drittel der gesamten Ortsbevölkerung aus. Ein knappes Viertel von ihnen besaß Überländ-Ackergrundstücke oder Weingärten.5 Sie und die übrigen waren auf Taglohnarbeit und Gelegenheitsarbeiten bei den Bauern oder am herrschaftlichen Hof angewiesen. Die Ausübung eines Handwerks oder die Stelle des Gemeindeviehhirten erleichterten einen Teil der Inleute die Beschaffung des Lebensnotwendigsten.

Der Mühlenbetrieb erlebte unter dem neuen Müller, dem 1754 zuerst genannten Ignaz Osman, einen großen Auf-

1) = ca. 92000 Liter.

2) = ca. 128000 Liter.

3) = ca. 7000 Liter.

4) vgl. Tabella von 1754. In: Grausam, Kirch, Chronik.

5) vgl. NÖLA, StA, Theresianische Steuerfassion Nr. 765.

36

schwung. Damals nannte man die Mühle an der Fischa »Ladenmühle«, weil sie aus Holz gebaut war. Osman riß sie nieder und baute sie aus festem Material neu auf. Dabei umschlossen zwei Gebäudetrakte einen rechtwinkligen Hof. Das Wohngebäude war mit einem Türmchen mit Uhr und einer eigenen Hauskapelle samt Priester versehen. Erzherzogin Maria Theresia stieg hier manchmal ab, wenn sie nach Mannersdorf ins Bad fuhr. Nach dieser Herrscherin benannte Osman die Theresienmühle, die er von Grund auf neu an der Piesting, an der Straße zwischen der Fischamühle und dem Dorf, bauen ließ. Osman starb 1778 als reicher Mann und wurde in der Gramatneusiedler Kirche in einer kleinen Gruft unmittelbar vor dem Marienaltar begraben.1

1771 wurde die erste Häusernummerierung in Gramatneusiedl eingeführt.2 Die Nummer 1 erhielt die Ladenmühle an der Fischa; die Nummerierung der übrigen 37 Häuser erfolgte reihum im Uhrzeigersinn, beginnend mit dem südlichsten Haus am Westrand der Straße Fischamend – Wr. Neustadt. Die nach 1771 erbauten Häuser erhielten die Nummer ab 39 in chronologischer Folge. Die Nummer 39 für die Theresienmühle ist ein Indiz dafür, daß dieser Betrieb zwischen 1771 und 1778 errichtet wurde.

Das Wege- und Straßennetz dieser Zeit glich in vielem dem heutigen: nach Moosbrunn führten ein Weg entlang des Hügels und einer in der Talsohle; der Weg nach Reisenberg, die heutige Hauptstraße, führte über zwei Holzbrücken und wurde von einer Baumallee begleitet; nach Mitterndorf

1) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. ebd.

37

ging die Straße durch heutige Feldgasse, überquerte mittels einer hölzernen Brücke die Piesting und folgte der Fischa flußaufwärts; die Wege nach Velm und Ebergassing entsprachen der heutigen Trassenführung. Die Straßen und Wege waren zwar gut brauchbar, dies aber nur bei schöner Witterung.1

Aus der Josephinischen Steuerfassion erfahren wir eine Reihe von Flurnamen. Viele von ihnen waren bis in die jüngste Zeit gebräuchlich, einige werden noch heute verwendet. So finden sich die Bezeichnungen »Hinter denen Eignen«, »In Grundfeld«, »In Holzäckern«, »Das Breinfeld«, »An Steinrigln«, »Neuriß«, »Müllfeld«, »Am Paradeis«, »In der Scheiben«, »In Trenkfeld« und »In Kirchenfeld«.

In den 36 Jahren der Theresianischen Fassion waren vier Häuser in Gramatneusiedl gebaut worden, und zwar von der Gemeinde ein Wirtshaus, von Osman die Theresienmühle, von Georg Filz ein Kleinhäusel und vom Domherr Ruschko das Schulgebäude. Die 1754 erwähnte Lederwerkstätte war 1787 unbewohnt – der Betrieb war nach Himberg verlegt worden. Das Gebäude hatte Margarethe, Ignaz Osmans Witwe, gekauft, und wurde als Schuppen zur Aufbewahrung von Mühlgeräten verwendet.

Zwischen 1751 und 1787 müssen eine ganze Reihe von Männern in Gramatneusiedl eingeheiratet haben, weil nur mehr 48 % der Familiennamen, die im Josephinischen Kataster als Besitzer eines Bauergutes aufscheinen, auch im

1) vgl. Kriegsarchiv, Militärische Beschreibung von Österreich unter der Enns, Bd. 3, B IX a 242, und die dazugehörige Karte.

38

Theresianischen Kataster bereits genannt sind.1 Einige der Höfe mögen auch verkauft worden sein.

Die Rustikalgründe umfaßten insgesamt 879 Joch. Davon waren 1787 474 Joch Äcker, 309 Joch Wiesen, 74 Joch Hutweiden, 10 ½ Joch Weingärten, 6 ½ Joch Gärten, 4 Joch Auen und 1 Joch Schottergruben. Die Bauern besaßen damit 86 % aller Äcker, 82 % des Wiesenbestandes und 100 % der Weingärten, deren Bewirtschaftung gediegene Sachkenntnis und große Sorgfalt erforderte, was bei Frondienstleistungen nicht zu erwarten war, weshalb auch das Domkapitel von eigenen Weingärten absah. Als Ernteergebnis für 1787 wurde 84 6/8 Metzen Weizen,2 6316 2/8 Metzen Roggen3 und 6860 5/8 Metzen Hafer4 angegeben. Dabei erbrachte ein Joch Acker im Durchschnitt 11 15/16 Metzen5 und 1 Metzen ausgestreute Saat 3 15/48 Metzen6 Getreide. Die Wiesen erbrachten 1865 2/8 Zentner Heu und 107 7/8 Zentner Grummet. Die Weingärten lieferten 125 2/8 Eimer7 Wein.

1) 1787 lauteten die Namen der Untertanen: Ignaz Osman, Martin Puchner, Jakob Grießmüller, Florian Bergstaller, Maria Zimmermann, Mathias Spiglgraber, Margaritha Osmanin, Joseph Mitterer, Leopold Schottner, Andreas Schottner, Johannes Biberhofer, Johann Magerl, Sebastian Hofschneider, Joseph Renner, Johann Jebanschitz, Jakob Weber, Johann Georg Biberhofer, Georg Filz, Johann Georg Wohlschlager, Mathias Fischer, Joseph Zimmermann, Martin Rauscher, Georg Fink, Joseph Hartl, Georg Fischer, Georg Grötz, Jakob Fischer, Jakob Zimmermann, Konrad Schell, Mathias Grießmüllers Erben, Joseph Schramseiß, Franz Suchentrunk und Michael Tröger.

2) = ca. 5200 Liter.

3) = ca. 388 000 Liter.

4) = ca. 422 000 Liter.

5) = ca. 635 Liter.

6) = ca. 205 Liter.

7) = ca. 7000 Liter.

39

Die Familie Osman war auch nach dem Tod des Müllers Osman die reichste in der Ortschaft. Die Josephinische Fassion verzeichnete sie als Besitzer der Ladenmühle, der Theresienmühle, des Hauses Nr. 20, des Hauses Nr. 26, von ca. 65 Joch Ackerland, von ca. 38 Joch Wiesen und ca. 4 Joch Au.1

Der Franziszeische Steuerkataster2 verzeichnet 1820 29 Halblehen, 3 Ganzlehen, 1 Viertellehen, 4 Kleinhäusel und zwei Mühlen. Das bedeutet eine Abnahme der Ganzlehen zugunsten der Halblehen und Kleinhäusel gegenüber 1751. Die Gemeinde besaß nun zusätzlich zu dem Halterhaus und dem Wirtshaus eine eigene Mühle, »Kibitzmühle« genannt, die 1807 zum ersten Mal aufscheint und 1820 an den Müller Paul Schiedl verpachtet war.

Über den Grundbesitz der einzelnen Bauern im Jahre 1820 soll die nun folgende Tabelle Auskunft geben:

1) vgl. NÖLA, StA, Josephinische Steuerfassion UW 17.

2) vgl. NÖLA, StA, Franziszeischer Steuerkataster UW 93.

40

Haus-

nummer

Art des Hauses (Gutes)

Besitzer im Jahr 1820

Gründe (in Joch)

 

Anmerkungen

 

 

 

Äcker 

Weingärten 

Wiesen 

Krautgärten 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1

Mühle

Johann Wohlgemut

3

4

»Ladenmühle«

2

Halblehen

Georg Renner

11 ½

¼

2 ½

3/8

 

3

Halblehen

Mathias Spiegelgraber

11 ½

¼

3

5/8

 

4

Halblehen

Michael Fischer

10 ½

½

3 ½

3/8

 

5

Halblehen

Barbara Zimmermann

10 ½

3/8

3

½

 

6

Halblehen

Johann Bergstaller

10 ½

2 ½

¼

 

7

Halblehen

Georg Biberhofer

7 ½

2 ½

¼

 

8

Halblehen

Georg Schorn

12 ½

3/8

4

5/8

 

9

Halblehen

Joseph Buchner

11 ½

¼

3 ½

½

 

10

Halblehen

Johann Schiedler

11 ½

2 ½

¼

 

11

Halblehen

Florian Fischer

15 ½

¼

6 ½

¾

 

12

Halblehen

Mathias Wagner

12

3

3/8

 

13

Halblehen

Franz Harrer

3

3/8

Harrer übte den Beruf eines Zimmermanns aus

14

Halblehen

Johann Zimmermann

10

3 ½

½

 

15

Halblehen

Michael Hochleitner

11 ½

3 ½

3/8

 

16

Halblehen

Anton Stohlberger

12

3 ½

3/8

 

41

17

Halbleben

Michael Hintermayer

15 ½

¼

4

3/8

 

18

Herrschaftlicher Hof

Wiener Domkapitel

86 ½

57 ½

¼

Dienstwohnung des herrschaftlichen Jägers

19

Gemeinde-

gasthaus

Gemeinde

 

 

20

Ganzlehen

Joseph Brauneder

20 ½

7

¾

 

21

Halblehen

Mathias Buchner

11

½

3 ½

½

 

22

Halblehen

Joseph Grießmüller

16 ½

¼

6 ½

5/8

 

23

Halblehen

Mathias Hochleitner

13

3/8

3 ½

1/8

 

24

Halblehen

Jakob Zimmermann

18

¼

4 ½

½

 

25

Halblehen

Lorenz Spiegelgraber

10 ½

3/8

2

3/8

 

26

Halblehen

Florian Fischer

10 ½

3

 

27

Halblehen

Joseph Mitterer

12

3/8

4 ½

3/8

 

28

Viertellehen

Georg Bergstaller

11

¼

3

1/8

 

29

Halblehen

Franz Grießmüller

10 ½

3 ½

½

 

30

Ganzlehen

Johann Biberhofer

33 ½

¼

8

½

 

31

Halblehen

Franz Grießmüller

10 ½

¼

3

7/8

 

42

32

Halterhaus

Gemeinde

Dienstwohnung des Gemeindehirten

33

Schule

Gemeinde

 

34

Ganzlehen

Johann Seifner

21

3/8

4 ½

3/8

 

35

Halblehen

Joseph Muschky

11 ½

¼

3

¼

 

36

Halblehen

Johann Iewanschitz

14 ½

2 ½

1/8

 

37

Halblehen

Ignaz Weber

17

4

3/8

 

38

Halblehen

Georg Biberhofer

17

½

4

¾

 

39

Mühle

Johann Nußdorfer

¼

¾

»Theresienmühle«

40

Kleinhäusel

Jakob Fleischmann

 

41

Kleinhäusel

Jakob Zimmermann

 

42

Kleinhäusel

Andreas Schottner

3 ¼

1 ½

 

43

Kleinhäusel

Michael Hampl

 

44

Gemeindemühle

Gemeinde

»Kibitzmühle«

43

Die Gemeinde verfügte über folgenden Grundbesitz: über 15 ½ Joch Ackerland, 125 Joch Wiesen und 212 ½ Joch Hutweide, die als Gemeindeweide diente.

Der franziszeische Steuerkataster verzeichnet somit 4 Bauernlehen mit einem Grundbesitz unter 10 Joch, 14 mit 13 bis 15 Joch, 9 mit ca. 16 bis 17 Joch, 6 mit 20 bis 24 Joch und 3 mit über 25 Joch. Drei Bauern besaßen 1820 gleich zwei Halblehen. Johann Biberhofer hatte mit 42 Joch das größte Ganzlehen inne.

Ein Beichtregister des Jahres 18231 verzeichnet für Gramatneusiedl 263 Einwohner, davon waren 192 hausansässige Personen, 15 Kleinhäusler, 27 Knechte und Mägde und 29 Inwohner. Dies bedeutet gegenüber 1754 eine bedeutende Abnahme der Zahl der Inwohner, die nun nur mehr ca. 11 % der Bevölkerung ausmachen. Um den dadurch entstandenen Mangel an Arbeitskräften wieder auszugleichen, wurden von den Bauern verstärkt Knechte und Mägde herangezogen, deren Zahl dadurch auf das Dreifache angestiegen war. Ob und inwieweit bei diesem Wandel die Auflösung des Eigenwirtschaftsbetriebes des Domkapitels eine Rolle spielte, ist nach den herangezogenen Quellen nicht abzuschätzen.

Die 29 Inwohner des Ortes lebten 1823 in sieben Familien zusammen. Sie wohnten entweder in einem eigenen Haus, das ihnen und den Knechten und Mägden der Bauer zur Verfügung stellen konnte, wenn dieser über zwei Wohnhäuser verfügte, oder sie lebten zusammen mit dem Bauern und seiner Familie am selben Hof. Drei der Inwohnerfamilien hatten kleinen

1) vgl. Beichtregister von 1823. In: Grausam, Kirch, Chronik.

44

Grundbesitz unter einem Joch, eine ernährte sich vom Schneiderhandwerk.

Von den vier Kleinhäuslerfamilien hatte eine einzige Grund und Boden als Eigentum im Ausmaß von 5 Joch, eine zweite war eine Schneidermeisterfamilie. Sonst waren sie wohl wie die Inwohner auf Taglohnarbeit und andere Zusatzverdienste angewiesen. In diesen ärmeren sozialen Schichten wurden oft Ziehkinder aufgenommen: Alle fünf in Gramatneusiedl lebenden »Findelkinder« oder »angenommenen Kinder« lebten bei Kleinhäuslern, beim Viehhirten der Gemeinde und beim Lehrer.

35 % der Bauernwirtschaften waren auf die Hilfe von Knechten und Mägden angewiesen. Es ist dabei die Tendenz feststellbar, daß von den Bauern der Arbeitskräftebedarf zuerst durch die eigenen halberwachsenen und erwachsenen Kinder und die noch arbeitsfähigen Ausnehmer gedeckt wurde, und erst in weiterer Folge durch Knechte und Mägde. Dienstboten kam vor allem dann eine bedeutende Rolle zu, wenn die Bauernsleuten [!] noch jung, aber bereits elternlos waren, ihre Kinder aber noch zu klein oder schulpflichtig. Die Knechte und Mägde stellten weniger eine eigene soziale Schicht dar, sondern waren in ihrer überwiegenden Mehrzahl eine Altergruppe der 14– bis 30–jährigen Söhne und Töchter der ärmeren ländlichen Bevölkerung.

1823 wurde in Gramatneusiedl ein Haus von durchschnittlich 5,3 Menschen bewohnt. Im gemeindeeigenen Halterhaus lebten 13 Personen: ein Schneider mit Frau und fünf Kindern, die vierköpfige Familie des Hirten und zwei weitere Haltergehilfen.

Die Häuser der Bauern waren damals alle in der Form

45

von Streck- oder Hakenhöfen erbaut. Sie waren mit Stroh gedeckt, nur das herrschaftliche Schloß und die Kirche trugen ein Schindeldach.1

Für diesen Zeitabschnitt sind folgende Männer im Amt des Ortsrichters nachweisbar: von 1669 bis 1677 Paul Klostermayer, von 1677 bis 1712 Jakob Krabath, von 1713 bis 1718 Georg Fischer, von 1718 bis 1724 Jakob Weber, von 1736 bis 1746 Johann Biberhofer, von 1747 bis 1761 Mathias Fischer, von 1762 bis 1774 Lorenz Hartl, von 1774 bis 1782 Jakob Zimmermann, von 1782 bis 1786 Johann Georg Biberhofer, von 1786 his 1790 Johannes Biberhofer, von 1790 bis 1804 Jakob Grießmüller, von 1804 bis 1813 Josef Biberhofer und von 1814 bis 1818 Jakob Zimmermann.2

Entsteht hier beim Leser vielleicht das Bild einer ruhigen Entwicklung, so ist es sogleich zurechtzurücken und aufeinige der vielen Nöte und Bedrängnisse der Bevölkerung hinzuweisen:

Nach Türkensturm und Kuruzzeneinfällen brachte die Franzosenzeit schwere Prüfungen für Gramatneusiedl: Einquartierungen in den Jahren 1801, 1805 und 1809 bedeuteten schwere finanzielle Belastungen. 1809 begingen die französischen Besetzer zudem noch »arge Excesse«3.

Großfeuer sind für diese Zeit zweimal verzeichnet: Am 21. Juli 1805 brannten das Gemeindewirtshaus und das benachbarte Haus Nr. 20 ab, am 7. November 1817 die Häuser Nr. 27 bis 30. Als Ursache wurde die Unvorsichtigkeit eines Knechts genannt, der nach Mitternacht ausfuhr und das Licht

1) vgl. Schweickhardt, Darstellung S. 3f.

2) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

3) Grausam, Gramatneusiedl, S. 8.

46

auszulöschen vergaß.

Während es seit der Mitte des 18. Jahrhunderts gelang, die Pestepidemien zurückzudrängen, trat im 19. Jahrhundert an ihre Stelle eine andere gefährliche Seuche: die Cholera. 1831 trat diese Krankheit auch in Gramatneusiedl auf. In aller Eile wurde ein eigener Cholerafriedhof geschaffen, er mußte aber glücklicherweise nicht belegt werden.1

Mit dem Jahr 1820 begann die völlige Umstrukturierung der Ortsgemeinschaft einzusetzen: Durch die Errichtung zunächst einer Flachsspinnfabrik, dann einer Baumwollspinnfabrik sollte das Bauerndorf sich zum Industrieort entwickeln.

3. Die Anfänge der Marienthaler Textilfabrikation (1820–1840):

Noch 1820 kaufte der Kärntner Franz Wurm die Theresienmühle von Johann Nußdorfer. Wurm aber gehörte wohl zu den bemerkenswertesten Persönlichkeiten seiner Zeit: 1786 in Ebenthal bei Klagenfurt als Sohn eines Gärtners geboren, erhielt er bei seinem Onkel und dessen Schwager in Hüttenberg und Guttaring Gelegenheit, sein ungewöhnliches Talent in der Mechanik zu entwickeln und zur Geltung zu bringen. Bald trat er durch eigene Erfindungen im Berg- und Hüttenwesen hervor. Als Kaiser Napoleon auf die Erfindung einer Flachsspinnmaschine den Preis von einer Million Franken aussetzte, bewarb er sich darum. 1812 war die erste Maschine Wurms vollendet. Wurm begab sich nun nach Wien. Mittlerweile aber hatte der Rückzug Napoleons aus Rußland stattgefunden, und nun war bald

1) vgl. Kummerer, Moosbrunn S. 51–53 und Grausam, Kirch, Chronik.

47

der Pariser Preisausschreibung ein Ende gesetzt. Der Erfinder war nun genötigt, den Lohn für seine Mühen in praktischer Anwendung seiner Spinnmaschine zu suchen. Doch fand er von seiten der österreichischen Regierung keine Unterstützung. Nach vielen Versuchen konnte Wurm eine Aktiengesellschaft bilden, und in der Gramatneusiedler Theresienmühle eine Flachsspinnfabrik anlegen.1

Wurm fand in Gramatneusiedl für seine Fabrik günstige Bedingungen vor: einmal boten die im Winter eisfreien Alpenflüsse mit ihrer reichen, regelmäßigen Wasserführung in dieser entscheidenden Frühphase des Fabrikswesens einen idealen Standort, dann herrschte hier in der Feuchten [!] Ebene das richtige Klima, um die Garne stets geschmeidig zu halten, auch war die Nähe zu Wien und zu den Transportwegen nach Ungarn überaus günstig,2 und nicht zuletzt waren mit der Mühle gleich die notwendigen Baulichkeiten vorhanden.

Die Fabrik wurde bald nach ihrer Gründung »Marienthal« genannt. Dieser Name wurde in der Folge auf die ganze Fabrikskolonie ausgeweitet. Er leitet sich entweder von einem Marienbild ab, das dort auf einem Akazienbaum angebracht war, oder vom Namen Erzherzogin Maria Theresias, wie es schon bei der Theresienmühle der Fall war.3

Das Beichtregister des Jahres 1823 zählt für die Fabrik folgende Beschäftigte auf: den Direktor Franz Wurm, den Spinnmeister Andreas Pannagl, den »Trakter« Georg Krucht,

1) vgl. Wurzbach, Lexikon, Bd. 58 [recte 57; Anm. R.M.], S. 278.

2) vgl. Wolfgang Schwarz, Das Wiener Becken, ein alter Industrieraum. Eine dynamische Länderkunde des niederösterreichischen Industrieviertels (Phil. Diss. Wien 1968) 105f.

3) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

48

einen Tischler- und einen Seilergesellen und 15 Arbeiter. Sieben dieser Arbeiter waren Kinder im Alter zwischen 11 und 14 Jahren. Zwei Arbeiter stammten aus Gramatneusiedl.1 Laut Wurzbach2 stieg die Zahl der Beschäftigten auf 120 an.

Die Flachsverarbeitung gestaltete sich in der Gramatneusiedler Fabrik mit den von Wurm erfundenen Maschinen folgendermaßen: Bevor der Flachs versponnen werden konnte, mußte er gebrechelt und gehechelt werden. Brecheln diente dazu, die Flachsstengel von den holzigen Teilen zu befreien. Wurm hatte eine Brechmaschine erfunden, die mehr als zwei Handbrechen leistete. Seine Hechelmaschine, von der die Feinheit des Flachses abhing, hechelte pro Tag drei Zentner Flachs. Dann wurde der so gereinigte Flachs dem Bandmaschine ausgesetzt, auf welcher er durch Walzen eine Bandform erhielt. Die Duplier-, Streck- und Trailliermaschinen waren von Franz Wurm ähnlich den entsprechenden Baumwollverarbeitungsmaschinen konstruiert worden. Über eine Locken- und Vorspinnmaschine wurde der Flachs endlich den Feinspinnmaschinen zugeführt. Der Vorteil dem Feinspinnmaschinen Wurms bestand darin, daß das Material in seiner ursprünglichen Länge und vor allem vollkommen trocken zum Faden verarbeitet wurde, wodurch den bei nassen Gespinsten schwer zu vermeidenden Zerstörungen durch Fäulnis völlig aus dem Wege gegangen wurde. Die Fabrik verfügte auch über Maschinen zur Verfertigung von Spagat oder Bindfaden aus Werg und über Maschinen zum Zwirnen dem Garne. Durch all diese Erfindungen

1) vgl. Beichtregister von 1823. In: Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. Wurzbach, Lexikon, Bd. 58 [recte 57; Anm. R.M.], S. 278.

49

wurde bei der Flachsbearbeitung jegliche Handarbeit überflüssig. Die besonderen Vorteile der Maschinen Wurms lagen überdies darin, daß sie – wegen ihrer Ähnlichkeit mit Baumwollverarbeitungsmaschinen – in kurzer Zeit und mit geringen Kosten zu solchen umgestaltet werden konnten und umgekehrt.1

Doch trotz des Erfolges der Wurmschen Erfindungen fehlte es nicht an Nachwehen: Darunter befand sich ein Prozeß mit den aus Frankreich kommenden Brüdern Girard, die eine Flachsspinnerei in Hirtenberg eröffnet hatten und – im Gegensatz zu Wurm – großzügige Unterstützung durch Franz II. erfuhren.2 Die Girards beanspruchten für einzelne Punkte der Erfindungen Wurms das Vorrecht. Wurm gewann zwar den Prozeß, doch sein privates Vermögen und die Kapitalien der Gramatneusiedler Fabrik wurden aufgezehrt. Dazu kam noch, daß Franz Wurm nie mit dem Erreichten zufrieden war, sondern in immer neuen Versuchen Verbesserungen an seinen Maschinen durchführen wollte. So führte er zum Beispiel eine neue chemische Bleiche ein, die mehr als hunderttausend Strähnen zwar sehr weiß färbte, die aber nur kurze Zeit haltbar waren und dann wie mürber Zunder zerfielen. Diese Versuche kosteten aber nicht nur viel Geld, sondern störten auch den Betrieb. Der Geldmangel ließ Wurm schließlich zum Äußersten greifen: er fälschte Banknoten. Der Schwindel flog am 10. März 1826 auf – und dies bedeutete natürlich den Todesstoß für die Marienthaler Flachsspinnfabrik.3

1) vgl. Systematische Darstellung dem neuesten Fortschritte in den Gewerben und Manufacturen und des gegenwärtigen Zustandes derselben. Mit besonderer Rücksicht auf den österreichischen Kaiserstaat, ed. Stephan von Keeß, W. C. W. Blumenbach, Bd. 1 (Wien 1829) 99–110.

2) vgl. Herbert Matis, Die Manufaktur und frühe Fabrik im Viertel unter dem Wienerwald. Eine Untersuchung dem großbetrieblichen Anfänge vom Zeitalter des Merkantilismus bis 1848 (Phil. Diss. Wien 1964) 332.

3) vgl. Gustav K. Bienek, Patriot und Verbrecher. Ein altösterreichisches Erfinderschicksal. In: Arbeiterkalender (1946) 113–116.

50

Über das weitere Schicksal Franz Wurms nur kurz folgendes: Er wurde am 31.3.1827 zum Tod durch den Strang verurteilt, jedoch im August desselben Jahres zu lebenslangem Kerker begnadigt. Im Gefängnis machte er sich durch weitere Erfindungen einen Namen, bis ihm schließlich vollends die Strafe erlassen und er freigelassen wurde. Nun drängten sich viele Auftraggeber an ihn heran: Einer der für ihn ehrenvollsten Aufträge war die Ausführung und Herstellung des gesamten Maschine- und Werkbaues im k[aiserlich] k[öniglichen] neuen Münzgebäude zu Wien und im kaiserlich-russischen Münzgebäude. 1860 verstarb Wurm im Alter von 74 Jahren, als verdienstvoller Mann verehrt, in Wien.1

Die Fabrik in Marienthal stand nun einige Jahre still, bis sie am 5. Dezember 1832 von Franz Knapp an Hermann Todesco verkauft wurde. Todesco, geboren zu Preßburg 1792 [recte Wien 1791; Anm. R.M.], war der Sohn israelitischer Eltern. Er wurde für den Handelsstand herangebildet, in welchem er es rasch vorwärts brachte. Von einem weitverzweigten Seiden- und Garngeschäft, welches er anfänglich betrieb, war er nun dabei, zu industriellen Unternehmungen überzugehen.2 1830 erhielt er von der niederösterreichischen Landesregierung die Erlaubnis für die Errichtung einer Fabrik in Gramatneusiedl unter dem Namen »K.K. privilegierte Marienthaler Baumwoll-Gespinnst

1) vgl. ebd. und Carl Güntner, Maschinenwesen. In: Beiträge zur Geschichte der Gewerbe und Erfindungen Österreichs, ed. Wilhelm Franz Exner, Bd. 2 (Wien 1873) 10.

2) vgl. Wurzbach, Lexikon, Bd. 45, S. 224f.

51

und Woll-Waaren-Manufactur-Fabrik«.1 1832 wurde ihm vom Staatsrat endlich die endgültige Besitzberechtigung erteilt.2

Der Besitz wird im Grundbuch so beschrieben: Die Spinnfabrik mit allen Nebengebäuden und Grundstücken umfaßte »links das alte Wohngebäude, dann rechts beim Eingange mehrere Wohnungen, Stallungen und Vorratskammern, dann eine große Werkschupfe, 2 kleine Küchengärten vor dem Einfahrtstor, 1001 Klft.2 Wiesen, dermalen englische Gartenanlage, ferner der Wiesgrund zwischen der Fischa und Piesting und dem Gramatneusiedler Weg, den Wiesgrund von 847 Klft.2 an der Piesting, worauf die Johanneskapelle steht, endlich 3 Joch 400 Klft.2 Ackerland, dann die auf obigen Wiesgrund zwischen der Fischa und Piesting stehenden Kleinhäusl und Schmiede, … eine Lederwalk dermalen Kleinhäusel zu Gramatneusiedl3 Todesco ließ diese alte Gebäudeanlage niederreißen und erbaute an ihrer Stelle ein dreigeschoßiges Gebäude mit hufeisenförmigem Grundriß und dem ersten Ziegeldach des Ortes.4 Dieses Haus trägt heute die Bezeichnung »Altgebäude«. Die englische Gartenanlage, die oben erwähnt ist, wurde zum Fabrikspark, der den Arbeitern zur Erholung diente.

Todesco unternahm in der Folge mit seinen vier Söhnen, Maximilian, Eduard, Moritz und Adolph, nun längere Reisen nach jenen Ländern, in denen das Fabriks- und Maschinenwesen

1) vgl. WStLA, Merkantilgericht, 1. R, 170 Todesco.

2) vgl. HHStA, Staatsratsprotokoll, 5494/4439 ex 1832 III 397.

3) WStLA, Grundbuch Nr. 552/2, Fol. 82f.

4) vgl. Schweickhardt, Darstellung S. 3f und Franz Schweickhardt, Perspectiv-Karte des Erzherzogthums Österreich unter der Ens [!] (Wien o.J.) Section 25.

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bereits weiter entwickelt war, machte sich mit den dortigen Einrichtungen bekannt und führte sie in seiner Fabrik ein. Er entwickelte auch selbst technische Neuerungen, um den Produktionsprozeß zu rationalisieren.1

1835 bestand der Betrieb bereits aus einer Baumwollspinnerei mit 6500 Spindeln und einer Maschinenweberei mit 80 Webstühlen, auf welchen das erzeugte Garn zu Barchent2 verarbeitet wurde. In der Fabrik standen auch drei Schlichtmaschinen und mehrere Rauhmaschinen.

Damals waren bei der Spinnerei 286 und bei der Weberei 73 Menschen beschäftigt, wobei die letzteren wöchentlich 650 Ballen á 30 Ellen3 Barchent erzeugten.4

Hermann Todesco war nicht nur ein tüchtiger Unternehmer, sondern auch ein Menschenfreund. Die Höhe seiner Spenden für humanitäre Zwecke erregte zu seiner Zeit allgemeine Aufmerksamkeit. In Marienthal gründete er 1833 eine Fabriksschule. Die Schule, ein ebenerdiger Bau, stand gegenüber dem Fabriksgebäude jenseits der Piesting.5 Der Unterricht dauerte täglich zwei Stunden, und zwar erfolgte er zwischen 13 und 15 Uhr für die größeren, zwischen 8 und 10 Uhr für die jüngeren Schüler. Er wurde vom Gramatneusiedler Lehrer erteilt, dem die Schüler dafür das übliche Schulgeld entrichten mußten. An Sonn- und Feiertagen gab der Moosbrunner Pfarrer den Kindern Religionsunterricht.6

1) vgl. Renate Wagner-Rieger, Mara Reissberger, Theophil Hansen (= Die Wiener Ringstraße. Bild einer Epoche 8, 4, Wiesbaden 1980) 297.

2) = ein geköpertes, einseitig rauhes Gewebe.

3) 30 Ellen = ca. 23 Meter.

4) vgl. Bericht über die erste allgemeine österreichische Gewerbeproducten-Ausstellung im Jahre 1835 (Wien o.J.) 66.

5) vgl. Grausam, Gramatneusiedl S. 9.

6) vgl. Josef Johann Knolz, Darstellung der Verfassung und Einrichtung der Baumwoll-Spinnerei-Fabriken in Niederösterreich (Wien 1843) 80–83.

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4. Die Gründung der Gramatneusiedler Schule (1762–1840):

Vor 1762 mußten schulwillige Kinder nach Moosbrunn in die dort befindliche Pfarrschule gehen, die seit der Reformationszeit bestand.1

1762 ließ der Wiener Domherr Georg Ignaz Ruschko2 neben der Gramatneusiedler Kirche ein Schulhaus erbauen. Im Gebäude befanden sich ein Lehrzimmer und die Lehrerwohnung, die aus einem Zimmer und einem Kabinett bestand. Zusätzlich spendete der Domherr die Summe von 3250 Gulden, um den Lehrergehalt sicherzustellen.3 Da die Gramatneusiedler Schulgründung für den Moosbrunner Lehrer natürlich eine Schmälerung seines Einkommens bedeutete, erhielt dieser von der Gemeinde Gramatneusiedl eine Entschädigung.4

Anläßlich der Schulstiftung erließ Ruschko am 31. Dezember des Gründungsjahres eine »Instruction. So ein jehmaliger Schulmeister zu Grämätneusidl, Dom Capitlischer Herrschaft zu allen Zeiten zu befolgen haben wird«5. Der Lehrer sollte Knaben und Mädchen im Lesen, Schreiben, Rechnen und »ganz besonders in Christenthum, in christkathol. Lehr« unterrichten. Ungehorsame Kinder sollten vom Lehrer vor allem mit Worten ermahnt werden, ehe sie gezüchtigt wurden, und auch dies sollte ohne Grausamkeit geschehen. Außer der Unterrichtsarbeit hatte der Lehrer laut »Instruction«

1) vgl. Tabella von 1754. In: Grausam, Kirch, Chronik.

2) Ein Ölbild mit dem Porträt des Domherrn befindet sich heute in der Gramatneusiedler Volksschule.

3) vgl. Schulgründung im Jahre 1762. In: Pfarrblatt St. Peter und Paul (Aug.-Dez. 1961) 3.

4) vgl. Kummerer, Moosbrunn S. 27.

5) Abgedruckt in: Schulgründung im Jahre 1762. In: Pfarrblatt St. Peter und Paul (Aug.-Dez. 1961) 3–8.

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folgende Aufgaben zu erfüllen: die Oberaufsicht bei Bränden, das Reinigen der Kirche, das Läuten der Glocken, das Vorbeten und Vorsingen bei Prozessionen und während des Gottesdienstes, das Abhalten der Rosenkranzandachten, die Aufsicht über die Kirchenuhr und das Begleiten des Pfarrers bei Versehgängen und bei Begräbnissen zum Moosbrunner Friedhof. Zudem mußte der Gramatneusiedler Lehrer einen vorbildlichen Lebenswandel führen und vor allem dem Herrn Pfarrer und dem Lehrer von Moosbrunn jeden Respekt erweisen. Für all dies bekam er vom Stifter die ersten drei Jahre des Bestandes der Schule 30 Gulden und von der Gemeinde Gramatneusiedl 20 Metzen Korn1 zum Lohn. Danach erhielt er aus der Ruschkoschen Stiftung 72 Gulden. Zusätzlich durfte der Lehrer von seinen Schülern zwischen einem und zwei Gulden jährlich an Schulgeld fordern, je nachdem, ob sie Lesen, Schreiben oder Rechnen lernen wollten. Sechs arme Kinder mußte er aber kostenlos unterrichten. Der Domherr stiftete auch eine Witwenrente für die Lehrersfrau.

1788,2 sechsundzwanzig Jahre nach der Errichtung der Schule in Gramatneusiedl und vierzehn Jahre nach Einführung der Schulpflicht, gingen von 21 schulfähigen Kindern 18 tatsächlich zur Schule. Die drei Kinder, die nicht von ihren Eltern zur Schule geschickt wurden, waren Mädchen, bei denen die Eltern Schulgeld und Zeitversäumnis

1) = ca. 1200 Liter.

2) Soweit nichts anderes angegeben ist, stammen die nun folgenden Daten aus dem NÖLA, RegA., Schulfassionen, Pfarre Moosbrunn.

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für eine Fehlinvestition hielten. 1814 scheint es auf diesem Gebiet keine Schwierigkeiten mehr gegeben zu haben: 21 Schulpflichtige besuchten die Schule. 1832 betrug die Zahl der Schulkinder 30, 1835 32.

Die Eltern mußten für jedes Kind, das die Gramatneusiedler Schule besuchte, dem Lehrer 1788 monatlich sieben Kreuzer bezahlen. 1814 betrug das monatliche Schulgeld zwölf Kreuzer, und bis 1832 stieg es auf 20 Kreuzer. Wegen Armut oder besonderem Kinderreichtum waren Befreiungen vom Schulgeld möglich. Die Zahl dieser Schüler betrug 1788 6,1814 0, 1832 6 und 1835 2.

Der Religionsunterricht scheint in Gramatneusiedl auch nach 1774 im Vordergrund gestanden zu haben – gemäß den Bestimmungen des Schulgünders [!] und wohl auch im Sine der Grundherrschaft. So gab es 1788 in der Schülerlade, aus der armen Kindern unentgeltlich die benötigten Lehrbücher geliehen wurden, nur drei Evangelien. Als »abgängig« werden zwei »ABC Büchlein«, zwei »Namenbüchl«, zwei Lesebücher und ein Evangelium genannt.

An der Schule wirkten in diesem Zeitraum zwei Lehrkräfte: der Schulmeister, der alle weltlichen Fächer unterrichtete, und der Religionslehrer, der Kaplan des Moosbrunner Pfarrers oder der Pfarrer selbst. Dem Pfarrherrn selbst kam es laut »Instruction« zu, die Schüler zu examinieren.

Der Lehrer war allein der Herrschaft von Gramatneusiedl, dem Wiener Domkapitel, verantwortlich; nur dieser stand es zu, ihn anzustellen oder abzusetzen. Laut »Instuction« konnten auch Beschwerden von seiten der Gemeinde oder des Pfarrers oder Kaplans von Moosbrunn zur Absetzung des Lehrers führen.

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Die Gramatneusiedler Lehrereinkünfte betrugen 1788 138 Gulden 15 Kreuzer, 1814 213 Gulden 26 Kreuzer und 1832 263 Gulden 14 Kreuzer. Dies war im 19. Jahrhundert bedeutend mehr als das gesetzliche Minimum, das unter Kaiser Joseph II. mit 130 Gulden im Jahr bestimmt worden war, dennoch, wenn man bedenkt, daß der Mindestgehalt der Kapläne 300 Gulden betrug, und diese Geistlichen, obwohl sie für keine Familie zu sorgen hatten, immer wieder darüber klagten, hiervon nicht leben zu können, mag man ermessen, in welch gedrückter sozialen Stellung die Lehrerschaft damals lebte.

Der überwiegende Tell der Lehrereinkünfte stammte aus der Ruschkoschen Stiftung: er betrug von 1788 bis 1832 105 Gulden, sank aber 1835 auf 50 Gulden herab. Die nächste bedeutende Einnahme war das Schulgeld, das zwischen 19 Gulden 15 Kreuzem und 88 Gulden schwankte. Von erheblicher finanzieller Bedeutung waren auch die Wetterläutgebühren, die den Schulmeistern auch dann entrichtet werden mußten, als seit Joseph II. das Anschlagen der Glocken bei herannahenden Gewittern unterblieb, da man erkannt hatte, daß es sinnlos war. 1814 und 1832 wurden von 32 Häusern zusätzlich Hausbeiträge von insgesamt 16 Gulden geleistet. Einkünfte von Mesnerdienst, die seit 1814 verzeichnet werden, spielten nur eine untergeordnete Rolle, vermutlich deshalb, weil laut »Instruction« der Mesnerdienst zu den von der Stiftung Ruschkos abgegoltenen Pflichten des Lehrers gehörte. Kaum nennenswert waren die Beiträge von der Herrschaft oder von privaten Stiftungen.

Von seinen Einnahmen hatte der Lehrer die Kosten der Säuberung des Schulgebäudes zu bestreiten. Für die Beheizung

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zahlte 1788 die Gemeinde 10 Gulden 30 Kreuzer, 1832 das Wiener Domkapitel 12 Gulden 30 Kreuzer.

Die Namen der Gramatneusiedler Lehrer lauten im hier behandelten Zeitabschnitt Karl Schäbl, Michael Parzer und Joseph Humann [!]. Der Letztgenannte wirkte 48 Jahre an dieser Schule – von 1801 bis 1849.1

5. Die Filiale Gramatneusiedl während des Barockkatholizismus und des Josephinismus:

Während des Türkensturmes 1683 wurde die Kirche ausgeraubt und als Pferdestall verwendet.2 In den Matriken fehlen von 1681 bis 1685 jegliche Aufzeichnungen. 1693 wurde dann eine Glocke, aus erbeuteten Türkenkanonen gegossen, gekauft, die in Reliefdarstellung »Christus am Kreuz« und »Maria mit dem Kind« zeigt. Sie steht heute unter Denkmalschutz.

1693 entsagte Melk, das bis damals der Patron der Pfarre war, dem Recht der Besetzung der Moosbrunner Priesterstelle. Das Kloster trat dieses Recht mit allen Verbindlichkeiten und Einkünften an Passau ab. Passau bestellte in der Folge Johann Georg Boll (1695–1706), Mathias Wurzer (1707–1722), Sebastian Fessl (1722–1723), Christoph Motzi (1723), Maximilian Graf [!] von Engelhausen (1724–1736) und Leonhart Hainzmann (1736–1768) als Pfarrer von Moosbrunn.3

Unter Pfarrer Hainzmann flammte der Streit um die Erfüllung des Stiftsbrief [!] von 1405 wieder auf. Wie schon nach 1663 war es der Gemeinde von Gramatneusiedl nicht genug,

1) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. ebd.

3) vgl. Kummerer, Moosbrunn S. 23 u. 84f.

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nur jeden dritten Sonntag in ihrer Kirche die Messe zu hören. Sie wandte sich daher an den Wiener Erzbischof, Kardinal [Sigismund von] Kollonitz, mit der Bitte um Intervention. Der Kardinal wies 1748 den Pfarrer an, in Gramatneusiedl wöchentlich zwei Messen zu lesen. Kollonitz mußte aber auf eine Eingabe des Generalvikars des Passauer Bischofs hin seine Anweisung zurücknehmen. Die Gramatneusiedler ließen aber nicht locker. Sie richteten nun ihre Bitte 1754 an die niederösterreichische Regierung, »worauf die Sach zu Ihro Kays. Majestät gediehen«1 ist. Maria Theresia wies die Gemeinde nicht ab, sondern unterstützte ihr Begehren. Nach mehreren Verhandlungen kam am 3.11.1758 ein Vergleich zwischen Gemeinde und Pfarrer zustande: Der Geistliche mußte sich verpflichten, vier Messen in der Woche in der Gramatneusiedler Kirche zu halten, wobei eine auf den Sonntag fallen mußte. Zwei dieser Messen sollten unentgeltlich sein, zwei jedoch mit 30 Kreuzern bezahlt werden. Jeden dritten Sonntag sollte ein gesungenes Amt mit Orgelspiel und mit Predigt oder Kinderlehr abgehalten werden. Die Bewohner Gramatneusiedls mußten dafür einwilligen, sich an hohen Festtagen, zu Prozessionen und Bittgängen und zweimal monatlich zum nachmittäglichen Gottesdienst in der Moosbrunner Pfarrkirche einzufinden; auch sollten sie ihre Kinder regelmäßig zum Religionsunterricht nach dem Pfarrort schicken. Da Pfarrer Hainzmann aber vor schwacher Gesundheit war und keinen Kaplan hatte, verzichtete die Filiale auf zwei Messen in der Woche.2

1) Kaiserin Maria Theresia entscheidet für Gramatneusiedl (1758). In: Pfarrblatt St. Peter und Paul (Jan.-Juli 1961) 2.

2) vgl. ebd. und Zur Geschichte Gramatneusiedls (1745).

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Unter Pfarrer Hainzmann und seinem Nachfolger Karl Wunderer (1768–1799) erfolgte die Innenausgestaltung der Gramatneusiedler Kirche in barockem Gewand, wie sie sich heute noch dem Auge darbietet.

1750 wurde der St. Peter-und-Paul-Hochaltar neu aufgebaut. 1774 wurde der »Maria-Hilf«-Seitenaltar neu aufgestellt. Um dieselbe Zeit wurde auch der »Johannes-Nepumuk«-Seitenaltar wieder hergerichtet. 1770 erfolgte die Anbringung einer neuen Kanzel, die aber 1975 abgenommen wurde.

Wie überall in Niederösterreich so wurden auch im Gebiet von Gramatneusiedl zu dieser Zeit Bildsäulen und Wegkreuze errichtet. Nur bei einem dieser Denkmäler sind wir über das Jahr der Aufstellung genau unterrichtet. 1764 errichtete man am Wallfahrtstag nach Maria Lanzendorf, gleich hinter dem Ort, eine Steinsäule mit der Darstellung der »Schmerzhaften Muttergottes«, die 1945 von russischen Soldaten zerschossen wurde. An der Straße nach Moosbrunn standen Statuen der Heiligen Petrus und Paulus; an ihrer Stelle wurde 1849 die »Grießmüllerkapelle« errichtet. Am nördlichen Dorfende war ein hölzernes Kreuz aufgestellt. An der Außenwand der Kirche steht bis heute eine Statue des Heiligen Johannes Nepomuk. Vermutlich dieser Zeit entstammen auch die Johanneskapelle an der Piesting und eine Johannesstatue an der Fischa, die 1945 zerstört wurde und an deren Stelle 1954 eine barocke Steinsäule der »Liebenswerten Mutter Maria« geweiht wurde.

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Ein weiteres Charakteristikum des Barockkatholizismus war die Ausgestaltung des Prozessions- und Wallfahrtswesens. In der Pfarre Moosbrunn wurden damals Fronleichnamsprozessionen, Prozessionen am Tag des hl. Markus1 und Bittprozessionen abgehalten. Außerdem wurden jährlich Prozessionen zu nahen Pfarr- und Wallfahrtskirchen veranstaltet, so am St. Florianstag2 nach Reisenberg, zu Mariä Verkündigung nach Lanzendorf »um Erhaltung der Feldfrüchte«, zu Mariä Geburt nach Loretto »um Abwendung von schädlichen Ungewittern«, am St. Michaelstag3 nach Hietzing »zur schuldigen Danksagung« und einmal nach Münchendorf »Wegen dem Vieh«4. Festlich wurden in Moosbrunn und Gramatneusiedl auch die Namenstage der Kirchenpatrone begangen.5

1783 wurde ein Pfarrkircheninventar errichtet, daß [!] uns auch über die Vermögensverhältnisse der Filiale Gramatneusiedl Auskunft gibt. Die Filialkirche besaß 12 Tagwerk Wiesen, die der Gemeinde um 14 Gulden verpachtet wurden, und einen Krautgarten, der den Kirchenvätern um 2 Gulden überlassen wurde. Zusätzlich hatte sie einen Hutweide-Zehent von 16 Joch Grund von zwei Untertanen, der 20 Gulden eintrug, und einen Grunddienst von einer Hofstatt mit 25 Kreuzern Ertrag.6

1) = 25. April.

2) = 4. Mai.

3) = 29. September.

4) Kummerer, Moosbrunn S. 29.

5) vgl. ebd. und Grausam, Gramatneusiedl S. 4f und Grausam, Kirch, Chronik.

6) vgl. NÖLA, RegA., Kirchliche Inventare und Fassionen, Pfarre Moosbrunn, Filiale Gramatneusiedl.

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Die Zahl der Seelenmesse-Stiftungen nahm um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert stark zu. Zuvor hatte nur Elisabeth Osman, die Mutter des Müllers Ignaz, der Gramatneusiedler Kirche per Testament 100 Gulden vermacht, damit bei der samstäglichen Rosenkranzandacht und in der Nacht von Samstag auf Sonntag Öllampen vor dem Hochaltar brennen konnten.1 Nun aber stiftete Michael Tröger 1796 drei Messen jährlich, Martin Rauscher 1801 vier, Michal Weber 1804 drei, Christine Hofschneider und Maria Fink ebenfalls 1804 je eine.2

1809 erlitten nicht nur das Wiener Domkapitel und die Dorfbewohner von der französischen Besatzung Schaden, sondern sogar die Kirche. Es wurden zwei Kelche, eine Monstranz und Paramente gestohlen; die Orgel wurde zerstört.3

Inzwischen war Matthäus Karner (1800–1811) Karl Wunderer im Pfarramt nachgefolgt. Die nächsten Pfarrer von Moosbrunn waren Lorenz Sixtus Thomas (1811–1825) und Anton Schalllerl (1826–1850).4 Pfarrer Schallerl begann 1830 damit, die erste Pfarrchronik anzulegen, nachdem vorher nur vereinzelt Gedenkprotokolle verfaßt worden waren.5

1) vgl. Zur Geschichte Gramatneusiedls 1763. In: Pfarrblatt St. Peter und Paul (Feb.-Dez. 1964) 5f.

2) vgl. NÖLA, RegA, Kirchliche Inventare und Fassionen, Pfarre Moosbrunn, Filiale Gramatneusiedl.

3) vgl. Grausam, Gramatneusiedl S. 8.

4) vgl. Kummerer, Moosbrunn S. 84f.

5) Leider waren für mich weder die Gedenkprotokolle, noch die erste Pfarrchronik einsehbar, da sie nach Aussage des jetzigen Pfarrers von Moosbrunn, Hrn. Johann Buszek, derzeit nicht auffindbar sind. Doch sind die Gramatneusiedl betreffenden Teile ihrer Inhalte in die Aufzeichnungen des bereits verstorbenen ersten Pfarrers von Gramatneusiedl, Herrn Konsistoralrat Georg Grausam, der sich sehr um die Erforschung der Ortsgeschichte bemühte, eingeflossen und uns in den bereits hier oft zitierten Schriften »Grausam, Gramatneusiedl« und »Grausam, Kirch, Chronik« erhalten.

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1832 errichtete der Bauer Franz Grießmüller zur Erinnerung an seinen Vater Jakob ein hölzernes Kreuz am Weg nach Moosbrunn. Das Wiener Domkapitel erteilte dazu die Erlaubnis mit der Auflage, daß es ein gut gemaltes Kreuzbild sein müsse und auf immer vom Aufsteller zu erhalten und zu pflegen sei. Die Weihe erfolgte am 20. April dieses Jahres.1

Vermutlich zur selben Zeit – vielleicht als Danksagung für die überstandene Choleragefahr – wurde an der Straße nach Velm am höchsten Punkt des Gemeindegebietes eine Dreifaltigkeitssäule errichtet.2

1) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. Grausam, Gramatneusiedl S. 4.

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VI. Die »Freie Gemeinde Gramatneusiedl« im Zeitalter Kaiser Franz Joseph I. (1840–1918):

1. Die »Freie Gemeinde« bis zum Ende des Ersten Weltkriegs:

Wie schon berichtet, ersteigerte am 12.11.1840 die Gemeinde die Herrschaft Gramatneusiedl. Da sie das benötigte Kapital nicht selber hatte, war sie genötigt, Kredite auszuleihen, zu deren Sicherung vierundzwanzig Bauernfamilien Hypotheken auf ihre Güter aufnehmen mußten. Es dauerte bis zum 8.4.1869, bis der Kredit gänzlich zurückgezahlt werden konnte, und die Lasten im Grundbuch gelöscht wurden.1

Die Räumlichkeiten des ehemals herrschaftlichen Schlosses beherbergten nach 1840 die Armen der Gemeinde, für die bereits 1839 die Gemeinde ein Kleinhäusel gekauft hatte, das nun an den Sattler Hind [recte Franz Heintl; Anm. R.M.] aus Himberg weiterverkauft werden konnte; ebenso wurde das Gemeindewirtshaus hierher verlegt, wobei das nun leerstehende Haus Nr. 19 an Franz Grießmüller samt 24 Joch Äckern und 6 Tagwerk Wiesen verkauft wurde; natürlich wurde nun auch eine Gemeindestube hier eingerichtet.2

Doch wurden vorerst die Amtsgeschäfte provisorisch vom Wiener Domkapitel weitergeführt.3 Eine grundlegende Änderung brachte wohl erst die Revolution von 1848. Zu einer Teilnahme der Ortsbevölkerung am Revolutionsgeschehen kam es hier nicht. Doch wurden von Jänner bis März und ab Oktober des Revolutionsjahres hier Soldaten einquartiert.4 Es wurde nun im Anschluß an die Revolution eine neue staatliche Gerichts- und Verwaltungsorganisation geschaffen.

1) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

3) vgl. Niederösterreichischer Dominien-Schematismus für das Jahr 1844, ed. Gochnat (Wien 1844) 40.

4) vgl. Kummerer, Moosbrunn S. 60.

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Dabei gingen die Funktionen, welche die Herrschaft Schwadorf auf dem Gebiet der Kriminalgerichtsbarkeit ausgeübt hatte,1 an das k.k. Landesgericht Wien über, die Angelegenheiten der Ziviljustiz und der schweren Polizeiübertretungen an das Bezirksgericht Ebreichsdorf. Die Verwaltungsaufgaben übernahm zum Großteil die Bezirkshauptmannschaft Wr. Neustadt, der Rest ging auf die Gemeinde über.

Die Gemeinde Gramatneusiedl umfaßte eine Fläche von 6,65 km2. Die Einwohnerzahl stieg bis zum Ende des Ersten Weltkriegs beständig und überaus rasch und stark. Dabei war es vor allem die Fabrikskolonie Marienthal, die für den Zuzug sorgte. Die erste, nach den Grundsätzen moderner Statistik durchgeführte Volkszählung fand in Österreich zum Stichtag 31. Oktober 1857 statt und ergab für die Gemeinde Gramatneusiedl 362 Einwohner und zusätzlich ca. 800 Arbeiter.2 Von 1870 bis 1910 wurden regelmäßig alle 10 Jahre Volkszählungen abgehalten, die für Gramatneusiedl folgende Ergebnisse zeitigten:

1870: 1335 Einwohner3

1880: 1489 Einwohner4

1890: 2543 Einwohner, davon lebten 395 im Dorf, 2148 in der

1) vgl. Topographischer Landschematismus, Bd. 2 (Krems 1796) 14 und Schweickhardt, Darstellung S. 3.

2) vgl. Eduard Matzenauer, Niederösterreichischer Gemeinde-Schematismus mit statistisch-topographischen Notizen für die Wahlperiode 1861–1863 (Wien 1862) 85.

3) vgl. Orts-Repertorium des Erzherzogthums Österreich unter der Enns (Wien 1871) 122.

4) vgl. Special-Orts-Repertorium von Nieder-Österreich (Wien 1883) 160.

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Kolonie1

1900: 2707 Einwohner, davon lebten 1840 in der Kolonie und 867 im Dorf.1*

Entsprechend der Zahl der Ortsbewohner erhöhte sich die Zahl der Häuser. Sie betrug 1870 55, 1880 64, 1890 80 und 1900 111.2

Die Mehrheit der Bevölkerung gab bei den Volkszählungen Deutsch als Muttersprache an, doch gab es 1880 582, 1890 758 und 1900 460 Personen »böhmisch-mährisch-slowakischer Nationalität«.3 Die für 1900 angeführte, bereits beträchtlich gesunkene Anzahl der Tschechen und Slowaken, bei gleichzeitig steigender Gesamtbevölkerung, zeigt, wie sehr vielen dieser Zuwanderer daran gelegen war, sich möglichst ihrer Umgebung anzupassen, so daß sie rasch ihre Muttersprache aufgaben und sich an die deutsche Umgangssprache gewöhnten.4

Das provisorische Gemeindegesetz vom 17. März 1849 bestimmte, daß in jeder Gemeinde als Repräsentanz der Ortsbewohner ein Ausschuß zu wählen sei, der dann seinerseits einen Vorstand, bestehend aus einem Bürgermeister und zwei Gemeinderäten, wählen solle. Während uns die Ergebnisse der ersten Wahlen nicht bekannt sind, erbrachte die Wahl des Jahres 1861 Franz Grießmüller das Amt eines Bürgermeisters. Zu Gemeinderäten wurden Johann Seifner und Johann Biberhofer gewählt.5

Grundsätzliche Bestimmungen zur Regelung des Gemeindewesens enthielt dann das Reichsgemeindegesetz vom 5. März 1862,

1) vgl. Special-Orts-Repertorium von Nieder-Österreich (Wien 1892) 179.

1*vgl. Gemeindelexikon von Niederösterreich (Wien 1905 [recte 1903; Anm. R.M.]) 158f.

2) vgl. die in den obigen Anm. genannten Werke.

3) vgl. ebd.

4) vgl. Gutkas, Niederösterreich S. 473f.

5) vgl. Matzenauer, Gemeinde-Schematismus S. 85.

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auf Grund dessen der Landtag von Niederösterreich am 31. März 1864 eine Gemeindeordnung und eine Gemeindewahlordnung für das Land unter der Enns beschloß. Entsprechend diesen Bestimmungen erhielt die »Marienthaler und Trumauer Aktien-Spinn-Fabriks-Gesellschaft« eine Virilstimme. Die Zahl der Gemeindeausschußmitglieder stieg von anfänglich 8 auf 20 an. Diese wählten den Bürgermeister und 2 bis 5 Gemeinderäte. Zum Bürgermeister wurden in diesem Zeitabschnitt folgende Männer gewählt:

1864–1876: Martin Grießmüller, Wirtschaftsbesitzer

1876–1885: Karl Brauneder, Wirtschaftsbesitzer

1885–1895: Franz Fischer, Wirtschaftsbesitzer

1895–1901: Franz Grießmüller, Wirtschaftsbesitzer

1901–1913: Karl Molzer, Kaufmann

1913–1919: Franz Grießmüller, Wirtschaftsbesitzer

Zieht man zu dieser Liste eine Aufstellung der Gemeinderäte hinzu, ist zu sehen, daß im Zeitraum 1840–1918 die bäuerliche Bevölkerungsschichte die Gemeindestube beherrschte. Die Arbeiter der Marienthaler Fabrik spielten auf Grund des Wahlrechts nur eine Außenseiterrolle.1

Die Haupteinnahmsquellen der Gemeinde dieser Zeit bildete die Verpachtung zweier Gasthäuser und die Verpachtung der Gemeindegründe. Einen nicht unerheblichen Ausgabeposten bildete die Gemeindeverwaltung. So benötigte man einen Gemeindesekretär, der den Schriftwechsel und die übrige Kanzleiarbeit besorgte. Der Gemeindediener fungierte auch als Nachtwächter. Auch die Bestellung eines Viehhirten blieb weiterhin Gemeindeangelegenheit.2

1) vgl. Niederösterreichischer Amts-Kalender (1865–1918).

2) vgl. Rappular von 1891. In: Grausam, Kirch, Chronik.

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Die wichtigsten Investitionsleistungen dieses Zeitraums gehen zumeist auf Privatinitiative einzelner Personen zurück, und nicht auf Anregungen der Gemeinde. Zu diesen Leistungen gehört die Fischaregulierung, die der Ebergassinger Fabrikant Philipp Haas in Angriff nahm. Haas benötigte dazu auf Gramatneusiedler Gebiet unter anderem die »Kirchenwiesen«, ein 12 Joch großes Stück Wiesengrund im Besitz der Gramatneusiedler Kirche. Doch die Kirchenväter waren nicht bereit, sich von dem Grundstück zu trennen. Es entspann sich daraus ein erbitterter Rechtsstreit, der damit endete, daß die Kirche 1846 dazu verhalten wurde, die Wiese an Haas um 3034 Gulden zu verkaufen.1

Ein für Gramatneusiedl wichtiges Datum war der 12.9.1846. An diesem Tag wurde die Eisenbahnlinie Wien–Bruck–Raab [Győr / Raab, d.i. Győr, Ungarn; Anm. R.M.] eröffnet. Die Linie wurde in nächster Nähe des Dorfes trassiert. Gramatneusiedl lag fortan unmittelbar an einer der Hauptverkehrsadern der Monarchie. Die Station war von der Anlage her die größte zwischen Wien und Bruck a[n] d[er] Leitha. Hier war deshalb außer der Errichtung des eigentlichen Stationsgebäudes die einer Lokomotivenremise, eines Heizhauses und einer Reparaturwerkstätte nötig.2

Bis zur Eröffnung der Bahnlinie befanden sich die unserem Ort nächstgelegenen Poststationen in Laxenburg und Fischamend. Doch nun wurden die Posttransporte soweit möglich von den Straßen auf das neue Verkehrsmittel verlegt.

1) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. Kummerer, Moosbrunn S. 55f.

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Im Zusammenhang mit dieser Umgestaltung kam es in Gramatneusiedl zunächst zur Errichtung einer Briefsammelstelle und 1852 zur Errichtung einer Postexpeditionsstelle im Bahnhofsgebäude, die später in ein eigenes Postgebäude verlegt wurde.1

Die mangelhafte Gesundheitsfürsorge dieser Zeit – der nächstgelegene Arzt ordinierte vorerst in Moosbrunn – führte immer wieder zum Auftritt von Seuchen, die auch Menschenleben forderten. 1849 starben 44 Menschen an der Cholera, davon stammten 40 aus der Fabrikskolonie. 1855 forderte dieselbe Seuche 24 Tote. Damals erschien eine Sanitätskommission und ordnete die Errichtung eines Friedhofs in Gramatneusiedl an, da die Toten noch immer auf den Moosbrunner Friedhof gebracht werden mußten. 1856 wurde das Gelände oberhalb des Weges nach Moosbrunn dafür bestimmt und geweiht. Im Gefolge einer Einquartierung österreichischer Soldaten trat 1866 wieder die Cholera auf, die 54 Menschenleben forderte, von denen der Großteil aus dem Mariethaler [!] »Altgebäude« stammte.2 Seit dieser Zeit sind Epidemien in so schwerer Form nicht mehr aufgetreten, was zum Teil auch auf das Wirken des Fabriksarztes und die Errichtung eines Fabriksspitals zurückzuführen ist.

1894 wurde in Gramatneusiedl vom Unterlehrer Moritz Kahrer auf Vereinsbasis die »Freiwillige Feuerwehr Gramatneusiedl« gegründet, nachdem bereits seit 1876 in Marienthal eine Fabriksfeuerwehr bestand. Der bisherige Grundsatz, demzufolge alle Ortsbewohner bei den Löscharbeiten mithelfen

1) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. ebd.

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sollten, hatte sich in der Vergangenheit oft genug nicht bewährt. Im Ernstfall hatten die vielen Herumstehenden die wenigen Aktiven an der Arbeit gehindert. Außerdem war die Anwendung moderner Löschgeräte nur bei Einschulung der Bedienungsmannschaft möglich. Der erste Hauptmann wurde der spätere Bürgermeister Karl Molzer, sein Stellvertreter der Gründer Moritz Kahrer. 1908 wurde am Hauptplatz, ein Gerätehaus erbaut, welches heute noch in Funktion ist.1

Das Wirken der Feuerwehr war tatsächlich höchst segensreich. In den Jahrzehnten vor 1894 gab es mehrmals Großfeuer im Ort: Am 18. August 1856 brannten 17 Häuser und mehrere Scheunen ab, auch kam viel Vieh in den Flammen um.2 Am 19. September 1877 brach in einer Scheune Feuer aus, das 14 Scheunen, 9 Wirtschaftsgebäude und 1 Wohngebäude einäscherte.3

Da bei Gemeindewahlen des franzisko-josephinischen Zeitalters grundsätzlich Personen, nicht Parteilisten gewählt wurden, ist es nicht möglich, auf Grund der Ergebnisse der Ausschußwahlen die politische Einstellung der Bevölkerung zu ermitteln. Doch begannen nach 1888 auch in Gramatneusiedl – und hier vor allem in der Fabrikskolonie Marienthal – nachweislich Aktivitäten der Sozialdemokratischen Partei. 1890 kam es zum ersten Lohnstreik, der mit Militärhilfe niedergeschlagen wurde. Sechs Wochen blieben damals Dragoner in Marienthal einquartiert.4 1891 entstand daraufhin der »Verein der Textilarbeiter Marienthals«, der jedoch bereits

1) vgl. NÖLA, RegA, Reg. 104 (Vereinskataster) XVIII/476 und 4857 und Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. Morgen-Post Nr. 230 (21.8.1856) 2.

3) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

4) vgl. Marie Jahoda, Paul Larzasfeld, Hans Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkung langandauernder Arbeitslosigkeit (Leipzig 1933; edition suhrkamp 769, Frankfurt a. M. 41982) 33f.

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1892 behördlich aufgelöst wurde,1 da die Fabriksdirektion das Eindringen dieser neuen Ideen verhindern wollte. 1906 wurde hier dennoch eine Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei gegründet. Die beiden Gründer, Josef Kopecky und Josef Schubert, verloren dadurch sofort ihren Arbeitsplatz in der Marienthaler Spinnfabrik.2 Im selben Jahr bildete sich eine Ortsgruppe der »Union der Textilarbeiter Österreichs«.3 Auch die anderen politischen Parteien und Gruppierungen gründeten Ortsgruppen. In Gramatneusiedl entstand so 1900 eine Filialorganisation des »Bundes der Germanen«, 1908 eine Ortsgruppe des »Deutschen Schulvereins«, 1909 eine Gruppe des »Deutsch-österreichischen Gewerbebunds«, 1912 eine Abteilung des »Deutsch-österreichischen Eisenbahnbeamtenvereins«.4

Im gesellschaftlichen und kulturellen Leben Gramatneusiedls spielten in dieser Epoche Vereine eine wesentliche Rolle. Von 1867 bis 1876 bestand der »Turnverein der Arbeiter Marienthals«.5 1869 bildete sich die »Dilettantenbühne« in Marienthal, die von der Fabriksleitung finanziell unterstützt wurde.6 1871 wurde der Männergesangsverein »Geselligkeit« in den Vereinskataster eingetragen, der heute noch – wenn auch als gemischter Chor – besteht.7 1889 wurde in Marienthal der erste »Radfahrer Club« gegründet, dem noch zwei weitere folgen sollten.8 Ab 1900 entfaltete

1) vgl. Nöla, RegA, Reg. 104 (Vereinskataster) VIII/666.

2) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

3) vgl. NÖLA, RegA, Vereinskartei, Abschnitt Gramatneusiedl.

4) vgl. ebd.

5) vgl. NÖLA, RegA, Reg. 104 (Vereinskataster) XVI/20.

6) vgl. ebd., XV/272.

7) vgl. ebd.

8) vgl. ebd., XVIII/3014.

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der vom Lehrer Ferdinand Liebbart gegründete Volksbildungsverein »Fortschritt« seine Tätigkeit.1 Der noch heute bestehende »Arbeiter-Sport-Klub Marienthal« entstand 1908. Ursprünglich ein Fußballverein, gründete er bald zahlreiche Sektionen.2 1913 bildete sich ein »Deutscher Turnverein«3 und ein »Verschönerungsverein«4.

Ein Fest zum sechzigjährigen Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs, bei dem einige dieser aufgezählten Vereine mitwirkten, wird von Pfarrer Franz Kratochwill folgendermaßen beschrieben:

Noch mehr (als die Moosbrunner; M. F.) taten sich die Neusiedler und Marienthaler hervor, die bei dieser Gelegenheit Unglaubliches leisteten. Eine Kaiser-Jubiläum-Huldigungsfeier mit folgendem reichhaltigen Programm:

Freitag, den 14. August 1908: Am Vorabend, 8 Uhr: Großer musikalischer Zapfenstreich der Marienthaler Feuerwehrkapelle mit Fackelzug.

Samstag, den 15. 8.: ½ 6 Uhr früh: Tagreveille-Empfang der Festgäste. 9 Uhr: feierliche Feldmesse, wobei der Marienthaler Männergesangsverein »Geselligkeit« die Deutsche Messe von Franz Schubert zum Vortrage brachte. Festende und Absingen der Volkshymne. Festzug durch den Ort. 1 Uhr – 2 Uhr: Platzmusik. ½ 3 Uhr: Aufstellung der teilnehmenden Vereine im Fabriksgarten und Abmarsch auf den Festplatz. Aufführungen am Festplatz: 1. Musikvorträge, 2. Gesangsvorträge… 3. Vorträge des Vereines »Fortschritt« usw. Volksbelustigungen: Tanzplätze – Cafe – Buschenschenken – Erfrischungszelte. Bei eingetretener Dunkelheit: Brillantes Feuerwerk. Der Festplatz war mit elektrischen Bogenlampen beleuchtet. Also ein Fest, wie es in unserer Pfarre noch nie gesehen wurde. Auch die Kinder der Volksschule zu Gramatneusiedl haben ein sehr nettes Festspiel anläßlich des Kaiserjubiläums zum Besten gegeben.«5

1) vgl. NÖLA, RegA, Reg. 104 (Vereinskataster) XVIII/7054.

2) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

3) vgl. ebd.

4) vgl. NÖLA, RegA, Vereinskartei, Abschnitt Gramatneusiedl.

5) Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 67.

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Wirtschaftliche Ziele verfolgten der 1899 gegründete Sparverein »Eintracht«1, der 1906 entstandene »Verein der Handels- und Gewerbetreibenden für Sparanlagen in Gramatneusiedl« und der 1909 gegründete »Verein für Bienenzucht«.2

Während des Ersten Weltkriegs machte sich in Gramatneusiedl wegen der vielen zum Kriegsdienst eingezogenen Männer ein starker Arbeitskräftemangel bemerkbar. Um die Erntearbeit der Bauern sicherzustellen, wurden russische Kriegsgefangene angefordert und auch 32 Personen zugeteilt, die über drei Jahre hier arbeiteten. Bis zum Jänner 1915 waren genügend Lebensmittel vorhanden, im April wurden Brotkarten eingeführt. Im November desselben Jahres fanden verschiedene Materialsammlungen statt: Wolle, Kautschuk, Knochen, Gold und Silber wurden gesammelt. Im Juli 1916 wurde eine Metallsammlung durchgeführt. Gleichzeitig wurde die Bevölkerung immer wieder aufgefordert, Kriegsanleihen zu unterzeichnen. Im Oktober 1916 wurde die Lage im Ort überaus drückend: es gab weder Mehl noch Brot. Die Lebensmittel wurden nun rationiert, dennoch fehlten weiterhin auch die lebensnotwendigen Konsumgüter. Im März 1917 erfolgte eine Requirierung von Rindern und Schweinefett. Am 16. Mai dieses Jahres erfolgte die Abnahme von zwei Glocken der Gramatneusiedler Kirche. Die eingleisige Ostbahnstrecke erwies sich nun den Anforderungen nicht gewachsen, weshalb 1918 unter Verwendung von Kriegsgefangenen der zweigleisige Ausbau durchgeführt wurde. Der Krieg forderte in Gramatneusiedl 47 Menschenleben.3

1) vgl. NÖLA, RegA, Reg. 104 (Vereinskataster) II/1999.

2) vgl. NÖLA, RegA, Vereinskartei, Abschnitt Gramatneusiedl.

3) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

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2. Die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse:

Viele Bauern erwarteten vom Fortfall der Abgaben- und Dienstleistungsverpflichtungen an den Grundherrn eine wesentliche Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage. Diese Hoffnungen erfüllten sich aber nicht. Einerseits wurden nun viele Abgaben, die früher der Herrschaft geleistet wurden, durch neue oder erhöhte Steuern kompensiert, andererseits ermöglichten es die Eisenbahnen, aus entfernten Teilen der Monarchie, wo Lebensstandard und Löhne niedriger waren, landwirtschaftliche Produkte in den Raum von Wien zu importieren. Die Bauern dieses Gebietes waren daher einem harten Konkurrenzkampf ausgesetzt, der stark auf die Preise landwirtschaftlicher Produkte drückte. Besonders Kleinbauern bekamen die Nachteile dieser Entwicklung m spüren.

Die Gesetze des Jahres 1868, die den Grundsatz der Unteilbarkeit der Bauernhöfe beseitigten, führten in der Folge zu größeren Besitzverschiebungen. Im Jahr 1900 gab es in Gramatneusiedl 4 Großgrundbesitzer, während sich die Gesamtzahl der landwirtschaftlichen Betriebe zu verringern begann. Die hier erkennbaren Tendenzen sind bis zur Gegenwart nicht mm Stillstand gekommen.

Die landwirtschaftliche Produktion konzentrierte sich im franzisko-josephinischen Zeitalter noch stärker auf den Ackerbau. Nach den schweren Schäden durch die Reblaus wurde der Weinbau in Gramatneusiedl gänzlich aufgegeben. Durch Umwidmung von Weingärten, Wiesen und Hutweiden wurde die Ackerfläche vergrößert. Eine 1900 im Zusammenhang mit der Volkszählung vorgenommene Bodennutzungserhebung ergab, daß von 665 ha Gemeindegebiet 634 ha produktiv und daher steuer-

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pflichtig waren. Hiervon waren 432 ha Acker, 136 ha Wiesen, 30 ha Garten, 27 ha Hutweide und 9 ha Wald.1

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schufen die Gramatneusiedler Landwirte Organisationen, um ihre wirtschaftliche Lage zum verbessern. So wurde 1897 ein »Landwirtschaftliches Casino« gegründet.2 Aus diesem Kasino ging 1901 die »Landwirtschaftliche Genossenschaft Gramatneusiedl« hervor, die noch im selben Jahr um 140 165 Kronen vom Getreidehändler [Moritz] Reif dessen 1896 am Gramatneusiedler Bahnhof errichtetes Lagerhaus erwarb. Erster Obmann wurde der schon mehrmals erwähnte Kaufmann Karl Molzer.3 Die ersten Jahre gestalteten sich für die junge Genossenschaft so überaus schwierig, daß um 1905 sogar der ernste Vorsatz bestand, sie wieder aufzulösen. Während des Ersten Weltkriegs übernahm sie die Funktion einer Übernahmestelle der Kriegsgetreide-Verkehrsanstalt.4

Ein Beweis des steigenden Lebensstandards ist das starke Ansteigen der Dienstleistungsbetriebe auf dem Gebiet des Gewerbes und des Handels. 1900 gab es zwei Bäcker, zwei Fleischhauer, drei Friseure, zwei Glaser, einen Hufschmied, zwei Lohnfuhrwerker, einen Mechaniker, einen Sattler, zwei

1) vgl. Gemeindelexikon S. 158f.

2) vgl. NÖLA, RegA, Reg. 104 (Vereinskataster) VII/802.

3) Karl Molzer wurde wegen seiner Verdienste um die Gemeinde am 25.5.1906 zum Ehrenbürger von Gramatneusiedl ernannt. (vgl. Grausam, Kirch, Chronik.)

4) vgl. 75 Jahre Raiffeisen-Lagerhaus Gramatneusiedl. 1901–1976, ed. Josef Stoitzner (Gramatneusiedl 1976) 11–14 und Festschrift anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Gramatneusiedl (Gramatneusiedl 1951) 9f.

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Kleidermacher, vier Hemdenmacher, zwei Schlosser, zehn Schuster, einen Tischler, einen Wagner, und einen Zimmermann. Der Handel war im Ort durch acht Gemischtwarenhändler vertreten, von denen zwei das Recht des Branntweinausschankes, fünf das Recht des Tabakwarenverschleißes besaßen. Außerdem gab es drei Gemüsehändler, zwei Milchhändler, zwei Spezialgeschäfte für Hüte und Kappen, vier Kleiderhändler, einen Viehhändler und einen Holz- und Kohlenhändler. 1900 gab es fünf Wirtshäuser.1

Das bedeutendste Unternehmen war aber nach wie vor die Marienthaler Fabrik. Die Spinnerei wurde ständig erweitert, gleichzeitig aber auch rationalisiert. 1845 betrug die Zahl der Spindeln 7500, die Zahl der Arbeiter 140. 1843 wurden hier 200612 Wiener Pfund an Baumwollgarnen und Zwirn erzeugt.2 Über die Arbeits- und Wohnräumlichkeiten wird in einer Darstellung der damaligen Zeit geschrieben:

»Das Fabriksgebäude ist 3 Stockwerke hoch, hat eine gesunde Lage. Sämmtliche Arbeitsräume sind geräumig, 10 Schuh hoch, mit Winterfenstern versehen, und werden mit Meissner’scher Heizung erwärmt. In dem Wollreinigungs-Locale sind Staubventilatoren angebracht. Sämmtliche Maschinen werden durch Wasser mittelst 2 Räder in Bewegung gesetzt. Die Ubicationen sind durchgehends geräumig, und mit reinen, guten Betten versehen. Die Schlaf- und Aufenthaltssäle der ledigen Arbeiterinnen sind von jenen der Männer ganz gehörig abgesondert und unter Aufsicht gestellt.«3

Von den 140 Arbeitern waren 118 erwachsene Personen, 22 aber Kinder im Alter von 12 bis 15 Jahren. Die Arbeiter verdienten 4 bis 7 Gulden 30 Kreuzer in der Woche, die Arbeiterinnen 1 Gulden 30 Kreuzer bis 3 Gulden 20 Kreuzer und die Kinder 1 Gulden bis 1 Gulden 10 Kreuzer. Die Arbeitszeit der Kinder

1) vgl. Österreichischer Zentralkataster sämtlicher Handels-, Industrie- und Gewerbebetriebe, Bd. 2 (Wien 1903) 147.

2) vgl. Johann Slokar, Geschichte der österreichischen Industrie und ihrer Förderung unter Kaiser Franz I. (Wien 1914) 286f.

3) Knolz, Darstellung S. 80–83.

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lief von 5 Uhr in der Früh bis 8 Uhr abends, an Samstagen bis 6 Uhr abends und an den Vortagen bedeutender Feiertage bis zwei Uhr nachmittags. Zu Mittag hatten die Kinder eine Ruhepause von einer Stunde. Sie arbeiteten daher an gewöhnlichen Werktagen 14 Stunden täglich.1 Ihre Arbeit bestand ungefähr in folgendem: »für die älteren im Auflegen von Baumwolle bei der Karderie: im Hin- und Hertragen von Blechkannen mit … Baumwolle gefüllt…, oder im Aufstecken und Anknüpfen der Baumwollbänder bei den Streck- und Rund-Spinnwerken; für die jüngeren … im Aufstecken von Spulen und Fädenanknüpfen bei den Vorspinn- und Feinmaschinen«2.

Am 23.11.1844 verstarb der Fabrikant Hermann Todesco im 53. Lebensjahr. Seine Söhne errichteten zu seinem Andenken in Marienthal im Fabrikspark ein – heute leider stark lädiertes – Denkmal mit Inschriftentafel, Reliefs und einem Engel, der sich trauernd über eine Urne beugt.

Noch kurz vor seinem Tod hatte Hermann Todesco eine »Kinderbewahranstalt« gestiftet und ein neues Gebäude dafür neben der Gramatneusiedler Schule erbauen lassen. Der Stifter übernahm die Verpflichtung, dieses Haus zu erhalten, dem Wärter oder der Wärterin jährlich mindestens 120 Gulden zu bezahlen und außerdem zur Bestreitung der Beleuchtung und Beschaffung kleiner Requisiten jährlich 10 Gulden auszuwerfen. Todesco behielt sich und seinen Söhnen das Recht vor, das Aufsichtspersonal dem Moosbrunner Pfarrer zu präsentieren, der dann die Anwärter annehmen oder ablehnen konnte.3

1) vgl. Knolz, Darstellung S. 80–83.

2) ebd., S. 16.

3) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

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Hermann Todescos ältester Sohn, Max, übernahm nun die Marienthaler Fabrik und begann sofort damit, sie zu vergrößern: 1846 kaufte er um 70000 Gulden von Franz Löffler die Ladenmühle an der Fischa samt 10 Joch Grund.1 Er ließ das Mühlengebäude abreißen und errichtete an seiner Stelle eine neue Fabriksanlage. Die alte Fabrik, die ehemalige Theresienmühle, ließ er vergrößern und zu einem Arbeiterwohnhaus umbauen. Damals entstand dafür die Bezeichnung »Altgebäude«. Max Todesco ließ noch ein zweites Wohnhaus an der Fischa bauen, das sogenannte »Neugebäude«.2 Die Zahl der Arbeiter begann nun sprunghaft anzusteigen, 1858 ist von 1000 die Rede.3

1858 legte Max Todesco die Fabriksbefugnis wegen Geldmangel zurück. Seine beiden Brüder, Eduard und Moritz, suchten daher um die Erwirkung einer Befähigung zum Besitz der Marienthaler Spinnfabrik an.4 Dieses Gesuch wurde am 13. März 1858 positiv erledigt.5 Unter Eduard Todesco wurde die Fabrik endgültig zum Großbetrieb. Es schwand das ehemals patriarchalische Verhältnis des Fabriksherrn zu den Arbeitern. Das Unternehmen wurde nun in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und mit der Trumauer Baumwollspinnereifabrik fusioniert. In Marienthal kamen nun zur Spinnerei eine Weberei, eine Bleiche, eine Färberei und eine Druckerei. Es wurden vor allem Rosa- und Blaudrucke für Ungarn und den Balkan erzeugt.6 Der Erste Weltkrieg brachte dann eine

1) vgl. WStLA, Grundbuch Nr. 552/2, Fol. 148 und 150f.

2) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

3) vgl. HHStA, M. C. K., 562 ex 1858.

4) vgl. ebd.

5) vgl. ebd., 3591 ex 1858.

6) vgl. Jahoda, Larzarsfeld, Zeisel, Arbeitslose S. 33f.

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Umstellung des Betriebes auf Heereslieferungen.

Eduard Todesco war nicht nur Gesellschafter der »Marienthaler und Trumauer Aktien-Spinn-Fabriks-Gesellschaft«, sondern auch Chef des Bankhauses »Hermann Todesco’s Söhne« und Direktor der k.k. priv. Kaiser-Ferdinands-Nordbahn. 1869 wurde der Millionär in den Freiherrenstand erhoben. Er hauste seit 1864 mit seiner Familie in einem prächtigen Ringstraßen-Palais gegenüber der Oper, dem Todesco-Palais.1

Für die steigende Zahl der Arbeiter in Marienthal ließ er entlang der Straße zwischen Piesting und Gramatneusiedl sieben zweigeschossige Wohnblöcke errichten. Es gab drei Wohnungstypen: die Normalwohnung bestand aus Zimmer und Küche, die Kleinwohnung aus Zimmer und Vorraum, die Großwohnung aus Zimmer, Küche und Kabinett. Zwischen den einzelnen Wohnbauten waren kleine gußeiserne Brunnen zur Wasserversorgung angeordnet. Die Kommunikation im Obergeschoß stellen bis heute Pawlatschengänge an den Hausrückseiten her, die durch Stiegenhäuser erreichbar sind. Hinter den Wohngebäuden stehen den Bewohnern niedrige Schuppen zur Unterbringung des Brennmaterials zur Verfügung. Dort befanden sich auch die Klosette. Die gesamte Anlage ist durchgehend architektonisch geprägt. Sogar die Schuppengebäude sind unter Verwendung von Ziegeln in einfachster Weise künstlerisch gestaltet.2 Die Wohnungen galten damals als vorbildlich. Außerdem wurde ein Herrenhaus für die Leiter der Fabrik, ein Beamtenhaus und ein Fabriksspital errichtet. Das Spital beherbergte außer den Krankenzimmern die Wohnung des Fabriks-

1) vgl. Wurzbach, Lexikon, Bd. 45, S. 226.

2) vgl. Werner Kitlitschka, Historismus und Jugendstil in Niederösterreich (St. Pölten 1984) 132f.

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arztes und ein Wannen- und Dampfbad.

In der Fabrik bestand ein Krankenverein, dem jeder Arbeiter beitreten mußte. Die Arbeiter wurden je nach Art ihrer Arbeit in Kategorien eingeteilt und zahlten je nach Kategorie 3, 5, 7 oder 9 Kreuzer wöchentlich in die Krankenkasse. Erkrankten die Arbeiter, so wurden sie auf Kosten der Krankenkasse im Spital gepflegt oder – wenn sie häusliche Pflege vorzogen – erhielten ein Krankengeld von 9 bis 13 Kreuzern täglich. Bei besonders langwieriger oder unheilbarer Krankheit wurden die Arbeiter dem Unterstützungsfonds zugewiesen. Dieser Fonds war 1851 seitens der Fabriksleitung gegründet worden; sein Vermögen belief sich 1867 auf 2100 Gulden. In Sterbefällen wurden die Begräbniskosten aus der Vereinskasse bezahlt.

Es gab auch einen Konsumverein, dessen Verwaltung und Leitung den Arbeitern übertragen war, mit der Fabriksdirektion jedoch als Präsidium. Jedes Mitglied erlegte einen Betrag von 5 Gulden in Raten; die Summe der Beiträge wurde nebst einem nicht begrenzten Kapital, das die Fabriksleitung zinsenfrei zur Verfügung stellte, zum Ankauf von Lebensmitteln im Großen verwendet. Diese wurden dann mit einem Aufschlag von 2 bis 3 % auf den Ankaufspreis an die Arbeiter abgegeben, wodurch die Preise um 15 bis 20 % unter den üblichen Lokalpreisen lagen.1

Zur Aufbesserung der Kost und zur Erholung wurde an Arbeiter parzellierter Wiesengrund als Kleingärten von der Fabriksleitung verpachtet. Der Fabrikspark hatte an Einrich-

1) Ergebnisse der Untersuchung über die Fabriken und Gewerben Nieder-Österreichs bestehenden Einrichtungen zum Wohle der Arbeiter, ed. Niederösterreichische Handels- und Gewerbekammer (Wien 1869) 20, 62f u. 84f.

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tungen einen Tennisplatz, eine Kegelbahn, einen Pavillon, Sitzbänke und einen Teich, der aus einem in der Josephinischen Fassion erwähnten »Kechbrun«1 entstanden ist.

Es wurde in der Folge der Bau noch weiterer Arbeiter-Wohnhäuser notwendig. Die mit der Ausdehnung der Fabrik sich ansiedelnden Händler und Handwerker bauten ihre Häuser und Geschäfte vor allem an der Straße zwischen Bauerndorf und Fabrikskolonie. Noch im 19. Jahrhundert dehnte sich die Verbauung sogar bis auf Reisenberger Gemeindegrund jenseits der Fischa aus – das heutige Neureisenberg entstand damals.

3. Von der Trivialschule zur Volksschule:

Das liberale Bürgertum, das Träger der Revolution von 1848 war, plante eine grundlegende Umgestaltung des Schulwesens. Bevor diese Absichten verwirklicht werden konnten, war die Revolution niedergeschlagen, und in der neoabsolutistischen Periode bestand kein Reformwille auf dem Gebiet des Unterrichtswesens. So blieb auch hinsichtlich der Gramatneusiedler Schule zunächst alles unverändert, nur das Schulpatronat des Wiener Domkapitels war 1840 auf die Gemeinde Gramatneusiedl übergegangen.

1859 erreichten die Einkünfte des Lehrers im Jahr 230 Gulden 58 ½ Kreuzer, das war wieder mehr als die gesetzlich festgesetzte Kongrua, die damals 200 Gulden CM betrug. Der Großteil des Einkommens, nämlich 85 Gulden 44 ½ Kreuzer, stammten aus der Gemeindekasse; 74 Gulden

1) NÖLA, StA, Josephinische Steuerfassion UW 17.

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2 ½ Kreuzer trug das Schulgeld ein; 52 Gulden 33 ½ Kreuzer betrug der Beitrag aus der Stiftung des Domherrn Ruschko. Kleinere Beträge erbrachte der Organisten- und Mesnerdienst dem Lehrer. Die Gemeinde überließ dem Lehrer zusätzlich zwei kleine Krautgärten und den Hausgarten bei der Schule unentgeltlich zur Nutzung.

Zur Schulbeheizung leistete 1859 die Gemeinde zwei Klafter Holz. Dazu hatte jedes zahlungspflichtige Schulkind für die sechs Wintermonate 14 Kreuzer monatlich an Holzgeld zu bezahlen. Die Schulsäuberung wurde ebenfalls von der Gemeinde übernommen.

1859 gingen bereits 47 Kinder in die kleine Gramatneusiedler Schule. 36 Schüler mußten das Schul- und Holzgeld abgeben, 7 galten als Arme. Das Schulgeld betrug damals 2 ½ Kreuzer in der Woche. Das bedeutende Ansteigen der Schülerzahl in der Gramatneusiedler Schule geht vor allem auf das Hinzukommen von Kindern von Eisenbahnbediensteten die in Dienstwohnungen am Bahnhof lebten, zurück – die Kinder der Fabriksarbeiter besuchten alle die Schule in Marienthal.

Alle 47 Schüler wurden noch in dem einen Lehrzimmer unterrichtet, das 1762 eingerichtet worden war. Der Unterricht wurde durch 47 Wochen im Jahr an fünf Tagen in der Woche mit jeweils fünf Stunden erteilt.1 Als Schulmeister dienten hier Joseph Macher (1849–1859) und Andreas Veigel (1859–1873). Als Religionslehrer fungierte weiterhin der Moosbrunner Pfarrer.

1) vgl. NÖLA RegA, Schulfassionen, Pfarre Moosbrunn.

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Das Reich-Volksschulgesetz vom 14. Mai 1869 brachte eine grundlegende Umgestaltung des Schulwesens. Die Lehrer erhielten eine bedeutende materielle Besserstellung und eine beträchtliche Hebung ihres Sozialprestiges. Der Mesnerdienst wurde durch die neuen Bestimmungen für unvereinbar mit der Würde eines Lehrers erklärt, doch in Gramatneusiedl trennte sich Lehrer Veigel nur ungern von den Kirchenschlüsseln. Das Bezirksgericht Ebreichsdorf mußte ihn 1871 erst auf Grund einer anonymen Anzeige aufordern, entweder die Lehrers- oder die Mesnerstelle niederzulegen.1

Die Herabsetzung der Höchstschülerzahlen führte 1875 zur Errichtung eines neuen Volksschulgebäudes, denn im kleinen, 1762 errichteten Schulhaus konnten unmöglich weitere Lehrzimmer eingerichtet werden. Der Neubau wurde neben dem ehemals herrschaftlichen Schloß auf dem Platz einer durch Brand 1856 zerstörten Scheune aufgeführt.2

Die neue Schule wurde anfangs dreiklassig geführt. Neben Oberlehrer Philipp Nowotny wirkte ein »Lehrer« und ein »Unterlehrer«. Philipp Nowotny wurde auch zum Schulleiter ernannt und wirkte als solcher bis zum 2.7.1902. Die neben ihm wirkenden Lehrkräfte wechselten aber oft, sie blieben meistens nur ein bis zwei Schuljahre hier.

Steigende Schülerzahlen führten 1882 zur Schaffung einer weiteren Schulklasse; die Gramatneusiedler Volksschule wurde nunmehr vierklassig geführt. Zu den Lehrern kam nun eine »Industrielehrerin« hinzu, welche die Mädchen in

1) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. ebd.

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Handarbeit unterrichtete.1

1885 wurde die Marienthaler Fabriksschule aufgelassen, und die Schüler mußten während des Schuljahres in die Gramatneusiedler Schule versetzt werden. Da es aber unmöglich war, mehrere Arten von Lesebüchern in den ohnehin überfüllten Klassen beizubehalten, und die Kinder der Fabriksarbeiter zu arm waren, um neu Bücher zu kaufen, machte die Direktion des k.k. Schulbücherverlages eine größere Anzahl von Schulbüchern den Schülern zum Geschenk.2

Ab 1893 wurde die Volksschule sechsklassig geführt. Im selben Jahr wurde gegenüber der Schule für die Lehrer ein eigenes einstöckiges Wohnhaus gebaut.

Steigende Schülerzahlen führten in der Folge zur Einrichtung von Parallelkassen. 1904 bis 1913 – am Höhepunkt der Entwicklung – wurden fünf Klassen parallel geführt.

Mehr Klassen erforderten auch mehr Lehrer. Ab 1910 wirkten 13 Lehrer hier. Schulleiter war seit dem 1.8.1902 Adolf Altenbacher.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges mußte Altenbacher zum Kriegsdienst. Die provisorische Leitung der Schule wurde dem Lehrer Ferdinand Liebhart übertragen. Liebhart leitete während des Krieges die Getreideaufnahme und bemühte sich um eine gerechte Verteilung der Lebensmittel an die Bevölkerung. Er organisierte Materialsammlungen und warb für die Unterzeichnung von Kriegsanleihen. Auch nach dem Krieg organisierte er Lebensmittellieferungen für die Hungernden. Wegen seiner Verdienste wurde am 30.5.1923 ihm die Ehrenbürgerschaft Gramat-

1) vgl. Niederösterreichischer Amtskalender (1875–1893).

2) vgl. Wiener-Neustädter Bezirksbote Nr. 11 (12.9.1885) 6.

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neusiedls zuerkannt. Außer dem Schulleiter Altenbacher mußten fünf bis sechs Lehrer der Gramatneusiedler Schule während des Ersten Weltkrieges einrücken.1

1. Die Pfarrfiliale Gramatneusiedl im Zeitalter des Liberalismus:

Als Pfarrer von Moosbrunn wirkten in diesem Zeitraum Anton Lehner (1850–1854), Josef Knell (1854–1870), Johann Scheller (1870–1879), Josef Macho (1879–1895), Lorenz Lepschy (1895–1903), Franz Kratochwill (1903–1912) und Friedrich Pösel (1913–1931).2

1847 bekam die Kirche ein neues Hochaltarbild: es wurde um 300 Gulden vom Historien- und Porträtmaler Joseph Ziegler gemalt und stellt die Aposteln Peter und Paul dar. 1849 spendeten Franz und Theresia Grießmüller eine sechs Zentner schwere Glocke. Nach der feierlichen Weihe gaben die Spender ein Mittagmahl im Gasthaus in drei Zimmern, dessen Kosten sich auf 100 Gulden beliefen. 1860 ließ Franz Grießmüller das Innere der Kirche und die Bilder renovieren.3 Auf Grund eines Vermächtnisses Johann Zimmermanns wurden 1867 ein neuer Orgelchor und eine neue Orgel erbaut.4 1874 ließ Franz Grießmüller die Kirche auf seine Kosten außen renovieren.5 1880 wurde der Dachstuhl des Turmes auf Kosten der Gemeinde ausgebessert. 1891 wurde eine neue Kirchenuhr aus dem Ergebnis einer Sammlung angeschafft, die vom Unter-

1) vgl. Niederösterreichischer Amtskalender (1893–1918) und Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. Kummerer, Moosbrunn S. 84f.

3) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

4) vgl. Zur Geschichte Gramatneusiedls 1866. In: Pfarrblatt St. Peter und Paul (Jan. 1965–Jan. 1966) 4.

5) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

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lehrer Moritz Kahrer initiiert wurde. Im selben Jahr ließ die Fabriksleitung die Außenseite der Kirche renovieren. 1900 wurde ein neuer Tabernakel aus Holz gekauft. Von einigen Fabriksarbeiterinnen wurde 1902 eine Monstranz um 300 Kronen gespendet. 1906 wurde vor dem Eingang der Kirche ein hölzerner Vorbau errichtet. 1909 wurde eine Herz-Jesu-Statue angekauft. 1911 spendeten 17 Gramatneusiedler die 14 Kreuzwegbilder, die noch heute ihren Platz in der Kirche haben.1

Auch in dieser Periode vermehrte sich die Zahl der Wegkreuze und Kapellen: 1849 ließen Franz und Theresia Grießmüller eine kleine Kapelle am Ortsausgang in Richtung Moosbrunn errichten, an deren Stelle zuvor Statuen der Aposteln Peter und Paul gestanden hatten.2 Im September 1874 wurde von der Gemeinde am Weg zum Bahnhofsgebäude ein Holzkreuz aufgestellt, das am 16.12. dieses Jahres seine Weihe erhielt.3 Als Dank für das Ende der Cholera, die 1849 gewütet hatte, kauften die Marienthaler Arbeiter ein Christusbild für das Krankenzimmer. Am 4.8.1850 wurde es in der Kirche geweiht und anschließend in feierlicher Prozession in die Krankenstation gebracht.4

Die Zahl der Meßstiftungen erfuhr am Beginn der franzisko-josephinischen Ära eine bedeutende Zunahme: zwischen 1847 und 1858 wurden von fünf Gramatneusiedler Familien Seelenmessen gestiftet.5

1) vgl. Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 25–74.

2) vgl. Grausam, Gramatneusiedl S. 5.

3) vgl. Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 9.

4) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

5) vgl. Zur Geschichte Gramatneusiedls. 1866. In: Pfarreblatt St. Peter und Paul (Jan. 1965–Jan. 1966) 4.

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Eine Pfarrfassion des Jahres 1895 verzeichnet für die Gramatneusiedler Kirche an Kapitalien 5350 Gulden und an Realitäten eine Wiese von 4 ha 23 a, die einen Reinertrag von 44 Gulden 11 Kreuzern abwarf.1

Eines der Merkmale des österreichischen Liberalismus und der Sozialdemokratie zur Zeit der Monarchie waren [!] ihre Gegnerschaft zur katholischen Kirche. So zeigte sich auch in Gramatneusiedl der Einfluß der Liberalen und der Sozialdemokraten im Rückgang des Kirchenbesuches und der Kommunikanten-Anzahl. So gingen 1913 von den insgesamt etwa 2700 Katholiken nur 320 zur Kommunion beim Konstantinjubiläum, und dies bedeutete für Gramatneusiedl eine hohe Zahl, wie eine Bemerkung in der Pfarrchronik es zeigt.2

Unter dem Einfluß der christlich-sozialen Bewegung hatten sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg die Verhältnisse für die katholische Kirche bereits gebessert. Der neue Aufschwung des katholischen Lebens zeigte sich in Gramatneusiedl vor allem auf dem Gebiet des Vereinswesens. 1909 wurde nach dem Kauf der Herz-Jesu-Statue eine Herz-Jesu-Bruderschaft errichtet.3 1911 gründete die Handarbeitslehrerin Franziska Heilinger zusammen mit Kooperator Johann Huber einer »Katholischen Mädchenbund«, dessen Mitglieder vor allem Arbeiterinnen aus der Marienthaler Spinnfabrik waren.4 1912 wurde ein »Christlicher Frauenverein« ins Leben gerufen. Die erste Präsidentin dieses Vereins war Maria Schweighart, die Gattin des Fabrikskassiers.5

1) vgl. NÖLA, RegA, Kirchliche Inventare und Fassionen, Pfarre Moosbrunn, Filiale Gramatneusiedl.

2) vgl. Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 78.

3) vgl. ebd., S. 69.

4) vgl. ebd., S. 74.

5) vgl. ebd., S. 76f.

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Damals entstand jene tiefe politische Kluft zwischen den Anhängern der Christlichsozialen und der Sozialdemokratischen Partei, die das politische Leben nach dem Ersten Weltkrieg so sehr kennzeichnete und das Klima vergiftete. Dieser Gegensatz, der nicht nur ein weltanschaulicher, sondern auch ein sozialer war, fanden die Christlichsozialen doch vor allem bei der Bauernschaft Anklang, während die Sozialdemokratie die meisten Arbeiter gewinnen konnte, ja, der sogar einen geographischen Gegensatz darstellte, zwischen – pauschal gesprochen – Dorfbewohnern und Marienthalern, mit all ihren unterschiedlichen Lebensbedingungen und Gewohnheiten, konnte bis heute von den Bewohnern der Gemeinde – wie mir scheint, vor allem auf der emotionalen Ebene – noch nicht völlig überwunden werden.

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VII. Gramatneusiedls Entwicklung seit dem Ende des Ersten Weltkriegs:

1. Der Ort in der Ersten Republik:

Die militärischen Mißerfolge, die den Zusammenbruch der Österreichisch-ungarischen Monarchie am Ende des Ersten Weltkrieges verursachten, führten auch zu politischen Verschiebungen. Die Gemeinderatswahlen brachten eine völlige Umschichtung in den Gremien der Gemeindevertretung. 12 Mandate der Sozialdemokratischen Partei standen 4 Mandaten der Christlichsozialen Partei gegenüber. Die Gemeinderäte wählten den Weber Josef Bilkovsky zum Bürgermeister und den Lehrer Ferdinand Liebhart zum Vizebürgermeister. Die Neuwahlen des Jahres 1921 erbrachten dieselbe Mandatsverteilung.

Die ersten Jahre der Republik waren auch in Gramatneusiedl reich an Spannungen, die teilweise Ober die Pateigrenzen hinweggingen. Die Hungersnot war auch hier spürbar, allerdings waren hiervon vor allem die nicht-bäuerliche Bevölkerung betroffen. 1919/20 gab es eine amerikanische Ausspeisung für etwa 300 Kinder. Auch die Fabriksleitung spendete ca. 10000 Kronen für Lebensmittel und Heizmaterial.

Die Arbeitslosenrate war damals überaus hoch. 1919 waren 620 Personen arbeitslos, also 23 % der Bevölkerung. Nach einer leichten Besserung schnellte 1923 die Anzahl der Arbeitslosen auf 860, das waren 42 % der Ortsbewohner. Hand in Hand mit dieser Entwicklung setzte eine Abwanderung ein, die eigentlich schon während des Ersten Weltkriegs begonnen hatte. Die Bevölkerung erreichte 1922 mit 2020

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Menschen ihren tiefsten Stand. Da die Finanzen der Gemeinde durch eben diese Arbeitslosigkeit stark in Mitleidenschaft gezogen waren, konnte die Gemeindeverwaltung zu ihrer Linderung nur die Erträgnisse der Fürsorgeabgabe beisteuern. Doch konnte durch Errichtung einer Auszahlungsstelle für die Arbeitslosenunterstützung in Gramatneusiedl eine wesentliche Erleichterung geschaffen werden.

Wie schon oben angedeutet wurde, lagen die Finanzen der Gemeinde nach dem Ersten Weltkrieg im Argen. 1919 betrugen die Einnahmen 80000 Kronen, denen Ausgaben in der Höhe von 122000 Kronen gegenüberstanden. Bis 1923 stieg das Defizit auf 92000 Kronen, sodaß ein Darlehen aufgenommen werden mußte.

Die Gemeinderatswahlen des Jahres 1924 brachten keine grundlegenden Änderungen. Die Sozialdemokraten zogen mit 11 Mandaten in den Gemeinderat ein. Die Christlichsozialen bildeten mit den Deutschnationalen eine Wahlgemeinschaft, die sich »Einheitsliste« nannte und 5 Mandate errang. Hauptstützen der Sozialdemokraten waren die Arbeiter der Marienthaler Fabrik und die Eisenbahnbediensteten; beide Gruppen stellten auch das Hauptkontingent der Gemeinderäte dieser Partei. Die »Einheitsliste« fand ihre Anhänger vor allem unter den Bauern, den Händlern und der gehobenen Beamtenschicht.

Zu dieser Zeit trat eine Besserung der wirtschaftlichen Lage in Gramatneusiedl ein. Dies äußerte sich einmal in der Finanzlage der Gemeinde: Bereits 1924 konnte ein Aktivsaldo von 9000 Kronen in der Bilanz festgestellt werden, und 1925 war die Gemeinde bereits vollkommen schuldenfrei.

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Die Fabrik hatte die Schwierigkeiten der Zeit nach dem Krieg überwunden. Der Betrieb wurde wieder erweitert: man begann mit der Erzeugung von Kunstseide; ein neuer Maschinenraum wurde errichtet. Die Belegschaft wurde wieder vermehrt. Die Arbeitslosenrate sank 1925 auf 5 %, 1926 bis 1928 auf 4 % der Ortsbevölkerung. Gleichzeitig setzte wieder ein Zuzug ein, bis 1929 2920 Personen in Gramatneusiedl lebten. In diesem Jahr beschäftigte die Spinnfabrik 1300 Arbeiter und 90 Angestellte.

Die Lagerhausgenossenschaft hatte gleich nach 1918 eine lebhafte Steigerung ihres Geschäftsumfangs erlebt. Sie errichtete in diesen Jahren eine Brückenwaage und Kanzleiräume. Als mit der Stabilisierung der Währung eine Geldknappheit auftrat, wurde 1925 eine Raiffeisenkasse gegründet, der von der Genossenschaft die notwendigen Räumlichkeiten und Personal zur Verfügung gestellt wurden. 1926 wurde eine Roggenmühle errichtet, die anfänglich 3000 kg Roggen täglich mahlen konnte.1

Beschäftigung boten m dieser Zeit in Gramatneusiedl noch 24 Handwerksbetriebe, vier Gasthäuser und ein Kaffeehaus. Die Landwirtschaft beschäftigte 160 Menschen. 75 Personen waren Bundesbahnbedienstete.

Im besonderen Maße beschäftigte das Wohnungsproblem den Gemeinderat. Um dem Mangel an Wohnraum abzuhelfen, stellte die Gemeinde einen Baugrund von 8000 m2 Siedlern zur Verfügung; auch ein der Gemeinde gehöriges Isolierspital, »Choleraspital« genannt, dessen Erbauungszeit nicht bekannt ist, wurde aufgelassen und in ein Wohnhaus umgewandelt.

1) vgl. Festschrift S. 21 u. 30.

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Gramatneusiedl war damals noch ohne elektrische Straßenbeleuchtung. Nur einige einzelne Laternen mit Petroleumlampen waren vorhanden. Es war eine Notwendigkeit, elektrischen Strom, der damals erst der Fabrikskolonie Marienthal aus einem eigenen Elektrizitätswerk zur Verfügung stand, auch im Dorf einzuleiten. Das Problem wurde 1925 dadurch gelöst, daß von Schranawand ausgehend eine Fernleitung und ein Ortsnetz gebaut wurde, wodurch Gramatneusiedl von dem dort befindlichen Mödlinger Elektrizitätswerk Energie erhielt. Seit 1. November 1925 hatten die Straßen, die öffentlichen Gebäude und 99 % der Ortsbewohner elektrisches Licht. Um einen Teil der Kosten einzubringen, verkaufte die Gemeinde ihr Gasthaus Nr. 58 an den Wirt Karl Wittner.

1926 wurden die Straßen der Gemeinde ausgebessert und zum Großteil neu gepflastert.

Da die Beschaffung von Wasser bei Feuersgefahr von jeher für das Dorf eine große Sorge darstellte, befanden sich die beiden Flüsse doch in einiger Entfernung, wurden durch Instandsetzung der »Pferdeschwemme« ein Wasserteich geschaffen und zwei Zisternen angelegt.

In Gramatneusiedl wurden damals am Marktplatz Märkte abgehalten, die es den Bauern und Gewerbetreibenden ohne Zwischenhändlern ermöglichen sollten, ihre Produkte an die Bevölkerung zu verkaufen, und außerdem den Preis günstiger gestalten sollten. Diese Einrichtung bewährte sich in der Praxis gut.1

1) Diese Angaben wurden – soweit nicht anders angegeben – folgenden Schriften entnommen: Rudolf Theuer, Die Aufbauarbeit der Gemeinde in den Jahren 1919–1929. Bericht der Gemeindevertretung über die Tätigkeit in der Funktionsperiode 1919–1929 (Wiener Neustadt 1929). u. Grausam, Kirch, Chronik.

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Das Vereinswesen wurde in diesen Jahren stark nach politischen Gesichtspunkten organisiert. Die meisten Vereine standen bestimmten Parteien nahe, vielfach handelte es sich um Unterorganisationen derselben, wie sie in vielen Orten bestanden. Eine besondere Rolle spielten die Turnvereine, so der »Arbeiter-Sport-Klub Marienthal« mit seiner Vielzahl an Sektionen und der »Deutsche Turnverein«. Mitgliederstark waren auch die Ortsgruppen der »Kinderfreunde« und der »Roten Falken«. Für den Bau eines Heimes der »Kinderfreunde« und eines Arbeiterheimes bewilligte die Gemeindevertretung 1926 einen Baugrund von 5600 m2. Sogar die Kulturvereine spalteten sich nach parteipolitischen Gesichtspunkten. Musikalische Sozialdemokraten beteiligten sich im »Arbeitergesangsverein«, während die Deutschnationalen einen »Deutschen Gesangsverein« begründeten. Der »Freidenkerverein« setzte sich mit tätiger Beihilfe dafür ein, daß auf dem Friedhof ein Urnenhain für Feuerbestattungen errichtet wurde. Die Christlichsozialen beteiligten sich vor allem in den katholischen Vereinen. Zum Mädchenbund und Frauenverein trat 1923 ein Burschenverein, auf dessen Initiative ein Kriegerdenkmal errichtet wurde. Bereits 1927 wurde dieser Verein aber wieder aufgelöst und der Granatneusiedler Feuerwehr eingegliedert. 1928 wurde von Kooperator Leopold Eder als Gegenorganisation zu den sozialdemokratischen »Kinderfreunden« der Verein »Frohe Kindheit« ins Leben gerufen, für den noch im selben Jahr ein Heim gebaut wurde – das heutige Pfarrheim.1

1) vgl. Theuer, Aufbauarbeit, Grausam, Kirch, Chronik u. Jahoda, Larzarsfeld, Zeisel, Arbeitslose, S. 36.

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1929 erfolgte die große Katastrophe für die Ortschaft: im Juli wurde die Marienthaler Spinnerei geschlossen, im August die Druckerei, im September die Bleicherei. Im Februar 1930 sperrte auch die Weberei zu, und nun wurden die Turbinen stillgelegt. Wenige Tage später begannen unter großer Erregung der Bevölkerung die Liquidationsarbeiten. Etwa sechzig Männer wurden zurückbehalten, um die Fabrik niederzureißen, alle übrigen waren entlassen worden und ohne Chance, Arbeit zu finden. Fast 80 % der Bevölkerung Marienthals wurden durch die Schließung der Fabrik arbeitslos.1

Über die Gründe des Zusammenbruchs steht in der Pfarrchronik zu lesen: »Mautner sen. (, der seit 1925 die Aktienmehrheit besaß; M. F.) soll seinem Sohn, der finanziell zusammenbrach (Spiel oder Transaktion?), beigesprungen sein, Kredite (in Waren und Geld) auf die Fabrik aufgenommen haben; der Zusammenbruch des Kreditgebers (Sigmath in Triest [d.i. Trieste, Italien; Anm. R.M.]) vernichtete völlig den Betrieb.«2

Die Not der 367 arbeitslosen Familien war überaus groß und wurde mit den Jahren immer schlimmer. Die Arbeitslosenunterstützung ergab ein Durchschnittseinkommen von 1,40 S pro Tag und Person. Die Arbeitslosen suchten daher nach Hilfsquellen, aber als legale boten sich nur der Gemüseanbau im Schrebergarten und das Hasenzüchten an. Wegen ihrer Finanznot nach der Schließung der Fabrik mußte die Gemeinde die Fürsorgeunterstützungen fast völlig einstellen. Nur zu Weihnachten und Ostern konnte sie unterstützend eingreifen. Auch die ehemalige Fabriksleitung, die Landwirtschaftliche

1) Jahoda, Larzarsfeld, Zeisel, Arbeitslose, S. 34f.

2) Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 87.

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Genossenschaft und der Konsumverein halfen mit Geschenken von Lebensmitteln und Heizmaterial. Die Aktion »Winterhilfe« brachte ebenso einige Erleichterung wie die Fürsorge der einzelnen politischen Parteien und Organisationen für ihre Mitglieder.

Mit der Arbeitslosigkeit und der wirtschaftlichen Not ging ein Verlust der Lebensfreude einher, Feiern und Veranstaltungen blieben aus, das Interesse an Politik und Vereinen sank, viele Institutionen mußten aufgelassen werden. Doch wurde dabei von den wenigsten Marienthalern die Gesinnung geändert, sie verlor gegenüber den Sorgen des Alltags nur an gestaltender Kraft.1

Schon 1930 wurde von der Fabriksleitung das Fabriksspital an die Gemeinde verkauft. Die Einrichtung des Spitals wurde aufgelassen, und das Gebäude in ein Wohnhaus umgewandelt; nur das Wannen- und Dampfbad blieb bestehen.

Auch ein Montessori-Kindergarten, der nach dem Krieg vom Arbeiterbetriebsrat und der Fabriksleitung für die Kleinkinder Marienthals errichtet worden war, mußte zugesperrt werden, da man die Kindergärtnerin nicht mehr entlohnen konnte.

1931 mußte die Fabriksleitung die »Kinderbewahranstalt«, die Hermann Todesco 1844 gestiftet hatte, dem Pfarramt Moosbrunn übergeben, dazu noch 18 Joch Ackergrund, eine Scheune und 1400 S in Bargeld. Am 16.11. des Jahres übernahmen drei Salesianerinnen die Leitung des Kindergartens und

1) Jahoda, Larzarsfeld, Zeisel, Arbeitslose, S. 39–44, 55–63.

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die Betreuung der Kinder.

Schließlich löste sich 1932 noch die Marienthaler Feuerwehr auf. Alle noch brauchbaren Geräte wurden von der Feuerwehr in Gramatneusiedl übernommen, nicht jedoch die Mannschaft.

Auch die Arbeiterwohnhäuser wurden in der Folge von der ehemaligen Fabriksdirektion verkauft und gelangten zum größten Teil in private Hände. Ein ähnliches Schicksal erlitt der Fabrikspark, der der Verwilderung überlassen wurde.

1932 schließlich wurde an der Bahnlinie Gramatneusiedl–Wampersdorf eine Haltestelle »Neureisenberg-Marienthal« eingerichtet, um den Menschen, die in Nachbarorten oder in Wien Arbeit gefunden hatten, den weiten Weg zum Gramatneusiedler Bahnhofsgebäude zu ersparen. Dies zeigt die nun einsetzende Strukturveränderung des Ortes deutlich an: aus einem lndustrieort sollte ein Pendlerdorf werden, das seine Funktion vor allem als Wohn- und Schlafstätte hatte. Gleichzeitig begann auch eine Abwanderbewegung einzusetzen.

Das Jahr 1933 brachte eine leichte Besserung der Lage. Damals wurde von Sonnenschein und Prade ein Spinn- und Webereibetrieb wieder aufgenommen, der 1934 bereits über 100 Arbeitern Beschäftigung bot.

Auf Grund der letzten in der Ersten Republik abgehaltenen Gemeindewahlen am 10.11.1929 ergab sich folgende Mandatsverteilung: die Sozialdemokraten erhielten 13 Sitze, die Christlichsozialen 6. Die Nationalratswahlen des Jahres 1930 erbrachten folgendes Ergebnis: 972 Stimmen erhielt die Sozialdemokratische Partei, 383 die Christlichsoziale. Dritt-

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stärkste Bewegung wurde der »Heimatblock«, eine selbständig agierende Heimwehrliste. 24 Gramatneusiedler wählten die NSDAP; 21 den Schoberblock und 19 die Kommunistische Partei.

Am 3. März 1933 legten alle drei Präsidenten des Nationalrats ihre Funktion zurück, wodurch diese Körperschaft tagungs- und beschlußunfähig wurde. Der Bundespräsident und die Bundesregierung bemühten sich nicht, verfassungsmäßige Zustände wieder herzustellen, sondern trafen die erforderlichen Maßnahmen auf dem Weg von Notverordnungen auf Grund des kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes aus dem Jahr 1917. Anläßlich der Ausschaltung des Parlaments wurde in Gramatneusiedl »vaterländische Feierveranstaltungen«1 abgehalten.

Der Verbot der NSDAP und der kommunistischen Partei im selben Jahr zeigten [!] in Gramatneusiedl keine erkennbare Wirkung, da es kaum Anhänger dieser politischen Richtungen gab.

Während der Kämpfe mit sozialdemokratischen Verbänden im Februar 1934 war es in Gramatneusiedl ruhig. Die Mitglieder des »Heimatschutzes« und der »Sturmscharen« hatten Bereitschafts- und Nachtdienst, mußten aber nicht eingreifen. Einige Schutzbundführer wurden verhaftet.

Am 12.2.1934 verbot die Bundesregierung jede Betätigung für die Sozialdemokratische Partei, am 16.2. erklärte sie die Mandate dieser Partei in sämtlichen parlamentarischen Körperschaften für erloschen. Auf Grund dieser Verordnung verloren der Bürgermeister Josef

1) Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 90.

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Bilkovsky, der seit 1919 dieses Amt bekleidet hatte, und die sozialdemokratischen Gemeinderäte ihre Funktion. Als neuer Bürgermeister wurde Dr. Leo Wiltschke eingesetzt. Eine heimliche Aktion der verbotenen sozialdemokratischen Bewegung fand noch in der Nacht zum 1. Mai statt. Ein Marienthaler erzählte die Begebenheit folgendermaßen:

»…da war z.B. die 1. Mai-Geschichte auf dem Teich, da haben sie einen Gehenkten als Puppe auf ein Boot gestellt mit dem Schild »Dem Volke«, so, daß man das Boot nicht gleich hat holen können. Und auf dem Dach stand in Rot: »Es lebe die Internationale«. Das haben sie wegmachen müssen und da haben sie es eben schwarz angestrichen, da konnte man es genausogut lesen…«1

Es ist aus diesen Jahren von keinen spektakulären Investitionen der Gemeinde zu berichten, war doch die Finanznot zu groß. Wiltschke war aber sehr bemüht, Mittel zur Linderung der Not der Arbeitslosen aufzutreiben.

Hatte die Hungersnot in den ersten Nachkriegsjahren die Landwirtschaft aufgewertet, so hielt diese für die bäuerliche Bevölkerung günstige Situation nicht an. Nach dem Eintreten normaler Ernährungsverhältnisse waren die Preise für landwirtschaftliche Produkte wieder stark gedrückt. Viele Bauern waren daher verschuldet. Um 1930 begannen einige Bauern wieder damit, Weingärten anzulegen. Auch im Anbau von Zuckerrüben erwuchs den Landwirten ein neues Betätigungsfeld. Die Abwanderung von den Landwirtschaft zu Industrie und Gewerbe machte nun vermehrten Maschineneinsatz notwendig. 1932 wurde der erste Traktor in Gramatneusiedl von den Bauern [Anton] Wittner und [Franz] Grießmüller gekauft.

1) Birgit Flos, Michael Freund, Janos Marton, Marienthal 1930–1980. In: Journal für Sozialforschung 23 (1983) 144f.

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Es existierte auch eine Druschgemeinschaft, die gemeinsam eine dampfbetriebene Dreschmaschine angeschafft hatte.1

Die Landwirtschaftliche Genossenschaft konnte nach 1930 eine bedeutende Umsatzsteigerung verzeichnen, so daß nun der Zubau von mehreren Lagerräumen und -schuppen notwendig wurde. 1936 eröffnete das Lagerhaus Gramatneusiedl Filialen in Himberg und Mannersdorf.2

Nach dem Ersten Weltkrieg mußte das Schulgebäude innen und außen vollkommen neu instandgesetzt werden. Die Schüler erhielten damals die Lehrmittel gratis von der Gemeinde. In der Schülerbibliothek befanden sich über 500 Bände. Als im Jahr 1927 die vierklassigen Hauptschulen eingeführt wurden, begann eine neue Periode im Unterrichtswesen. In Gramatneusiedl wurden die Hauptschulklassen zunächst im Volksschulgebäude eingerichtet. Erst 1933 konnte – trotz der wirtschaftlichen Not – ein Zubau zur Volksschule in Auftrag gegeben werden.

Der aus dem Krieg heimkehrende Schulleiter Adolf Altenbacher übernahm am 1.12.1918 wieder sein Amt. Im Jahr 1923 wurde er pensioniert und für seine Verdienste im Erziehungswesen zu einem Ehrenbürger von Gramatneusiedl ernannt. Sein Nachfolger wurde Matthäus Mayer. Vom 1.7.1933 bis 19.4.1940 wirkte als Direktor der Volks- und Hauptschule Karl Geyer. Von 1929 bis 1933 hatte Alfred Marschik die Hauptschule geleitet.

Außer den Schulleitern wirkten 1929 folgende Lehrkräfte an der Schule: acht Volksschullehrer, ein Hauptschullehrer und eine Handarbeitslehrerin, die sich auf acht Volks-

1) vgl. Grausam, Kirch, Chronik u. Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 82–108.

2) vgl. Festschrift S. 21–24 u. 35f.

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schulklassen und eine Hauptschulklasse verteilten.

Die Zahl der Schüler betrug 1919 449, sank aber bis 1929 auf 287.1 1933 besuchten wieder 474 Kinder die Gramatneusiedler Schulen: Die Hauptschule war nun bereits vierklassig, und Kinder aus den Nachbarorten ohne Hauptschule kamen, um sie zu besuchen.2

Um 1930 wurde in der Gramatneusiedler Schule ein landwirtschaftlicher Winterkurs gehalten. 1936 wurde eine Gewerbeschule für Lehrlinge eröffnet. Der Unterricht fand an zwei Nachmittagen in der Woche statt. Zur selben Zeit fuhren die Gramatneusiedler Mädchen zu Haushaltskursen, die von Salesianerinnen in Unterwaltersdorf an drei Tagen in der Woche erteilt wurden.3

Unter Pfarrer Friedrich Pösel erhielt die Filialkirche 1925 Ersatz für die im Ersten Weltkrieg abgelieferten Glocken. Das Vermögen der Kirche, das fast ausschließlich in Wertpapieren angelegt war, fiel der Inflation zum Opfer, nur aus der Verpachtung der 4 ha 23 a großen Wiese erfloß ein Ertrag von 140 S.4 Der Gegensatz des Pfarrers zu den Sozialdemokraten, die zunächst die Gemeindestube beherrschten, und die Not dieser Jahre verhinderten Leistungen der Gemeinde für die Kirche. Erst als es 1933 bereits durch das Kirchendach regnete, erfolgte eine Neueindeckung.5

Die Bevölkerung von Gramatneusiedl stand vor allem mit Kooperator Leopold Eder in regem Kontakt, der für die Betreuung der Filiale Gramatneusiedl verantwortlich war.

1) vgl. Theuer, Aufbauarbeit S. 7–10 u. Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 87.

3) vgl. ebd., S. 104.

4) vgl. NÖLA RegA, Kirchliche Inventare und Fassionen, Pfarre Moosbrunn, Filiale Gramatneusiedl.

5) vgl. Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 89.

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Eder bemühte sich vor allem um die Schaffung und den Aufbau der katholischen Kinder- und Jugendorganisationen und wollte mit ihnen ein Gegengewicht zu den entsprechenden sozialdemokratischen Einrichtungen schaffen. Er hatte auch großen Erfolg: nach der Schließung der Fabrik konnte die »Frohe Kindheit« fast als einziger Verein den Bestand an Mitgliedern erweitern.1 1932 betreute dieser Verein 80 Kinder und zählte 200 erwachsene Mitglieder.

1933 wurde der Kooperator Pfarrer von Moosbrunn; in Gramatneusiedl wirkte in der Folge Anton Kummerer als Kooperator, der sich ebenfalls sehr um die Jugend der Filiale bemühte und unter dessen Leitung öfters religiöse Spiele aufgeführt wurden, so 1936 z.B. der »Jedermann«.*

Mußten die Pfarrer während der demokratischen Phase der Ersten Republik ca. 200 Austritte aus der Kirche in Gramatneusiedl verzeichnen, so kam es im Ständestaat vereinzelt sogar zu Wiederaufnahmen. So verwundert es nicht, daß der neue Staat die volle Unterstützung der hier wirkenden Geistlichen genoß.

Die Kirche erhielt auch großen Einfluß auf das Schulwesen. Beklagte sie sich vorher in der Pfarrchronik über den Widerstand der Schüler gegen den Religionsunterricht, so konnte sie jetzt gut besuchte Schülermessen verzeichnen und feststellen, daß die Lehrer wieder mit den Schülern Kirchenlieder einübten.

Auch die Pfarre versuchte der Not der Arbeitslosen abzuhelfen, indem sie zu Weihnachten Wäsche und Lebensmittel

1) vgl. Jahoda, Larzarsfeld, Zeisel, Arbeitslose S. 60.

*) Vergleiche Hugo von Hofmannsthal (1874–1929): Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes, erneuert. Uraufführung: Berlin, 1. Dezember 1911, Zirkus Schumann. Erstdruck: Berlin 1911. Anm. R.M.

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verteilte und ein Wiesengrundstück von 5 Joch pachtete, um es als Schrebergärten an Interessenten zu geben.

Anläßlich der Ermordung den Bundeskanzlers Dr. [Engelbert] Dollfuß bei einem nationalsozialistischen Putschversuch am 25. Juli 1934 wurde aus dem Ergebnis von Spenden eine »Dr. Dollfuß-Sterbegedächtnisglocke« gekauft, die am 13.10. desselben Jahres geweiht wurde. Im Anschluß an die Weihe wurde im katholischen Vereinsheim ein Weihespiel namens »Österreich« aufgeführt, das von Fachlehrer Ferdinand Schwarz verfaßt worden war. Von Juli bis Oktober 1937 erfolgte eine Renovierung der Kirche: das Kirchturmdach wurde mit Kupfer verkleidet, eine Holzverkleidung der Innenwände wurde entfernt, und der Hochaltar wurde neu vergoldet.1

2. Die Zeit der Okkupation Österreichs durch das nationalsozialistische Deutsche Reich:

Am 20. Mai 1938 erschien im »Völkischen Beobachter«, der als Amtsblatt die »Wiener Zeitung« ablöste, die Meldung, daß der neue Gau Groß-Wien so erweitert werden solle, daß die Städte Korneuburg, Stockerau und Klosterneuburg sowie Teile des Bezirkes Baden eingemeindet werden sollen. Am 15.10.1938 wurde Gramatneusiedl mit 96 weiteren Gemeinden an Wien angeschlossen und sollte für die vorgesehene Ausdehnung der Stadt das notwendige Siedlungsland beistellen.2 In Gramatneusiedl wurde eine Amtsstelle der Bezirkshauptmannschaft Schwechat für Gramatneusiedl, Velm und Moosbrunn eingerichtet. Als Gemeindevorsteher fungierte von 1939 bis 1945 Karl Mayer.

1) vgl. Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 86–109.

2) vgl. Gutkas, Niederösterreich S. 518.

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War auch die Stellung eines Ortsvorstehers wesentlich stärker als bei einer demokratischen Gemeindeverfassung, so war andererseits seine Kompetenz durch eine Mehrgleisigkeit des Instanzenzuges weitgehend eingeschränkt. Der Gemeindevorsteher mußte vor allen wichtigen Entscheidungen das Einvernehmen mit dem Ortsgruppenleiter der NSDAP herstellen. In ländlichen Gemeinden kam auch dem Ortsbauernführer eine wichtige Stellung zu, so daß man in diesem Bereich häufig von einem »Ortsdreieck« sprach, das aus dem Gemeindevorsteher, dem Ortsgruppenleiter und dem Ortsbauernführer bestand und dem faktisch die Leitung der lokalen Angelegenheiten zukam.

Eine der ersten Maßnahmen des nationalsozialistischen Regimes war die Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung aus dem Wirtschafts- und Kulturleben, die Enteignung ihres Besitzes. Dies betraf auch die Besitzer der kleinen Marienthaler Spinnerei und Weberei. Sie konnten 1938 noch rechtzeitig nach England emigrieren. Auch die »Trumau-Marienthal-Aktiengesellschaft« wurde nun endgültig aufgelöst.

In einem Teil der Fabriksbauten wurde unter deutscher Leitung eine Näherei eingerichtet, die zunächst Arbeitsbekleidung erzeugte, später für den Heeresbedarf erzeugte. 1943 wurde der Betrieb eingestellt, und dafür eine Teilproduktion für Flugzeuge eingerichtet.1

Eine Reihe von Objekten auf dem ausgedehnten Fabriksareal erwarb nach der Auflösung der »Trumau-Marienthal-AG« 1939 die Landwirtschaftliche Genossenschaft. Noch im

1) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

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selben Jahr wurden die erforderlichen Umbauarbeiten durchgeführt. Im Juli 1940 erfolgte dann die Verlegung den gesamten Lagerhausbetriebes vom Gramatneusiedler Bahnhof nach Marienthal. In den alten Baulichkeiten verblieb nur der Mühlenbetrieb und ein Mischfutterbetrieb, der von der Filiale Himberg hierher verlegt wurde. In Marienthal bestanden außer Lagerhallen eine Maschinenhalle und eine Maschinenreparaturwerkstätte, die wegen der fortschreitenden Mechanisierung in der Landwirtschaft eingerichtet wurden. In den folgenden Kriegsjahren sollte der Geschäftsumfang jedoch einen deutlichen Rückgang erleiden.1

Die Aufträge an die Näherei und die Umbauten haben die Arbeitslosigkeit bald wesentlich vermindert, die mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 völlig verschwunden ist.

Auch die katholische Kirche wurde vom Regime immer stärker bedrängt und die Kirchenaustrittsbewegung offiziell gefördert. Doch gerade für diese Jahre verzeichnet die Moosbrunner Pfarrchronik keine Austritte. Um den Einfluß der Kirche auf die Jugenderziehung auszuschalten, wurden mehrere Maßnahmen gesetzt: Zunächst wurden die katholischen Jugendverbände aufgelöst und ihr Vereinsheim beschlagnahmt. Auch durften die Pfarrgeistlichen in der Gramatneusiedler Schule keinen Religionsunterricht mehr erteilen; Religionslehrer, die an Wiener Schulen überzählig geworden waren, traten an ihre Stelle. Die »Kinderbewahranstalt«, die seit 1931 von Salesianerinnen geleitet wurde, wurde zur Kinder-

1) vgl. Festschrift S. 24.

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tagesstätte der Volkswohlfahrt umgestaltet. Die drei Schwestern mußten ausziehen und wohnten bei einer Gramatneusiedler Familie bis 1942, dann mußten sie den Ort verlassen. Ab 1941 durften kirchliche Prozessionen nur an Sonntagen und auf kircheneigenem Grund stattfinden. Eine Ausnahme war die Fronleichnamsprozession von 1942, sie durfte durch den Ort geführt werden: »Sie mußte beim Polizeiamt gemeldet sein, Grasstreuen und Setzen von grünen Bäumchen war verboten, die Zeit von 8–10 Uhr des Sonntags vorgeschrieben, die Teilnehmerzahl von Polizeibeamten schätzungsweise gezählt.«1 1942 wurden wieder die Glocken vom Gramatneusiedler Kirchturm abgenommen, was die Bevölkerung des Dorfes überaus hart berührte, 1943 mußten die Kupferbestandteile des Daches folgen.

Blieb auch das Land von direkten Kriegseinwirkungen verschont, so mußten doch aus Gramatneusiedl ungefähr 500 Männer zu den Waffen. Im Ort selbst war eine Flakabteilung stationiert; das beschlagnahmte katholische Vereinsheim diente als Quartier für die Bedienungsmannschaft.

Viele Fremde waren zu dieser Zeit im Ort: Französische Kriegsgefangene arbeiteten bei Bauern und im Lagerhausbetrieb Marienthal, belgische bei der Eisenbahn. Aus Polen und der Ukraine waren viele Menschen hier dienstverpflichtet. Flüchtlinge aus Ungarn, Rumänien, Jugoslawien und Bulgarien zogen bereits im August und Oktober 1944 in langen Kolonnen durch Gramatneusiedl in Richtung Westen.

1) vgl. Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 113.

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Fliegeralarme deuteten bereits 1943 an, daß Gramatneusiedl nicht vom direkten Kriegsgeschehen verschont bleiben würde. Ani 16.6.1944 fielen einzelne Bomben auf Äcker im Gemeindegebiet von Gramatneusiedl, ebenso am 8. Juli. An diesem Tag wurden acht Verwundete aus der Umgebung in den Saal des Gemeindegasthauses zusammengetragen. Seit dem Herbst 1944 gab es dann kaum einen Tag ohne Fliegeralarm. Am 19.11. wurde die Bahnstrecke bei Himberg schwer getroffen, so daß die Züge von Bruck a[n der] L[eitha] nur bis Gramatneusiedl verkehren konnten. Auch der Beginn des Jahres 1945 brachte pausenlos Luftangriffe der westlichen Alliierten.

Am 16. März setzten die russischen Armeen im Raume von Stuhlweißenburg [d.i. Székesfehérvár, Ungarn; Anm. R.M.] zum Stoß gegen Niederösterreich an. Vor den zurückweichenden deutschen Truppen zogen wieder Flüchtlinge aus den deutsch besiedelten Gebieten Südosteuropas durch den Ort nach Westen. Am 30. März wurde die Zivilbevölkerung von den Behörden und Dienststellen der NSDAP aufgefordert, Gramatneusiedl zu verlassen und ebenfalls nach Westen zu flüchten. Die Reichsdeutschen und Nationalsozialisten verließen nun ihre Posten, viele andere Personen folgten ihnen, so daß am 1. April ca. 300 Menschen den Ort verließen. Am selben Tag erreichte hier der allgemeine Rückzug seinen Höhepunkt: Autokolonnen, Panzerwagen und ein langer Zug von Gefangenen aus dem Kaisersteinbruch passierten durch Gramatneusiedl. Ein Nebengebäude des katholischen Vereinsheimes und das ehemalige Heimgebäude der »Kinderfreunde« wurden gesprengt. Am Abend sollten Halbwüchsige und ältere Männer noch eine Volkssturmeinheit bilden und die Heimatverteidigung übernehmen. Doch angesichts der bereits völligen Auflösung

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des totalitären Regimes gehorchten die Männer nicht und blieben bei ihren Angehörigen. Am 2. April wurden durch Fliegerbomben in Gramatneusiedl zwei Ortsbewohner und ein Kriegsgefangener getötet, zwei weitere Personen schwer verletzt. Von den abziehenden Einheiten wurden am Vormittag des 3. Aprils die Brücke über die Fischa, das dortig Elektrizitätswerk, die Gebäude der Landwirtschaftlichen Genossenschaft in Marienthal und das Kaufhaus Heinrich Treer gesprengt, um die russischen Truppen aufzuhalten und die Lebensmittel zu vernichten. Durch die Wucht dieser Sprengungen wurde der vordere Gebäudetrakt des »Neugebäudes« unbewohnbar gemacht und die Bäckerei [Eduard] Palme in Brand gesteckt. Auch ein Soldat kam dabei ums Leben. Gramatneusiedl kam nun in den Schußbereich der russischen Artillerie. Die Häuser Nr. 26 [heute Bahnstraße 19: Anm. R.M.] und Nr. 104 [heute Hauptstraße 28; Anm. R.M.] wurden schwer beschädigt. Auch der Kirchturm und die Sakristei erhielten mehrere Treffer. Bei den Kämpfen im Gebiet von Gramatneusiedl kamen siebzehn sowjetische und siebzehn russische Soldaten ums Leben. Am Nachmittag des 3. Aprils befand sich der gesamte Ort in der Hand der russischen Truppen.1

151 Gramatneusiedler mußten im Zweiten Weltkrieg ihr Leben lassen.2 Auf dem Gramatneusiedler Friedhof steht ein kleines Denkmal, das an jene fünf Männer erinnern soll, die 1944 wegen ihrer kommunistischen Weltanschauung hingerichtet wurden.

1) vgl. Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 113–137.

2) vgl. Grausam, Gramatneusiedl S. 11.

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3. Die Entwicklung Gramatneusiedls seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges:

Nach der Einnahme des Ortes durch die Rote Armee plünderten russische Soldaten, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Teile der ortsansässigen Bevölkerung. Wie überall im russisch besetzten Gebiet kam es auch hier zu zahlreichen Vergewaltigung von Frauen und Mädchen durch Soldaten der Roten Armee. Die Geschäftsleute verloren ihr Warenlager, das allerdings angesichts der schlechten Versorgungslage gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in den meisten Fällen sehr klein war. Die Bauern büßten einen Teil ihres Viehbestandes ein, aber auch ihre Futtervorräte, sodaß sie einen weiteren Teil ihres Viehs notschlachten mußten, da sie ihn nicht ausreichend füttern konnten. Die leerstehenden Wohnungen der Evakuierten wurden geplündert, aber auch in viele bewohnte Häuser wurde eingebrochen.

Angesichts dieser Ereignisse galt die Hauptsorge der neuen Ortsverwaltung unter dem Vorsteher Ferdinand Bleyer der Sicherstellung der wichtigsten Lebensbedürfnisse. Da die Bauern und die Geschäftsleute weitgehend ausgeplündert waren, bereitete auch in dieser ländlichen Gemeinde die Lebensmittelversorgung große Schwierigkeiten. Bei der Zerstörung des Gramatneusiedler Lagerhausbetriebes durch die abziehenden deutschen Truppen blieben nur die Baulichkeiten beim Bahnhof verschont. Die russischen Truppen beschlagnahmten zunächst diese Anlage, übergaben im Juli 1945 die Verwaltung wieder der Landwirtschaftlichen Genossenschaft.

Ein weiteres Problem bildeten die schlechten Sicher-

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heitsverhältnisse. Vor allem die Zahl der Felddiebstähle konnte bis 1947 kaum in Grenzen gehalten werden. Neben Einheimischen sahen sich viele Wiener gezwungen, ihrem Hunger auf diese Weise zu begegnen.

Besondere Schwierigkeiten bereitete das Wohnungsproblem. Die allgemeine Wohnungsnot wurde durch Einquartierung von Soldaten der russischen Besatzungsmacht verschärft. Die Soldaten wohnten unter anderem im katholischen Vereinsheim und in der Gemeindestube. Ihre Zahl betrug zeitweise mehrere hundert; manche lebten hier gemeinsam mit ihren Familien. Ihr Benehmen war im großen und ganzen korrekt.1

Der Wiederaufbau konnte zunächst nur zögernd einsetzen, denn es fehlte vor allem an Rohmaterialien, Maschinen und Werkzeugen. Die Reparaturarbeiten an den Gebäuden der Landwirtschaftlichen Genossenschaft begannen im Herbst 1945.2 Aus den Trümmern des ehemaligen Spinnerei- und Webereibetriebes Kurt Sonnenscheins bauten Arbeiter unter Heinrich Jerabek eine kleine Fabrik auf, die ca. 90 Beschäftigte zählte. Als Jerabek jedoch 1952 starb, wurde der Betrieb von Sonnenschein bald verkauft und wurde dann auch aufgegeben.3

Schon im Mai 1945 konnte in Gramatneusiedl der Schulunterricht wieder aufgenommen werden. Ab 18. Mai wirkte Josef Falge als neuer Direktor der Hauptschule, ab 23. Mai Maria Ullmann als neue Volksschuldirektorin. Ab September 1945 begannen zwei zurückgekehrte Salesianerinnen wieder mit der Leitung und Betreuung des Kindergartens und der Neuerrichtung der Pfarrjugend. Der seit Kriegsbeginn

1) vgl. Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 133–142.

2) vgl. Festschrift S. 26.

3) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

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hier tätige Kooperator Georg Grausam begann gemeinsam mit Baumeister Johann Frank, die Schäden an der Kirche auszubessern. Die seelische Not dieser Jahre brachte einige Menschen dazu, sich wieder in die katholische Kirche wiederaufnehmen zu lassen. Waren es bereits 1944 vier Personen, so stieg ihre Zahl nach dem Wegfall des Drucks des nationalsozialistischen Regimes 1945 auf 22 an, 1946 auf 23, sank jedoch 1947 bereits wieder auf 6 herab.

Die Wahlen des 25. Novembers 1945 brachten in Gramatneusiedl folgendes Ergebnis: 662 Einwohner wählten die Sozialistische Partei, 348 die Österreichische Volkspartei, wie sich nun die ehemals Christlichsoziale Partei nannte, 215 die Kommunistische Partei. Es zeigt sich hier, daß sich trotz der jahrelangen Zäsur und dem Heranwachsen neuer Wählerschichten in der politischen Grundeinstellung der Bevölkerung wenig geändert hatte, doch war ein erheblicher Tell der Wähler der Sozialdemokratischen Partei der Ersten Republik ins Lager der Kommunisten übergegangen. ein ähnliches Ergebnis zeigte die Nationalratswahl des Jahres 1949. Der neue »Verband der Unabhängigen«, eine national-liberale Partei, konnte sich hier nicht durchsetzen und errang nur 18 Stimmen.

Als Wiener Randgemeinde wurde Gramatneusiedl von Wien recht stiefmütterlich bedacht. Es ist daher hier von keinen größeren Investitionen zu berichten. Die Versorgung mit Baustoffen aller Art war auch in dieser Zeit so unzureichend, daß nur jene Bauwerke wiederhergestellt werden konnten, die im dringendsten öffentlichen Interesse lagen, wie eben Textilfabrik, Lagerhausbetrieb, Kindergarten und auch die Kirche. Nach dem schrecklichen Hungerwinter 1946 spitzte sich

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die Ernährungslage bis 1948 alljährlich in den Frühlingsmonaten besonders zu. Für die Schulkinder waren die Hilfeleistungen aus Schweden und Dänemark von großer Bedeutung.

Die Kirche war nicht nur ausgebessert, sondern sogar vergrößert worden: Eine kleine Eingangshalle wurde errichtet, und der Turm um fast vier Meter erhöht. Am 26. Juni 1949 erfolgte die Weihe der Kirche durch Kardinal Dr. [Theodor] Innitzer. Am 28.12. desselben Jahres wurde an der bisherigen Moosbrunner Filialkirche St. Peter und Paul eine selbständige Weltpriesterpfarre errichtet. Das Gebiet der neuen Pfarre umfaßte außer dem Ortsgebiet von Gramatneusiedl auch Neureisenberg und Neumitterndorf, die direkt an den Ortsried anschließen. Der erste Pfarrer wurde Georg Grausam, der bisher hier als Kooperator gewirkt hatte. Als Wohnung diente ihm ein Zubau im katholischen Vereinsheim, das nun »Pfarrheim« genannt wurde, und mit dem bereits 1946 begonnen worden war. Pfarrer Grausam war bei der Bevölkerung überaus beliebt. 1960 wurde ihm anläßlich seines 25–jährigen Priesterjubiläums die Ehrenbürgerschaft Gramatneusiedls zuerkannt. 1952 erhielt die Kirche Ersatz für die im Zweiten Weltkrieg abgenommenen Glocken.1

Am 1. September 1954 wurde Gramatneusiedl zusammen mit den anderen Randgemeinden Wiens wieder von der Hauptstadt gelöst und kehrte zu Niederösterreich zurück. Bezirkshauptmannschaft wurde Wien-Umgebung. Am selben Tag wurde Julius Jung, der schon zuvor als Gemeindevorsteher gewirkt

1) vgl. Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 133–152. [!] u. Grausam, Kirch, Chronik.

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hatte, zum provisorischen Bürgermeister eingesetzt. Nach einem halben Jahr wurden Gemeinderatswahlen abgehalten, die Jung als Bürgermeister bestätigten. Die SPÖ erhielt 12 Mandate, die ÖVP 5 und die »Volksopposition« (KPÖ) 2. Nach dem Abzug der russischen Besatzungsmacht 1955 begann sich das Leben der Bewohner Gramatneusiedls glücklicher zu gestalten, und die Gemeindeverwaltung konnte viele Erfolge verbuchen.

Bürgermeister Jung hatte sein Amt bis 1965 inne. Wegen seiner Verdienste um den Wohnbau und die Ortsaufschließung wurde er am 1. Juni 1970 zum Ehrenbürger Gramatneusiedls ernannt. Sein Nachfolger Johann Wurschitz fungierte bis 1975 als Bürgermeister. Von 1975 bis 1978 war Leopold Kopecky der Bürgermeister Gramatneusiedls. Ihm folgte Klaus Soukup nach, der noch heute in diesem Amt ist. 1980 verlor die KPÖ ihr letztes Mandat im Ort. Die heurige Gemeinderatswahl erbrachte der SPÖ 15 Mandate, der ÖVP 6.1

Als einer ihrer wichtigsten Aufgaben betrachtete die Gemeindeführung bis heute die Beschaffung von Wohnraum. Bereits 1956 wurde mit dem Bau von vier Wohnblöcken auf dem Marktplatz begonnen. Ein weiteres Wohngebäude konnte 1970 seiner Bestimmung übergeben werden. ein sechster Gemeindebau wurde 1975 errichtet.

In den letzten Jahren wurden von der Gemeinde über 130 Altbauwohnungen in der ehemaligen Fabrikskolonie Marienthal aus privater Hand erworben und mit einer großangelegten Sanierung begonnen. Bis heute konnten bereits Wasserleitungen und Gemeinschaftstoilletten [!] in den Häusern installiert

1) vgl. Grausam, Kirch, Chronik.

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werden, und einige Wohnungen zwecks Vergrößerung zusammengelegt werden.

Die Förderung des Baues von Einfamilienhäusern durch die Gemeinde wurde fortgesetzt. Dadurch entstanden um das alte Gramatneusiedl mehrere Siedlungen, die das Ortsbild völlig veränderten.

Die Wohnbaugenossenschaft GEBÖS begann 1979 mit dem Bau von drei Häusern mit Eigentumswohnungen, von denen zwei bereits ihrer Bestimmung übergeben werden konnten. Da wegen ihrer Errichtung Schrebergärten aufgelöst werden mußten, wurde als Ersatz die Kleingartenanlage »Choleraspital« geschaffen.

Bereits in der Wahlperiode 1955–1960 wurde vom Gemeinderat beschlossen, auch in Gramatneusiedl die in Wien und anderen Gemeinden übliche Säuglingswäschepaketaktion einzuführen. Auch eine Mutterberatung und die Schutzimpfung gegen Kinderlähmung wurde damals schon von der Gemeinde finanziert. Während der Wintermonate wurde eine Wärmestube täglich aufrecht erhalten, damit arme Menschen wenigstens einige Stunden in einem warmen Raum verbringen konnten.

Aus dieser Zeit stammt auch der von der Gemeinde gebaute Kiosk mit vier Geschäftslokalen auf dem Marktplatz.

Das Gemeindeamt, das noch immer in den Räumen des ehemals herrschaftlichen Schlosses untergebracht war, übersiedelte 1970 in ein neues Gebäude, da das Schloß abgerissen werden mußte. An seiner Stelle entstand der neu gestaltete Hauptplatz des Ortes. Die bedeutendste Leistung dieser Epoche ist aber die Schaffung eines allen modernen Anforderungen genügenden Wasserleitungs- und Kanalisationssystems.

Wegen akuten Personenmangels wurde 1970 die Nieder-

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lassung der Salesianerinnen in Gramatneusiedl aufgelassen. Die Gemeinde mietete in der Folge die alten Baulichkeiten des Kindergartens und errichtete darin einen Landeskindergarten. Diese Unterbringung war nur als Provisorium gedacht, ein Neubau wurde geplant, errichtet und 1974 eröffnet.

1979 wurde mit dem Ausbau eines Erdgasnetzes begonnen. Eine Kommassierung der Felder wurde 1980 abgeschlossen. Sie machte eine Neugestaltung des Güterwegesystems notwendig. 1980 erwarb die Gemeinde in der Oberortsstraße ein Grundstück, auf dem der Bauhof der Gemeinde eingerichtet wurde.

Besonders gefördert wurde die Schule. Nach Abzug der russischen Besatzung mußten die Gebäude vollkommen renoviert werden. Die Kinder bekamen die für den Schulunterricht nötigen Lehrmittel kostenlos von der Gemeinde zur Verfügung gestellt. Für die Mädchen der 4. Hauptschulklasse wurde von der Gemeinde eine Kochschule eingerichtet; außerdem erhielten diese Schülerinnen bei ihrem Abgang Material für Wäsche und Kleidung. 1961 wurde mit dem Bau einer neuen Volksschule begonnen, der 1964 fertiggestellt werden konnte. In das alte Volksschulgebäude zogen Klassen der Hauptschule. 1976 bis 1978 erfolgte ein großer Umbau der beiden Schulen, der die Baulichkeiten durch ein Verbindungsstück vereinte und auch eine Mehrzweckhalle anschloß, die nicht nur der Schule, sondern auch der Gemeinde für verschiedene Veranstaltungen und den Vereinen als Versammlungslokal dient.

Einer intensiven Förderung durch die Gemeinde konnten sich seit 1955 auch die Vereine des Ortes erfreuen. So wurde die Freiwillige Feuerwehr stets unterstützt. Erst 1983

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wurde z.B. von der Gemeinde die ehemalige Bäckerei [Georg] Gilan gekauft, die nach einem Umbau der Feuerwehr als Gerätehaus dienen soll, da das alte allein den Anforderungen nicht mehr genügt. An neuen Vereinen wurde 1969 der »Kultur- und Sport-Verein Gramatneusiedl« gegründet, 1972 der »Musikverein« mit einer Jugendblasmusikkapelle.

Trotz dieser bedeutenden kommunaler Leistungen ist die Bevölkerungszahl rückläufig. Bei der Volkszählung 1961 wurden nur mehr 2302 Personen gezählt, 1980 hatte die Bevölkerungszahl wieder um 231 Personen abgenommen. Die Ursachen für diese Entwicklung sind in dem Umstand zu suchen, daß für die »Trumau-Marienthal-AG«, die 1929 geschlossen worden war, kein genügender Ersatz geschaffen werden konnte.

Nach der Schließung der kleinen Textilfabrik Sonnenscheins setzten daher Bestrebungen ein, wieder einen Betrieb für Gramatneusiedl zu gewinnen, was endlich 1961 gelang. In diesem Jahr wurde das Fabriksgelände an die »Para-Chemie« verkauft. Das Unternehmen gehörte damals der »Chemischen Fabrik Kalk« aus der BRD. Am 1. Juli 1962 konnte in Marienthal mit der Produktion von Paraglas, das ist Plexiglas, begonnen werden. 1965 übernahmen die »Österreichischen Chemischen Werke« den Betrieb als Tochtergesellschaft. Die »Para-Chemie« bietet ca. 200 Arbeitern und Angestellten Beschäftigung. Am 12.10.1963 und am 22.2.1972 brachen in dieser Fabrik Großbrände aus.

Nach Überwindung der Kriegsschäden ermöglichten es die stabilen Preise und der gesicherte Absatz durch staatliche Subventionen der Landwirtschaft, den Mangel an Arbeitskräften durch Mechanisierung wettzumachen. 1961 gab es in Gramatneusiedl bei 22 Bauernwirtschaften 37 Traktoren

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und 13 Mähdrescher. Die größte Anbaufläche nahm der Weizen ein, gefolgt von Braugerste. Roggen und Hafer – einst die wichtigsten Produkte der Gramatneusiedler Landwirtschaft – nahmen zusammen nur mehr ein Drittel der Fläche der beiden obengenannten Getreidesorten ein.1

Die Verwendung des Mähdreschers und die damit verbundene Getreideanlieferung stellte die Landwirtschaftliche Genossenschaft vor neue Probleme, besaß sie doch weder ausreichende Lagerräume noch entsprechende Übernahmeeinrichtungen. Deshalb mußte bereits 1956 ein 36 m hoher Getreidesilo erbaut werden, dem 1965 ein 50 m hoher folgte. In diesen beiden Silos stand dem Lagerhausbetrieb 8000 t Lagerraum zur Verfügung. Dazu kamen mehrere Lagerhallen, die 1975 insgesamt 5300 t faßten. Nach einem Umbau der Mühle 1968/69 erreichte sie ein Vermahlungskontingent von 5600 t im Jahr. 1974 wurde noch ein Mehlsilo mit 600 t Fassungsvermögen errichtet. 1975 zählte die Genossenschaft 791 Mitglieder und 78 Arbeiter und Angestellte.2

1975 begann eine großzügige Renovierung der Kirche, die erst kürzlich abgeschlossen werden konnte. Die größten baulichen Veränderungen waren dabei die Aufstockung der Vorhalle und der Anbau einer Taufkapelle. Am 20.10.1977 verunglückte Pfarrer Georg Grausam tödlich durch einen Sturz vom Dach des Pfarrheims. Zur Erinnerung an diesen Priester, der auch die Würde eines erzbischöflichen Konsistorialrates erhalten hatte, wurde 1983 eine Gedenktafel an der Außenwand

1) vgl. Fünf Jahre Gemeindearbeit. 1955–60, ed. Gemeinde Gramatneusiedl (Wien, o.J.), Gramatneusiedler Gemeindeforum (1979–1984) u. Grausam, Kirch, Chronik.

2) vgl. Raiffeisen-Lagerhaus, ed. Stoitzner, S. 14–38.

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der Kirche enthüllt. Wegen des großen Priestermangels wurde in der Folge der Pfarrer von Moosbrunn, Herwig Porstner, mit der Leitung der Pfarre Gramatneusiedl als Exkurrendoprovisor betraut. 1978 wurde der Pfarre eine Pastoralassistentin, Schwester Margarethe Jandl, zugewiesen, die direkt neben der Gramatneusiedler Kirche ihren Wohnsitz und Amtsstelle hat. Sie bemühte sich vor allem um die Wiederbelebung der katholischen Jugendorganisationen, die sich nach dem Weggang der Salesianerinnen aufgelöst hatten. 1983 resignierte Porstner aus gesundheitlichen Gründen als Pfarrer von Moosbrunn. Am 1. September 1983 trat Johann Buszek die Stelle eines Moosbrunner Pfarrers an.1

1) vgl. Pfarrarchiv Moosbrunn, Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983) 313–316.

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Quellen- und Literaturverzeichnis:

Ungedruckte Quellen und Literatur:

Aus Gramatneusiedl:

Georg Grausam, Erich Kirch, Chronik von Gramatneusiedl (Typoskript im Besitz des Gemeindeamts).

Georg Grausam, Gramatneusiedl (Typoskript im Besitz von Hrn. Erich Kirch).

Aus dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv (HHStA):

M. C. K., 562 ex 1858.

M. C. K., 3591 ex 1858.

Staatsratsprotokoll, 5494/4439 ex 1832 III 397.

Visitationsprotokoll über sämmtliche Klöster und Pfarren in Österreich unter der Enns, 1543/44, W720, Bd. 2.

Aus dem Kriegsarchiv:

Militärische Beschreibung von Österreich unter der Enns, Bd. 3, B IX a 242, samt dazugehöriger Karte.

Aus dem Niederösterreichischen Landesarchiv (NÖLA):

Ständisches Archiv:

Privaturkunde Nr. 501.

 

Privaturkunde Nr. 2764.

 

Eibl, Liechtensteiner Regesten I, Fol. 57.

 

Alte Gült-Einlage, VUWW 26.

 

Theresianische Steuerfassion Nr. 765.

 

Josephinische Steuerfassion UW 17.

 

Franziszeischer Steuerkataster UW 93.

Regierungsarchiv:

Klosterrat, K. 252, Pfarre Moosbrunn.

 

Kirchliche Inventare und Fassionen, Pfarre Moosbrunn, Filiale Gramatneusiedl.

 

Schulfassionen, Pfarre Moosbrunn.

118

 

Regierungsarchiv: Reg. 104 (Vereinskataster).

 

Vereinskartei, Abschnitte Gramatneusiedl und Marienthal

Aus dem Pfarrarchiv Moosbrunn:

Pfarrchronik, Bd. 2 (1872–1983).

Aus dem Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA)

Grundbuch Nr. 552/2.

Merkantilgericht, 1. R, 170 u. 274 Todesco.

Gedruckte Quellen und Literatur:

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Gustav K. Bienek, Patriot und Verbrecher. Ein alt-österreichisches Erfinderschicksal. In: Arbeiterkalender (1946) 113–116.

W. C. W. Blumenbach, Neueste Landeskunde von Österreich unter der Ens [!], Bd. 2 (Güns 21835).

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Helmuth Feigl, Die niederösterreichische Grundherrschaft vom ausgehenden Mittelalter bis zu den theresianisch-josephinischen Reformen (= Forschungen zur Landeskunde von Niederösterreich 16, Wien 1964).

Helmuth Feigl, Geschichte des Marktes und der Herrschaft Trautmannsdorf an der Leitha (= Forschung zur Landeskunde von Niederösterreich 20, Wien 1974).

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Festschrift anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens der landwirtschaftlichen Genossenschaft Gramatneusiedl (Gramatneusiedl 1951).

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Birgit Flos, Michael Freund, Janos Marton, Marienthal 1930–1980. In: Journal für Sozialforschung 23 (1983) 137–149.

Fünf Jahre Gemeindearbeit. 1955–60, ed. Gemeinde Gramatneusiedl (Wien o.J.).

Gramatneusiedler Gemeindeforum (1979–1984).

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[123]

Lebenslauf:

Ich wurde am 30. April 1960 als einzige Tochter des Bahnmeisters Gustav Felser und seiner Frau Emanuela Felser, geborene Rada, in Wien geboren. 1966 trat ich in die Volksschule in Pottendorf ein. Im Schuljahr 1970/71 besuchte ich das Bundesgymnasium für Mädchen in Wiener Neustadt. 1971 übersiedelten meine Eltern aus beruflichen Gründen nach Neumitterndorf, so daß ich in der Folge nach Wien zur Schule fuhr. Von der sechsten bis zur achten Schulstufe besuchte ich das Bundesgymnasium für Madchen in Wien IV und von der neunten bis zwölften Stufe das Bundes-Oberstufenrealgymnasium für Mädchen in Wien I, wo ich am 1. Juni 1978 die Reifeprüfung mit ausgezeichnetem Erfolg ablegte. Seit dem WS 1978/79 studiere ich an der Wiener Universität Geschichte und Deutsche Philologie.

Martha Felser